Scherbenlied
Prolog

von LaMaga


Ein Sturm zauste die Wipfel der hohen Bäume rings um die Lichtung, und der eisige Lufthauch jagte schwarze Wolkenfetzen über den Himmel, mit einer Geschwindigkeit, die dem, der den Himmel beobachtete, schon beinahe absurd vorkommen mußte. Die Wolken glitten an der bleich schimmernden Mondsichel vorbei, zerfaserten in der Gewalt des Windes und vergingen in der Weite der Nacht. Wer den Himmel beobachtete, konnte bemerken, daß das nächtliche Firmament anders aussah als sonst, obwohl Licht und Farbe der Dunkelheit sich von Millionen anderer Nächte nicht unterschieden. Dennoch, es war, als wohne dem Funkeln der Sterne ein nervöses Flimmern bei, und als sei es die milde Kühle des Mondlichtes selbst, die vor Kälte fröstelte.
Aber niemand schaute auf zum Himmel in dieser Nacht. Mensch und Tier hatte Obdach gesucht vor dem Sturm in den Häusern, Hütten und Burgen, und dort saß man sicher und wohlig gewärmt von Feuerschein und der Gesellschaft von Freunden und Familien beisammen und freute sich, daß die Ernte eingebracht und das Vieh sicher in den Ställen versorgt war. Der Sturm konnte dem Menschenwerk keinen Schaden mehr zufügen, mochte er auch noch so sehr über die Ebene hinwegfegen und das letzte Herbstlaub von den Bäumen rupfen, daß es wirbelnd hinweg flog bis hin zu den Ufern des Meeres. Im sicheren Schutz der steinernen Mauern mit den sorgfältig verrammelten Türen und Fenstern konnte niemandem ein Leid geschehen.
Auch die Tiere des Waldes hatten keine Zeit, das Schauspiel am Himmel zu betrachten. Was in Erdhöhlen hauste, hatte sich dorthin verkrochen, das Wild instinktiv die Zuflucht in den urwalddichten Bereichen des Unterholzes gesucht, wo vom Himmel nicht viel zu sehen war. Und das Vogelvolk hatte alle Mühe, nicht gleich dem Laub vom Wind erfaßt und mit ihm davon gewirbelt zu werden. 
Und so kam es, daß niemand, weder Mensch noch Tier, Zeuge dessen wurde, was in der Sturmnacht auf der Lichtung geschah. 
Niemand sah, wie sich die Realität unter einem lautlosen Wimmern auftat und Wesen aus ihr hervortraten wie durch die Schleier eines Vorhanges. Unvermittelt und von einem Lidschlag zum anderen waren sie da, und schweigend wandten sich ihre Blicke dem zu, der ihr Anführer war.
Eine schauerliche Gesellschaft war es, die die Lichtung bevölkerte, unbeeindruckt vom Sturm, der aufbrüllte und sich vor ihnen teilte, als fürchte der Wind, diese Gestalten berühren zu müssen. Dort, wo sie standen, war die Luft erfüllt von übernatürlicher Kälte und Fadheit. Hätte sich in diesem Moment etwas Lebendes aufgehalten unter den nächtlichen Besuchern, es wäre unweigerlich erstickt.
Der weitaus größere Teil der Wesen war von menschlicher Gestalt, aber in ihren Gesichtern und in ihrer Haltung lag etwas Undefinierbares, was sie vom Menschsein ausschloß und abgrenzte. Die menschlichen Körper schienen nur unvollkommene Larven zu sein, hinter denen sich etwas verbarg, was furchterregender und boshafter war als der Mensch es sein konnte. 
Einige dieser menschenartigen Wesen waren zwergenhaft klein und schienen verwachsen, andere waren riesenhaft und massig wie Felsblöcke. Manche waren ausgerüstet mit todbringenden Waffen und gepanzert in Rüstungen und Harnische.
Dann gab es noch Wesen, die Menschen nur entfernt ähnlich waren und vielmehr wie eine ungeschickte Mischung zwischen diesen und verschiedenen Tieren aussahen, manche bepelzt und struppig, andere mit reptilienartiger Haut. Viele der Wesen waren häßlich, einige wenige von gefährlich anmutender Schönheit. Sie alle jedoch waren stumm und blickten ihren Führer an.
