Diese Geschichte ist genauso passiert. Wirklich! Nur, daß nicht eine Zwergin und ein Hofnarr darin verwickelt waren, sondern Monica und ich, Sommer 1996, in den Hügeln von Snowdonia, beim Spazierengehen. Statt Pilzen hatten wir einen Madeirakuchen dabei, aber der Rest ist authentisch, bis hin zu den Dialogen. Und während wir in Wales nur glauben konnten, einem dämonischen Gespensterhund begegnet zu sein, gibt es hier am Ende Gewißheit: Hier war es niemand anderes als der böse Zauberer Conmorren, erschienen in Gestalt eines schwarzen Hundes ...
Da ist ein ... Hund
von Maja Ilisch
»Ich bin mir immer noch
sicher, daß es ein Fehler war, die Prinzessin mit diesem
Halunken allein zu lassen«, murrte Bodkin. »Ich
möchte gar nicht wissen, was er mit ihr anstellt.«
Chestra warf ihm einen Blick zu, der so ziemlich alles besagen
konnte, tatsächlich aber soviel hieß wie ‘Auf
jeden Fall wird er sie besser verteidigen können als du, wenn
es darauf ankommt.’ Laut sagte sie: »Ich brauche
jemanden, der mir beim Tragen hilft. Und ich laufe ganz sicher
nicht mit einem Spitzohr durch die Gegend! Was denkst du von
mir?«
Diese Frage war nicht nur rhetorisch. Es hätte Chestra schon
interessiert, was dieser Mensch von ihr hielt. Eigentlich war
Pilzesuchen etwas, das sie ohne Weiteres allein hätte
erledigen können. So schwer wurden ein Paar Morcheln niemals.
Aber indem sie Bodkin den Korb tragen ließ, hatte sie ihre
Hände frei, und außerdem war dies die erste Gelegenheit,
den Hofnarren näher kennenzulernen. Solange er das
Bedürfnis hatte, Noriel zu bewachen, würde er nie einfach
frei aus sich heraus reden.
Bodkin hatte wirklich nicht die leiseste Ahnung davon, welche Pilze
eßbar waren und welche nicht. Beinahe hätte er voller
Entdeckerstolz einen Gelben Mäusemorchel gepflückt,
dessen Berührung allein schon so giftig sein konnte, daß
er die Haut verbrannte. Chestra konnte gerade noch dazwischengehen
und Schlimmstes verhindern, nicht aber, daß der Narr nach
alter Gewohnheit über eine Wurzel stolperte. Was fanden die
Menschen so witzig am Anblick eines Mannes, der in den Dreck fiel?
Natürlich verlor er den Korb und mußte alles wieder
einsammeln. Er wirkte so hilflos, daß Chestra mitleidig den
Kopf schüttelte und ihm aufhalf.
Danach zogen sie es vor, dem vorgetrampelten Waldweg zu folgen.
Wortlos stapften sei nebeneinander her. Chestra wäre lieber
weiter durch den weniger bereisten Teil des Waldes gegangen, weil
dort sicher noch mehr Pilze waren, aber der Mensch hätte sich
sogar dann noch verlaufen, wenn sie ihn an einer Leine gehalten
hätte, und zum anderen gab es dort außer noch mehr
Wurzeln andere tückische Fallen, wie Fußangeln und
Fallgruben der Wilderer, und mit Sicherheit würde Bodkin keine
von ihnen auslassen.
Dann teilte sich der Weg vor ihnen. Die Abzweigung zur linken sah
stärker bereist und führte leicht bergauf. Der rechte Weg
lag im Schatten, führte bergab und wirkte modrig. Nicht
unbedingt vertrauenerweckend, aber der ideale Nährboden
für schmackhafte Schwammpilze. So bog Chestra, ohne
länger nachzudenken, nach rechts ab und stieß beinahe
mit Bodkin zusammen, der nach links wollte.
»Laß uns da lang gehen!« sagte er und zeigte auf
den hellen, freundlich Weg.
»Wir halten uns rechts«, entgegnete Chestra knapp. Was
wußte der Mensch schon von Schwammpilzen?
»Mir gefällt dieser Weg nicht«, sagte Bodkin.
»Er wirkt … unfreundlich.«
Es erstaunte Chestra, daß der Mensch inzwischen genug
Verständnis für die Natur aufbrachte, um das zu erkennen.
Nett sah der Weg gewiß nicht aus. Aber nahrhaft.
