Beim Prolog zu Schwanenkind stand ich vor einem kleinen Dilemma: Das Buch knüpfte nahtlos an Engelsschatten an und war nicht gedacht für Leser, die den ersten Band nicht kannten. Ich mag keine Prologe, die diesen »Was bisher geschah«-Ansatz haben. Trotzdem wollte ich irgendwie auf die Geschehnisse in Engelsschatten eingehen. Ich entschied mich dann für die Perspektive Juriks, der im ersten Buch nur einen Gastauftritt hatte, aber im zweiten Band einige Bedeutung erlangen sollte...
Die Chroniken der Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind
Prolog
von Maja Ilisch
Ich kann nicht sagen, wem von beiden ich
folgte, noch, warum ich es tat, und doch folgte ich ihnen.
Vermutlich hatte ich einfach nur nichts besseres zu tun.
Untätigkeit ist etwas, das ich hasse, obwohl, oder gerade
weil, ich oft dazu verdammt bin, und es war schon lange her,
daß zuletzt jemand meine Dienste in Anspruch genommen hatte,
zu lange. Ich mochte fluchen über das Schicksal, das mich so
hart gezeichnet hatte, das mich zum Krüppel gemacht hatte,
aber solches Gerede war töricht. Von meinen Fähigkeiten
mit dem Schwert konnte ich all jene Leute überzeugen, die es
auf eine Demonstration ankommen ließen, und für einen
guten Reiter braucht es vieles, aber zwei gesunde Füße
gehören nicht dazu.
Nein, die Wahrheit sieht anders aus, auch wenn ich mich meist
weigere, sie zu sehen. Die Wahrheit ist, daß ich alt werde.
Der Vierzig näher als der Dreißig, müßte ich
lügen, um mich noch in irgendeiner Form als Jüngling zu
bezeichnen. Ich habe das Alter nie gefürchtet, nicht, seit ich
zum Krüppel wurde, denn ich dachte, es gäbe nichts mehr,
daß mir die Zeit noch nehmen könnte, nachdem ich bereits
mein Leben verloren hatte. Aber nun mußte ich erkennen,
daß noch genug für den Verfall übrig war. Mein
Feuer läßt nach, meine Gabe, Menschen mitzureißen,
zu begeistern. Natürlich gelingt es mir noch oft genug,
Eindruck zu hinterlassen, aber es ist nicht mehr das selbe.
Wahrscheinlich bin ich zu bitter geworden. Es scheint durch, ich
kann es nicht zurückhalten, aber wo früher
Rachegelüste brannten, ist nun kaum mehr als Leere. Die
Menschen folgen lieber einem Fanatiker als einem alten
Sauertopf.
Aber nun folgte ich den beiden. Warum tat ich das? Wollte ich
meinem Leben wieder einen Sinn geben? War es Rache, nach der ich
strebte? Ich kann es nicht sagen, ebensowenig, wie die Frage
beantworten, wem ich nun folgte: Dem Sohn der Frau, die ich einmal
geliebt habe, oder dem Sohn der Frau, die mein Leben
zerstört hat.
Als ich die beiden an jenem Abend im Schwanen
zurückließ - aber wer ließ eigentlich wen
zurück? Ich erinnere mich noch gut daran, daß es Anders
war, der zuerst aufstand und ging - war ich noch weit davon
entfernt, eine Entscheidung zu treffen, so beschäftigt war ich
damit, meinen Schock, meine Verwunderung zu überwinden oder
zumindest erklärbar zu machen. Das war, bevor ich wußte,
was geschehen war. Mich wunderte es, mit welcher
Selbstverständlichkeit sie falsche Namen benutzten - Anders
für Alexander, Halan für Harold, Namen, die sie doch
immer mit Stolz getragen hatten. Mich wunderte, daß sie
alleine reisten, daß sie überhaupt reisten, wo
doch sonst kaum etwas die Engelsgeborenen aus ihren Schlössern
locken kann. Das war, bevor ich von dem Fall ihres Hauses
hörte, von Korisanders Untergang. Was mich bis heute erstaunt,
sogar fasziniert, ist, wie diese beiden Jungen es geschafft haben
konnten, schneller zu reisen als ihre Gerüchte - daß sie
es schaffen konnten, mich zu überrumpeln.
