Yuvis' Geschichte
Prolog
von Monica Höfkes
»Facing the storm and there's no one by my
side,
The curse will take ist toll. Is it justice or a foolish pride.
As the wind is blowing cold and the winter takes control
How can I survive«
Ein heftiger Sturm wühlte das Meer auf und
ließ die verstreuten Schiffe wie Nußschalen auf dem
Wasser tanzen.
Irgendwo vor ihnen mußte das rettende Land liegen. Irgendwo
hinter diesem Vorhang aus kochender Gischt und peitschendem Regen.
Die Götter mochten wissen, ob sie jemals die verheißenen
Inseln finden würden. Aber die Seherin hatte es vorhergesagt,
nur aus diesem Grund waren sie jetzt hier.
Der Kapitän des ehemals stolzen Flaggschiffes warf einen
suchenden Blick über das Deck. Als er die weißgekleidete
Gestalt am Bug entdeckte, unterdrückte er einen Fluch und
stapfte in den Regen hinaus. Sofort traf ihn die volle Wucht des
Sturmes und er mußte sich zusammengekrümmt über das
Deck tasten.
Kaum kam er in die Nähe der Seherin, ließen die
Kräfte der tobenden Naturgewalten von ihm ab. Ein Schauder
rann über den Rücken des Kapitäns und er mußte
sich erneut in Erinnerung rufen, weshalb er eigentlich zu ihr
gegangen war.
»Ich muß Euch sprechen, Seherin, sofort.« Die
Dringlichkeit in seiner Stimme veranlaßte die Frau sich ihm
zuzuwenden. Ihr schmales Gesicht spiegelte ihre Erschöpfung
wieder, aber als sie schließlich antwortete, nachdem sie ihn
eingehend gemustert hatte, war nichts davon zu hören.
»Nun, Kapitän, dann sprecht.«
Er stellte sich neben sie an den Bug und blickte auf die tobenden
Wassermassen. Einen Moment brauchte er, um sich zu sammeln, dann
endlich räusperte er sich und sprach. »Unsere Schiffe
werden diesem Sturm nicht mehr lange standhalten können.
Unsere Vorräte neigen sich dem Ende zu. Wir sind jetzt seit
Wochen auf See, die Menschen werden unruhig. Wären alle
Seeleute, könnte man sie vielleicht beruhigen, aber mit den
Alten, den Frauen und Kindern sieht es ganz anders
aus.«
Er unterbrach sich und sah die Seherin prüfend an, aber sie
nickte nur und er fuhr fort: »Auf Euer Geheiß hin,
Thalya, haben wir uns auf den Weg gemacht, um eine neue Heimat
für unser Volk zu finden. Aber es wäre besser gewesen,
erst einmal diese Inseln zu finden, von denen Ihr spracht, anstatt
gleich alle, die übriggeblieben sind auf diese Suche mit zu
nehmen.«
Eigentlich erwartete er eine etwas heftigere Reaktion, aber alles,
was die Seherin auf seine anklagenden Worte erwiderte war:
»Kapitän Thrommond, glaubt Ihr wirklich, es hätte
noch ein Volk gegeben, zu dem diese Forscher hätten
zurückkehren können? Seit vielen Generationen sind wir
Nomaden, ständig auf der Suche nach einem Ort, den wir Heimat
nennen können. Aber auch nach einem Ort, an dem der Zorn der
Götter uns nicht erreichen kann. Wir sind nur noch wenige,
Kapitän, der kümmerliche Rest eines einst stolzen und
mächtigen Volkes. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis wir
unser Ziel erreichen. Seht, dort klärt sich das Wetter bereits
auf.« Sie wies in die Richtung, in die sie seit Tagen
gesegelt waren und tatsächlich, nicht allzu weit entfernt vor
ihnen konnte man einen Streifen blauen Himmels sehen.
Als hätten sie eine Schwelle übertreten ließ der
Sturm mit der gleichen Plötzlichkeit nach, mit der er
über sie gekommen war. Die fünf Dutzend Fregatten und das
Dutzend kleinerer Kriegsschiffe sammelte sich wieder zu einem
geordneten Flottenverband. Der Kapitän schickte die Burschen
mit den schärfsten Augen in den Ausguck und versprach
demjenigen, der als erster Land entdeckte ein Goldstück.
Nach Stunden des ängstlichen Wartens wurde ihre Geduld
schließlich belohnt. Noch weit entfernt, nicht viel mehr als
eine Ahnung am Horizont, konnte man eine Küstenlinie
entdecken. Die Flotte nahm Kurs, folgte dem Flaggschiff, in dessen
Bug die Seherin Thalya stand und die Richtung wies.
Sie erreichten die Hauptinsel, deren Südseite von einem
himmelstürmenden Gebirge gekrönt wurde und nahmen das
Land als ihre neue Heimat, von Aeolus gegeben, dessen Volk sie
fortan sein würden, in Besitz.
(c) by Monica Höfkes