»Wir werden noch sehr viel unfreundlichere Wege sehen, wenn
wir weiter in die Richtung reisen, in die Noriel will«, sagte
Chestra. »Komm jetzt!« Er folgte ihr gehorsam.
Schon nach wenigen Schritte fragte sie sich, ob ihre Entscheidung
richtig gewesen war. Nicht nur der Weg war unfreundlich, sondern
der ganze Wald, der ihn umgab. Hier war es merklich kühler als
zuvor, und auch stiller. Je weiter sie vordrangen, desto
stärker verebbte der Gesang der Vögel, und man hörte
auch keine Spechte mehr klopfen oder Eichhörnchen rascheln.
Der Weg grub sich tief in den Boden ein, und rechts und links der
hohen Ränder wuchsen die Bäume schräg, zum Weg hin
geneigt. Über ihnen bildeten sie eine undurchdringliche
Laubdecke, durch die nicht einmal winzige Sonnentropfen fielen. Es
war weniger wie in einem Wald, als mehr wie in einem
Grubenschacht.
»Vielleicht sollten wir doch besser zurückgehen«,
meinte Bodkin unsicher. Selbst seine geringe Einbildungskraft
reichte aus, um ihm angesichts dieses trotz allem harmlosen
Waldwegs Angst einzujagen.
»Wir gehen weiter.« Wie sagte das Sprichwort so
schön? Wer einen Tunnel nicht zuende gräbt, ist bald nur
noch von Sackgassen umgeben. Nachdem sie sich für diesen Weg
entschieden hatten, mußten sie ihn auch bis zum Ende gehen.
Schließlich konnte sie auch nicht einfach umkehren und
Zagazik in die große Halle zurückbringen, was immer ihr
die Axt nun an Ärger einbringen würde.
Bodkin schluckte vernehmlich, ging aber noch weiter geradeaus. Nun
machte der Weg einen Knick, und es wurde noch etwas schattiger,
ruhiger und kälter. Und noch etwas änderte sich. Der Wald
wirkte nun etwas weniger … verlassen. In etwa zweihundert
Schritt Entfernung, einem kaum noch sichtbaren Bereich, bog der Weg
um eine weitere Kurve. Und von dort kam ihnen jemand entgegen.
Etwas.
»Da ist ein Hund.« Bodkins Stimme war ruhig und
ausdruckslos. Aber die Bemerkung wäre gar nicht nötig
gewesen. Chestra hatte Augen im Kopf, und sie erkannte einen Hund,
wenn er vor ihr stand. Er war groß und schwarz, mit vier
weißen Pfoten, und er lief direkt auf sie zu. Etwas
Merkwürdiges ging von ihm aus, eine Art kaum greifbarer
Bedrohung. Der Hund sah nicht aus, als ob er angreifen wollte -
seine Nackenhaare lagen glatt an, und seine Ohren standen hoch -
und er bellte weder, noch knurrte er. In einigen Schritt Entfernung
blieb er stehen und sah zu ihnen hinüber. Irgend etwas stimmte
nicht mit ihm.
»Das gefällt mir nicht«, murmelte Chestra.
»Laß uns umkehren.«
Bodkin blickte sie erstaunt an - schließlich war sie es
gewesen, welche die ganze Zeit über aufs Weitergehen bestanden
hatte - aber selbstverständlich kam er nicht auf die Idee zu
Widersprechen. Er mochte vielleicht ein Mensch sein, aber er war
schließlich nicht schwachsinnig.
In dem Moment, in dem sie wendeten, setzte sich auch der Hund
wieder in Bewegung. Er holte auf, lief an ihnen vorbei, und setzte
sich wieder hin, einige Schritt von ihnen entfernt. Unbewegt sah er
zu ihnen hinüber, bellte nicht und knurrte nicht, schaute sie
nur aus seinen unheimlichen schwarzen Augen an.
Chestra atmete tief durch. Kein Hund verhielt sich so! Sie machte
einen kleinen Schritt rückwärts. Der Hund machte einen
Schritt auf sie zu. Als sie stehenblieb, war auch der Hund wieder
ruhig.
»Vielleicht glaubt er, daß dies sein Revier ist«,
flüsterte Bodkin. Während sich Chestra bis jetzt nur
unwohl fühlte, hatte der Narr eindeutig Angst. Seine Stimme
zitterte. Der Hund durfte es nicht merken! Wenn das Tier die Angst
spürte, würde er selbst aggressiv werden. Zumindest, wenn
es ein normaler Hund war, was Chestra stark bezweifelte. Sie
mußte ihn irgendwie von Bodkin ablenken.
