Es ist nicht alles wie es scheint. Diese Geschichte spielt in einem mittelalterlichen England, in dem die Magie noch nicht ganz vergessen ist...


Der verzauberte Prinz

von Sabrina 'Shae' Kley und Kara Silver


Der kleine hellgraue Falke kreiste einsam über dem geschotterten Handelsweg, der sich von Havenfort bis hin zu einem kleinen Wäldchen schlängelte. Sein schwarzer Federschopf richtete sich unwillkürlich auf, als der Wald in sein Blickfeld geriet.
Das kleine Wäldchen, das der Falke einst gekannt hatte, war nicht mehr. Die Pflanzen und Bäume waren gewuchert und gewachsen, als hätte ein magischer Fluch sie in zwei Jahren um Jahrzehnte altern lassen. Vor ihm tat sich ein unheimlicher Wald auf, voller unbekannter, bunter Pflanzen, die schon von weitem ziemlich gefährlich aussahen. Das frische Dunkelgrün des Waldes wurde rasch von einem düsteren Schwarz verschluckt, so dass es unmöglich war, tiefer als zwei bis drei Schritte weit hinein zu sehen.
Neugierig kreiste der Falke näher. Von unten war er, wegen der weißen Färbung seines Unterleibes, nur als kleiner, heller Fleck am Himmel zu sehen. Wenn er überhaupt zu sehen war.
Ganze zwei Jahre war es nun her, dass er auf seine Suche aufgebrochen war. Und er hatte bis heute nicht eine Spur seines Freundes gefunden. Gut, Ayden war nicht besonders auffällig, mit seinen straßenköterblondbraunen Haaren, doch seine stechenden grünen Augen würde er in jeder noch so großen Menschenmenge wieder erkennen. 
Wäre er nur in seiner menschlichen Gestalt, er hätte voller Verzweiflung aufgeseufzt. Wäre er in seiner menschlichen Gestalt, er hätte sich auf einen Stein am Wegesrand gesetzt und geweint. Er hatte seinen besten Freund verloren, ebenso wie seinen menschlichen Körper. Und in den ganzen zwei Jahren hatte er nicht einmal Zeit gefunden, darüber zu trauern. Immer hatte er die Hoffnung gehabt, irgendwie eine Lösung zu finden. Doch nun, wo er heimgekehrt war, schien alle Hoffnung vergebens. Ein heiserer, krächzender Schrei entrang sich seiner ach so beschränkten Falkenkehle. Alles umsonst. 
Keine Chance zu lachen oder zu weinen, nie wieder richtige Beine haben und gehen, keine Hände, die andere Hände spüren konnten. Nie wieder sprechen können! Und wie er sich danach sehnte, sich mit anderen Menschen zu verständigen! 
Anfangs war es noch anders gewesen. Er hatte die Freiheit genossen, die sich ihn im Körper eines Falken bot. Er liebte das Fliegen, den Wind, der durch seine Federn strich. Doch wie gerne würde er dies jetzt eintauschen gegen einen gebrechlichen, erdgebundenen menschlichen Körper! 
Vier Nächte innerhalb der zwei Jahre, in denen er in den Körper eines Falken gebannt war, war der Fluch aufgehoben worden. Vier Nächte lang hatte er seinen eigenen Körper gespürt, hatte Tränen vergossen, die sich in ihm aufgestaut hatten, hatte gelacht und geschrieen, bis er nicht mehr konnte. Zu Beginn hatte er gedacht, diese Nächte seien willkürlich. Doch beim dritten und vierten Mal hatte er das System dahinter erkannt. Jeweils zur Wintersonnwende und Sommersonnwende erlangte er seinen eigenen Körper wieder zurück. 12 Stunden. Sehr wenig Zeit. Und womit hätte er sie verbringen sollen? Die einzige Person, nach der er sich in all dieser Zeit sehnte, war sein bester Freund. Ayden. Er hatte nichts unversucht gelassen um ihn zu finden. Und doch war er nun wieder hier. Am Ausgangspunkt seiner Suche. Hatte weder ein Heilmittel für sich selbst gefunden, noch Ayden. 
Und dann war da auf einmal dieser Wald. Konnte der etwas damit zu tun haben? Vor zwei Jahren war er sicher noch nicht hier gewesen! Langsam näherte er sich, doch seine fürs Tageslicht spezialisierten Augen, vermochten die Finsternis kaum zu durchdringen. Neugierig flog er näher. Umrisse wurden klarer. Eine grellorange riesenhafte Blüte schnappte nach ihm. Er wich aus. Schwarze Schatten entpuppten sich als gefährliche Ranken und monströse Baumriesen. Ein leiser Blätterregen fiel auf ihn herab und erschrocken quietschte er auf. Es war verdammt unheimlich hier. Doch er spürte, dass er auf dem richtigen Weg war. Und zumindest waren seine Gedanken nun mehr auf das nächste Überleben gerichtet, anstatt auf die sinnlose Verzweiflung, die jegliche Tatkraft erstickte.


