Silberduft
Prolog

von LaMaga


Der Sturm war eisig und wild, und sein Widerhall ließ die Welt ringsum erzittern. Aber der, der sich im Zentrum der wirbelnden Kälte befand, fühlte sich beschützt und geborgen von den zerstörerischen Kräften des Windes. Er hatte nicht das Bedürfnis, den ihn umhüllenden Kokon zu verlassen, fühlte er sich doch noch lange nicht stark genug für das, was ihm bevorstehen mochte. Und dennoch hatte er schon längst bemerkt, wie der Sturm langsam nachließ, nicht wahrzunehmen zunächst, und doch unaufhaltsam und unbarmherzig.
Nein, dachte er, noch nicht! Ich bin noch nicht bereit!
Doch das, was den Sturm heraufbeschworen und über die ganze Zeit am Leben erhalten hatte, war ungeduldig. Es würde dem Flehen des Windumhüllten kein Gehör schenken, mehr noch: es würde ihn zur Eile drängen, zurückzukehren dorthin, woher er gekommen war und das zu Ende zu bringen, wobei man es gestört hatte, damals.
Bitte, bettelte er, ich bin noch nicht bereit! Ich bin noch nicht stark genug!
Der Wind verlangsamte sich weiter, und es graute dem Eingeschlossenen vor der ruhigen Luft, die irgendwo dort außerhalb sein mochte.
Nein!, jammerte er, ich bin noch lange nicht stark genug, dir zu dienen und deinen Sieg zu erlangen.
Dann zögerst du also vor dem, das dich geschaffen hat? Vor dem, das dich formte und das dich schützt und kräftigt? Wagst du es, mich zu enttäuschen?
Natürlich nicht,
beeilte er sich, zu widersprechen, aber ich brauche Zeit! Noch ein wenig mehr Zeit ...
Hier gibt es keine Zeit,
wisperte es, keine Zeit und keinen Raum. Du bist allein mit mir, und ich werde dich zurücksenden dorthin, wo man mich geschlagen und gedemütigt hat. 
Das Wesen im Inneren des Windes überlief ein Schauer, als es das da draußen spürte, das sich einen Weg durch den Sturm schälte und ihn berührte. Doch er hatte keine Wahl, konnte dem Kontakt nicht ausweichen und tauchte ein in die allumfassende Finsternis und Kälte, die sich um ihn legte wie eine schwere Decke und ihn durchdrang, seinen Körper durchfloß und jede einzelne seiner Zellen mit einem trüben Etwas benetzte, das betäubend und berauschend zugleich war, etwas, das den kleinen Funken Seele, der sich all die Zeit gegen den Wind behauptet hatte, beinahe verglimmen ließ. 
Das Wesen im Wind stöhnte erleichtert, als es dem Kuß dessen da draußen spürte, der so herrlich tröstend war und all das wieder gut machte, was es an Zweifeln und ängsten ausgestanden hatte. Ja, er war stark geworden durch die Protektion und die Zuwendung dessen da draußen, hatte jenseits von Raum und Zeit bestanden und gelernt. Gelernt, was das da draußen von ihm verlangte und wie er es bewirken konnte. Und das da draußen hatte ihn behütet und beschützt, vor der lebensfeindlichen Schwärze und dem Hauch des Überhauptnichts, das die Existenz von irgendetwas unmöglich machte. Das da draußen hatte ihn mitgenommen in seine Realität, und hier war er umhüllt vom Sturm neu geworden und gewachsen. Und das da draußen schien zufrieden mit ihm, hielt es es doch für möglich, seine ihm bestimmte Mission zu ergreifen und anzugehen.
Bitte, hauchte das Wesen im Wind, verlaß mich nicht! Ich brauche deine Kraft und Führung wie am ersten Tag.
Ich werde dich niemals verlassen und immer in deiner Nähe sein,
versprach das da draußen, aber es war weder Sentimentalität noch Heuchelei in seinen Worten. Ich bin ewig und allgegenwärtig in vielerlei Gestalt. 
Ich habe Angst, gestand er, Angst, dich zu enttäuschen in deinem Vertrauen durch meine Schwäche.
Das da draußen