»Hallo, Hund«, sagte sie leutselig. »Ja, du bist
ein guter Hund, ein guter Hund.« Das war es doch, was man
normalerweise sagte, um Hunde zu beruhigen, oder? Bis jetzt hatte
sie nichts viel mit ihnen zu tun gehabt. In den Hallen der Zwerge
war kein Platz für Wölfe und ihre Enkel.
»Gehörst du vielleicht einem Jäger? Ja, du bist ein
feines Hundchen.«
Das ‘Hundchen’ wirkte alles andere als überzeugt.
Die schwarzen Augen beobachteten Chestra und den Menschen weiterhin
ungerührt, so als erwarte das Tier irgend eine Reaktion von
ihnen.
»Vielleicht ist er ja bestechlich«, schlug sie den
inzwischen kreide-bleichen Bodkin vor. »Wir haben so leckere
Pilze gefunden, und vielleicht mag er …«
Der Hund sah nicht so aus, als ob er den Geschmack von Pilzen dem
von frischem Zwerg und Mensch vorzog. Aber seine Haltung
veränderte sich kaum merklich. Er spannte sich an, als ob er
sich im nächsten Moment zum Sprung bereit machen wollte.
Chestra erwähnte es nicht und hoffte, daß Bodkin es
nicht bemerkt hatte. Es reichte schon, daß er gerade auch so
dabei war, in Panik, zu geraten.
Der Hofnarr stand neben ihr wie versteinert. Sein Gesicht war
kreidebleich und völlig leer, mit weit aufgerissenen,
ausdruckslosen Augen. Es sah aus, als sei der Mensch stehenderweise
ohnmächtig geworden. Sie mußte etwas unternehmen, sonst
war Bodkin verloren!
»Renn weg!« zischte sie ihm zu. »Ich halte ihn
auf! Er kann nur einen von uns auf einmal anfallen!«
Bodkin rührte sich nicht. Vielleicht hatte er Recht. Der Hund
konnte sich genausogut entschließen, dem Flüchtenden zu
folgen und sie einfach stehen lassen. Aber nach wie vor schien das
Tier abzuwarten. Es war dieses unhundige Veralten, daß
Chestra Schauder über den Rücken jagte. Aber zumindest
sah er im Moment nicht so aus, als ob er gleich springen
würde. Warum nur, warum hatte sie zum ersten Mal seit Monaten
Zagazik nicht auf ihrem Rücken, wo die Axt hingehörte?
Warum hatte sie dieses unvergleichliche Kleinod Fenoriel
überlassen, die nicht damit umgehen konnte und es vermutlich
nicht einmal versuchen wür-de? Alles nur wegen diesem
verdammten Narren! Nur weil er sonst nicht davon zu überzeugen
gewesen war, daß man das Mädchen mit Reif und den
Räubern allein lassen konnte! Wenn er diese Hundegeschichte
überlebte, würde sie ihn eigenhändig in kleine
Stücke zerlegen, darauf konnte er Gift nehmen!
Aber erst einmal mußte sie ihn retten.
Sie schob sich unauffällig, um den Hund nicht durch hastige
Bewegungen aufzuschrecken (als ob irgend etwas den Hund erschrecken
sollte!) vor Bodkin und machte sich breit. Wenn der Mensch schon
kollabieren mußte, dann nicht vor den Augen dieser Bestie.
Hinter sich hörte sie ihren Begleiter kurz erleichtert
aufatmen. Plötzlich schien er auch seine Sprache
wiedergefunden zu haben.
»Kannst du ihn im Auge behalten?« fragte er, heiser
flüsternd. Zunächst stockte er, doch dann begannen die
Worte nur so aus ihm herauszusprudeln. »Ich achte auf den Weg
und führe uns rückwärts, ganz langsam, daß er
nichts merkt, und wenn wir zu der Kurve kommen, und ich sage
‘Renn!’, dann renn!«
Chestra nickte anerkennend. Gar nicht so dumm, die Idee. Scheinbar
war der Mensch doch ganz brauchbar, wenn es darauf ankam. Warum nur
war sie nicht selber darauf gekommen? Der Hund blickte sie
unverwandt an, aber er wirkte, als habe er jedes Wort verstanden
und nickte ebenfalls anerkennend. Aber nach wie vor rührte er
sich nicht. Er war eindeutig gefährlich. Sie konnte sich nicht
erinnern, jemals eine solche Bösartigkeit gesehen zu haben wie
in den schwarzen Augen, die sie nun fixierte. Sie durfte nicht in
diese Augen schauen! Eine große Tiefe umfing sie und
ließ sie nicht mehr los. Aber wenn es um Blickduelle ging,
dann gab es niemanden, der es mit einer grimmigen Zwergin aufnehmen
konnte! Den Blick fest auf die Augen des Hundes gerichtet, merkte
sie kaum, daß sie langsam rückwärts stolperte.
