Dies ist ein Prolog zu einem Roman, den ich aber erst schreiben werde. Da wollte ich einfach mal "ausprobieren", ob das ganze überhaupt was taugt


Venland Mansion - Strangeland Sountrack
Prolog

von Katharina 'Elena' Stegen


Es war heiß, unerträglich heiß.
Die Hitze schien aus dem Boden zu kommen und dann nirgendwohin entweichen zu können, da dichte Wolken aus Abgasen dies verhinderten. Auch die Sonne hatte es nicht geschafft, sich ihren Weg durch den Smog zu bahnen; sie blieb als ein zerfranster Feuerball am Himmel hängen.
Auch der Wind wirbelte nur den Staub auf, der die Straßen bedeckte. Diese Straßen waren Überreste alter Zivilisation; heute gab es hier keine Autos mehr, und dennoch war die Luft so verpestet, dass man schon seit Jahren die Sonne nicht mehr sehen konnte.
Die Abgase kamen von den Fabriken im Osten, deren hohe Türme sich in den Himmel bohrten wie erhobene Finger, als wollten sie den Menschen ihre eigene zerstörerische Kraft vorwerfen.
Hier gab es meilenweit nichts als Wüste, eine sandige Einöde mitten in Venland. Zumindest konnte man das glauben, aber wenn man genauer hinsah, erkannte man ein kleines Kaff, das am Rande der Wüste sein Dasein fristete. Und in dieses kleine Dorf kam der Fremde.
Es war Mittag; außer zwei kleinen Jungen war niemand auf der Straße. Sie bemerkten den Fremden nicht, so sehr waren sie in ihr Spiel vertieft. Der Fremde schaute ihnen eine Weile zu. Sie hatten einen alten Metallgegenstand gefunden, vielleicht Überreste einer Bombe aus den großen Kriegszeiten. Keine Mutter hätte zugelassen, dass ihr Kind mit so etwas herumspielte, aber diese beiden hatten vermutlich schon lange keine Eltern mehr. Die Knochen traten unter ihrer dunklen Haut hervor, und wie Kabel zeichneten sich ihre Adern darunter ab. Die Beine der beiden waren mit roten Flecken übersät, Zeichen einer Krankheit, die sich schon lange in ihre kleinen Körper gefressen hatte.
Jetzt sah einer von den beiden auf und entdeckte den Fremden, der nicht weit von ihnen entfernt auf der Straße stand.
Hastig stieß er seinen Freund mit dem Ellenbogen an. Dieser sah auf, entdeckte den Fremden, und der selige Ausdruck wich von seinem Gesicht. Hastig packten beide ihr Spielzeug und verschwanden in einer kleinen Gasse zwischen zwei Häusern.
Etwa zu diesem Zeitpunkt trat Bull aus seiner Bar. Da es früher Nachmittag war, hatte er noch keine Gäste. Er kannte die Gewohnheiten seiner Kunden und wusste, der erste träfe sowieso erst gegen sechs ein.
Er strich sich über die kurz geschorenen Haare und wischte den Schweiß an seiner dreckigen Schürze ab. Zwischen seinen Lippen steckte eine verkrüppelte Zigarette. Er nahm sie kurz heraus, um auszuatmen und nahm sie dann wieder in den Mund. Dem nächsten Zug folgte ein raues Husten, und er wischte sich den Mundwinkel ab, als sein Blick auf den Fremden fiel. Er stockte mitten in der Bewegung, nahm dann die Hand herunter und musterte den Mann gründlich.
Der Fremde war groß und für diese Gegend höchst merkwürdig gekleidet: Er trug einen langen, schwarzen Mantel mit hohem Kragen; seine ebenfalls schwarze Hose steckte in dunklen, schweren Stiefeln. Der Mann war deutlich älter als Bull: sein Gesicht war kantig mit dem leicht hervorstehenden Kinn und der scharf aus dem Profil stechenden Nase, und Bull überlegte, wie viel Geld der Fremde wohl dabei haben mochte.
Die weißen Haare des Mannes standen stachelig nach hinten, und seine eingefallenen Wangen waren das genaue Gegenteil von Bulls vollem Gesicht. Trotzdem sah er nicht abgemagert aus, und Bull kam zu dem Schluss, dass der Mann eine Menge Geld haben musste.
Während der Barmann ihn unverhohlen gemustert hatte, hatte der Fremde nur zur Seite gestarrt; jetzt bohrten sich seine hellblauen Augen in die von Bull.
Eine Weile standen sie schweigend da und starrten einander an. Schließlich sagte Bull: »Ey.«
Der Fremde reagierte nicht darauf, also fuhr Bull fort: »Was will’n einer wie du hier?«
Es kamen nicht oft Fremde nach Bull’s Eye, so lautete der Name des Dorfes; Bull hatte aufgehört, sich zu fragen, was seine Mutter geritten hatte, ihn nach dem Dorf zu benennen; aber es deutete das an, was er schon immer geahnt hatte: dass er bis zu seinem Tod nicht aus diesem Kaff herauskommen würde. Da Bull noch immer keine Antwort bekam, wurde es langsam wütend. Mit einem leicht gereizten Unterton fragte er: »Biste einer dieser Diebe, die hier herumschleichen soll'n? Die stehlen uns das ganze Vieh weg, diese Bastarde.«
Der Fremde sah sich langsam um. Schließlich antwortete er mit einer tiefen und ruhigen Stimme: »Hier hat man doch schon alles gestohlen, was es zu stehlen lohnt.«
Wieder schwiegen sie eine Weile, dann drehte sich Bull um und ging in seine Bar zurück.
Der Fremde blieb auf der Straße stehen, allein mit der Sonne.


