Weisheit, Stärke, Gerechtigkeit
Prolog
von Julia Hrdina
Es war still im Schloß, als Prinzessin Siammeh
zu ihrer im Sterbebett liegenden Großmutter gerufen wurde.
Die Bediensteten und Wachleute sahen zu Boden, als das Mädchen
an ihnen vorbeigeführt wurde, links der Vater, König
Parill, rechts die Mutter, Königin Valee. Sie trauerten schon
jetzt um die Königinmutter, die ihnen allen so ans Herz
gewachsen war.
Die Eltern blieben vor einer schweren Eichentür stehen, an der
ein schwarzes Tuch befestigt war; ein Zeichen dafür, daß
es bald einen Todesfall zu beklagen gäbe. Siammeh fühlte
sich beim Anblick dieses Zeichens immer unwohl und versuchte, einen
größtmöglichen Bogen um die betreffende Tür zu
machen. Auch wenn sie noch so jung war, wußte sie, was das
Tuch bedeutete, und sie wußte, daß sie ihre geliebte
Großmutter bald verlieren würde. Und diesmal war kein
Bogen um die Tür möglich.
Die Tür schwang wie von Geisterhand auf, und Siammeh hielt
einen Augenblick den Atem an. Das Zimmer war abgedunkelt, nur ein
paar Kerzen flackerten und wogten in einem leichten Windhauch, als
das fünfjährige Mädchen es betrat. Die Eltern
wollten vor der Tür warten, denn sie hatten sich schon
verabschiedet.
Sofort verfing sich die stickige Luft, die abgestanden schmeckte
und nach Krankheit und Alter roch, in ihren Lungen. Sie wollte
husten, aber sie unterdrückte es, wußte sie doch, wie
sie sich zu benehmen hatte. Siammeh ging langsam auf ein
großes hölzernes Himmelbett zu, um das ein Arzt in
heller Kleidung, ein paar Bedienstete, die über die letzten
Tage der alten Frau wachten. Je weiter Siammeh auf das Bett zuging,
desto größer wurde ihre Angst. Ihre Kehle war wie
zugeschnürt, als sie die letzten Schritte ging. Sie
stieß sanft mit den Knien an die Bettkante und ging hastig
einen kleinen Schritt zurück, damit niemand es bemerkte. Aber
sie alle waren zu sehr damit beschäftigt, um die Frau, um
Siammehs Großmutter, zu trauern, die bald nicht mehr unter
ihnen weilen würde.
Die alte Frau schlug flatternd die Augen auf und starrte Siammeh
ein paar Sekunden lang an, ohne sie zu erkennen oder einordnen zu
können. Sie bewegte lautlos ihren Mund, als ob sie etwas sagen
wollte, aber die Worte vergessen hatte.
»Siammeh.« krächzte sie schließlich, als das
Erkennen nun doch in ihren Augen aufflammte. »Meine kleine
Prinzessin.« Sie streckte eine Hand nach dem Mädchen
aus. »Siammeh...«
Siammeh trat näher an das Bett und nahm die runzlige, kalte
Hand der Frau und hielt sie sich an die Wange. Die Hand brannte auf
ihrer weichen Haut, und jede Falte war fühlbar. Siammeh nahm
die Hand wieder herunter und legte ihre andere Hand darauf. Aber
sie waren so winzig, daß sie sich richtig verloren
vorkam.
Die Königsmutter schloß ihre Hand um Siammehs zierliche
Finger, und sie sah das Mädchen so durchdringend an, daß
es nicht einmal wagte zu atmen. »Siammeh, ich möchte...
dir etwas geben, bevor meine Seele stirbt.« Sie hustete
leise. »Es ist ein Geschenk, daß ich eigentlich deinem
Vater geben müßte, aber ich will, daß du es
trägst.« Sie nestelte mit der freien Hand an ihrem Hals
und nahm schwer atmend eine silberne Kette von ihrem Hals, an dem
ein Anhänger regenbogenfarben glitzerte. Der Anhänger
reflektierte das Licht in all seinen Farben und schien mehr Licht
in das dunkle Zimmer zu zaubern, als eigentlich möglich war.
Siammeh machte große Augen, als sie sich bewußt wurde,
wie sehr der Anhänger das Zimmer erhellte. Er reflektierte das
spärliche Licht der Kerzen so grell, daß sie nicht lange
genug hinsehen konnte, um seine Form auszumachen. Sie blickte zu
Boden.
»Streck deine Hand aus, mein Kind.« Sagte die alte
Frau.
Siammeh zog ihre Hand aus der Umklammerung ihrer Großmutter
und blickte automatisch auf, in die Augen, die trotz aller Aussagen
des Arztes und trotz allen Alters noch leuchteten und funkelten.
Siammeh schluckte hart.
Sie streckte die Hand aus, und langsam senkte die Großmutter
ihre Hand, in der sie den leuchtenden Anhänger hielt. Es
fühlte sich an wie ein Windhauch, als der Anhänger
Siammehs Handfläche zart streifte, aber als sie die Kette
ablegte, brannte sie wie die kalte Hand der alten Frau auf ihrer
Haut.
»Paß gut auf es auf, dann wird es dich auch
beschützen, meine Kleine.« Sagte die Großmutter.
»Und jetzt geh. Ich wünsche dir, daß du eines
Tages eine gute Königin wirst. Meine Seele wird über dich
wachen.«
Sie schloß die Augen.
Und im gleichen Augenblick begriff Siammeh, daß ihre
Großmutter gestorben war.
(c) by Julia Hrdina