Im Sommer 1998 langweilten Christoph und ich uns in der Jugendherberge von Bath zu Tode (Bath ist eine nette Stadt, aber nach drei Stunden hat man wirklich alles gesehen, was es zu sehen gibt, und wir hatten für drei Tage gebucht), und so beschlossen wir, gemeinsam ein Buch zu schreiben. Es ist seither nicht wirklich weit gediehen, aber noch immer in Arbeit, und es stellt insofern eine Premiere dar, als daß es mein erstes männliches Liebespaar enthält. Allein für Trelovar und Trispen werde ich daran weiterarbeiten. Und eine Fortsetzung ist auch schon geplant!


Der Torbryen-Zyklus
Prolog

von Maja Ilisch


It shall be so. Madness in great must not unwatched go.

King Claudius (Hamlet)

Trelovar Torbryen war wunderschön, daran gab es keinen Zweifel. Doch sein Gesicht hatte etwas an sich, daß es niemand außer ihm selbst lange anblicken mochte. Sein Haar, das er schulterlang und offen trug, war weiß wie ein Kiesel am Strand, und seine Haut ebenso hell. In seinen edlen Zügen fand sich kein Makel: Seine schmale Nase war gerade und ebenmäßig, sein Mund nicht zu groß, und seine weißen Brauen hoben sich, wenn auch fast unsichtbar, schwungvoll zur Stirn empor. Aber es waren seine Augen, groß, klar und violett, welche alle Leute verwirrten und, wie es schien, verängstigten. Trelovar wußte, daß sein Blick stechend und unangenehm war, aber es gab nichts, was er dagegen hätte tun können, als unentwegt zu Boden zu starren, und das war eines Prinzen nicht würdig. Also fuhr Trelovar Torbryen damit fort, andere Leute auf diese beklemmende Weise anzuschauen. Es erwartete ohnehin jeder von ihm, daß er eines Tages wahnsinnig wurde.
Als Trelovar geboren wurde, schrie er nicht wie andere Kinder. Er blickte nur mit seinen seltsamfarbigen Augen um sich, und als der König hereinkam, um seinen vierten Sohn zu begutachten, begann dieser zu glucksen. Das hätte man bei jedem anderen zu als Zeichen eines besonders sonnigen Gemütes angesehen, aber dieses Kind war ein Torbryen, und seit jeher waren alle Torbryens, auch wenn sie gute Könige abgaben, früher oder später wahnsinnig geworden. Und da der vierte Prinz beim Anblick seines Vaters gelacht hatte und außerdem ein Albino war wie jener Vorfahr, der alle anderen Torbryens an Wahnsinn noch übertroffen hatte, nannte man ihn Trelovar, nach ebendiesem Ahnen, und befürchtete das Schlimmste. Aber wenn der Junge auch seine ganze Kindheit über kränkelte, unterließ er es doch, den Brunnen zu vergiften, den Palast anzuzünden oder in die Wandbehänge zu beißen und zeigte eigentlich auch keine anderen Anzeichen des Wahnsinns. Vielleicht war das auch der Grund, aus dem man beschloß, Trelovar Torbryen auf die Akademie zu schicken, damit man dort einen Magier aus ihm machte.
Die Akademie lag tief im Süden von Valkurno, in einem schwer zugänglichen Gebirgstal, und Trelovar wußte von Anfang an, daß er sich in dieser häßlichen, vielgeschossigen Feste niemals wohl fühlen konnte. Seine Heimat waren die weißen Wände des Palastes, und hier waren die Steine schwarz, düster wie die Berge, aus denen sie geschlagen worden waren. Ein kalter Wind blies Trelovar die Haare in die Augen, so daß er nicht mehr richtig sehen konnte. Das Regenwasser rann ihm übers Gesicht, aber so konnte zumindest niemand seine laufende Nase bemerken. Trelovar schniefte. Er wollte nicht schon wieder krank werden, nachdem er es so lange durchgehalten hatte. In den letzten Wochen war er an der Küste entlang geritten, durch den Sumpf und durch den Urwald, begleitet nur von einigen Soldaten, die nicht viel redeten und allen seinen Fragen auszuweichen schienen. Und jeden Tag waren die Reisende den heftigen Regenfällen schutzlos ausgeliefert gewesen. Trelovars einziger Trost war, daß man ihn Farmaile hatte mitnehmen lassen, seine Windechse, die er gerade erst zu seinem vierzehnten Geburtstag bekommen hatte. Nun trottete sie naß und kläglich anzusehen hinter seinem Pferd her. Eine üble Vorahnung sagte Trelovar, daß er hier oben wohl kaum dazu kommen würde, genug mit dem Tier zu arbeiten, um es richtig auszubilden, obwohl er sich das doch so schön ausgemalt hatte. Viel lieber als ein Magier wollte er ein Gleiter werden, geheime Botschaften durch die Lüfte von Ort zu Ort tragen. Aber das hatte man ihm verboten. Statt dessen brachte man ihn hier in die Akademie. Trelovar konnte der ganzen Reise nur ein Gutes abgewinnen: So war er zumindest nicht länger Morelas ausgeliefert, seinem ältesten Bruder und dem, wie Trelovar fand, wirklich wahnsinnigen Sproß der Torbryens. Aber war das wirklich ein Ausgleich für fünf Jahre auf der Akademie? Nein.
Dann waren die Soldaten fort, und auch seine Echse hatte man ihm fort genommen, um sie irgendwo in den Stallungen unterzubringen. Trelovar stand allein zwischen dreißig anderen Jungen seines Alters und bemühte sich, nicht ganz so verloren wie sie auszusehen. Ein Prinz war niemals verloren.
