Rabenzeit
Drittes Buch: Das Land unter der Erde

Prolog: Die Spur im Schnee

von Astrid Vollenbruch


Über dem Königsstein dämmerte der Abend eines kurzen Wintertages. Der Tannenwald, an dessen Rand er lag, duckte sich unter der Last der Schneemassen. Das während der wenigen Sonnenstunden leuchtende Grün der Nadelbäume und das strahlende Weiß verfärbten sich zu nassem, faulendem Schwarz und schmutzigem Grau, als der Himmel sich wieder mit dunklen Wolken bezog, die noch mehr Schnee für die Nacht ankündigten. Der Stein trug eine Decke aus Schnee, über die sich Vogelspuren zogen. Die Luft war kalt und roch bitter.
Dort, wo der Stein sich in den Hügel grub, zeigte sich inmitten der Schneewehen eine schmale, dunkle Öffnung, über der die kalte Luft zitterte wie ein Spiegelbild in unruhigem Wasser. Aus Hell und Dunkel zog sich eine kaum drei Fuß hohe, dünne Gestalt zusammen, die mit ihren langen, fedrigen schwarzen Haaren und dem nackten, langgezogenen Körper entfernt einer Teleni ähnelte, deren Gestalt und Gesicht jedoch keine klaren Züge aufwiesen. Sie sah aus wie eine unfertige, zum Leben erwachte Lehmfigur, als habe das Wesen - oder sein Schöpfer - die Lust an der Gestaltung verloren und daher die Knochen - falls es Knochen besaß - nur noch halbherzig mit Fleisch und Haut umhüllt. Es hatte weder Finger noch Zehen oder erkennbare Gelenke, keine Nase, keinen Mund und keine Ohren. Nur die Augen waren deutlich zu erkennen: sie waren riesengroß und schwarz, ohne Pupillen wie die Augen eines Tieres.
Das Geschöpf glitt aus dem Dunkel hinaus in den Schnee. Dort verharrte es und wandte langsam den Kopf. Die Bewegung hätte zu einem Wesen gepaßt, das zehnmal so groß war; an dieser kleinen Gestalt wirkte sie halb schläfrig und halb bedrohlich. Der Blick der dunklen Augen wanderte an der zernarbten Fläche des über ihm aufragenden Steins empor und wieder herunter bis zu einer bestimmten Stelle im Schnee. Dann glitt das Wesen vorwärts. Es schaufelte den Schnee nicht beiseite und hinterließ keine Spuren: die weiße Fläche floß wie Wasser hinter ihm ineinander. Seine Bewegungen waren rund und ohne Eile.
Als es die Stelle erreichte, blieb das Geschöpf stehen. Die Luft waberte um seinen weichen Körper; es hob die Arme und begann zu tanzen, langsam, ohne Schritte, der Tanz war kaum mehr als das Schwanken von Zweigen in leichtem Wind, aber das Wesen bewegte sich dabei zollweise voran, und wo es vorbeikam, schimmerte ein Trugbild von Sommergras und wilden Blumen durch den Schnee. Die Luft verlor die bittere Schärfe des Wintertages, und ein warmer Hauch wehte den Duft von Blumen über den Stein.
Etwas wie der Schatten eines großen Hundes erschien auf der oberen Kante des Steins, duckte sich und sprang und verwehte im Wind. Der scharfe Geruch von Blut mischte sich in den Blumenduft.
Das Wesen begann leise zu summen, und in seiner Stimme lag ein Echo von Jagdhörnern und menschlichen Schreien.
Langsam führte der Tanz zu der schmalen Öffnung zurück, und dort endete er. Das Wesen blieb stehen, kam zur Ruhe wie etwas, das stirbt. Gleich darauf beugte es sich nieder und zog mit der Hand, die eigens zu diesem Zweck jetzt zwei lange, dünne Finger besaß, eine verschlungene Linie in den Schnee, eine Linie, die rot und grell wie eine Blutspur aus dem Weiß hervorstach.
Das Summen endete. Das Wesen richtete sich auf. Noch einmal wanderte der starre, vielleicht leblose Blick über den Stein und die kleine Fläche davor, dann wandte das Geschöpf sich ab und kehrte zu der dunklen Öffnung zurück. Seine Arbeit war getan. Ohne noch einmal innezuhalten, verschmolz es mit der Schwärze des Tores. Die Öffnung zog sich zu einem Spalt, einem Riß, einer Unebenheit im Stein zusammen und verschwand unter unberührtem Schnee. Die zitternde Luft wurde still.
In der niedersinkenden Dämmerung war nur die blutrote Spur noch deutlich zu sehen.
Später in der Nacht deckte fallender Schnee sie zu.

(c) by Astrid Vollenbruch


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