In jedem Wald ist eine Maus, die Geige spielt, und in fast jeder meiner Geschichten gibt es eine Krähe namens Nachtfeder. Dies ist ihre Urmutter ...
Nachtfeder
von Maja Ilisch
»Ich grüße
dich, Lichtsänger«, sagte die Krähe, nachdem sie
über die Hecke geflogen und vor Keils Füßen
gelandet war. »Und ich grüße auch dich,
Waldauge.«
Krähen waren ein seltsames Volk, klüger als die meisten
anderen Vögel. Sie schienen die Wahren Namen aller Dinge zu
kennen, aber sie hielten sie geheim, indem sie alles und jeden mit
eigenen Namen belegten. Um mit einer Krähe ins Gespräch
zu kommen, mußte man ihr als erstes einen Namen geben.
»Ich grüße dich, Nachtfeder«, sagte Keil und
ließ die Flöte sinken. »Was verschafft uns die
Ehre deines Besuchs?«
»Ich habe euch beobachtet«, antwortete die Krähe.
»Ich war auf dem Feld, als ich euch kommen sah. Ich kann mich
nicht erinnern, jemals Sonnenleute in dieser Gegend gesehen zu
haben. Es war mir ein Vergnügen, eurem Streit zu folgen. Aber
erst, als du anfingst zu spielen, kam ich zu dem Schluß,
daß es interessant sein könnte, mit euch zu
reden.«
»Ich habe dich auf dem Feld gesehen«, sagte Schwinge.
»Wir hätten dich früher um Hilfe zu bitten sollen.
Aber wir waren zu sehr mit uns selbst beschäftigt.«
»Wer sich nicht mit sich selbst beschäftigt«,
entgegnete Nachtfeder, »ist ein Dummkopf. Ich
beschäftige mich immer mit mir selbst. Aber man darf dabei
nicht vergessen, seine Umgebung im Auge zu behalten.«
Krähen waren gute Beobachter, doch es war schwer, eine
zufriedenstellende Auskunft von ihnen zu bekommen. Meistens waren
sie zu sehr von sich selbst eingenommen oder zu stolz, um andere an
ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Wenn man die falschen Worte
gebrauchte, flogen sie weg und ließen den Fragenden verwirrt
zurück. Aber man konnte es trotzdem versuchen.
»Nachtfeder, wir brauchen deine Hilfe!«
»Das weiß ich«, sagte die Krähe. »Und
ihr würdet staunen, wieviel ich noch über euch
weiß. Also wollt ihr von mir den Weg erfahren?«
»Wir wollen von dir den Weg erfahren«, bestätigte
Keil. »Es ist ein Fluß, den wir suchen.«
»Nein, das ist es nicht«, antwortete die Krähe.
»Ihr seid nicht so weit gereist, nur um einen Fluß zu
sehen. Was sucht ihr wirklich?«
»Im Moment sind wir auf dem Weg zu einem Zauberer«,
erklärte Schwinge. »Galfas ist sein Name. Ist er dir
bekannt?«
Nachtfeder legte den Kopf schief. »Mein Volk und das der
Mächtigen sind schon lange befreundet. Sie schätzen uns,
mehr als ihr Sonnenleute es jemals getan habt. Ich könnte euch
zu dem bringen, den ihr sucht. Aber ich wüßte nicht,
warum ich das sollte.«
Keil seufzte und setzte wieder die Flöte an die Lippen. In
seinem Kopf hörte er wieder Drachenflieges Worte. Erfrage alle
Namen, aber niemals den einer Krähe. Sie mögen es nicht.
Sicher wäre es besser, wenn die Krähe ihnen aus freien
Stücken den Weg wies. Aber wenn sie nicht wollte
…
»Das würde ich nicht versuchen, an deiner
Stelle«, sagte Nachtfeder. »Wir sind das Volk, das die
Namen gibt. Ich trage mehr Namen, als du bereit wärst
aufzunehmen. Und doch könntest du nichts damit anfangen. Du
hast mir bereits einen Namen gegeben. Das genügt.«
»Wirst du uns helfen?« fragte Schwinge. »Wir
bitten dich darum.«
»Bitten? Es sieht mir mehr so aus, als ob ihr versuchen
würdet, mich zu erpressen. Aber weil ihr es seid … Ich
werde euch führen, bis mir die Lust dazu vergeht. Das habe ich
noch nie getan, damit ihr es wißt.«
»Wir erkennen die Ehre, die du uns erweist«, entgegnete
Keil.
Nachtfeder nickte wieder. »Das solltet ihr auch. Ich tue es
nur, weil ihr interessante Leute seid. Bleibt weiter so
interessant, und folgt mir.«
Mit diesen Worten schüttelte die Krähe kurz ihre Federn
und stieg dann in die Luft auf. Keil und Schwinge sahen ihr nach,
wie sie jenseits der Hecke am Himmel verschwand.
»Es hätte keinen Sinn gehabt, sie darauf hinzuweisen,
daß wir nicht fliegen können«, sagte Keil und
seufzte. Dann begannen er und Schwinge plötzlich zu
lachen.
aus: Eine Flöte aus
Eis
(c) by Maja Ilisch