Inzwischen war es Abend geworden und die Bar hatte sich mit Leuten gefüllt, die nach der anstrengenden Arbeit noch einen trinken wollten.
Es waren dieselben Leute wie immer, doch plötzlich fiel Bull dieses Gesicht auf: Der Fremde hatte sich an den äußersten Rand der Theke gesetzt und beobachtete das Treiben in der Bar.
Ab und zu fiel der Blick eines der anderen auf ihn, aber er verweilte dort nie lange: hastig drehte sich der andere weg und tat so, als hätte er den Fremden nicht bemerkt.
Man ließ ihn deutlich spüren, dass hier Leute wie er unerwünscht waren. »Ey«, sprach Bull den Mann jetzt an. Der wandte dem Barbesitzer nicht einmal das Gesicht zu, sondern blickte unverändert in den Raum hinein. »Ey, du! Was willst'n du hier?«
Der Fremde antwortete nicht, sondern erhob sich und verließ mit einer Gelassenheit, die Bull zur Weißglut brachte, den Raum.
»Jetzt reicht’s mir mit dem!«, fluchte Bull und stürmte dem Mann hinterher; irgendeine der bereits vollkommen betrunkenen Gestalten an der Theke rief ihm zu: »Ey Bull, mach dir wegen so einem doch keinen Kopf«, doch er ignorierte es.
Vor Wut schnaufend trat Bull in die kalte Nacht hinaus. Schon bei seinem ersten Blick merkte er, dass der Fremde nicht mehr hier war. Trotzdem schaute er in die Finsternis hinein, suchte nach einem Schatten in der Gestalt des Fremden und horchte nach einem Geräusch.
Doch er fand nichts.
Er wollte gerade wieder in die Bar zurückstampfen, als er hinter sich eine Stimme hörte: »Erst willst du mich nicht in deiner Bar haben, und dann läufst du mir hinterher…« Es war eine Feststellung, die der Fremde traf, ohne jegliche Wertung.
Bulls Kopf glühte, als er sah, dass der Fremde die ganze Zeit mit dem Rücken zu ihm auf der Bordsteinkante gesessen hatte.
»Das geht dich’n Scheißdreck an, Fremder!«
»Warum so misstrauisch?« Jetzt zog der Fremde etwas aus der Tasche und stellte es neben sich ab.
Bull machte sich nicht die Mühe, zu schauen, was es war, sondern redete weiter: »Solche wie du komm'n nicht oft her, und du redest ja auch kein beschissenes Wort… Wer weiß, was Leute wie du mit sich bringen an Scheiße.« Bull zog eine zerbrochene Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Der Fremde antwortete nicht, sondern schaltete das Gerät neben sich ein. Jetzt betrachte Bull es doch: Es war ein kleiner Kasten mit Lautsprechern daran und einer Art Antenne auf der Oberseite.
Aus den Lautsprechern tönte nun eine leise Musik. Bull stellte verwundert fest, dass er so etwas wie Musik schon seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gehört hatte, und schon gar nicht eine solche.
Es war ein vollkommen verwirrendes Geschrammel, unterlegt mit einer subtilen Melodie, die man nur hörte, wenn man darauf achtete.
»Was soll das?«, murmelte Bull.
In dem Moment zog der Fremde noch etwas aus der Tasche, und Bull entfuhr ein »Ach du Scheiße!«
Es war eine Schusswaffe, wie Bull sie noch nie zuvor gesehen hatte: Der Lauf war mindestens fünfunddreißig Zentimeter lang und fast zehn Zentimeter breit, und bestimmt war die Waffe schwer. Aber der Fremde hielt sie mit einer Leichtigkeit in der Hand, die zeigte, dass er den Umgang damit gewöhnt war.
Langsam schob der Mann das Magazin ein und entsicherte.
»Ey, mach keinen Scheiß!«, presste Bull hervor, aber er traute sich nicht, sich zu bewegen; wer wusste, was der Irre vorhatte?
