>Der Leuchtturm am Rande der Welt Librien wird von ganz besonderen Vögeln bewacht ...


Die Möwen von Fìk'Cion

von LaMaga


Der Leuchtturm von Fìk'Cion war der überwältigendste Anblick, der sich Kajidas Augen jemals geboten hatte. Nicht einmal die Weltengipfelburg schien ihr in einer solchen Würde und Majestät errichtet worden zu sein. Aber womöglich lag das daran, dass die Burg der Magierschatten der Prinzessin vertraut war und daran, dass die gewaltigen Himmelsberge ringsum dem Auge einen Größenvergleich zum magisch errichteten Gebäude boten. Der Leuchtturm von Fìk'Cion hingegen ragte unmittelbar aus dem Meer hervor, wuchs geradewegs aus einer kegelrunden Felsinsel heraus, an die von allen Seiten zugleich Wasser heranbrandete. Das untere Viertel des mächtigen, gewaltigen Turmes verschwand in einem Gebrodel aus Gischt und Wellen, stark genug, um Schiffe unter Wasser zu reißen und gegen die Felsen zu schmettern.
Der Turm selber ragte so hoch in den Himmel, dass Kajida kaum die Spitze erkennen konnte, wenn sie aufschaute. Eine gewaltige Glaskuppel krönte die Spitze des Leuchtturmes, fing die Strahlen dieser heißen, brennenden und vom vollkommen strahlend blauen Himmel brennenden Sonne und strahlte sie als gewaltige Lichtblitze in alle Richtungen ab. Die Prinzessin nahm an, dass die Strahlen heiß waren wie Licht im Fokus einer Lupe. Beim Spiel mit Osses Brillengläsern hatte die kleine Prinzessin sich einst übel verbrannt und seither eine gesunde Skepsis gegenüber Glas und Feuer entwickelt. Gewissenhaft hielt sie Abstand.
Um den Turm herum schwirrte etwas, das Kajida für gewaltige Schneeflocken hielt, bis sie nahe genug herum war, um zu erkennen, dass es ein unübersehbarer Schwarm von gleißend weißen Möwen war, die umher trudelten, sich auf dem Wind gleiten ließen und mit ihren kreischenden Stimmen ihr seltsames, chaotisches Lied krächzten. Die Möwen waren groß, viel größer als jene, die die Prinzessin von daheim kannte.
Cùya landete auf Kajidas Schulter, kletterte an ihrem Mantel hinab vor sie auf den Sattel und kauerte sich am Bauch seiner Gebieterin zusammen. Plustrig und zu den Möwen hinüber blinzelnd blieb er sitzen und rührte sich nicht.
Die Prinzessin hatte keine Zeit, sich darüber zu wundern. Mondlicht, die nach dem stundenlangen Flug über das offene Wasser müde und gelangweilt war, steuerte von sich aus den Turm an, fand aber keinen Ansatz, um zu landen.
Einige besonders vorwitzige Möwen kamen heran, flogen beinahe ohne Flügelschlag um das Einhorn herum und guckten neugierig zu der seltsamen Reiterin hinüber. Ihre Schnäbel waren gelb und kräftig, und ihre Beine hielten sie steif von sich gestreckt. Kajida lachte über die gelben Schwimmfüße und versuchte, mit der Hand nach einer besonders kecken Möwe zu haschen. Doch der Vogel wich ihr elegant aus und flog in einigem Abstand an ihrer Seite. Die Möwen schienen keinerlei Angst zu empfinden.
»Guck doch nur, Cùya!«, rief Kajida begeistert aus. »Wie zutraulich sie sind! Sie begrüßen uns!«
Cùyas Gefieder sträubte sich. Der Falke versuchte, sich möglichst klein zu machen und unauffällig zu wirken.
»Ihr lieben Möwen,« rief Kajida gegen das Zetern und Zanken der Seevögel an, »ich will den Turmwärter besuchen. Ich komme in Freundschaft und Frieden.«
Die Möwen umschwärmten Mondlicht. Im Vorbeiflug pickten einige nach der Stute und der Prinzessin, Kajida fühlte weiches Gefieder und kräftige Schwingen um sich herum, und gelegentlich schnappte eine Möwe nach ihren Haaren und zupfte daran. Eine von ihnen hatte sich Mondlichts Genick als Landeplatz auserkoren, saß dort schwankend, ruderte der Balance halber mit den Flügeln und ließ sich tragen.