Früher, als ich noch auf zwei Beinen stehen konnte, nannte man
mich den Fuchs. Ich habe seither Männer mit ausgefalleneren
Beinamen getroffen, und noch einige mehr, die den meinen teilten,
und doch trage ich ihn mit Stolz, bis heute. Ich stand in dem Ruf,
zu gerissen zu sein, und ich konnte mir genug auf mich einbilden,
um zu sagen: »Ich weiß vielleicht nicht mehr als meine
Gegner, vielleicht nicht einmal halb soviel wie sie. Aber darauf
kommt es nicht an. Ich muß nur wissen, was sie als
nächstes tun werden. Und das weiß ich.« Das sage
ich heute nicht mehr, habe es nicht mehr gesagt seit mehr als
zwölf Jahren. Es war das erste, das ich lernen mußte,
lernen, daß ich mich geirrt hatte, lernen, daß ich eben
nicht mehr wußte, nicht schneller dachte als sie, und
daß die Liebe eben nicht nur andere Männer in einen
unvorsichtigen Narren verwandeln konnte. Es war ein schmerzhaftes
Lernen, fast so schmerzhaft wie das Zusammenwachsen der Knochen in
meinem Fuß, aber während die Knochen so falsch heilten,
daß mein rechter Fuß heute bestenfalls zur Zierde dient
und meistens nicht einmal dazu, dachte ich eigentlich, ich
hätte aus meinen Fehlern gelernt, mich das letzte Mal
überrumpeln lassen.
Der Tod des Königs - der schon lange nicht mehr mein
König war - kam für viele überraschend, aber
ich hatte jahrelang darauf gewartet. Zu Fuß machte ich
mich auf den Weg nach Koristir; ich mußte nicht eilen, egal,
wieviel Zeit ich brauchte, dieser Mann würde in der
Zwischenzeit nicht wieder zum Leben erwachen. Jeder Schritt
bedeutete Schmerzen, jede Meile einen Krieg, und ich verbrachte
sehr viel mehr Zeit mit Fluchen, daß ich kein Pferd
besaß, als daß ich mir mit besonnener Bitterkeit sagte,
nun, so würde ich zumindest den Grund meiner Wanderschaft
niemals vergessen. Aber es stimmt vielleicht. Zwölf Jahre sind
viel Zeit, um zu vergessen, an was man nicht ständig erinnert
wird.
Ich ging davon aus, noch eine gute Woche bis Koristir zu brauchen,
hatte genug Bedenkzeit, um mir zu überlegen, was ich
eigentlich in der Stadt tun würde, ob ich mich nun dem
Schloß nähern sollte oder nur in einem Wirtshaus in
seinem Schatten den einen oder anderen Becher auf den Tod des
Königs leeren - als ich seinen Erben auf der Straße
traf. Ich brauchte einen Moment zu
lang, um ihn zu erkennen - nicht wiederzuerkennen, denn als
ich den Jungen zum letzten Mal sah, war er ein tobsüchtiges
Kind von nicht mehr als drei oder vier Jahren - aber nachdem ich
einmal seine Augen sah, gab es keinen Zweifel mehr, aus welchem
Stall er stammte. Engelsgeborene erkennt man immer an ihren Augen,
und wenn ich in den letzten Jahren auch nur unter Menschen -
gewöhnlichen, sterblichen Menschen, heißt das, denn
genaugenommen sind auch die sogenannten Engelsgeborenen mehr Mensch
als sonst was - würde ich doch niemals diese Augen vergessen,
vergessen, was sie anrichten konnten. Der Junge hatte die gleichen
Augen wie sein Bruder - ein Bruder, der sein Vater hätte sein
können und sich auch wie einer verhielt - aber in seinem
Gesicht war auch genug, das mich an seine Mutter erinnerte. Ich
hätte ihn töten können in jenem Moment, und zu den
Fragen, die ich mir im Verlauf der Nacht am häufigsten stellte
war, warum ich es nicht getan hatte.
Vielleicht, weil er nicht wußte, wer ich war. Ich sage
wohlüberlegt war, nicht bin, denn heute bin ich ein anderer,
nicht nur, weil ich einen anderen Namen trage. Es wäre keine
Rache mehr, wenn sie nicht wüßten, durch wen, und
überhaupt - Rache an einem Knaben? Er erkannte mich nicht, und
ich hütete mich, es ihm zu verraten. Oh, er stellte mir
Fragen, kluge Fragen, aber sie hatten mehr von der Gerissenheit
seiner Mutter als von der Weisheit seines Engels. Korisanders
Kinder sind schwach geworden wie alle anderen, aber daß sein
Haus als erstes fallen mußte, hat mich dennoch erstaunt, denn
immerhin war ihr Versuch, engelsgleich zu bleiben, einer der
geschicktesten und auf jeden Fall der Klügste.
