1996 begann ich, gemeinsam mit meinem Bruder Jan einen Fantasyroman zu schreiben, der witzig mit Tiefgang werden sollte, in den Hauptrollen Danjen der Zauberer, Osaminor der Barbar, und das Kunyit. Die Ideen waren gut, nur an Plot mangelte es uns, und so kam das Epos nie über den Prolog und ein halbes Erstes Kapitel hinaus. Manchmal beschließe ich, daran weiterzuarbeiten, aber das ist mehr als unwahrscheinlich.


Snatron, oder: Das Heer der Ringe
Prolog: Wie die Ringe geschaffen wurden

von Maja Ilisch


Die Götter schufen die Welt, die Tiere, die auf ihr lebten, und die Menschen*. Man sollte meinen, das ist selbst für Götter eine ziemlich große Aufgabe, aber in diesem Fall gingen die Götter sogar noch einen Schritt weiter: Sie schufen den Ring, jenes einzig wahre, unglaubliche Schmuckstück, das seinem Träger die Herrschaft über die Welt garantieren und erleichtern sollte. Dann wählten sie einen in ihren Augen fähigen Mann aus und bestimmten ihn zum Träger des Ringes, und sie befahlen ihm, am Ende seines Lebens unter seinen Kindern dasjenige auszusuchen, das fortan den Ring tragen würde. So sollte er von Generation zu Generation weitervererbt werden. Hiernach lehnten sich die Götter zurück und betrachteten genüßlich das Schauspiel, das sich ihnen auf ihrer Welt bot.
Sie hatten tatsächlich eine gute Wahl getroffen, was den Träger des Rings anging, denn dieser herrschte wohl und weise und ausgesprochen gerecht - so gerecht, daß er, als er merkte, daß seine Tage gezählt waren, nicht entscheiden mochte, welches seiner zwölf Kinder nun das fähigste war. Das Ende seines Lebens rückte immer näher und näher, und noch immer hatte er sich nicht zu einer Entscheidung durchringen können. Das Schicksal der Welt hing von seiner Wahl ab, und da hieß es, gut zu überlegen. Und als braver Vater liebte er tatsächlich all seine Kinder in gleichem Maße. Schließlich tat er das, was er von Anfang an hätte tun sollen: Er besprach die Sache mit seiner Frau. Und sie wußte Rat.
Noch am nächsten Tag machten sie den weltbesten Goldschmied ausfindig und gaben ihm den Auftrag, elf Ringe anzufertigen, die von dem einen in nichts zu unterscheiden sein würden. Da die Götter eine Vorliebe für schlichte Eleganz gehabt hatten, erwies sich das als nicht einmal entsetzlich schwer. Ein Jahr lang schuftete der Schmied, dann waren die Ringe fertig. Zwölf waren es nun, und keiner war mehr imstande zu sagen, welches nun der Einzig Wahre war. So rief der Ringträger am letzten Abend seines Lebens nacheinander ein jedes seiner Kinder zu sich und vertraute ihm den Ring an, mit dem die Welt beherrscht werden konnte, und er nahm ihnen außerdem das Versprechen ab, keinem der anderen Geschwister etwas davon zu erzählen. Am nächsten Morgen war er tot.
Als die Götter merkten, was passiert war, gerieten sie zunächst in große Bestürzung. So perfekt waren die falschen Ringe geworden, daß nicht einmal die Schöpfer in der Lage waren, den Einzig Wahren unter ihnen zu erkennen. Sie berieten einige Zeit lang, und dann schlug das durch, was man wohl einen göttlichen Sinn für Humor nennen kann.
»Bitte sehr!« sagten sie bei sich. »Die Menschen haben es selbst so gewollt. Und die Idee ist nicht einmal übel. Um präzise zu sein - sie ist genial.«
So richteten sie es ein, daß jeder der Zwölf am Ende seines Lebens elf eigene Kinder hatte, unter denen der Ring verteilt werden mußten, und sie brachten sie durch geschickte Manipulation dazu, genau wie der Vater lieber auf die Entscheidung zu verzichten und die Ringe zu vervielfältigen. Damit waren es einhundertzweiunddreißig Ringe.
Doch damit hatten die Götter noch lange nicht genug. Wenn ein Gott einmal loslegt, dann ist er nur schwer wieder zu bremsen. Und so kam es, daß in der nächsten Generation der Ring unter jeweils zehn Erben zu vergeben war. Eintausenddreihundertzwanzig.
Einige Jahrzehnte später hatten die elftausendachthundertachtzig Ringträger begriffen, daß es mehr als nur den Einzig Wahren Ring geben mußte. Aber den Göttern war kein Einhalt mehr zu gebieten**. Und warum sollten sie sich noch mit Massenmanipulationen abgeben, wenn sie es auch viel einfacher haben konnten? Die Ringe vermehrten sich jetzt von selbst. Jeder Ringträger hatte am Ende seines Lebens immer genauso viele Ringe wie Kinder, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als jedem einen zu schenken. Endlich hatten die Goldschmiede auch wieder Zeit für etwas anderes, als Ringe zu schmieden, was einen ausgesprochen positiven Einfluß auf die Kultur hatte. Es hätte auch ziemlich lange gedauert, bis Fünfundneunzigtausendvierzig Ringe fertig gewesen wären.
Endlich, nach zwölf Generationen, verloren die Götter ihr Interesse. Die Zahl der Erben war auf jeweils einen pro Ringträger heruntergeschraubt worden. Insgesamt kursierten genau vierhundertneunundsiebzig Millionen eintausendsechshundert Ringe, als die ganze Familie (und mit ihr große Teile der Menschheit) schlagartig an einer Epidemie starben. Die Götter zogen sich schadenfroh zurück und ließen nie wieder etwas von sich hören. Man munkelt, sie haben sich in ferne Dimensionen zurückgezogen, wo sie noch einmal völlig von vorne anfingen - diesmal mit magischen Amuletten.
Die Welt erholte sich niemals vollkommen von diesem Schlag. Noch etliche Jahrhunderte später gab es auf ihr mehr Ringe als Einwohner. Es waren einfach zu viele. Sie hatten ihre Bedeutung verloren, und nur die allerwenigsten Menschen erinnern sich noch daran, daß unter ihnen ein Ring ist, der anderes ist als alle anderen: Der Einzig Wahre Ring, mit dem sich das Schicksal der Welt bestimmen läßt, wenn man weiß, wie.
Aber selbst, wenn man es weiß - wie will man den Ring ausfindig machen unter Millionen, von denen einer aussieht wie der andere?***

* Manche behaupten, sie schufen außerdem die Elben und Zwerge, aber dies wird von selbigen so energisch bestritten, daß niemand mit Genauigkeit sagen kann, ob sie nun von irgendwelchen Göttern (und wenn ja, welchen) geschaffen wurden oder einfach so aus irgendeiner anderen Welt (es gibt schließlich genug) gekommen sind, um sich in dieser häuslich niederzulassen. 
Fest steht jedenfalls, daß keiner dieser Götter seine Hand im Spiel hatte, was die Schöpfung des Kunyits angeht - was immer es sein mag.

** Wem wäre das auch jemals gelungen?

*** Aber egal, wieviel Ringe es auch geben mag - so, wie es ausschaut, gibt es weltweit nur ein einziges Kunyit.
Zumindest in dieser Welt.

(c) by Maja Ilisch


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