Die große Halle, in der sie sich versammeln mußten, war vollkommen leer, ohne irgendwelche Sitze, und ziemlich düster. Hoffentlich fand zumindest der Unterricht an einem freundlicheren Ort statt. Ungemütliche Säle gab es auch im Palast, aber da kannte Trelovar genug andere, schöne Orte, zu denen er statt dessen gehen konnte, den großen Turm, von dem man so weit über das Land blicken konnte. Die Akademie hatte zwar auch Türme, aber was würde man von dort schon sehen können als Berge, Berge und Berge, außer vielleicht den weit entfernten Urwald? Wenn es hier so weiterging … Trelovar überlegte einen Moment lang, ob es nicht vielleicht doch besser wäre, endlich wahnsinnig zu werden. Dann würden sie ihn wieder nach Hause schicken. Zurück zu Morelas.
Vorne hielt der Rektor der Akademie eine Ansprache, aber daheim hatte Trelovar früh gelernt, bei langweiligen Reden nicht zuzuhören, und er war völlig in Gedanken versunken, als ihn jemand von hinten an seinem immer noch feuchten Umhang zupfte.
»Ganz schön kalt hier, nicht wahr?« fragte ein Junge, der schräg hinter ihm stand. Trelovar, der noch nicht daran gewöhnt war, so direkt angesprochen zu werden, drehte sich erstaunt um, mit gerade genug Selbstbeherrschung, um nicht gleichzeitig erschrocken zusammenzuzucken. Hier gab es keine Leibwächter mehr, und er mußte selbst mit Leuten fertig werden, die zu nah an ihn herankamen. Vielleicht würden ihm nun endlich einmal seine ungemütlichen Augen zugute kommen. Trelovar wollte den aufdringlichen Burschen mit einem kalten, abschätzenden Blick niederstarren. Aber statt dessen war er es selbst, der vor den Augen des anderen gebannt wurde. Sie waren groß und so dunkel wie das Berggestein, doch das unheimlichste war, daß sie tief in ihrem Innern zu glühen schienen. Solche Augen hatte Trelovar, der an die hellen Augen der Leute aus dem Norden gewöhnt war, noch nie gesehen, und er schauderte. Diese Augen waren das genaue Gegenteil seiner eigenen: Wer sie einmal sah, konnte nicht anders, als tiefer und tiefer in sie hineinzublicken. Mit einiger Kraftanstrengung riß Trelovar sich los, und nun gelang es ihm endlich, sein Gegenüber abschätzend zu mustern.
Von den Augen abgesehen, sah der andere Junge gewöhnlich aus. Während die meisten Anwesenden Söhne von Grafen oder anderen hohen Leuten waren, war dieser gekleidet wie einer aus dem Volk, und aus der unteren Schicht, was das betraf. Sein breites, nicht besonders hübsches Gesicht war dunkel gebräunt, und dunkel war auch das Haar, das kurz und glatt um seinen Kopf anlag. Aber was ihn wirklich von all den anderen unterschied, war die große Selbstsicherheit, die von ihm ausging. Er stand aufrecht da, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und grinste, und obwohl diese Umgebung für ihn sein fremd mußte wie für alle anderen, wirkte er nicht im geringsten verloren. Eine so große Anziehung strahlte von ihm aus, daß Trelovar, der ihn eigentlich verächtlich hatte ignorieren wollen, nicht anders konnte, als ihn anzusprechen.
»Wer bist du?« fragte er verwirrt. Wieder schienen diese Augen die seinen zu suchen, seinen Blick festzuhalten, was Trelovar noch nie zuvor passiert war.
»Ich bin Trispen Camborn. Und wer bist du?«
»Trelovar Torbryen.« Vor Verwirrung vergaß er, all seine Titel zu erwähnen. Noch nie war er jemandem begegnet, der ihn nicht erkannt hatte. Hastig fügte er hinzu: »Vierter Sohn von König Gonbris.«
»Richtig. Man sagte mir, daß sich hier auch ein Prinz herumtreiben würde.« Dieser Trispen Camborn schien sich nicht im mindesten geehrt zu fühlen, einer so hohen Person gegenüberzustehen, und er ließ es wirklich an jeder Form der angebrachten Höflichkeit fehlen. Trotzdem fühlte sich Trelovar nicht von ihm abgestoßen - viel mehr gab ihm das Verhalten des anderen Jungen ein neues Gefühl von Sicherheit. Vielleicht war hier endlich jemand, der von ihm nicht bloß Augenrollen und Schaumspucken erwartete, jemand, der nichts vom Wahnsinn der Torbryens wußte.
Trispen beäugte ihn neugierig. »Du siehst mir auch ganz genau aus wie ein Verrückter«, bemerkte er dann. »Ich denke, wir werden eine Menge Spaß miteinander haben.«
Trelovar drehte sich schnell um, damit der andere die Enttäuschung in seinem Gesicht nicht sehen konnte. Natürlich hatte Trispen davon gehört. Es gab vermutlich noch nicht einmal im hintersten Winkel des Urwalds jemanden, der nichts davon ahnte, daß Trelovar Torbryen dem Irrsinn geweiht war.
Den Jungen keines weiteren Blickes würdigend, widmete Trelovar sich jetzt endlich der Ansprache des Rektors. Wieder zupfte es hinten an seinem Umhang, aber er ignorierte den Störenfried, so gut es ging.