Bodkin hielt sie am Arm und führte sie vorsichtig.
Es funktionierte! Der Hund blieb da, wo er war, während sie
immer mehr Abstand zu ihm gewannen.
»Wir sind gleich an der Kurve«, sagte Bodkin leise.
»Jetzt ein Stück nach links … gut. Noch drei
Schritte … Vorsicht … renn!«
Chestra riß ihre Augen von dem Hund fort, wirbelte herum und
rannte um die Ecke, wie sie im Leben noch nicht gerannt war, ohne
darauf zu achten, ob ihr der Hund oder Bodkin folgte. Aus den
Augenwinkeln nahm sie wahr, daß der Weg um sie herum wieder
heller zu werden begann der Wald endete, doch das war ihr
gleichgültig. Jetzt rannte sie, und würde auf alle Zeiten
rennen, bis hin zum …
… Gatter?
Was hatte ein Gatter mit dazugehörigem Zaun auf einem
verlassenen Waldweg zu suchen? Es war unwichtig. Mit einem Satz
hechtete Chestra hinüber, als ob sie ihr Lebtag nichts anderes
getan hätte. Dann erst hielt sie inne und drehte sich um.
Neben ihr schwang sich gerade Bodkin über den Zaun. Der Wald
lag einsam und verlassen hinter ihnen. Weit und breit war kein Hund
zu sehen.
»Er ist uns nicht gefolgt«, schnaufte sie. Nun fiel ihr
auf, wie sehr sie außer Atem war, und Bodkin, der nicht an
Anstrengung gewöhnt war, erging es eher noch schlimmer. Aber
waren sie wirklich sicher? Sie gingen langsam weiter, sich unsicher
nach allen Seiten umsehend. Jetzt erst merkte sie, daß sie
sich auf dem Gelände eines kleinen Hofes befanden. Das war
eigentlich egal. Sie hatten schon genug Höfe überquert.
Aber was war, wenn es hier noch einen Hund gab? Sie tauschte einen
schnellen Blick mit Bodkin aus. Er dachte das Selbe.
»Wir sollten um Erlaubnis fragen«, schlug er unsicher
vor.
Chestra nickte, holte tief Luft und rief: »Hallo! Ist irgend
jemand zuhause?« Wieso zitterte ihre Stimme dabei? Sicher
nur, weil sie gerannt war. Als sie zum zweitenmal rief, erschien
ein Mann in der Tür, vielleicht ein Bauer oder
Holzfäller.
»Ja? Was ist los?« Er stutzte kurz, als er bemerkte,
daß sie eine Zwergin war.
»Entschuldigt bitte«, sagte sie so höflich wie
möglich. »Wir hätten gerne die Erlaubnis, Euren Hof
zu überqueren. Eine Art Hund hat uns verfolgt, und wir
können nicht mehr zurück.«
Das schien ihm als Erklärung zu genügen, denn er nickte
nur. Vielleicht gehörte das Monstrum ihm, obwohl es nicht
ausgesehen hatte wie ein Tier, das einen Besitzer hat.
Während ihnen der Bauer erklärte, wie sie am schnellsten
zurück zum nächsten Ort kommen konnten und in Bodkins
Gesicht langsam wieder natürliche Farbe einkehrte, spürte
Chestra, wie ihre Knie nachgaben. Während sie dem Hund
gegenüberstanden, war sie die ganze Zeit ziemlich ruhig und
gelassen gewesen. Aber jetzt, als sie die Geschehnisse noch einmal
vor ihrem inneren Auge ablaufen ließ und sie erst richtig
begriff, jetzt, wo sie alles hinter sich hatten und ihnen nichts
mehr geschehen konnte, jetzt geriet sie in Panik.
aus: Fenoriels Augen
(c) by Maja Ilisch