Die folgende Szene entstand zu einer Romanidee aus dem Fantasy-Genre. Welche Stellung dieses Fragment einnimmt, war mir selbst niemals so ganz klar: Der Einstieg zu dem Buch oder nur die Essenz, die in dieser Form niemals darin vorkommen wird? Nun, das Buch wurde bislang nicht geschrieben, und so musste ich die Frage bis heute nicht beantworten. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Fragmenten auf meiner Festplatte sehe ich den Text doch noch als Prolog an.


König des Winters
Prolog

von Alexander Lohmann


Die Garnison hatte die Stadt eben erst durch das südliche Tor verlassen, als eine kleine Gruppe sich dem nördlichen Zugang näherte. Sie waren nicht auf der Straße gekommen, mußten sich zuvor wohl unter den Bäumen am Rand der Wälder verborgen haben. Eben war der Weg zur Stadt noch leer gewesen - und plötzlich waren sie da, wie aus dem Boden gewachsen. 
Es waren Soldaten. Obwohl ihre Waffen und auch das Metall der Kettenhemden dunkel gefärbt waren, konnte man doch an manchen Stellen das wiedergespiegelte Licht der tiefhängenden Wintersonne sehen. Der Trupp sah recht ordentlich aus: Außer den blanken, geputzten Waffen, die sicher noch nie zu einem anderen Zweck als bei Parademärschen geführt worden waren, trugen die Männer auch noch lange, dunkle Mäntel, mit großen Spangen und Broschen verziert. Auch jedes andere Kleidungsstück sah aus wie neu, selbst die Sättel der Pferde. 
Und das waren sie auch. Noch wenige Stunden zuvor hatten die Männer ganz anders ausgesehen: In zerlumpte grüne Fetzen waren sie gekleidet gewesen, hatten rußgeschwärzte Gesichter und abgewetzte Waffen durch die verborgensten Winkel des Waldes getragen. Aber diese Zeit war nun vorbei. 
Kaum waren sie sicher gewesen, daß die Truppen der Besatzungsmächte die Stadt für die Wintermonate räumen würden, da waren sie zu den verborgenen Lagern gestürmt und hatten sich etwas zweckmäßigeres angezogen. Zweckmäßig für den Einzug in die Hauptstadt. Vergessen waren all die Monate ängstlichen Versteckens, während derer sie nur wilde Tiere gesehen hatten und Köhler, die in den Wäldern ebenso wild wie die Tiere lebten. Jetzt zogen sie stolz und offen auf die Stadt zu, und das Bärenbanner des Landes flatterte ungebrochen über ihren Häuptern. 
Der König ritt an der Spitze der Gruppe. König? Ja, er war der König, hoffentlich. Oder zumindest würde er es bald wieder sein, hoffentlich. Der Feind war im Frühjahr gekommen. Gegen seine Macht hatte es keinen Widerstand gegeben, nur die Flucht. Er hätte verhandeln können, aber warum? Auf Entgegenkommen konnte er nicht zählen. Aber er hatte gewußt: Der Winter würde wieder hereinbrechen, und er würde den Feind ebenso sicher vertreiben wie eine gewaltige Armee. 
Jedoch die Sommermonate waren lang gewesen. Und die ganze Zeit hatte man ihn gejagt, überall. Nur gefunden hatten sie ihn nicht. Wie auch? Nie konnte man ihn finden, nicht in den Wäldern dieses Gebirges, es sei denn durch Verrat oder durch einen unglücklichen Zufall. Trotzdem hatte ihn die Angst davor in den ganzen Monaten nicht verlassen. 
Aber auch der Winter war lang hier in den Bergen. Und hart. Und er würde ihn nutzen. Beinahe hatten sie die Stadt jetzt erreicht. Schon erhoben sich die grauen, glatten Mauern vor ihnen. Bedrohlich? Abweisend? Das durfte nicht sein. Immerhin war es seine Stadt, nicht die Stadt seiner Gegner. Die Sommermonate waren lang gewesen, aber nicht lang genug, um ihn zum Fremden werden zu lassen. Oder? 
Einige winzige Schneekristalle fielen aus dem wolkenlosen Himmel und blieben verloren eine Weile auf seinem Mantel liegen, ehe sie verschwanden. Nicht einmal etwas Feuchtigkeit blieb zurück. Aber es war Winter, er hatte seine ersten Späher zur Erde geschickt. Und der Feind war noch vor ihrer Ankunft geflohen. 
Sie hatten den großen Torbogen erreicht, niemand hatte die Stadt vor ihnen verschlossen. Der König ritt als erster unter der Mauer hindurch. Dahinter blickte er sich um. 
Er sah die kleinen, sauberen Häuser der Stadt, seiner Stadt. Keine große Stadt, aber seine Stadt. Er sah die breite, wenn auch nicht ausgebaute Straße, die vor ihm lag. Gerade durch die Stadt hindurch führte sie zum zweiten Tor, dem südlichen Tor, dem Tor der Fremden. 
Und er sah die Menschen. Sie standen am Rand der Straße, schweigend, viele Menschen. Und sie sahen ihn, blickten ihn an. Aber sie schwiegen. Der König zögerte. War es ein eisiges Schweigen? Natürlich war es das. Wie sonst sollte man den König des Winters begrüßen? 
Er hob seine Arme und grüßte die Menge. Und die Menschen antworteten ihm. Sie erkannten ihn wieder an. Er war der König, die vergangenen Monate waren ausgelöscht aus dem Gedächtinis dieses Landes. Der König und seine Schar ritten weiter und genossen das Willkommen. Und der König freute sich. Er hatte nur noch einen Gedanken: Seine Zeit war gekommen. Er war wieder der Herrscher dieses Landes, und er würde mehr denn je der Schrecken seiner Nachbarn sein. Er war wieder da. 
Bis zum Frühjahr.

(c) by Alexander Lohmann


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