Natürlich gelang es ihm nicht. Kaum etwas war schwerer, als Trispen Camborn zu ignorieren. »He, nimm es mir nicht übel«, flüsterte er zischend. Auch die anderen Jungen sahen bereits zu ihm hinüber. »Ich habe nicht gesagt, daß du verrückt bist. Aber du mußt doch selbst zugeben, daß man kaum verrückter aussehen kann als du, mit den Augen. Tröste dich mit dem Gedanken, daß du das schönste Wesen weit und breit bist. Ich bin vielleicht nicht verrückt, aber dafür habe ich eine krumme Nase, also kannst du dir vorstellen, wie gerne ich mit dir tauschen würde!«
Trelovar, der endlich seine Fassung wiedergefunden hatte, straffte sich zu einer möglichst königlichen Haltung und lächelte Trispen an. »Ich kann mir gut vorstellen, daß du gerne einmal mit mir tauschen würdest«, sagte er würdevoll. »Wer aus dem gemeinen Volk wäre nicht gerne einmal Prinz?«
Einen Moment lang genoß er Trispens wütendes Gesicht und das betretene Schweigen, das er hervorgerufen hatte. Aber nur einen Moment lang. Dann fühlte er sich plötzlich am Arm gepackt und nach vorne gerissen. Den Rektor hatte er überhaupt nicht kommen hören.
»Torbryen! Das reicht! Wenn du glaubst, dich hier wie ein Prinz aufführen zu können, hast du dich getäuscht!« Die anderen Jungen lachten. Trelovar wurde mit dem Gesicht zur Menge gedreht und erblickte nichts als höhnische Feindseligkeit, während der Rektor laut fortfuhr: »Deinen Titel kannst du zwar behalten, bis du deine Prüfungen und das Gelübde abgelegt hast. Aber eine Sonderbehandlung wird dir hier nur dann zuteil, wenn dein Wahnsinn endlich zum Ausbruch kommt.«
Ein Raunen ging durch die Reihen. Nun wußten auch die allerletzten, was sie von diesem Prinzen zu erwarten hatten. Trelovars Blick blieb wieder an den geheimnisvollen Augen von Trispen Camborn hängen. Als einziger lachte er nicht, sondern trug eine Art von traurigem Lächeln. Vielleicht tat es ihm leid, daß er Trelovar dort hineingezogen hatte. Wie schon bei seiner Ansprache, schien der Rektor auch nun gar nicht zum Ende kommen zu wollen. »Die anderen Studenten zahlen ihr Schulgeld ebenso wie du« - hier zuckte ein plötzliches Grinsen über Trispens Gesicht - »und ebenso wie jeder von ihnen wirst du dir sein Zimmer mit zwei anderen teilen. Prinzen gibt es hier keine!«
Wieder lachen die Jungen. Und als später die Betten vergeben wurden, gab es keinen, der sein Zimmer mit Trelovar teilen wollte. Keinen - bis auf Trispen Camborn.


Das Zimmer war gerade groß genug, um drei schmale Betten und eine große Truhe aufzunehmen. Im ganzen Palast kannte Trelovar keinen Raum, der so klein war wie dieser, aber er hatte, spätestens nach den Worten des Rektors, nicht mehr erwartet. Und da er die letzten Nächte nur in einem kleinen Zelt, nahezu unter freiem Himmel, geschlafen hatte, erschien ihm dies nun schon nahezu als bequem. Zumindest war es hoch oben im Turm gelegen. Vielleicht hatte es der Rektor als eine Art Schikane gedacht, en Prinzen täglich all die Treppen hinauf steigen zu lassen, aber in Wirklichkeit liebte Trelovar Höhen. Von hier aus konnte er weit schauen, auch wenn es nichts als Berge und tiefhängende Regenwolken zu sehen gab, und sich frei fühlen, die anderen Jungen und die schwarzen Steine einfach vergessen.
»Es ist ganz schön kalt hier«, sagte Trispen und hielt seine Bettdecke gegen das Licht, vermutlich, um zu sehen, wie dick sie war. »Ich frage mich, wie wir hier etwas lernen sollen, wenn wir ständig frieren.«
Trelovar, die Augen noch immer am Horizont, nickte, weil das immer noch die Sicherste Reaktion war. Er fand es nicht kalt, aber er war ja auch in Nähe der Küste aufgewachsen, wo von Natur aus ein kälteres Klima herrschte als im Landesinneren. Wenn Trispen aus den Sümpfen stammte oder gar aus dem Urwald, war es kein Wunder, wenn ihm die Berge noch befremdlich kalt erschienen. Um nicht herzlos zu wirken, zog Trelovar die Fensterläden zu. Der Laden klemmte ein wenig, und als es Trelovar gelang, ihn zu bewegen, erfüllte ihn fast eine Art Stolz. Alle solchen Arbeiten hatten ihm daheim die Diener abgenommen, aber hier sollte ihn niemand für einen Schwächling halten, auch wenn er schmal und zierlich gebaut war und nie im Leben ein Schwert führen würde. Im Zimmer wurde es sofort schummrig, aber vielleicht fühlte sich Trispen so wohler. Zumindest hielt es den Wind und den hereinquellenden Nebel - oder war es eine Wolke? - draußen.
»Besser so?« fragte Trelovar und hoffte auf ein Lob.«
»Ein Bißchen. Glaubst du, wir könnten noch ein paar Decken bekommen? Der Rektor hat zwar gesagt, er macht sich nichts aus Prinzen, aber ich wette, wenn du ihn bittest, wird er nicht nein sagen. Und wenn doch, kannst du immer noch drohen, wahnsinnig zu werden, wo er doch so sehnsüchtig darauf wartet.«
»Aber ich bin nicht wahnsinnig!« brauste Trelovar auf. Wenn das so weiterging, würde er das Fenster gleich wieder öffnen und die Kälte hereinlassen.
»Das sagst du so oft, daß es dir schon niemand mehr glaubt«, sagte Trispen ernst. »Außer mir, natürlich. Ich glaube auch nicht, daß du außer mir viele Freunde finden wirst.«
Das war sehr direkt, und Trelovar schluckte erst einmal. »Ich bin nicht hierher gekommen, um viele Freunde zu finden.« Es war nicht so schlimm, wie es zuerst klang. Als Prinz hatte er auch keine Freunde gehabt.
