Manchmal benutze ich auch Prologe, um für den Leser eine politische Situation zu umschreiben, die nur am Rande eine Rolle für die Handlung der Geschichte spielen wird, aber nichtsdestoweniger bekannt sein sollte, da sie ein wenig den Hintergrund der Helden erklärt und ihre Sicht zu gewissen Dingen, wie Magie und Glaube oder Gehorsam gegenüber den Landesherren.
Die Talastan Chroniken:
Im Schatten von Krieg und Glauben
Geschichten aus dem wildbewegten 28. Jh.
Prolog
von Christel Scheja
Das 28. Jahrhundert nach der Gründung
Yjan-Calliorns wurde eines der bewegtesten in der Geschichte der
nördlichen Reiche. Fast schien es, als habe durch die
Regentschaft König Rumairs aus dem Hause Tamalor ein ehernes
Zeitalter begonnen, denn Yjan-Calliorn wuchs aus der Asche der
vergangenen Jahrhunderte mit neu gefestigter Macht hervor. Der
Tamalor regierte mit dem Geschick eines Kaufherrn, der seinen
Reichtum mehrte, mit der eisernen Hand eines Schwertführers
und der Weisheit eines Gelehrten.
Yjan-Calliorn schien mächtiger als zuvor. Das jedoch sollte
sich als ein Irrtum erweisen. Zwar gelang es Rumair Doralsay con
Tamalor das Reich zu festigen, aber er übersah, daß
einem starken Mann ein nicht minder fähiger Regent folgen
mußte, um das Gewonnene zu erhalten.
Sein Nachfolger Khordan war ein besserer Krieger als Stratege,
erzogen durch den neuen Schwertadel des Reiches, und nahm den
Reichtum, den sein Vater in jahrelangem Kampf errungen hatte als
gegeben hin. Seine Verwalter und Steuereintreiber pressten vor
allem den reichen Süden aus, so daß sich dort Widerstand
gegen die Tamalor zu regen begann. Und auch die Söhne der
Männer, die König Rumair begünstigt hatte, nahmen
sich das was sie wollten - auf Kosten anderer.
Khordan, der aus dem Schatten des großen Rumair hervortreten
wollte, beschloß die ungenutzten Kräfte und
Fähigkeit der Jugend für sich zu nutzen und seine
rebellischen Fürsten in den südlichen Faustländern
zu maßregeln.
Im Jahre 2741 sandte er die Schar aus, die später als
"Khordans Hunde" bekannt werden sollte. Zunächst befolgten die
jungen Schwertführer die Befehle und machten die
aufständischen Fürsten nieder - doch dann, als der Lohn
für ihr Blut und ihren Schwertarm ausblieb, wandten sie sich
gegen des Königs Befehl.
Khordan hatte die Eroberung des Hochlandes angeordnet, um endlich
wieder Yjan-Calliorn in seinen Grenzen zu erweitern, aber die
Schwertführer nahmen das Land für sich allein in Besitz.
Worloth von Laeglire und Asteg von Reva waren die Wortführer
der sechs Männer, die sich selber zu Baronen aus eigenem Recht
krönten und den Lehenseid zu Yjan-Calliorn verweigerten.
Der König wollte sie maßregeln, aber ein Angriff der
Atjeraner ließ diesen Versuch scheitern, die Abtrünnigen
gewannen genug Zeit, um ihre Macht abzusichern. Denn obgleich sie
sich Fürsten nannten, erkannten sie nur wenige Hochländer
als solche an. Während die Häuser der Abtrünnigen,
allen voran die Familien der Tagor und Sethir im Tiefland verfemt
wurden, kämpften die neuen Herrscher mit den Rebellen im
eigenen Lande, die ihre Freiheit bewahren wollten. Fast jeder der
Barone fand sein Ende durch eines Hochländers Hand - aber sie
hatten schon früh für Söhne und Nachfolger
gesorgt.
Die Söhne der Verräter sahen sich schließlich einem
neuen Feind gegenüber. König Dandjar, der die Schmach
seines Vaters rächen wollte, unternahm neue
Vorstöße in das Hochland, und nach nur wenigen Jahren
der Ruhe tobte im letzten Jahrzehnt des 28. Jahrhunderts wieder ein
heftiger Krieg an den Grenzen - um Ehre, Recht und Macht.
In dieser wildbewegten Zeit prägte noch eine andere Gestalt
die talastanische Geschichte. Aus Kreenaid kam Jomiro con Aisar,
dessen Schicksal sich auf dem Stammsitz seiner Familie - Tenplar
entschieden hatte: Ein grünäugiger Hexer hatte den Mann
in seiner Jugend getäuscht, und so einen tiefen Haß auf
alle Dämonendiener in Jomiro entfacht - und von heiligem Zorn
erfüllt, zog er in den kommenden Jahren aus, um im Namen
Ylcars Gerechtigkeit zu üben, und all jene durch das Feuer zu
erlösen oder zu vernichten, die gefehlt hatten, oder von
dämonischem Blut waren.
Schon bald nannte man ihn "Ylcars Fackel", und sein Name wurde
weithin gefürchtet, stand die Macht des Inquisitors der des
Deloykan doch nur in wenig nach.
Der Inquisitor verurteilte die Verweltlichung der Priesterschaft,
vor allem des Klerus in Yjan-Calliorn, und verhinderte durch
entschlossenes Handeln das drohende Schisma, daß den Glauben
zu spalten drohte. Sein Wort gewann Macht durch die Strafe, die
Ylcar an Krendhar übte - indem er im Jahre 2795 die Stadt mit
seinen Blitzen in Schutt und Asche verwandelte. Dies sah Jomiro con
Aisar als Warnung für alle, die auf falsche Stimmen gelauscht
hatten - und seine Feuer loderten noch öfter und höher
als früher. Es gab kaum einen Ort, in dem nicht ein Mann oder
eine Frau durch sein Gebot sterben mußte.
Nur ein Land des Nordens schien in diesem Jahrhundert von den
Wirren unberührt zu sein. Dawtwynd wuchs durch seine
tatkräftigen Fürsten zu einer nicht zu
unterschätzenden Einheit zusammen, und durch delhytanischen
Einfluß, schwand die Furcht vor der Dämonenmagie. Fast
unberührt durch die Priesterschaft des Ylcar handelten und
dachten die Gelehrten. So wurde es möglich, daß in den
letzten Jahrzehnten des 28. Jahrhunderts Gelehrte dort Thesen
aufstellten, die an anderen Orten noch als Häresie galten.
Durch diese Jahre wurde Dawtwynd zu einer nicht zu
unterschätzenden Macht, die später Yjan-Calliorn die
Stirn bieten sollte.
(c) by Christel Scheja