Nach ihrer Flucht von Ilyanaris an Bord eines Fischerbootes trifft Thalya auf den Gott Aeolus in Gestalt eines Raben.
Yuvis und der Rabe
von Monica Höfkes
Im ersten Moment wußte
sie nicht, was sie geweckt hatte, denn es schien alles wie immer zu
sein. Dann jedoch hörte sie es wieder, ein Geräusch, das
nicht zum Rhythmus des Schiffes paßte.
Leise setzte sie sich auf und blickte sich verstohlen um. Dann sah
sie den Raben. Er hockte auf einer der Wanten und rieb seinen
Schnabel an den rauhen Tauen, was ein eigentümliches,
schabendes Geräusch hervorrief. Es war bis auf eine kleine
Bordlaterne völlig Dunkel. Nur wenige Sterne waren am Himmel
zu sehen. Die ganze Szenerie hatte etwas unwirkliches, so daß
Thalya sich fragte, ob sie nicht noch träumte.
Der Rabe flatterte von der Wante auf den Boden und näherte
sich Thalya mit komischen halb hüpfenden Schritten, die diesen
Vögeln eigen sind. Er krächzte leise und legte den Kopf
schief, als er sie äußerst aufmerksam beäugte.
Jetzt fiel ihr auf, wie groß der Rabe war und wie
ungewöhnlich sein Gefieder schimmerte. Seine bernsteinfarbenen
Augen waren durchdringend, ja sie schienen auf den Grund ihrer
Seele zu blicken und alles über sie zu wissen.
Wie einem inneren Zwang gehorchend streckte Thalya den Arm nach dem
Vogel aus und mit einem kleinen Hüpfer sprang der Rabe darauf.
Seine starken Klauen glänzten silbern und umklammerten ihren
Unterarm trotzdem mit vorsichtiger Sanftheit, als habe er Angst sie
zu verletzen.
Die junge Frau registrierte überrascht, wie leicht der Rabe
trotz seiner Größe war, eher wie eine Feder, die sich
auf ihrem Arm niedergelassen hatte, denn wie ein lebendes
Wesen.
»Was bist du nur für ein seltsamer Rabe? Und welcher
Wind hat dich ausgerechnet zu mir gebracht?«
Thalya war immer noch der Meinung, das der Vogel vom Wind auf die
offene See getragen worden war, und auf dem Schiff Schutz und Rast
gesucht hatte. Sie schaute ihn erwartungsvoll an, aber der Rabe
legte nur erneut den Kopf schief und musterte sie weiterhin
kritisch.
Zaghaft strich Thalya ihm mit dem Zeigerfinger über das
Brustgefieder. Es fühlte sich glatt und weich an und dabei
angenehm warm. Auch dem Vogel schien die Berührung nicht
unangenehm zu sein, denn als Thalya Anstalten macht, die Hand
wegzunehmen, lehnte er sich dagegen.
Erstaunt zog die junge Frau eine Augenbraue hoch, was der Vogel
seinerseits mit einem leichten Öffnen des Schnabels
quittierte, was einem Lächeln nicht unähnlich war. Jetzt
mußte auch Thalya lächeln. Dieser Rabe war
offensichtlich kein gewöhnlicher Vogel. Er war aus einem ganz
bestimmten Grund gekommen, die Frage die Thalya sich dabei stellte
lautete nur: aus welchem?
Eine uralte Inschrift im Tempel des Aeolus lautete: Raben sind des
Aeols Boten.
Wenn dies nicht nur eine Legende war, dann konnte dieser Rabe
durchaus ein Bote des Sturmgottes sein.
»Wunderbar, ich hatte mich schon gefragt, wann du endlich
darauf kommen würdest.«
Die Stimme war direkt in ihrem Kopf erklungen, aber als Thalya
zusammenfuhr und sich suchend umsah, fiel ihr der spöttische
Blick des Raben auf.
Ungläubig weiteten sich ihre Augen. Das konnte nicht wirklich
– aber es mußte so sein.
»Natürlich ist es so, was glaubst du
denn.«
Jetzt hatte eindeutig der Rabe gesprochen.
»Und jetzt mein Mädchen, setz mich doch bitte auf diese
Bank, dann können wir uns besser unterhalten.«
Thalya beeilte sich, der gekrächzten Aufforderung
nachzukommen, dann sank sie auf die Knie und blickte
ehrfürchtig zu Aeolus auf.
Sie konnte kaum fassen was ihr geschah, schließlich waren die
einzigen, denen der Gott erschien die Hohepriesterinnen und sie
– ja, was war sie eigentlich?
»Du bist Thalya, die Tochter Inyaras und die wahre
Herrscherin von Ilyanaris. Was dich dann übrigens zur Ersten
Priesterin macht,« der Rabe sprach jetzt weniger
krächzend, als er fortfuhr. »Und ich würde es
begrüßen, wenn du nicht so auf dem Boden vor mir hocken
würdest. Das macht mich kribbelig.«
Die junge Frau glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Sie hatte sich
nie vorstellen können, wie es sein würde die Stimme ihres
Gottes zu vernehmen, aber eines wußte sie: so hatte es nicht
geklungen.
»Wenn du dich bitte einen Augenblick abwenden könntest.
Ich muß aus dieser Vogelgestalt raus, sonst ist meine Stimme
bald völlig ruiniert«
Sofort trat Thalya wie geheißen, wobei sie tatsächlich
ein Kichern unterdrücken mußte. Ein Gott mit
Schamgefühl, also wirklich.
aus: Yuvis' Geschichte
(Arbeitstitel)
(c) by Monica Höfkes