»Oh, ich vergaß - du willst ja ein Zauberer werden!« höhnte Trispen, von der letzten Bemerkung deutlich gekränkt.
Trelovar schüttelte den Kopf. »Ich will nicht - ich muß. Sie haben mir keine andere Wahl gelassen.«
»Und ich habe ihnen keine andere Wahl gelassen, als mich aufzunehmen.« Trispen schien nicht näher auf dieses Thema eingehen zu wollen. »Was willst du denn werden?« fragte er statt dessen. »König?«
»Nein, das wird schon mein Bruder Morelas.« Innerlich zitterte Trelovar immer noch bei dem Gedanken daran, daß ihn der Kronprinz für nichts weiter als eine Spinne in seinem Bett halbtot geschlagen hatte. Und es hatte lange gedauert, bis er sich wieder traute, in einen Spiegel zu blicken. »Ich will ein Gleiter werden, verstehst du? Ich habe sogar schon meine eigene Windechse.«
»Aber nicht hier.« Trispen klang ungläubig. Aber in den Kreisen, aus denen er stammen mußte, war es wohl auch nicht üblich, ein so großes und teures Tier wie eine Gleitechse einfach zum Vergnügen zu halten.
»Natürlich ist sie hier«, erklärte Trelovar voll Stolz. »Im Pferdestall.«
Trispen stieß einen entsetzten Halbschrei aus. »Aber - da wird sie erfrieren!« Er schüttelte sich. »Und wo wir gerade dabei sind - wie ist das jetzt mit den Decken, die wir holen wollten? Ich schlage vor, wir tun das zuerst, dann retten wir deine Echse, und dann sehen wir nach, ob unser Mitbewohner endlich den Weg nach oben gefunden hat.« Er deutete auf das Bett neben der Tür, das immer noch nicht belegt war.
Trelovar zögerte noch etwas. Er hatte sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, ob der Pferdestall nun der richtige Ort für eine Echse war, und obwohl er wahrscheinlicher war, daß Trispen keine Ahnung von der Windechsenhaltung hatte, glaubte er dem anderen schließlich.
»Aber wo sollen wir sie statt dessen unterbringen?« fragte er. »In diesem Zimmer ist doch kaum Platz für uns!«
»Halte dich an mich«, antwortete Trispen lächelnd. »Und vertrau mir!« Er streckte Trelovar eine Hand hin, die dieser vorsichtig nahm. Für gewöhnlich hätte er das nicht getan, aber da Trispen es sich offenbar in den Kopf gesetzt hatte, sein Freund zu werden, wollte Trelovar ihn nicht weiter verärgern. Vielleicht war es ganz gut, an einem Ort wie diesem einen Freund zu haben, und ein angemessenerer würde sich wohl kaum finden.
Trispens Hand war nicht kälter als andere, aber Trelovar fiel auf, daß sich eine Gänsehaut am Arm des anderen Jungen hochzog. Offenbar war ihm wirklich ziemlich kalt. Und die Decken, die auf dem Bett lagen, waren dünn.
»Also gut«, sagte Trelovar mit einem leisen Seufzen. »Wir werden versuchen, noch ein paar Decken zu bekommen.


Trispen hatte sich seine neuerworbenen Decken über die Schultern gehangen, und nun schleiften sie wie ein zu langer Umhang hinter ihm her. Dementsprechend königlich waren auch seine Bewegung und Haltung. Trelovar fühlte sich an seinen Vater erinnert, wenn dieser hohes Gericht hielt. Und es war schon fast eine Beleidigung, daß jemand wie Trispen Camborn, jemand aus dem niederen Volk, es wagte, seinen Regenten derart zu imitieren. Aber auf der anderen Seite sah es lustig aus.
»Und? Ist dir jetzt wärmer?« fragte er, während er hinter seinem Freund herhuschte auf dem Weg in die Ställe.
»Wundervoll! Und du warst großartig! Wie du ihn angesehen hast, als würdest du ihm gleich die Kehle durchbeißen! Gib zu, es hat dir Spaß gemacht!« Trispen schien förmlich überzuquellen vor guter Laune, und Trelovar wollte ihn nicht verärgern. Ihm hatte es nämlich keinen Spaß gemacht, den Rektor zu erpressen. Aber jetzt hatte sie die Decken, und es würde nicht noch einmal nötig sein, den Wahnsinnigen zu spielen.
»Willst du die Decken nicht erst einmal in unser Zimmer bringen?« Es war besser, das Thema zu wechseln, als noch länger auf die Beschaffung einzugehen. »Oder hast du vor, sie jetzt immer so zu tragen?«
»Vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee«, überlegte Trispen. »Sie halten mich warm. Aber was, glaubst du wohl, hält man von einem Schüler, der unentwegt mit zwei Bettdecken behangen herumläuft? Hatten wir uns nicht geeinigt, daß du der Wahnsinnige von uns bist?«
»Das heißt, ich soll sie tragen?« fragte Trelovar und versuchte sich zum ersten Mal in seinem Leben an einem Grinsen, was wohl auch ganz gut gelang, denn Trispen erwiderte es.
»Nein. Dann nutzen sie mir auch nicht mehr, und sie werden nur schmutzig und scheuern durch. Aber ich habe dir Versprochen, daß wir deine Echse retten. Und das tun wir jetzt.« Trispen kicherte. »Eine Sache mußt du dir merken: Ich bin arm, und ich habe nichts zu verlieren als meine Ehre. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als zu meinem Wort zu stehen, komme was mag.«
Aber das Zimmer konnte warten, und ein wenig schmutzig durften die Decken ruhig werden - erst einmal galt es, eine junge Echse zu retten.
