Das Schäfchen geht auf Entdeckungsreise...


Das schwarze Schaf in der Burg

von LaMaga


Das Böckchen hatte das Gemach verlassen, das Vèljioz bewohnte, seit sie auf der Strand-Burg weilten. Es war aufgewacht, als der Falke den Zauberer geweckt hatte und hatte, als man es eine ganze Weile allein gelassen hatte, beschlossen, sich nicht mehr länger zu langweilen. Es war dunkel im Raum, aber es wusste, wo die Tür war und wie man sie öffnete. Das war einfach, man musste nur auf die Hinterbeine steigen und mit der Schnauze die Klinke herunter drücken. Vèljioz legte niemals einen Riegel vor. Er mochte keine verschlossenen Türen.
Das Böckchen klapperte auf seinen kleinen gespaltenen Hufen den Korridor entlang, folgte dann dem Teppich die Treppe hinab und gelangte ins Erdgeschoss des Hauptgebäudes, ohne sich zu verlaufen. Schafe gehörten auf ebenen Boden, und höher gelegene Stockwerke machten sie unruhig. Das Glöckchen an dem Halsband bimmelte zart und lästig. Auch das Klackern der zierlichen Füßchen auf dem Steinboden gefiel dem Lämmchen nicht. Lautlosigkeit... 
Es war niemals ganz dunkel in der Burg, in regelmäßigen Abständen leuchteten Windlichter in ihren Gläsern. Nachtwächter stellten sich dem Lamm nicht in den Weg, denn alle die wach waren, begrüßten die Königin und ihr Gefolge, das draußen auf dem Hof eingetroffen war. 
Das Böckchen schaute sich in der Halle um, schnupperte an Möbeln und Stoffen und entdeckte schließlich eine Bodenvase mit wohlschmeckenden Blumen. 
Hinter dieser verschwand es, als eine größere Gruppe von metallklirrenden und gedämpft miteinander redenden Menschen draußen am Saal vorbei und die knarrende Treppe hinauf ging. 
Das Lämmchen schnappte nach einem Büschel Ziergras, zerrte es aus der Vase heraus und schlüpfte, sorgsam bedacht, auf dem Teppich zu bleiben und nicht laut zu klappern und zu schellen, hinaus auf den Hof, denn die Menschen hatten die Tür noch nicht hinter sich geschlossen. 
Da stand das Lamm auf der Außentreppe und blickte mit glänzenden Augen in Fackelschein und beobachtete, wie andere Menschen Pferde versorgten und absattelten, Gepäck verluden und leise miteinander sprachen. Das war ein Anblick, der eine sonderbare Vertrautheit in dem Böckchen wachrief, die es gleich wieder verwarf. Das Lämmchen schnupperte. Der Geruch nach Fell und Wärme war so schön. Das war etwas Gutes. 
Es klapperte die Stufen hinab und hoppelte vertrauensvoll zwischen eine Gruppe von Pferden, welche die Stallburschen in die Boxen führten. Inmitten der großen Tiere, heimlich unter ihren Bäuchen versteckt, schummelte es sich so in den Stall, wo es nach Tieren roch, nach Heu und nach Schutz.
Die Pferdeknechte bemerkten im Dunklen das kleine schwarze Wolltier kaum, und die, die es sahen, kümmerten sich nicht darum. An den Anblick des schwarzen Schafes waren sie gewöhnt. Und so fand das Böckchen sich unbehelligt zwischen den großen Pferden im Stall wieder. 
Das große bunte Flügel-Tier war nicht da. Der Mann mit der Goldrüstung hatte es wohl fortgenommen, der Verschlag, in dem es üblicherweise stand, war leer. Nebenan befand sich der hässliche große Schimmel, ließ Kopf und Ohren hängen und döste, ungeachtet des Betriebes, der durch die Neuankömmlinge entstand. Der schokoladenbraune Hengst zog unruhig Kreise in seiner Box und keilte einmal so heftig gegen die Holzwand, dass alle anderen Pferde erschrocken zusammenfuhren. Offenbar wollte er bei den Besuchern klarstellen, wem dieser Stall gehörte.
Das Lämmchen stand und schaute auf. Über der Wand eines Verschlags erhob sich der schlanke Kopf des anderen Flügel-Pferdes, weiß wie eine Perle oder der Mond. Die Stute schnaubte leise. Das Böckchen schnupperte und berührte mit seiner Nase die samtige Schnauze. Dann knickte es in die Knie und versuchte, unter der Gattertür des Verschlages hindurch zu kriechen. 
Eine ganze Weile war es noch betriebsam im Stall, zum größten Neid der Burgpferde bekamen die Rösser der Ankömmlinge Heu und Hafer vorgesetzt. Die Menschen redeten leise miteinander, und die Pferde schnaubten und grollten.
Das Böckchen hatte sich zusammengerollt und schlief an die Seite des weißen Flügelpferdes gekuschelt, beruhigt eingewiegt vom gleichmäßigen Herzklopfen des größeren Tieres. An der weißen Stute war etwas Ungewöhnliches, Guttuendes und Vertrautes. Hier war es sicher. Mondlicht hatte einen Flügel abgewinkelt und über ihm ausgespreizt wie ein schützendes Dach. Ab und zu kickte und blökte das Böckchen leise im Schlaf.
Die Stute schnupperte an dem wolligen Schlafgast und leckte ihm zärtlich über das Fell. Dann hielt sie inne und schnaubte verwirrt.
Und das Lämmchen seufzte und schmiegte sich an.

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Achtes Buch: Feindeskuß

(c) by Sandra Bloh


Kommentare und Diskussionen zu dieser Geschichte