In dieser Geschichte geht es darum, daß die Kinder auf einer Magierschule ab einem bestimmten Alter einen Vertrauten haben müssen. Die kleine Tasmira hat bisher noch keinen gefunden, dabei müßte sie gar nicht mal so weit suchen...
Einen Vertrauten zu
finden
von Christel Scheja
Um ihrem Raum auf
kürzestem Wege zu erreichen Tasmira das Zimmer ihres Bruders
durchqueren.
Tasmira rümpfte die Nase. Es sah wie üblich aus - so als
habe ein Wirbelsturm in dem Raum gewütet. Kleidung und
Bücher lagen wüst auf einem Haufen neben dem Bett, die
Fliegen summten um ein halb gegessenes Honigbrot und einen
halbvollen Becher mit Saft, Sirupspritzer klebten die Blätter
daneben zusammen.
Eines der Regale über seinem Bett hatte die vielen
aufeinandergestapelten Bücher und Kästchen nicht mehr
ausgehalten und war nach vorne weggekippt.
Mitleidig nahm Tasmira eine Schiefertafel vom Laubfroschglas,
schnappte geschickt ein paar Fliegen und ließ die im
Gefäß wieder frei. Autsch! Die Luft die aus dem
Gefäß entwich war heiß, und der Frosch, der am
Boden hockte dadurch einfach zu matt, um die flinken Insekten zu
fangen.
Rasch schob Tasmira das Glas aus der prallen Sonne. Das sie nicht
früher daran gedacht hatte!
Ach du armer Kerl. Wenn Yano dich weiter so behandelt, dann
laß ich dich frei, auch wenn er mir dann eine Regenwolke ins
Zimmer hext!« versprach sie. Der Frosch blinzelte ihr dankbar
zu.
Tasmira seufzte. Sie verstand nicht, warum ihr Bruder darauf
beharrte, sich unbedingt einen Wetterfrosch halten zu müssen,
wenn er doch selber mit einem einfachen Spruch herausfinden konnte,
wie das Wetter am Nachmittag oder nächsten Tag werden
würde.
Jedenfalls bedauerte sie auch seine Schlange. Die war aber ziemlich
genügsam und fing sich Mäuse, Schaben und Spinnen, wenn
er sie mal wieder zu füttern vergaß.
Tasmira warf dem Frosch noch einen letzten Blick zu, dann huschte
sie in ihr Zimmer, warf sich auf das Bett und zog ein großes
Buch - ihr Lieblingsbuch mit den spannenden Lehrballaden - aus dem
Regal. Eifrig blätterte sie die Seiten durch, bis sie die
Seite fand, die an den vier Seiten mit den Hohen Tieren verziert
war. Zwar konnte sie die Verse schon auswendig hersagen, aber sie
fuhr trotzdem jedes Wort mit dem Finger nach.
Ein Rat an junge Magier:
Deinen Zorn der Feuervogel spürt
und auch deine Furcht
bleibt ihm nicht verborgen
nur einer dieser Gedanken
ihn zu dir führt...«
Sie las über den unberechenbaren und temperamentvollen
Feuervogel, über Zorn, Angst und Neid böse wurde, und den
Eisdrachen, der nur darauf lauerte, alles noch schlimmer zu machen,
als es war, weil er sich von Trauer und Hoffnungslosigkeit
nährte. Von dem Kyree, der alles durchschaute und dem stolzen
Greifen, der nur mit einem starken Willen zu bezwingen war.
Enttäuscht stützte Tasmira das Kinn auf die Hände,
als sie mit der Seite fertig war. Der Wunsch, eines dieser Tiere
ihren Gefährten zu nennen, war verflogen. Puh«, meinte
das Mädchen traurig. Das ist ja schrecklich schwer mit denen
auszukommen. Wenn ich einen Feuervogel kriege, dann darf ich
niemals mehr wütend oder neidisch sein, denn dann kommt er
angeflogen und verbrennt mich mit seinem Feuer. Bei einem Kyree
darf ich kein Geheimnis haben, denn der findet ja jedes sofort raus
und petzt oder schimpft mich aus, wenn ich schwindle. Nein, der
gefällt mir auch nicht, der ist so schrecklich
erwachsen...«
Und ein Greif? Tasmira überlief eine Gänsehaut, als sie
an den Gefährten ihres Vaters dachte, vor dessen scharfen
Klauen sie gehörigen Respekt hatte. Und vor dem letzten
Eisdrachen, der den Zaubergarten besucht hat, war sie
davongelaufen...
Es gab keine Hoffnung. Ihr Traum, einen besonderen Vertrauten zu
finden, zerplatzte wie eine Seifenblase. Tasmira schluckte, als sie
an ihre Erlebnisse im Stall dachte. Vielleicht mochte sie ja gar
kein Tier so gern, daß es sich mit ihr verbinden wollte
...
Eine ganze Weile lag Tasmira unschlüssig auf dem Bett, starrte
die Bilder an und malte die Verzierungen mit dem Finger nach. Sie
versuchte ihre Angst zu bezwingen. Die Nachmittagsglocke hatte
schon geläutet, und bald würde es Essen geben. Wenn sie
bis dahin kein Wesen gefunden hatte, das sie ...
Ich bin ja fast so dumm wie Tolas!« Plötzlich hob das
Mädchen den Kopf, sprang wie von einer Wespe gestochen auf und
riß die Tür zum immer noch leeren Zimmer ihres Bruders
auf.
Um so besser!
Tasmira rannte zum Glas und sah den Frosch erwartungsvoll an:
Willst du nicht mein Vertrauter sein?«
Der vorher so matte Frosch öffnete die Augen und hüpfte
mit einem großen Satz auf die Leiter. Seine Schallblasen
schwollen an, und ein erwartungsvolles, fröhliches
Quack!« erklang.
Ja? Wirklich?«
Quaaack!« Das klang zustimmend und ungeduldig zugleich.
Tasmira hielt vorsichtig hielt die Hand in das Glas und spürte
im nächsten Moment das kühle Gewicht auf ihren Fingern.
Sie hob den Frosch vor ihre Augen. Seine Luftsäcke bliesen
sich unruhig auf. Quak, quak!«
Ein Kribbeln durchfuhr den Körper des Mädchens wie ein
Blitzschlag. Es brannte und juckte am ganzen Körper - kein
Zweifel, das war wie Tasmiras Bruder immer erzählt hatte: Du
glaubst, daß Tausende von Ameisen über deine Haut
krabbeln, wenn sich das Band schließt!«
Sie verstand plötzlich, was der Frosch in ihrer Hand sagte.
Stolz über sein Lob tanzte Tasmira jauchzend durch das Zimmer
und an ihrem völlig verblüfften Bruder vorbei nach
draußen.
Ihre Eltern und der Großvater mußten ihren Vertrauten
unbedingt kennenlernen!
aus: Die Richtige Wahl
(c) by Christel Scheja