schien erstaunt, denn der Wind zögerte für den Bruchteil einer Sekunde.
Was macht dich zweifeln, fragte es, wo ich dein Lehrer war und dir alles gegeben habe, das du benötigst? Weshalb bist du undankbar und zeigst mir deine Feigheit, die ich besiegt glaubte?
Deine Gegner,
antwortete er. Sie sind stark. Und sie sind viele.
Das da draußen
lachte spöttisch, und sein Gelächter schallte unheimlich durch die Leere jenseits dessen, was war.
Du kannst sie besiegen, entgegnete es dann unnachgiebig. Und du wirst sie besiegen. Ziehe fort, hin in ihre Ebene und sammle dir Verbündete. Verbündete, die unangreifbar sind und die dir den Weg frei halten für das, was endlich unternommen werden muß!
Das Wesen im Wind warf einen ratlosen Blick ins Leere. Unangreifbar? Aber was kann es geben, das sie nicht besiegen könnten?
Du wirst es finden, beharrte das da draußen, finde und schare um dich, was du an deine Seite ziehen kannst. Und dann vollende mein Werk.
Das Wesen im Wind seufzte mutlos. Das da draußen lachte leise und wirkte doch kein bißchen amüsiert dabei. Sein Gelächter klang wie das Knirschen zermahlender Glasscherben.
Du hast einen jungen, starken Körper, und du hast meinen Schutz. Vertraue mir, mein Diener, und verhilf mir zu meinem Ruhm, der ewig sein wird, auch fernab der Zeit!
Der Wind rotierte mit einem Mal wieder schneller, und lachend ließ sich das da draußen in die Strömung hinein gleiten. Schneller und schneller wirbelte es um das Wesen herum, das den irrsinnigen Tanz des Windes mit erstaunt und ängstlich aufgerissenen Augen verfolgte. Ein Gefühl von Schwindel und Panik überkam es, und vor Entsetzen schlug es die Hände vor das Gesicht.
Dann verwehte der Wind, und mit ihm das da draußen, und der Schutz gegen das Überhauptnichts schwand und versetzte ihm einen Schmerz, so gewaltig, daß sein Bewußtsein verging, noch bevor er den Körper erreichte. Das Wesen im Wind wurde herauskatapultiert aus der Ebene seines berechnenden Besitzers, und dort, wo es die Realität durchschlug in seinem Sturz, zuckte ein gewaltiger Blitz über den Himmel und fuhr in den Stamm eines uralten Baumes, mit einer Gewalt, die den Stamm nach allen Seiten hin auseinander bersten ließ. Im gleichen Moment verstummte für einen Augenblick die Natur, und für die Dauer eines Atemzuges legte sich vollkommenes Schweigen über die Welt; ein Schweigen, so gewaltig, daß alle Wesen, selbst die Grashalme und die Berge davor leise erbebten. 
Das doch so schnell wieder vorbei war, daß die Menschen, außer einem widerwilligen Schaudern, das sie überlief, nichts davon fühlten.
Als der erste Vogel scheu sein Lied wieder aufnahm, schwang sich aus den Splittern des Baumes eine unbeschreiblich häßliche, gefiederte Kreatur empor, schoß in Gedankenschnelle auf den kleinen Sänger los und verschlang ihn, noch bevor dieser den ersten Ton seiner Weise beenden konnte.
Das Blut des Vögelchens regte den Appetit des Vogelmonsters an, und es flatterte mit erstaunlich elegantem Flügelschlag zurück zu dem, der benommen in den Trümmern des Baumstammes hing und nun langsam die Augen aufschlug, rötlich schimmernd und noch trüb von der schwindenden Ohnmacht.
Ein junger Ritter in schwarzer Rüstung und gegürtet mit einem ebenso schwarzen Schwert rappelte sich auf, streckte seine schmerzenden Glieder und begriff.
Dies hier war seine Welt, und er, der einmal Merrit vom Hochland geheißen hatte, war auserkoren, sie wieder zu erobern für den, der sich rechtmäßig beherrschen sollte.
Für das da draußen.

(c) by Sandra Bloh


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