Farbenspiel ist ein Kampf-Einhorn (wie ein geflügeltes Streitroß mit Horn, knallbunt gefärbt), Cùya ist ein Falke, der gelegentlich von einem Magier als Medium benutzt wird. In dem entsprechenden Band gibt es einige Szenen, in der die Tiere unter sich sind und sich "unterhalten", dies hier ist die Witzigste.
Farbenspiel im Feld
von LaMaga
Während Cùya auf
der Burg der Ebene nach dem Rechten sah, langweilte Farbenspiel
sich in einem in der Nähe liegenden Weinfeld. Der Hengst lag
mit eng an den Körper gefalteten Schwingen in dem engen Gang
zwischen zwei Reihen von dicht mit vollen süßen Trauben
behangenen Weinstöcken und ließ den Kopf hängen.
Der Falke hatte ihm in seiner fragmentarischen, fremdartigen Art
und Weise zu verstehen gegeben, dass er hier liegen bleiben und
sich wie ein braves Einhorn benehmen sollte. Das dichte Weinlaub
verbarg den großen Hengst zwar gut vor den Blicken
Vorbeigehender, aber es war anstrengend und ermüdend, hier
zwischen den Pflanzen zu liegen und sich nicht regen zu
dürfen.
Alle Trauben, die in Reichweite von Farbenspiels langem Hals
gehangen hatten, hatte der Hengst bereits lustlos weg gezupft, aber
er hatte daran ebenso wenig Spaß gefunden wie an den
Kräutern und Grashalmen, die zwischen den Reben wucherten. Das
Einhorn war unglücklich und enttäuscht.
Farbenspiel war niemals ganz auf sich gestellt gewesen, hatte immer
Menschen um sich gehabt. Früher hatte es auch Artgenossen
gegeben, aber das war so lange her... manchmal sah er die Herde
schattenhaft und flüchtig zwischen den Wolken galoppieren,
aber sie waren so weit fort, und er war nie schnell genug, sie
einzuholen und sich ihnen anzuschließen. Er hatte es
vergeblich versucht – und sein guter Herr hatte ihn nicht
einmal dafür gescholten, als er unverrichteter Dinge wieder
nach Hause geflogen war. Nun war er weggelaufen, war in Panik
durchgegangen und hatte seinen Meister zurückgelassen. Dann
hatte ihn das Kind, das ihm immer diese leckeren süßen
Dinger gab, fortgeschickt, ohne dass er sich den Grund dafür
hätte erklären können. Und da war der Falke, der
zwar kein Mensch war, aber von ihm verlangte, dass er auf seine
Anweisungen hörte. Was sollte er nun tun? Den kleinen Jungen
suchen? Wieder zurück in die Berge fliegen, in den Stall, zu
seinem Herrn? Oder gehorsam liegen bleiben und abwarten, was der
Falke ihm gebot? Ein lächerlich kleines Flatter-Tier, das noch
nicht einmal ein ordentliches Fell hatte?
Farbenspiel schnaubte resigniert. Hier, allein, ohne Gebieter und
zum Nichtstun gezwungen, wurde ihm auf unangenehme Weise bewusst,
dass er nicht nur für den Moment allein... sondern dass er
vielleicht der Einzige seiner Art war.
Einhörner sind tiefsinnige Geschöpfe, wenn sie auch in
ihren eigenen, elementaren und animalischen Bahnen denken.
Farbenspiel durchlebte in diesen Stunden unter den Pergolen eine
tiefgreifende Existenzkrise.
Bevor das kunterbunte Einhorn sich jedoch in seiner Depression
verlor, geschah etwas, das Folgen nach sich ziehen sollte, die
für den Augenblick noch nicht abzusehen waren. Denn auf dem
Weg, der zwischen den Abschnitten der Weinfelder vorbei
führte, kam ein kleiner Reisetrupp des Weges, ein Zug von
mehreren in gedämpfte Farben und Leder gekleideter Männer
auf Pferden, die ein paar schwer bepackte Maultiere mit sich
führten.
Farbenspiel stellte die Ohren auf und schob mit dem Horn ein paar
Ranken beiseite, die ihm den Blick versperrten. Die Nähe
seiner so gewöhnlichen Verwandten interessierte ihn, obwohl
Einhörner Pferde für gewöhnlich mit wohlwollendem
Mitleid betrachten.
Aber bei diesen Tieren, da war etwas... so ein Duft... so etwas...
verführerisches.
Farbenspiel schnupperte eifrig zu den Pferden hinüber.
Tatsächlich, da war es ... sie! Zwischen den Wallachen und
Maultieren, aus denen der größte Teil des Zuges bestand,
schritten vier Stuten, zwei davon kaum dem Fohlenalter entwachsen
und eine betagte Dame. Aber dort hinten... diese niedliche
Falbstute mit dem cremefarbenen Fell und der weißen
Mähne...
Sie trug einen älteren Mann auf dem Rücken, der
schweigend seinen Begleitern hinterher ritt und überhaupt
nicht bemerkte, wie nervös die Stute tänzelte und
versuchte, sich die anderen Pferde vom Hals zu halten, indem sie um
sich giftete und mit angelegten Ohren nach den ahnungslosen Mulis
schnappte, die ihren Weg kreuzten.
