Ursprünglich gehörte ein Prolog zu meinem DSA-Roman (»Die Mühle der Tränen«, Heyne 2002). Dann aber befanden einige Testleser, dass die Geschichte zu verhalten anfängt und noch eine Actionszene vor der ersten Actionszene benötigt. Also habe ich eine solche dem Buch vorangestellt und all das ins erste Kapitel aufgenommen. Wie der Prolog davor aussah, kann man hier nachlesen...


Träume
Prolog

von Alexander Lohmann


Es war dunkel. In der Ferne zuckte grelles Licht in schmalen Linien auf und verblasste wieder.
Jelais stand allein in dieser Finsternis, die selbst für ihre scharfen Elfenaugen undurchdringlich war. Sie irrte umher und rief etwas, aber es ging unter im Heulen geisterhafter Stimmen, die lauter wurden und bald aufgebracht brüllten. Sie zerrten an der Elfe. Mühsam klammerte Jelais sich am weichen, nachgiebigen Untergrund fest. Die Stimmen tobten wütend um sie, pfiffen und kreischten. Irgendwo in der Dunkelheit brach Holz, und Jelais spürte, wie sie an Halt verlor. Und immer häufiger flackerte das Licht auf, formte die Umrisse eines Tores ...
Selbst schreiend fuhr Jelais aus dem Traum empor. Sie saß aufrecht im Bett, in einem Gastzimmer des Ossid von Beregren in Wehrheim. Ihr Herz schlug wild. Sie war noch erhitzt von dem Albtraum, aber schon spürte sie eine stechende Kälte. Trotz der geschlossenen Läden zog ein schneidender Firunswind durch den Raum und zerbiss ihre Haut, denn im Schlaf hatte sie ihr Lager zerwühlt und die Decken beiseite gestoßen. Immer noch hielt eine Hand das Laken, das sie halb herausgezogen hatte.
Da war auch wieder das Leuchten - im Schein eines flackernden Blitzes sah Jelais deutlich die Umrisse ihres Fensters. Jeder Spalt im Holz des Fensterladens wurde für Sekundenbruchteile zu einer strahlenden Sonne. Das Heulen war noch lauter als im Traum, auch die anderen Geräusche. Ein furchtbares Unwetter war über die Stadt gekommen, wie man es in der kalten Jahreszeit nur selten erlebte. Jelais hörte keinen Regen, aber Blitze zuckten unregelmäßig und allzu oft, der Donner war ohrenbetäubend und der Wind schüttelte und zerrte an dem Haus. Die Elfe konnte hören, wie Dachschindeln losgerissen wurden und an die Fassaden der umliegenden Häuser schlugen.
»Was ist denn los? Sie schlagen ja die Tür ein!«, rief Brana noch im Halbschlaf. Wundersamerweise war die Gauklerin nicht früher wach geworden. Sie hatte einen festen Schlaf, und selbst jetzt fand sie nur langsam in die Wirklichkeit. Obwohl Jelais die Zähne ihrer Reisegefährtin aufeinander schlagen hörte, hatte Brana noch nicht einmal bemerkt, dass sie fror.
»Was für ein Lärm - ein Unwetter!«, wurde der Gauklerin nun erst bewusst.
Jelais sprang aus dem Bett und tastete nach ihrer Kleidung. Es war kalt, und bei einem Gewittersturm wie diesem wollte sie nicht still im Bett liegen. Wie konnte dieser Menschenbau überhaupt den tobenden Urgewalten trotzen? Und war es wirklich möglich, dass die Männer allesamt noch schliefen?