Natürlich.
Die Bräuche wollen, daß jeder König zwei Söhne
zeugt: Einen in jungen Jahren, der ihm nach seinem Tod auf den
Thron folgt, und einen im Alter, der wiederum dem ersten folgt. So
werden zwei Generationen aus einer, und der Tag, an dem auch der
letzte Rest von Kraft aus ihrem Blut verschwindet, kann
herausgezögert werden. Netter Versuch, wirklich. Ich habe
Hochachtung vor ihrem Verstand. Nicht jedoch vor ihrem
Charakter.
Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß ich eines
Tages einen von ihnen auf einen Krug Wein einladen würde, aber
ich tat es, und statt auch nur einen Gedanken an meine Rache zu
verschwenden, versuchte ich, zwischen dem Jungen und seinem Neffen
zu vermitteln. Ich wunderte über mich selbst, aber auf eine
gewisse Weise war es ein Triumph, daß Alexander auf meine
Hilfe angewiesen war, daß er darum gebeten hatte - nicht
verlangt, sondern gefleht - und daß ich sie ihm verweigert
hatte. Hätte ich anders reagiert, wenn er mir vorher gesagt
hätte, wer er war und um was es den beiden ging? Möglich.
Ich weiß es nicht. Ohnehin war der Neffe, Halan, eindeutig
gegen mich. Es hätte nur böses Blut zwischen den beiden
gegeben - das heißt, mehr, als ohnehin schon da war - wenn
ich mich ihnen angeschlossen hätte. Diese Art von Blick kenne
ich nur zu gut. Es gibt zwei, die ich in den vergangenen Jahren
immer häufiger zu sehen bekommen habe. Der eine sagt: 'Sieh
nur, der arme Krüppel! Gib ihm einen Pfennig, damit er
weggeht!' Die andere Art von Blick, jene Art, mit der Desaras Sohn
mich bedachte, war ebenso verächtlich, aber auf seine Weise
ehrlicher, denn er versuchte nicht erst, Mitleid
vorzutäuschen. Wer mich so ansah, der hatte vor sich nichts
weiter als einen Landstreicher, einen schäbigen, abgerissenen
Trunkenbold, und wer mich so ansah, blieb selten lang genug, um
sich vom Gegenteil zu überzeugen. Das gefiel mir an Alexander:
Obwohl er sicher noch nie Kontakt hatte zu Leuten von meinem
Schlag, sah er mir doch als erstes in die Augen, und wer dazu
bereit ist, bereit, mich als Mensch zu sehen, den kann ich
beeindrucken, für mich gewinnen, so wie ich Alexander gewann
in jenem staubigen Moment auf der Landstraße, als ich mich
entschied, ihn nicht zu töten - weil auch ich mich
bereiterklärt hatte, in seine Augen zu blicken.
Aber Halan - es fällt mir
schwer, von ihm als Harold zu denken, aber ich darf nicht
vergessen, wer er ist, wessen Sohn - nun, ich kann mir nicht
vorstellen, daß es jemals Freundschaft zwischen uns geben
wird. Ich weiß nicht, was ich von ihm selbst zu halten habe,
dafür kenne ich ihn zu wenig, wenn auch nicht so wenig wie er
mich - aber sein Vater war einer meiner erbittertsten Feinde, und
in seinem Gesicht finde ich zu wenig Freude, zuviel von seinem
Vater. Was an ihm von Desara ist … ich will es nicht wissen.
Zwei Frauen, an die ich nur ungern zurückdenke, und die mir
doch deutlicher vor Augen geführt wurden, als mir lieb war.
Desara und Aralee … Halan
und Anders … Alexander und Harold … Aralee und Desara
- Halan verließ mich schon kurz nach seinem Onkel, meine
Nähe bereitete ihm deutliches Unbehagen, und so ließ er
mich zurück, aber sein Bild blieb, seines und Alexanders und
die ihrer Mütter.
An diesem Abend trank ich zuviel, und als ich dann endlich schlief,
schlief ich lang bis in den anderen Tag hinein, und als ich gegen
Mittag aufwachte, waren sie längst weitergereist.
Doch ich entschloß mich, ihnen zu folgen.
(c) by Maja Ilisch