Spiegeltraum
Prolog
von LaMaga
Die Schatten warteten. Reglos und gespannt verharrten
sie in dem unwirklichen Raum, irgendwo zwischen Realität und
Möglichkeit, in dem sie sich versammelt hatten und starrten in
die schwefelgelben Gewitterwolken, die sich über dem
Himmelsgebirge zusammengebraut hatten.
Es wartete ebenfalls. Nein, wie klein und unauffällig
es geworden war, nicht zu bemerken für die Sinne derer, die
sich in der Wirklichkeit bewegten. Aber die Schatten wußten,
daß es da war, dass es nicht aufgeben
würde, und dass es nicht ablassen würde von seinem
ehrgeizigen Unterfangen - sofern man überhaupt von so etwas
Lebendigem wie Ehrgeiz reden konnte, bei einem - etwas
wie ihm.
Die Schatten waren wachsam, wußten sie doch, dass etwas so
kleines, hauchzartes es ihnen schwer machen würde, es
aufzufinden und zurückzuhalten. Es war nunmehr zu einem
verwehenden Samenkorn geworden, etwas Unscheinbarem, scheinbar
Harmlosen. Etwas, was so winzig war, dass ihre Magie es kaum packen
würde. Es würde sein wie der Versuch, mit einer
Keule eine einzelne Schneeflocke zu zerschmettern.
Nein, harmlos war es wahrlich nicht. Samenkörner waren
nichts Harmloses. Samenkörner fielen dort nieder, wohin der
Wind sie trug, und sie brachen auf und schlugen Wurzeln.
Samenkörner waren etwas, das skeptisch betrachtet werden
mußte und das nicht außer Kontrolle geraten durfte.
Manche Samenkörner durften nicht auf fruchtbaren Boden
fallen.
Nicht, wenn die Schatten es verhindern konnten.
Die Spannung, die vom Gewitter ausging, bedrängte die Schatten
und trieb sie zurück, wie ein stetiger, ohne Unterlaß
wehender Gegenwind. Es war den Schatten kaum möglich, den Ring
aufrecht zu erhalten, den sie um den Hort ihrer Meister gezogen
hatten, um zu schützen, was dort in dieser Nacht seinen Anfang
nehmen sollte. Sie hatten ihre Energien zu einem körperlosen
Schild verknüpft, zu einem Netz mit so feinen Maschen, dass
keine Mücke es hätte durchdringen können. Aber das
Samenkorn war so unendlich viel kleiner als etwas, das lebte. Und
die Gebieter - sie waren machtlos. Sie waren so schwach und
ungeschützt, wie sie es nur sein konnten in ihrer unendlich
großen Macht. In dieser Nacht waren sie verwundbar.
Die Schatten stöhnten unter dem Andrang des Gewitters, das die
Luft verdichtete, bis man sie kaum noch atmen konnte. Ringsum
zuckten Blitze über den Himmel und fällten noch
meilenweit entfernt Bäume zu beiden Seiten des Gebirges,
peitschten Winde das Meer zu verheerenden Springfluten auf und
wirbelte Wüstensand bis weit hinauf zu den Sternen.
Auf dem Gipfel des Berges, in absoluter Stille und
Bewegungslosigkeit, stand ein junger Mann in einer goldenen
Rüstung, mit gezogenem Schwert und schützend erhobenem
Schild vor einer jungen Frau, die mit glasigem Blick stöhnend
ihre Hände tief in die Erde gekrallt hatte und dabei war, ein
Kind zur Welt zu bringen. Ganz allein und ohne den schützenden
Beistand eines hilfreichen Wesens.
Nur sie - und der Vater - und die Schatten der Ahnen und
Kreise.
Unerträglich war das Warten, der stumme Kampf der Schatten und
das lächerlich-zwecklose Gebaren des Ritters, dessen Klinge
niemals das würde treffen können, was versuchte, sich an
den Schatten vorbei zu schieben und dort niederzugehen, wo es auf
keinen Widerstand treffen würde. Noch nicht, nicht in dieser
Nacht.
Als es schließlich geschah, war es so schnell vorüber,
dass weder die Schatten noch die Mutter oder der Vater hätten
sagen können, was wirklich geschehen war. Den dreierlei
ereignete sich zugleich: ein blendend heller Blitz zuckte senkrecht
hinab, die körperlosen Schatten wurden von einer gewaltigen
Kraft, wie der Explosion etwas winzig Mächtigen auseinander
gesprengt - und der, der geboren wurde, tat seinen ersten
Schrei.
(c) by Sandra Bloh