Kajida schaute staunend umher. Diese Vögel waren weder aggressiv noch unfreundlich. Es schien die unbefangene Neugier kleiner Kinder zu sein, mit der sie die fremde Besucherin und ihr komisches Reittier begutachteten.
Cùya wimmerte gurrend.
Mondlicht ließ sich fallen und glitt eine weite Kurve um den Turm herum. Der gesamte Möwenschwarm senkte sich ebenfalls ab und umschwärmte sie wie eine Wolke.
»He!« Kajida lachte jubelnd und ließ sich den Wind ins Gesicht wehen. »Ihr müsst doch wissen, ob ich irgendwo landen kann!«
Der Möwenschwarm veränderte sich. Das chaotische Durcheinandertorkeln der frechen Vögel ordnete sich, formte sich zu einem großen Schwarm, der eine einheitliche Richtung einschlug und das fliegende Einhorn in seine Mitte nahm.
»Ihr zeigt mir den Weg, nicht wahr?,« rief Kajida gegen das raue Krächzen der Vögel an. »Wir sollen Euch folgen!«
Der Möwenschwarm eskortierte Mondlicht dicht an den Leuchtturm heran. Kajida hatte nun Gelegenheit, einen näheren Blick auf das Bauwerk zu werfen. Der Stein, aus dem der Turm von Fìk'Cion gebaut war, war schneeweiß, und erhabene Linien malten sich darauf ab. Kajida erkennte zu ihrer größten Verwunderung Buchstaben, Wörter, die lange Sätze bildeten und sich in einer schrägen Spirale den Turm hinauf wanden. Doch Mauerfugen oder bröckelnden Putz fand sie nicht. Angesichts der unglaublich vielen Vögel, die sich hier tummelten, war außerdem sonderbar, wie blitzsauber die Mauern waren. Die Prinzessin bestaunte die unendliche Wörterkette, die als Relief den Turm umgab und bedauerte ärgerlich, dass sie nie besonders viel Wert auf den Literaturunterricht bei Osse gelegt hatte. Zwar konnte das Mädchen lesen und schreiben, wie es sich einer Prinzessin geziemte, aber im Vorbeiflug weiße Wörter auf weißem Stein in einer altertümlich wirkenden, fremdartigen Schrift zu überfliegen - das war selbst für eine Halb-Magierin nicht einfach.
Höher und höher ging der Flug, und die Glaskuppel des Turmes kam immer näher. Es wurde deutlich, dass die Möwen vorhatten, Kajida bis zur Turmspitze zu führen.
»Soll ich etwa auf der Kuppel landen?«, rief Kajida erstaunt aus. »Aber das geht nicht! Es ist viel zu glatt dort oben!«
Die Möwen krächzten wild durcheinander und klangen, als wollten sie die Prinzessin beruhigen. Mondlicht schlug mit den Flügeln und wich einem Lichtblitz aus, den die Sonne auf das Kuppelglas warf.
Kajida schloss geblendet die Augen und blinzelte dann überrascht. In der Glaskuppel, die wie ein gewaltiger, facettiert geschliffener Edelstein aus hunderten achteckiger Scheiben gefertigt war, hatte sich ein Segment geöffnet, war eine zum Einflug geeignete Luke entstanden, groß wie ein Scheunentor.
»Da hinein?,« fragte Kajida die Möwen. Zustimmendes Krächzen antwortete ihr.
»Also gut!« Die Prinzessin griff in die Zügel, griff lenkend ein und trieb Mondlicht auf die Öffnung im Turm zu. »Dann mal los!«
Der Möwenschwarm blieb zurück, als Kajida die Fensteröffnung ansteuerte und die Einhornstute hindurch steuerte. Mondlicht legte die Flügel an, streckte den Hals und trabte sicher und furchtlos in die Behausung des Turmwärters von Fìk'Cion.
Lautlos schloss sich die Scheibe wieder, so, als sei nichts geschehen. Kurz darauf spielte der Möwenschwarm wieder unbekümmert rings um den Turm seinen wilden Ringelreihen. Und in der Ferne kamen drei Segel in Sicht, zwei von Norden, eins von Süden.