Ossid von Beregren war nicht wohlhabend. Der adlige Gelehrte besaß nur das kleine Stadthaus und lebte von den geringen Zuwendungen, die ihm sein Neffe zukommen ließ, der das Landgut der Familie geerbt hatte. Gerne aber nutzte Ossid seinen Besitz, um über den Winter Besucher aufzunehmen. Insbesondere, wenn sie aus fernen Ländern kamen und allerhand zu berichten hatten. Die geschilderten Reiseerlebnisse hielt Ossid schriftlich fest. Als Privatgelehrter hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, aus seinen Aufzeichnungen der Nachwelt ein Bild Aventuriens zu hinterlassen. Für eine Bardin wie Jelais war es natürlich verlockend, im Austausch für einige Geschichten ein Winterquartier zu erhalten. Zwar musste sie mit ihrer Reisegefährtin Brana Bett und Kammer teilen, aber in den kalten Monaten war das ein Vorteil.
Jelais scharfe Ohren hörten inzwischen auch Schritte auf dem Flur, flüsternde Stimmen. Rasch eilte sie zur Türe.
»Was ist? Wer ist im Zimmer?« fragte Brana erschrocken.
»Ich natürlich - was denkst denn du?« gab Jelais zurück. »Schlaf weiter, wenn du fortgeblasen werden willst. Aber dieses Wetter ist ein Lied wert, und ich werde es nicht in meinem Bett abwarten!«
»Wo ist denn die Decke?«, hörte sie noch die verschlafene Stimme der Gauklerin hinter sich, als sie die Türe öffnete und in flackerndes Lampenlicht blickte. Nach einem kurzem Atemholen der Elemente, einem Augenblick der Stille, ließ ein Donnerschlag das Haus erzittern. Jelais hörte in der Nähe Glas und Holz bersten.
Ossid stand mit einer Öllaterne auf der Galerie, neben ihm duckte sich der Zauberkundige Meirden unter seinen Stab wie unter einen Blitzableiter. Der Illusionist trug nichts weiter als ein lächerlich kurzes Leinennachthemd, aus dem seine dürren Beine weit herausragten.
»Das war nah«, hauchte der Gastgeber beeindruckt zu Jelais.
Der Sturm blies wieder um das Haus, mischte sich mit prasselndem Niederschlag. Aber nach der einen, letzten Entladung hatte das Gewitter an Kraft verloren. Die zuckenden Blitze waren schwächer, und der Donner verhallte. Im sanften Lampenschein glitzerten unten im Flur Eiskristalle. Feine Hagelkörner wehten in dichten Schwaden ins Haus und tanzten durch das Erdgeschoss, ehe sie sich zu einer glitzernden Schicht auf den Boden legten.
»Das Fenster neben der Haustüre«, wies Jelais auf die eindringenden Firunsboten hin. »Es muss gesplittert sein.«
»Nach diesem Unwetter muss ich wohl nicht nur das Fenster reparieren lassen«, seufzte der Gelehrte. »Ich habe deutlich gehört, wie der Sturm mein Dach abgedeckt hat.«
»Der letzte Blitz - bestimmt hat er hier eingeschlagen! Vielleicht brennen wir schon!« rief Meirden panisch dazwischen. Seine gehetzten Blicke suchten nach einem Brandherd. 
Die Elfe beschwichtigte beide. »Nein, so schlimm war es nicht. Einige Dachschindeln haben sich gelöst - aber hört nur: Der Wind lässt nach, und auch der Hagel. Der Blitz ist zwar nahebei eingeschlagen, aber nicht im Haus. Wir sollten nach draußen blicken, ob es in der Straße brennt. Eure Menschenstädte sind ja so anfällig ...«
»Wälder brennen auch, wenn der Blitz einschlägt«, brummelte der Zauberer missmutig, blickte auf seine Füße und schämte sich seiner Furcht. Aber er war halbwegs beruhigt, denn er verließ sich auf Jelais scharfes Gehör und ihre Vertrautheit mit den Naturgewalten.
Zu dritt stiegen sie die Treppe hinab zur Eingangstüre. Im Fortgehen hörte Jelais bereits wieder Branas gleichförmige Atemzüge.

(c) by Alexander Lohmann


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