Farmaile quietsche unglücklich, als sie ihren Herren kommen sah. Die Pferdeställe waren mit Stroh ausgelegt, nicht glattgefegt, wie Echsen es gerne hatten, und auch das Futter war nicht geeignet, um das edle Tier lange bei Gesundheit zu halten. Entsetzt über dieses Elend, das er selbst zugelassen hatte, sprang Trelovar zu Farmaile hin und schlang beide Arme um ihren Hals. Die Schuppen waren immer noch feucht vom Regen. Niemand hatte sie abgetrocknet, und Windechsen besaßen keine eigene Körperwärme, um Nässe schneller verdampfen zu lassen.
»Ich werde nicht fragen, ob das deine berühmte Echse ist«, bemerkte Trispen. »Die Auswahl ist zu klein, als daß man lange raten müßte. Auf diesem Vieh bist du also gekommen?«
»Farmaile ist kein Vieh!« brauste Trelovar auf. »Wie kannst du es wagen, sie derart zu beleidigen? Du siehst doch, wie sie leidet!«
Trispen schüttelte den Kopf. »Ich begreife schon. Dieses Vieh war sehr teuer, und darum muß es gut behandelt werden. Ich habe oft genug an Orten geschlafen, gegen die dieser Stall hier ein wahrer Palast ist.« Er trat etwas von dem Stroh in die Luft, das noch frisch war und langsam wie ein goldener Regen zu Boden fiel.
Trelovar wußte nicht, warum er ihn so traurig anblickte. Vielleicht hatte ihn diese Bemerkung tief berührt, und er konnte die Armut und das Leid seines Freundes fast selbst spüren. Aber vielleicht war es auch nur Enttäuschung, weil Trispen Farmaile nicht die Bewunderung entgegenbrachte, die sie doch so sehr verdiente. »Du magst sie wirklich nicht?« fragte er leise.
»Sie ist wunderschön«, antwortete Trispen, und diesmal leg wahre Ehrfurcht in seiner Stimme. »Sie verdient es, daß du sie so sehr liebst. Vielleicht wirst du eines Tages begreifen, daß ein guter Freund ebensoviel wert sein kann wie eine Echse. Aber bis dahin sollten wir deinen Schatz erst einmal ins Warme bringen. Diese Pferde hier dampfen zwar ganz schön, aber auf die Dauer ist es doch viel zu kalt.« Er lachte geheimnisvoll. Trelovar strahlte innerlich, zu beherrscht, um seine Freude zu zeigen. »Und ich weiß auch schon genau den richtigen Ort für sie.«
Nun war es Farmaile, welche die Decken trug, damit sie in den Gängen der Akademie nicht so schnell auffiel. Natürlich wußten beide Jungen, daß ein wandelnder Deckenhaufen nicht weniger Blicke auf sich ziehen würde als eine Windechse, ganz zu schweigen davon, daß immer noch große Teile von Farmaile zu sehen waren, aber es war einfach lustig, die Echse durch die Gänge zu schieben und sich vorzustellen, daß niemand wußte, was sie da taten. Die Akademie war wirklich nicht für Echsen gebaut, und es war ein Glück, daß Farmaile noch jung war. Mit einem ausgewachsenen Tier hätte es vielleicht größere Probleme gegeben.
»Aber wohin bringen wir sie denn?« fragte Trelovar verwirrt. »Das ist doch der Keller.«
»Ganz richtig erkannt«, nickte Trispen. »Ich bin schon ein paar Tage vor dir hier eingetroffen und hatte Zeit, den Ort zu erkunden, und ich habe schnell herausgefunden, wo der mit Abstand wärmste Platz ist. Zelah wird sich freuen, euch kennenzulernen.«
»Wer ist Zelah?« fragte Trelovar neugierig. Aber Trispen wollte ihm keine Antwort geben als ein geheimnisvolles Kichern.
Die breite Tür, die Trispen endlich aufstieß, führte in die Küche. Hier brannte ein riesiges Feuer, und eine mächtige Frau mittleren Alters, deren weiße Mütze sie unweigerlich als Köchin identifizierte, stieß einen erfreuten Schrei aus, als sie Trispen erblickte.
»Na so was! Der Camborn-Junge! Und noch immer genauso hungrig und verfroren wie gestern, möchte ich wetten.« Sie stieß einen zweiten Schrei aus, diesmal weniger erfreut. Das nächste Gesicht, in das sie blickte, gehörte zu Farmaile. Trelovar wußte, daß sie auf ihn selbst ähnlich reagiert hätte. Bis jetzt hatte sich noch nie jemand über seinen Anblick gefreut.
»Keine Angst, Zelah!« rief Trispen beschwichtigend. »Das ist doch nur eine Echse! Sie ist ganz lieb. Und das hier ist mein Freund Trelovar Torbryen. Er ist wahnsinnig, aber auch ganz lieb.« Er hatte Trelovar als seinen Freund bezeichnet, und darum wurde ihm das mit dem Wahnsinn schnell wieder vergeben. Darauf würden ohnehin noch früher oder später alle kommen. »Trelovar, das ist unsere unvergleichliche Köchin, Zelah Stibb.« Trispen trat an das Lebensmittel heran, die auf dem großen Tisch ausgebreitet waren, und beäugte sie kritisch. »Das ist ja alles noch roh! Hast du vielleicht etwas Genießbares für uns?« Er schenkte der Köchin einen flehentlichen Blick. Trelovar wandte sich verschämt ab. Er hatte schon genug Bettler gesehen, wenn er durch die Straßen der Stadt gemußt hatte, und einen Moment lang fragte er sich, ob sein Freund vielleicht auf diese Weise sein Überleben gesichert hatte. Aber die Köchin lachte nur.