Plötzlich sah Bull eine Bewegung in der Dunkelheit. Ein Mensch? Nein, es bewegte sich kriechend, langsam, als würde es gegen seinen Willen angezogen.
Und der Fremde hielt genau darauf.
Einen Moment lang hörte man nur das leise Summen der Musik; dann krachte es einmal, und eine Patronenhülse fiel zu Boden.
»Scheiße!« Bull starrte auf das Ding, auf das der Fremde geschossen hatte. Es zuckte noch einmal auf, aber dann verlor es den Todeskampf und blieb reglos liegen. »Scheiße.« Es sah aus wie eine überdimensionale Mischung aus einer Gottesanbeterin und einer Spinne, und der riesige Leib war mit schwarz-roten Zeichen übersät.
Ihr Körper strahlte noch ein schwaches, gelbliches Licht aus, das nun aber auch erlosch.
»Was war das?«, fragte Bull mit einem Zischen, aber der Fremde gab ihm keine Antwort, sondern sah konzentriert in eine Ecke. Die Musik lief noch immer. Plötzlich feuerte der Fremde wieder, nur ein Schuss, und Bull hörte das ersterbende Kreischen eines weiteren, ebenfalls kurz aufleuchtenden Tieres. Noch ein Schuss.
Noch einer.
Bull zählte nicht mit.
Irgendwann ließ der Fremde das leere Magazin auf den Boden knallen und schob mit einer routinierten Handbewegung das nächste nach.
Wieder knallte es.
Für einen Moment wunderte sich Bull, dass keiner aus der Bar herauskam; dann aber fiel ihm ein, dass es drinnen bestimmt noch lauter war, und außerdem kümmerte sich jeder sowieso nur um seinen Kram.
Inzwischen war ihm seine Zigarette aus dem Mundwinkel gefallen; er bemerkte es nicht. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte er das Schauspiel. Irgendwann war es vorbei: Der Fremde steckte seine Waffe zurück in den Mantel und schaltete die Musik aus. Dann nahm er auch den Kasten und ließ ihn in den Weiten seines Mantels verschwinden.
»Die lebten hier schon lange«, sagte er wie beiläufig, »sie kommen immer in der Nacht heraus und fressen Kühe und Schafe. Diese Musik zieht sie magisch an.«
»W-warum…?« fragte Bull, und der Fremde antwortete: »Ich weiß nicht, wieso. Außerdem…«
Er verstummte, als hätte er bereits zu viel gesprochen. Und tatsächlich war das der längste Satz, den der Fremde je zu Bull sagen würde.
Dieser stand noch immer vollkommen gebannt da und brachte kein Wort raus. »Ich nehme mir noch meine Belohnung mit… Es ist wenig, aber für jemanden wie mich genug«, sagte der Fremde. Er hob seinen Mantel am Saum an und beschrieb dann mit der Hand einen Halbkreis. Bull schien es, als hätte er damit etwas eingefangen, und tatsächlich öffnete der Fremde die Musikbox, als wollte er etwas hineintun.
Bull hörte für eine Sekunde ein gedämpftes Geschrei, Gerede wie aus der Ferne, und ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Dann verschloss der Fremde die Box und steckte sie ein.
Ohne ein Grußwort verschwand der Mann, und Bull sah ihn nie wieder. Trotzdem blieb dies die beeindruckendste Begegnung in seinem Leben, aber er würde niemandem davon berichten können. Seit diesem Tag nämlich konnte er nicht mehr reden, und er war sich sicher, dass der Fremde ihm die Stimme geraubt hatte. Überhaupt niemand in Bull’s Eye konnte mehr sprechen, seit der Fremde sich seinen Lohn genommen hatte.
Seit diesem Tag hatte Bull’s Eye den Beinamen: »Die Stadt des Schweigens«

(c) by Katharina 'Elena' Stegen


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