Farbenspiel grollte fasziniert und sog den Duft der Stute gierig
ein. Die Kleine war so rossig, dass ihm schleierhaft blieb, wie
ihre Artgenossen in ihrer Gegenwart so ruhig bleiben
konnten.
Ein Duft, der ihn so sehr verlockte, dass er einen Augenblick
überlegte, ob er der Natur oder der Mahnung des Flatter-Tieres
Folge leisten sollte.
Als die Menschengruppe sich entfernt hatte, stand Farbenspiel sehr
vorsichtig auf und schritt leise auf den Weg... auf den Duft
zu.
[Einige Zeit später kehrt der Falke Cùya
zurück]
Cùya brauchte nicht lange zu suchen, um Farbenspiel zu
finden, als er ein paar Stunden später von seinem
Erkundungsflug zur Burg der Ebene zurückkehrte und das Lager
im Weinfeld verwaist vorfand. Nur ein paar Flugminuten weiter
südlich war ihm bereits zuvor eine völlig verwirrte,
aufgeregte, ja, geradezu verängstigte Gruppe reisender
Händler aufgefallen, die sich offenbar zu einer Rast
niedergelassen hatten und deren Reit- und Saumtiere
urplötzlich von einer regelrechten Panik ergriffen worden zu
sein schienen. Gepäck und Waren lagen verstreut auf der Wiese
herum, die Tiere schienen in höchster Aufregung zu sein, die
Männer hatten erhebliche Mühe, sie wieder zur Ruhe zu
bringen. Als Cùya eine Runde über die völlig
aufgelösten Handelsreisenden kreiste, schnappte er Worte wie
‚Ungeheuer’ und ‚Fabeltier’ auf.
Ältere Männer versuchten, den jüngeren zu
erklären, dass es zweifellos ein Flugeinhorn war, wie sie es
von ihren Reisen in die Goldene Stadt kannten, als die
Regenbogenburg noch stand. Andere zogen bereits konkrete
Erwägungen in Betracht, den König zu informieren, um
Jäger hinter dem sonderbaren Wesen herzuschicken, dass
für solche Aufregung gesorgt hatte.
Cùya hatte genug gehört, zog weiter und hatte kurz
darauf den entsprungenen Hengst erspäht, der gut verborgen auf
einer etwas versteckt in einem Waldstück liegenden Lichtung
weidete. An seiner Seite, geradezu lächerlich zerbrechlich und
klein, zupfte eine Falbstute am würzigen Waldgras. Sie trug
ein zerrissenes Halfter und wirkte ärmlich gegen den nach wie
vor in vollem Geschirr prangenden Hengst.
Farbenspiel blickte auf, als der Falke auf einem niedrigen Ast
landete und hörte auf, zu kauen. Schuldbewusst scharrte er mit
einem Hinterhuf.
Ungezogenes Einhorn, hörte Cùya die Stimme des
Hengstes zerknirscht.
Leichtsinnig, antwortete der Falke. Menschen
gesehen.
Die Stute wurde aufmerksam und schnaubte fragend beim Anblick des
Vogels. Die Stimme der Flügellosen verstand Cùya
nicht.
Hengst – Stute – gemeinsam. War alleine,
rechtfertigte Farbenspiel.
Stute Pferd nicht gut Menschen. Stute Fohlen Einhorn verboten,
tadelte Cùya. Nicht vermischen mit Nicht-Märchen.
Unglück.
Farbenspiel warf protestierend den Kopf zurück. Stute
Fohlen gut, beharrte er. Schöne Mutter! Starker Vater.
Gutes Fohlen!
Cùya kreischte erzürnt. Menschen Angst Pferdefohlen
Horn Flügel. Nicht verstehen. Nicht wollen. Menschen
Missgeburt erschlagen!
Farbenspiel wieherte dröhnend, und für einen Augenblick
krakeelte Cùya in seiner eigenen Sprache gegen den Wutanfall
des Hengstes an. Die Stute scheute und sprang ein Stück
zurück, als Farbenspiel wütend die Schwingen spreizte und
das Horn gegen den Falken senkte.
Aber er griff nicht an, sondern entspannte sich resigniert und
legte die Flügel wieder an.
Flügel-Bruder beschützen Mutter, sagte Cùya,
als er wieder Gehör fand.Flügel-Bruder Verantwortung.
Stute nicht zurück zu Menschen.
Farbenspiel nickte – eine menschliche Geste, die er sich bei
seinen Herren abgeguckt hatte.
Stute gehen auf große Weide unter Himmel, forderte der
Falke geduldig. Falke gibt Stute Weg in Wissen. Du erklären.
Dann mitkommen. Kleiner Meister brauchen Ross.
Farbenspiel schnaubte seufzend und schritt dann anmutig zu der
Pferdestute hinüber. Schnauze an Schnauze standen die beiden
Vierbeiner und kommunizierten in ihrer gemeinsamen Sprache aus
Mimik und Gedanken.
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Sechstes Buch: Spiegeltraum
(c) by Sandra Bloh