Dieser hatte die Gestalt eines erwachsenen Mannes und zeichnete sich durch eine ausgewogene Mischung aus Attraktivität und Eleganz aus. Seine Haltung war stolz und achtunggebietend, und verglichen mit der Mehrheit seiner monströsen Begleiter wirkte er vollkommen normal. Doch in seiner Ausstrahlung lag eine subtile Gefährlichkeit, die ihn noch über seine Genossen erhob. Gekleidet war er in ein pechschwarzes und schmuckloses Gewand mit einem breitkrempigen Hut, der sein Gesicht in Schatten verbarg, und sein einziger Schmuck war ein großes Amulett, daß er an einer Gliederkette auf der Brust trug.
Der Talisman war aus purem Gold, und das Zeichen auf ihm bestand aus einem kopfstehenden Dreieck auf einem Oval. 
Der Schwarzgekleidete trat vor und auf die steinerne Grabplatte inmitten der Lichtung zu.
Seine Begleiter taten es ihm nach und umringten das Grab, auf dessen Stein sich das Zeichen auf dem Amulett wiederholte; nur, daß es hier in Silber auf den grauen Granit geritzt worden war. 
Einen Augenblick lang betrachtete der Schwarzgekleidete das Grab emotionslos. Dann blickte er ruckartig auf, und rot glommen seine Augen in einem bärtigen, ebenmäßigen Gesicht.
»Hier liegt der Verräter«,sagte er sehr leise, und seine Stimme klang wie berstendes Eis. »Laßt uns ein wenig Spaß haben.«
Für einen Moment zögerten die Kreaturen, dann brachen sie urplötzlich in ein begeistertes Kreischen und haßerfülltes Gelächter aus.
Dann trat einer der gepanzerten Kolosse, der mit einer gewaltigen Axt bewaffnet war, an die Seite seines Herrn. Mit einem gewaltigen Krachen sauste das Beil auf die Grabplatte nieder und spaltete den Stein und das Zeichen darauf der Länge nach durch.
Mit einem erwartungsvollen Lächeln beobachtete der Schwarzgekleidete, wie die Monster sich auf die Scherben des Grabsteines stürzten, die schweren Fragmente beiseite zerrten und dann, wie in einer kollektiven Raserei, untermalt von irrem Lachen und Jauchzen, mit Händen und Klauen begannen, die Erde darunter aufzuscharren.
Der Schwarzgekleidete schaute über die sich balgende Meute hinweg in die Nacht und das Schweigen der Dunkelheit, während der Mond sich hinter den Wolkenfetzen zu verbergen suchte, um den Frevel nicht anschauen zu müssen, der sich dort unter ihm abspielte. Doch der Sturm riß ungnädig den Wolkenschleier fort, und fahl und bleich erhellte das Mondlicht die Lichtung, weiß und bleich wie die Knochen des Leichnams, den die Kreaturen aus der schützenden Erde hervor zerrten. 
Die Knochen eines vor vielen Jahren gestorbenen Mannes, der einmal zu ihnen gehört hatte. 
Der Schwarzgekleidete hob gebieterisch die Hand, und schlagartig verstummten die Wesen, die ihm nachgefolgt waren. 
Und ihr Herr beugte sich zu den Überresten des Skeletts hinab und hob den Schädel auf, blickte mit rotglimmenden Augen und lächelte dann böse. 
»Du sollst meinen Sattel schmücken, wenn wir zum Kampf aufbrechen«, verhöhnte er den Toten. »Und ihr«, wandte er sich dann wieder an die Monster, »amüsiert euch und laßt uns unseren Sieg feiern!« 
Wieder dieses grauenhafte Jauchzen aus hundert alptraumhaften Stimmen. Die Kreaturen begannen, sich um die übrigen Knochen zu balgen, und als sie die Gebeine unter sich verteilt hatten, begannen sie, darum zu raufen und schließlich, wie im Rausch, einen wahnsinnigen Tanz um das geschändete Grab aufzuführen. 
Ihr Herr lachte gellend, und schließlich tanzte er mit ihnen, und sein weiter Umhang schien zu zerfließen mit jeder seiner Bewegungen und Dunkelheit in die Nacht zu werfen, eine Dunkelheit, die kalt und schal war und die grausigen Tänzer schließlich einhüllte und bedeckte.
Das Jubellied der Kreaturen verhallte im Sturmwind. Als die Finsternis sich zurückzog, verschwand die Gesellschaft wie ein Spuk.
Was zurückblieb, war ein leeres, entweihtes Grab und der fassungslose, gequälte Schrei eines Geisterschattens. 
Doch auch den hörte niemand, denn die Menschen waren behaglich in ihren Häusern. Und wer hätte ihn auch hören wollen?

(c) by Sandra Bloh


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