»Ja, ja, wie ich es mir schon dachte: Hungrig wie ein leibhaftiger Drache.« Sie schüttelte den Kopf, als sie noch einmal zu Farmaile hinüberblickte. »In meiner Küche! Ein Drache!«
»Wen von uns meinst du damit?« fragte Trispen schelmisch. »Wir haben alle drei Hunger! Aber um Farmaile mußt du dir keine Sorgen machen. Sie ist glücklich, wenn sie ab und zu ein paar Mäuse fressen kann.«
Trelovar wollte widersprechen und erklären, daß Mäuse keine ausreichende Nahrung für eine Windechse waren. Aber die Veränderung, die bei dem Wort 'Mäuse' über die Köchin kam Er wußte, wie Morelas aussah, wenn die Rede auf Spinnen kam. Und das war noch harmlos zu der blinden Furcht in Zelah, war zu interessant, als daß man den Anblick hätte stören mögen. Stibbs Augen, als sie sich nun panisch umsah, ob sich auch wirklich keine dieser Bestien in ihre Küche gewagt hatte. »Echsen sind ganz ausgezeichnete Mäusefänger«, sagte er statt dessen. »Es gibt kaum bessere.«
Die Küche war ein wirklich schöner Ort, warm und gemütlich. Hier würde Farmaile es gut haben. Und bestimmt konnte man ihr auch beibringen, wie man Mäuse fing. Trispen nickte anerkennend, daß Trelovar seine Absicht so schnell erraten hatte. Vielleicht war die Akademie gar nicht so schlimm.


In der Nacht fand Trelovar keine Ruhe. Sein Bett war zu schmal und zu hart, die Decke zu kurz und zu kratzig. Vor allem aber hatte Trelovar noch nie zuvor sein Zimmer mit jemand anderem teilen müssen. Zu Hause hatte er einen großen hellen Raum, ganz für sich allein, mit einem Wächter vor der Tür, der eine doppelte Aufgabe zu erfüllen hatte: Zum einen verhinderte er, daß fremdländische Meuchelmörder in das Gemach eindrangen und den Prinzen töteten, zum anderen konnte er, sollte Trelovar des Nachts vom Wahnsinn befallen werden, ihn überwältigen, bevor er die Gelegenheit hatte, seinen Brüdern die Kehlen durchzuschneiden.
Aber nun lag Trelovar nicht mehr allein in seinen angenehm kühlen Seidenkissen, sondern in einer stickigen Kammer zusammen mit zwei anderen Jungen, von denen zumindest einer bestialisch schnarchte. Trelovar hatte noch nie zuvor Probleme mit Schnarchern gehabt. Einmal war Porlok, sein zweitältester Bruder, beim Abendessen eingeschlafen, mit dem Kopf auf seinen Teller gekippt und hatte zu schnarchen begonnen. Das war lustig gewesen. Nicht so das Grunzen, das nun den Raum erfüllte. So klang Morelas' Tapir beim Fressen, aber doch kein Mensch!
Am liebsten wäre Trelovar aufgestanden und hätte das Fenster geöffnet, denn mit etwas frischer Luft hätte der schnarchende Junge vielleicht eine freiere Nase bekommen, aber dann wäre es wieder zu kalt für Trispen geworden. Seufzend drehte sich Trelovar auf die andere Seite und starrte die rauhe Wand an. Es gelang ihm nicht einmal, seine Augen geschlossen zu halten.
»Chrrr-pruuust, chrrr-pruuust …« Das Schnarchen dauerte an. Und dann hörte es plötzlich auf.
Trelovar atmete erleichtert auf und hüllte sich ganz in das behagliche Schweigen, versuchte, hinüberzudämmern in einen Traum, in dem er auf Farmailes Rücken hoch über die Wipfel der Urwaldbäume glitt.
Ein leises, zufriedenes Lachen ließ ihn wieder hochschrecken. Trelovar hörte das Trappeln nackter Füße auf dem kalten Steinboden und Atmen direkt in Nähe seines Ohres. Nun blickte er doch hoch. Über sein Bett beugte sich Trispen Camborn.
»Jetzt schnarcht er nicht mehr«, sagte er und lächelte.
Trelovar nickte müde. »Das ist nett von ihm«, murmelte er. »Hoffentlich fängt er nicht gleich wieder an.«
»Nein«, antwortete Trispen, »das wird er nicht.«
Seine Stimme klang zu sicher, und sie hatte einen Unterton, der Trelovars Blut in den Adern gefrieren lief. Von einem unguten Gefühl erfaßt, sprang der Prinz aus dem Bett und lief hinüber zu der Stelle, wo der dritte Junge schlief. Es war zu dunkel, um viel zu erkennen, aber durch die Ritzen im Fensterladen fiel ein wenig Mondlicht herein, so daß Trelovar das Wichtigste sehen konnte - mehr, als ihm lieb war.
Der Junge lag auf dem Bett wie ein besonders friedlicher Schläfer. Sein Mund stand offen, der Kopf war weit in den Nacken gebogen, und Trelovar wußte, daß er tot war.
»Was ist mit ihm?« würgte er hervor. Er glaubte die Antwort zu kennen und fühlte sich, als ob ihm etwas die Kehle zuschnürte.
»Er hat geschnarcht«, antwortete Trispen ruhig.
»Aber …« Trelovar brach ab. Er konnte gar nichts mehr sagen. Trispen stand plötzlich neben ihm und hielt ihm mit beiden Händen Mund und Nase zu. Trelovar schlug in Panik um sich, aber da nahm der andere Junge seine Hände schon wieder weg.