Durch den plötzlichen Tumult in 'seinem' Wald aufmerksam gemacht, hob Ayden erschrocken den Kopf. Die sanften Töne seiner Laute verstummten abrupt. Irgendetwas oder -jemand war in den Wald eingedrungen. Sacht berührte der Blinde den Baum neben sich. Die bewußte Berührung teilte ihm mit, was den Tumult verursacht hatte.
Es war ein kleiner Falke, der sich in den Wald gewagt hatte. Keine Bedrohung. Ayden atmete erleichtert auf. Ein Falke konnte ihm nicht gefährlich werden. Menschen und ihre Bluthunde: ja! Aber ein Falke könnte nicht verraten, daß er sich hier versteckte, oder ihn jagen und zur Strecke bringen.
Ayden nahm wieder seine Laute zur Hand und ließ die Hand über die Saiten gleiten. Die Melodie klang durch den Wald und für einen kurzen, fast nicht wahrnehmbaren Augenblick schien es, als würde der Wald mit der Musik singen.
Anfangs mußte der Falke in dem dichten Unterholz um sein Gleichgewicht kämpfen. Doch nachdem sich seine Augen der Dunkelheit angepaßt hatten, merkte er schnell, wie er den Bäumen, Ästen, Ranken und anderen Pflanzen am besten auswich. Entweder er legte seine Flügel an oder er flog einfach senkrecht anstatt waagrecht. Immerhin war der Falke nicht umsonst als wendiger Flieger bekannt. 
Die grellorangen Blüten mied er. Denn er hatte keine Lust, ausgerechnet von einer Blume zum Abendessen verspeist zu werden. 
Als er sich gerade zu fragen begann, was in Dreiteufelsnamen er eigentlich in diesem Wald suchte, fing sein Gehör ein melodisches Geräusch auf: Lautenspiel. LAUTENSPIEL??? Hier? In einem verwunschenen, alles andere als heimeligen und lebensgefährlichen Wald? Der Falke kannte kein Wesen, außer dem Menschen, welches das Lautenspiel beherrschte. Doch wie kam ein Mensch hier unbehelligt hinein?
Oh, Ayden hatte das Lautenspiel geliebt! Wehmütig dachte er an seinen Freund zurück. Und wäre beinahe voll in eine Blattranke geflogen. Depressive Gedanken konnten in dieser Umgebung definitiv gefährlich werden! 
Beinahe wie in Trance ließ er sich von der seltsamen Melodie immer tiefer in den düsteren Wald leiten. Zu beiden Seiten ragten riesige Bäume auf, die unmöglich innerhalb von zwei Jahren so hätten wachsen können. Die ganze Umgebung war von einem satten dunklen Grün durchdrungen, in das knorrige schwarze Schatten und eine bunte Vielfalt fremdartiger Pflanzen ragten. Und obwohl er sicher war, dass es hier mit magischen Dingen zuging, flog er weiter. Von einer vagen Hoffnung getragen, die er nicht in Gedanken zu fassen wagte. 