(...)

Die Gischt, die zwischenzeitlich vor dem Bug der Silbergischt aufspritzte und über das Schiff hinweg regnete, war wie ein dichter Vorhang aus Wasserperlen. Svegar war völlig durchnässt, die Klöppel des Steuerrades waren glitschig und der Boden voller Pfützen, so dass der junge Mann trotz seiner festen Krücken ständig auszugleiten drohte.
Er begann sich zu fragen, ob er wohl doch eine Dummheit gemacht hatte, sich ganz allein mit der Silbergischt mitten durch die wilde See am Fuß der Klippen zu wagen, aber nun war es zu spät. In regelmäßigen Abständen gleißte das Leuchtturmlicht über das Schiff hinweg, zeigte den Fuß des Turmes als eine breite Wand aus Schwärze vor dem von bläulichem Mondlicht angestrahlten und vor lauter Sternen wild funkelnden Himmel, und seitlich daneben das Schemen der gewaltigen schwarzen Piratengaleone. Daneben, und vor dem finsteren Großschiff fast nur an den kleinen Positionsleuchten zu erkennen, hüpfte die Havarette auf den Wellen auf und nieder.
Svegar keuchte nach Luft, denn wieder hatte ihn ein Brecher glatt erwischt. Wenn er nun den Kopf in den Nacken legte, sah er in absurder Höhe über sich die Kuppel des Leuchtturms, und der Himmel war bedeckt von schwarzen Schatten, die hin und her schossen. Svegar hörte nun auch die Stimmen der Möwen und fand, das es nicht klang wie das übliche streitsüchtige Gezänk, das er von klein auf gehört hatte, sobald er die Tür der Fischerkate öffnete. Diese Möwen schienen miteinander zu schwatzen und wild aufeinander einzuplappern wie eine Schar Waschweiber.
Svegar riss das Ruder herum, als die Silbergischt zu weit auf den Turm zu driftete. Er fragte sich, warum er das eigentlich tat und was er zu erreichen hoffte. Die Silbergischt war zwar ein verzaubertes Schiff, aber das machte ihn noch lange nicht unsichtbar. Wenn er sich der Havarette näherte, würde ihn der Ausguck des Piratenschiffes sicher entdecken. Ein unbemerktes Heranfahren an die beiden librischen Schiffe war unmöglich.
Aber was tat die Havarette da? Svegar starrte in die glitzernde Nacht und das flirrende Wasser ringsum und staunte.
Das kleine, jämmerliche Schiffchen änderte seinen Kurs, entfernte sich von der großen Kaper-Prise und steuerte auf ihn zu. Die Havarette wich von ihrem Geleitkurs ab und stürzte sich mutig ebenfalls in das tobende Wasser unter dem Leuchtturm.
»Um der Mächte willen!« Svegar schüttelte fassungslos den Kopf. »Der Kahn fällt doch schon bei normalem Seegang fast auseinander, was macht der Kapitän denn da?«
Im selben Moment glitten ein paar fliegende Schatten hinab, im Dunkeln raschelten Flügelschläge, und als Svegar sich umschaute, fand er sich auf der Brücke der Silbergischt von Möwen umringt. Einer der großen weißen Vögel war frechweg vor ihm auf dem Steuer gelandet und balancierte dort ungeschickt und mit ausgebreiteten Schwingen, konnte er sich doch mit seinen Schwimmfüßen auf dem Holz kaum festkrallen.
»He!« Svegar hob energisch die Hand und wollte den Vogel beiseite schubsen. »Mach dich weg, du Mistvieh! Du...«
Die Möwe wandte sich zu dem jungen Mann um und zischte grimmig mit weit geöffnetem Schnabel. Sie hatte nur ein Auge und wirkte irgendwie imposant und verwegen, etwa wie ein kapitaler Straßenkater. Respektvoll wich Svegar zurück.
»Entschuldigung«, sagte er eingeschüchtert.
Weitere Möwen hatten sich auf der Rah und der Bugspriet nieder gelassen, keckerten dort munter herum und untersuchten neugierig mit Schnäbeln und Füßen das silberne Schiff. Svegar sah sich um und versuchte, sie zu zählen. Bei zwanzig hörte er auf, denn es war sinnlos, die dauernd ihre Plätze vertauschenden Vögel auseinander halten zu wollen.
»Was ist das?«, fragte Svegar die große Möwe am Steuer. »Was wollt ihr hier?«
Der Steuervogel gab ein abfälliges Gurren von sich und würdigte den jungen Mann keines Blickes mehr. Er wiegte sich auf dem Rad und bewegte es lässig mit den Flügeln rudernd beiseite.
Svegar hinkte fort und ließ die Vögel verunsichert gewähren. Zaghaft legte er die Hände auf die Reling und schaute hinüber zur Havarette.
Auch dort umflatterten Möwen den Mast, hoben sich gelegentlich gegen die Mondscheibe ab und schienen Gefallen an dem verwahrlosten Schiff gefunden zu haben.
Die Silbergischt glitzerte und das Holz vibrierte zart unter Svegars Fingern, wie der Resonanzkörper eines Instrumentes.
»Sie helfen uns, nicht wahr?« wisperte Svegar leise zu dem Boot. Es war ja niemand da, der ihn hören konnte. »Sie steuern dich, oder?«
Die Silbergischt wiegte sich ruhig auf den wirbelnden Wellen und ihr Bug stieß kräftig und zielstrebig in die Fluten, in Richtung der Havarette.
»Wer sind sie?,« fragte Svegar. »Wer sind diese Möwen?«
Aber sprechen konnte die Silbergischt auch nicht. Aber sie schien sich wohl zu fühlen. Was für ein alberner Gedanke - ein hölzernes Schiff, das sich wohl fühlte?
»Kaj«, murmelte Svegar, »komm endlich an Bord! Das hier... das hier wird mir zu zauberhaft!«

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Siebtes Buch: Bilderflut

(c) by Sandra Bloh


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