»Jetzt schnarcht er nicht mehr«, sagte er, und im Mondlicht blitzten seine Zähne auf, als er lächelte.
'Du bist wahnsinnig!' wollte Trelovar schreien. Aber er wußte, daß dies ein Fehler war, und so hörte er sich nur sagen: »Er ist tot.«
Wenn Trispen doch wenigsten jetzt angefangen hätte zu zittern, zu weinen, irgendeine Form von Reue zu zeigen! Aber er nickte nur. »Das ist er wohl.« Er drehte sich wieder um und betrachtete den leblosen Körper im dritten Bett. »Sag mal - wie hieß er eigentlich?«
Trelovar konnte nur den Kopf schütteln. Der Junge hatte seinen Namen genannt, als er hereinkam, aber keiner von ihnen hatte ihn sich gemerkt. Und jetzt war er tot.
Hatte Trispen schon früher Menschen getötet, daß es ihm jetzt so wenig ausmachte? Trelovar fragte nicht, schon aus Angst, daß sein Freund 'Ja' sagen könnte.
»Trispen, du darfst so etwas nie wieder tun!« verlangte er so prinzlich wie möglich, aber seine Stimme war unsicher und kläglich wie die eines Kindes. »Versprichst du mir das?«
Langsam drehte Trispen sich um und trat wortlos auf Trelovar zu. Dieser wich zurück, als er das Glühen in den Augen des anderen erkannte. Nach zwei Schritten stieß er rücklings gegen sein Bett und kroch hinein, hätte um ein Haar versucht, sich unter seiner Bettdecke zu verkriechen. Trispen setzte sich neben ihn und legte eine Hand auf seine.
»Es wird auch nie wieder nötig sein«, flüsterte er. »Ab jetzt haben wir das Zimmer für uns.« Dann erst, sehr, sehr langsam, schien er zu begreifen, was er getan hatte. »Ich habe nicht daran gedacht, daß er sterben könnte. Ich wollte doch nur, daß er aufhört zu schnarchen!« Plötzlich wirkte er sehr klein und verloren. »Wenn der Rektor erfährt, was ich getan habe, wird er mich rauswerfen.«
Trelovar nickte schweigend. Trispen würde noch Glück haben, wenn er nicht vor Gericht gestellt wurde, aber die Zauberer hatten eine eigene Rechtsprechung, in welcher der König nichts zu suchen hatte. Was sie mit Mördern taten, wußte Trelovar nicht.
Trispen rutschte noch etwas näher an ihn heran. »Du weißt, daß es ein Unfall war. Aber das wird der Rektor nicht glauben! Ich habe hier keinen leichten Stand. Wie lange hat man dich auf deine magischen Fähigkeiten geprüft?«
»Gar nicht«, antwortete Trelovar. »Unser Hofmagus, Galabedon tor Martos, hat mir ein Schreiben gegeben, daß ich die nötigen anlagen habe.«
»Und woher weiß er das?«
»Das hat er so beschlossen. Niemand hat mich gefragt. Aber Galabedon hat mich großgezogen und kennt mich. Vielleicht hat er ja wirklich Recht.«
»Du bekommst eine Sonderbehandlung, weil du ein Prinz bist, soviel ist sicher«, stellte Trispen bitter fest. »Ich bin arm. Alles was ich hatte, ist für das Schulgeld draufgegangen, und vielleicht reicht es nicht mal bis zum Ende des Studiums. Wenn sie mich hier rauswerfen … Ich glaube nicht, daß ich etwas von meinem Schatz wiedersehen werde.«
»Was für einen Schatz hattest du?« fragte Trelovar neugierig.
Trispen schüttelte den Kopf. »Das wüßtest du wohl gerne! Aber ich darf auch meine kleinen Geheimnisse haben.« Von seinem Gewissensanflug war nichts mehr zu merken. Ein klein wenig fühlte sich Trelovar an Morelas erinnert, aber der war nie auch nur mit einem Wort darauf eingegangen, daß er seinen kleinen Bruder in einen Spiegel gestoßen hatte. Trispen gab die Tat immerhin zu. Nun dachte er einen Moment lang schweigend nach.
»Es wird schwer für dich, wenn ich gehen muß«, meinte er schließlich. »Die anderen mögen dich nicht. Sogar die Lehrer haben Angst vor dir. Einen anderen Freund als mich wirst du nicht finden. Und fünf Jahre hier, ohne Freunde … ich möchte nicht in deiner Haut stecken.«
Trelovar spürte einen Kloß in seinem Hals. Es war seltsam. Trispen Camborn hatte gerade einen Jungen getötet und war nicht weniger wahnsinnig als der gefürchtete Morelas, und doch fühlte sich Trelovar zu ihm hingezogen und wollte ihn als Freund nicht verlieren.
»Wir können das aber verhindern«, fuhr Trispen in verschwörerischem Tonfall fort. »Paß mal auf. Mir ist kalt.« Ohne lange um Erlaubnis zu bitten, zog er die Beine an und kroch zu Trelovar unter die Bettdecke. Seine Füße waren wirklich kalt. »So, das ist besser. Was ich meine ist - dieser Tote, das könnte genausogut die Tat eines Wahnsinnigen sein.« Es war die Tat eines Wahnsinnigen, aber das sagte Trelovar nicht. »Jeder weiß, oder glaubt zumindest, daß du wahnsinnig bist. Niemand würde noch Fragen stellen, wenn wir sagen, daß du es warst. Aber, und jetzt kommt das Besondere, sie würden dich auch nicht wegschicken. Im Gegenteil. Einen mörderisch wahnsinnigen Prinzen kann man nicht auf die Hauptstadt loslassen - du würdest es fertigbringen, deine ganze Familie zu töten. Du gehörst an einen abgeschiedenen Ort, und unter Aufsicht. Also hierher. Und wir könnten zusammen bleiben.«
Trelovar wollte schreien und aus dem Bett springen. Er wollte nicht für wahnsinnig gehalten werden, nicht für einen Mord bestraft, den er nicht begangen hatte. Aber er konnte sich nicht rühren. Angst und Trispens einschmeichelnde Stimme hatten ihn gebannt. Plötzlich wollte Trelovar, der doch keinen Ort auf der Welt so sehr haßte wie diesen, hier bleiben. Er wußte, daß Trispen ihn brauchte. Der Junge war wahnsinnig, er brauchte jemanden, der auf ihn aufpaßte. Was würde Trispen tun, wenn er jetzt fortgeschickt wurde - allein, ohne Geld, offen zurückgewiesen?