Endlich erreichte er die Lichtung. Und ihm stockte der Atem. Diesen Wuschelkopf kannte er doch! Solch eine undefinierbare Haarfarbe konnte es nur einmal geben. Mit einem lauten Schrei – der eher Ähnlichkeit mit dem Krächzen eines Raben hatte als sonst was – flatterte er ungeschickt auf den Lautenspieler zu. Und legte erst mal eine Vollbremsung hin, als er merkte, daß er nirgends landen konnte – außer auf dem Boden. Bevor er sich’s versah legte er auch schon eine erstklassige Bruchlandung auf dem moosigen Waldboden hin. 
Der plötzliche Schrei eines Falken, oder was auch immer das für ein Vogel gewesen war, der einen solchen Laut von sich geben konnte, unterbrach Aydens Spiel. Vor ihm hörte er etwas flattern und darauffolgend ein dumpfer Laut, der darauf schließen ließ, daß der Vogel unsanft auf dem Waldboden 'gelandet' war. 
Langsam, um den unerwarteten Besucher nicht zu erschrecken, legte der Einsiedler die Laute zur Seite. Hoffentlich hatte sich der Vogel nichts getan. "Wo kommst du denn her, Kleiner..." begann Ayden leise zu reden. Weniger, weil er eine Antwort erwartete, sondern mehr, um das Tier mit dem ruhigen Klang seiner Stimme zu beruhigen.


Ein 'richtiger' Falke wäre wohl spätestens jetzt geflüchtet. Auch wenn Ayden – ja, es war Ayden! – einen sehr vertrauenserweckenden Eindruck machte. Aber dieser Falke blieb.
Seine anfängliche Freude war schnell getrübt. Es gab nicht den Hauch einer Chance, daß Ayden ihn erkennen würde. Nicht in dieser Form. 
Mit einem watschelnden Gang, der jedem größeren Vogel auf ebenem Grund zu eigen war, kam er näher und betrachtete seinen Freund genauer. 
Etwas hatte sich verändert, und das lag nicht nur an den zwei Jahren, die sie sich nicht gesehen hatten. Seine Haare waren verworrener geworden, wenn das überhaupt noch möglich war, und er hatte sie sich auf eine unmögliche Art geschnitten. Seine Augen aber... er mußte zweimal hinsehen. Die Pupillen waren getrübt, milchig grau, als wäre er blind. 
Das leise Tappsen, ließ Ay vermuten, daß der Vogel näherkam...? Er legte den Kopf leicht schief und runzelte unbewußt die Stirn. »Du bist ein seltsamer Vogel, weißt du das?« meinte er, ohne den Tonfall oder die Lautstärke seiner Worte zu ändern. Wenn er nicht verletzt war, wieso flog er nicht einfach weiter? Leise sprach Ayden weiter zu dem Vogel, ohne genauer auf die Worte zu achten die er von sich gab. Entweder sein Besucher flüchtete doch noch, oder... ja was eigentlich? Spätestens wenn Ayden wieder aufstand, würde er wieder fortfliegen. Aber bis dahin hatte Ay einen Gesprächspartner, der ihm zumindest zuhören konnte. Auch wenn er nicht verstehen würde, von was dieser Mensch jetzt sprach...
»Du bist der erste Besucher, den ich hier empfange«, lächelte der Braunhaarige und seufzte dann. »Ich weiß gar nicht, seit wie lange ich hier schon lebe, weißt du. Manchmal wünschte ich mir, sie würden mich doch noch einfangen. Dann hätte alles ein Ende...
Aber ich bin nicht der Typ der einfach aufgibt. Ich habe schon immer meinen Kopf durchgesetzt.« Ein leises Lächeln flog wieder über das kantige Gesicht, als sich Ay an die vergangenen Zeiten erinnerte. »Schon damals, als ich noch auf der Burg gelebt habe. Aber das ist lang vorbei. Wie kann sich ein Leben so plötzlich so verändern? An dem einen Tag hat man noch ein Dach über dem Kopf und am nächsten kämpft man mit den Naturgewalten ums nackte Überleben.«
Der Falke quiekte zustimmend. Und dachte bei sich:
Oh Junge, mußt du einsam sein. Wenn du schon anfängst mit einem Vogel zu sprechen...
Er erinnerte sich noch, daß sein Vater (gegen SEINEN Willen) den Befehl gegeben hatte, Ayden und seine Familie gefangen zu nehmen. Das war kurz, bevor er sich in einen Falken verwandelt hatte. 
Und er wußte nicht einmal warum. Wahrscheinlich war es ganz gut, daß er die Burg zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich gelassen hatte. Und in dieser Form konnte man ihn zumindest nicht dazu zwingen König zu werden. Er sollte eigentlich glücklich sein.

(c) by Sabrina 'Shae' Kley und Kara Silver


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