Dieser Prolog entstand ursprünglich als Szene
für »Eine Flöte aus Eis«, mitten in der Nacht
in der Jugendherberge von Cardiff, Sommer 1996. Aber dann
ließ ich den Text aus dem Buch heraus, weil er
außerhalb der sehr rigiden Handlungslinie lag. Aber als ich
im Jahr darauf beschloß, eine Fortsetzung zu schreiben und
Thoria zu erlösen, fiel mir die Stiefelszene wieder ein, und
ich übernahm sie als Prolog.
Zwar haben die ganzen Probleme mit Felder angefangen, aber der
Rest von »Durch die Nebelpforte« spielt nicht weniger
als 600 Jahre später. Na ja, zumindest
größtenteils...
Durch die Nebelpforte
Prolog
von Maja Ilisch
I am: yet what I am, none cares or knows.
Felder wachte auf, mit einem dröhnenden
Schädel und dem Gefühl, sich nicht rühren zu
können, aber daran begann er sich langsam zu gewöhnen.
Ohne die Augen zu öffnen, tastete er nach seiner Flasche und
nahm ein paar Schlucke, während er sich vorsichtig an der
Hauswand hinter ihm aufsetzte. Dann erst bemerkte er, daß er
keine Stiefel mehr anhatte.
Das erstaunte ihn etwas. In den letzten Nächten hatte er es
nie so recht geschafft, seine Stiefel auszuziehen, weil die
Schnüre und Häkchen und Ösen etwas anderes wollten
als seine Finger, und so war er dazu übergegangen, es gar
nicht erst mehr zu versuchen, ebenso, wie er gemerkt hatte,
daß es Verschwendung war, sich einen Schlafplatz in einer
Herberge zu besorgen. Solange er betrunken war, konnte es ihm egal
sein, wo er lag, und wenn er wach war, ging es ihm so oder so
schlecht.
Aber die Stiefel standen auch nicht neben ihm. Sie waren
verschwunden. Und das machte ihn wütend. Es waren feine
Stiefel gewesen, weich und bequem, und sie waren eigens für
ihn aus dem besten Leder vom besten Schuhmacher angefertigt worden.
Sicher, nach ein paar Jahren hatten sie etwas abgenutzt und
schäbig ausgesehen, aber jedem, der sie eines genaueren
Blickes würdigte, mußte klar sein, daß es wirklich
feine Stiefel waren. Zum Beispiel war es demjenigen klar gewesen,
der sie gestohlen hatte.
Felder hätte brüllen mögen vor Wut. Ein paar Stiefel
mitzunehmen, das herrenlos an einer Straßenecke herumstand,
das war eine Sache. Aber einem schlafenden Mann die Stiefel
auszuziehen und mitzunehmen - das war etwas ganz anderes. Das war
Raub. Nein, mehr noch - so etwas machte man einfach nicht. Wenn er
doch nur noch sein Schwert gehabt hätte! Dann wäre von
dem, der seine Stiefel gestohlen hatte, nichts mehr übrig
geblieben - wenn er ihn erst einmal in die Finger bekam. Aber er
hatte zumindest noch den Dolch, und mit einem Dolch konnte er auch
ein paar ganz passable Löcher machen. Sein Dolch …
Felder mußte bei dem Gedanken lachen, obwohl es alles andere
als komisch war. Sein Dolch steckte in seinem linken Stiefel. Aber
seine Fäuste, die konnte man ihm nicht wegnehmen.
Und seine Flasche hatte er auch noch. Er nahm sie und trank den
letzten Rest - viel war es ohnehin nicht mehr. Niemand, egal, was
für ein Schuft er war, würde einem schlafenden
Säufer seine Flasche klauen. Außer einem anderen
Säufer, vielleicht.
Er blieb noch etwas an der Mauer sitzen und dachte nach, bevor er
aufstand. Das hatte er lange nicht mehr tun müssen,
nachdenken, aber er war auch lange nicht mehr so nüchtern
gewesen, und noch nie zuvor hatte jemand seine Stiefel gestohlen.
Mit halbgeschlossenen Augen blickte er an sich hinunter. Vor einem
Vierteljahr, sogar vor zwei Monaten, wäre dies noch eine
Verkleidung gewesen. Aber jetzt? Er hatte alles verloren: Sein
Schwert, seine Krone, sein Land und sein Volk. Und jetzt auch noch
seinen Dolch und seine Stiefel. Wenn die Anderen ihn jetzt so
hätten sehen können … Barfuß, ungewaschen
und unrasiert im Straßendreck, an der Stelle, an der er
gestern abend beschlossen hatte, nicht mehr weitergehen zu wollen
(oder zu können), nach einem Monat, von dem er zumindest die
letzte Woche (er hatte aufgehört, die Tage zu zählen,
aber es mußte ungefähr ein Woche gewesen sein) fast
ausschließlich mit Trinken verbracht hatte, hätte Morren
ihn jetzt reinen Gewissens als Säufer bezeichnen können.
Felder war eben wirklich schneller als alle anderen Menschen. Jeder
andere hätte für einen derartigen Abstieg mindestens ein
halbes Jahr gebraucht. Er hatte es in einem Monat geschafft.
Und jetzt? Noch tiefer sinken konnte er nicht mehr. Oder war es
doch noch möglich? Würde er vielleicht morgen an der
selben Stelle aufwachen, nur ohne Hosen? Mußte er sich das
gefallen lassen? Er war einmal ein Prinz gewesen, ein begnadeter
Schwertmeister und begehrter Liebhaber, und man sollte meinen,
daß er sich zumindest etwas Stolz und seine
Selbstachtung hätte bewahren sollen. Wenigstens soviel,
um nicht zuzulassen, daß irgend jemand seine Stiefel stahl.
Feine thorianische Stiefel. So etwas wurde heute gar nicht mehr
hergestellt. Und er war immer noch mehr als irgendein besoffenes
Stück Dreck. Er war Felder von Thoria, er ließ sich
nicht alles gefallen, und er würde denjenigen finden, der
seine Stiefel gestohlen hatte, und ihn in handliche kleine
Stücke zerlegen.
Aber erst einmal besorgte er sich noch etwas zu trinken.
(c) by Maja Ilisch