»Und?« fragte Trispen. »Was hältst du davon?«
»Dein Plan«, murmelte Trelovar. »Glaubst du, er funktioniert?«
»Todsicher.« Trispen kicherte, als er die doppelte Bedeutung bemerkte. »Jetzt sag schon ja! Stell dir nur vor, wie schön es hier sein wird, wenn wir zusammen sind!«
Trelovar konnte nicht sagen, warum. Aber er nickte.

Alle hatten es erwartet, und alle sahen sich bestätigt. Nun hatte Trelovar Torbryen also endlich den Verstand verloren! Die Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Valkurno, und das Land wartete gespannt darauf, wen der Prinz wohl als nächstes erwürgen würde. Nur einen gab es, der wirklich bereit war, zu Trelovar zu halten.
»Zunächst einmal«, sagte Trispen, »hat er ihn nicht erwürgt, sondern erstickt. So was kann doch schon mal passieren!« Der Rektor blickte ihn irritiert an. Trispen fuhr fort: »Er wollte ihn auch gar nicht töten. Aber der Junge hat so barbarisch geschnarcht, und er wollte ihm nur den Mund zuhalten, bis er damit aufhörte. Das macht ihn doch nicht wahnsinnig.«
»Es ist löblich, daß du versuchst, deinen Prinzen zu schützen«, erwiderte der Rektor. »Aber er hat einen Menschen getötet, und das kann man nicht ändern.«
»Man kann es auch nicht dadurch ändern, daß Ihr Trelovar jetzt in der Kerker werfen läßt oder ihn wegschickt! Glaubt mir, es ist das Beste, wenn er hier in der Akademie bleibt. Denkt euch doch nur, wenn er wieder frei herumliefe! Wie viele Leute könnte er dann ermorden?«
Trelovar war danach zumute, einfach nur noch zu schreien, aber das hätte die Leute, die ihn gefesselt hatten - seine Magister, die ihn darüber hinaus mit Magie gebannt hatten, daß er sich nicht mehr rühren konnte, so sehr er es auch versuchte - nur noch bestätigt. Warum hatte er sich nur darauf eingelassen, Trispen zu decken? Vielleicht hatte er ja wirklich den Verstand verloren.
»Wir haben hier hundert Jungen, die er töten könnte«, hielt der Rektor dagegen. »Ich will nicht jede Woche ein neues Beileidsschreiben aufsetzen müssen.«
»Aber das ist doch gar nicht nötig!« rief Trispen. Seine Stimme klang, als würde er jeden Moment die Geduld verlieren. Trelovar betete, daß dies nicht geschehen möge. »Trelovar wird überhaupt niemanden mehr töten, wenn ich auf ihn aufpasse! Ich kann ihn im Zaum halten, glaubt es mir! Immerhin ist es mir ja auch gelungen, ihn wieder zu beruhigen, als er mit schäumendem Mund vor meinem Bett stand. Ich kann das wirklich!«
Der Rektor und die Magister blickten ihn zweifelnd an. »Natürlich wäre es ein zu großer Skandal, einen Prinzen wegen Mordes anzuklagen«, meinte einer. »Aber wir können ihn nicht behalten!«
»Aber das seid ihr eurem Land schuldig! Behaltet Trelovar hier und macht einen Magier aus ihm. Dann ist er beschäftigt. Und ich kann wirklich auf ihn aufpassen!«
Der Rektor nickte. »Wenn er ein Magier wird, fällt er auch aus der Erbfolge heraus, und niemand muß mehr befürchten, daß er eines Tages König wird, selbst wenn er all seine Brüder umbringen sollte. Möglicherweise hat der Junge Recht.«
Trelovar sah, wie Trispen erleichtert aufatmete. Die Gefahr, daß er die Nerven verlor, schien gebannt. Was der Junge jedoch als nächstes tat, übertraf alles Vorherige: Er versuchte, den Magistern Befehle zu erteilen.
»Jetzt laßt ihn endlich los! Es gibt keinen Grund, ihn zu fesseln. Ich verbürge mich dafür, daß er nichts mehr anstellt.« Sie gehorchten ihm. Von der magischen Umklammerung befreit, stürzte Trelovar zu Boden. Trispen nickte zufrieden und fügte hinzu: »Und schafft endlich dieses dritte Bett aus unserem Zimmer. Es nimmt nur Platz weg. Und Ihr wollt doch kaum einen weiteren Jungen der Gefahr aussetzen, ein Zimmer mit einem Verrückten teilen zu müssen.«
Er ging zu Trelovar hinüber und half ihm aufzustehen. Dann nahm er ihm beim Arm und führte ihn fort, wie ein kleines Kind, das noch nicht allein laufen kann. »Das hast du wunderbar gemacht«, flüsterte er. »Oh, ich bin so stolz auf dich! Jetzt können wir für immer zusammen bleiben.«
Trelovar hatte das ungute Gefühl, daß er damit richtig lag.

(c) by Maja Ilisch


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