Ich gebe zu, diese Art der Tierbegegnung ist etwas gemein, aber doch passend... Die Geschichte entstand frei nach einem Filk-Song »Swing the Cat«


Seemannslist

von Christel Scheja


»Segg mol, hast du schon die Albatros geseh´n? Ich hab die Olle schon immer für`n lütt beten verrückt gehalten, aber das schlägt ja wohl dem Faß den Boden aus! Wat will se denn mit so vielen...« Der alte Mann sog an seiner Pfeife und legte die Füße auf den Stuhl vor dem Kamin. Der schwarze Kater, der sich es dort bequem gemacht hatte, sprang mit einem unwilligen Maunzen auf und stolzierte die Beine des Alten hinauf, um es sich auf dessen Schoß bequem zu machen.
Sein Gegenüber, der gerade einen Schluck getrunken hatte, verschluckte sich und donnerte dann den Krug heftig auf den Tisch, so daß der Grog darin überschwappte. »Sprich nicht so frech über den Kap´ten! Wenn du nicht mein Vater wärst, würd' ich dir glatt eine verpassen. Sie ist ne’ verdammt kluge Frau, auch wenn ich sonst nicht viel von Tieren und Frauen an Bord halte - denn auf ´nem Schiff bringen die eigentlich nur Unglück! Bei allen Seeteufeln, unser Kap´ten ist nun wirklich ne' Ausnahme, so wahr ich Steuermann auf der Albatros bin!« Sein Gegenüber, ein hagerer Mann, machte ein Zeichen gegen das Böse, und griff dann nach einem der Amulette, die um seinen Hals hingen.
»Pah, verrückt is´ se trotzdem, Jung! N' Katzenjammer is' euer Schiff!« Der alte Mann vergrub eine Hand im dicken Fell des Katers und begann das Tier im Nacken zu kraulen. Ein dunkles Schnurren erfüllte den Raum.
»Ach, halt´n Mund, Alter, und hör mir mal zu!« Der Hagere schob den Krug unwillig über den Tisch. »Ich erzähl dir nun die Geschichte dazu, und wehe, du lästerst wieder drüber!«
»Na, denn laß ich mich mal von dien Seemannsgarn unterhalten!« griente der Alte und lehnte sich gegen das Kissen, das die Rückwand der Bank polsterte.
»Dat is keen Seemannsgarn, Vadder!« ärgerte sich der Hagere. »Du sitzt schon viel zu lang mit ´m Moors an Land, um das alles zu verstehen! Und mit den Ratten hat das alles angefangen ...«

* * *

Die Albatros lag gerade in Slüdersport auf Tortagin, dem verrufensten Hafen des Perlenmeers - wo sich Halsabschneider und andere Ratten ein Stelldichein geben. Ich brauch' dir ja nicht zu erzählen, wie schwer es da ist im Sommer ist, gegen den Wind zu kreuzen, um aus dem verdammten Hafen zu kommen, deshalb laß ich's. Jedenfalls war die Stimmung auf'm Schiff schlecht. Die Kap´ten jedenfalls brummelte tagaus, tagein nur noch rum und fluchte laut über ihr Unglück Ich glaube, sie fragte sich immer wieder, warum sie diesen Schiet überhaupt noch machte und nicht längst die Seefahrt an ´n Nagel gehängt hätte, alt genug, um sich ´nen schönen Lebensabend auf´m Land zu machen, ist sie ja. Und Trevira, unsere Smutje, pappte in ihrer Kombüse nur noch einen Schweinefraß zusammen, den ich ihr am liebsten in den eigenen Schlund gestopft hätte. Zu allem Überfluß jammerte auch noch die Sturmkrähe, die immer mit uns mitfährt, nun dauernd über den Lärm in den Hafenkneipen, der sie nicht schlafen ließ. Aber die Alte war ja zu geizig, um sich woanders n' Quartier zu nehmen.
Den dummschwätzenden Papagei, der zu allem seinen Senf dazu geben mußte, hätte ich auch gerne das Maul gestopft, oder seine Federn gestutzt! Wenigstens hat er nicht gesungen, sonst hätt’s Vogelbraten gegeben. Ich sagte ja, die Stimmung auf dem Schiff glich ´nem mächtigen Unwetter kurz vor dem Ausbruch.
Mir ging´s genauso wie den anderen, aber ich hielt mich aus allem raus, auch wenn ich dem Kap´ten hätte sagen können, was sie ändern müßte, um das nächste mal nicht mehr in so 'ne Flaute zu geraten und gerade hier festzuhängen.
Jedenfalls hatte ich gerade meine Wache beendet und mich in meine Hängematte gepackt, da hörte ich so kurz nach Mitternacht den Kap´ten durchs Schiff brüllen: »Zum Teufel nochmal! Verdammich, wir ham´ Ratten an Bord!« Mann, was war ich wieder schnell auf den Beinen und bin zum Kap´ten geflitzt!
Und da sah ich auch schon den Schlamassel! So viele Viecher habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Die kamen die Planke hochgeflitzt, kletterten über die Tauenden und sprangen über die Reling. Sie verkrochen sich unter den Persenningen! Mann was war das für’n Fiepen, Quieken, Rascheln und Trippeln.
Dreist war'n die Viecher, das kann ich dir sagen. Die rannten zwischen unseren Beinen durch und schnappten doch tatsächlich nach unseren Füßen, wenn wir nach ihnen traten. Ein paar tanzten auf dem Kombüsendach herum, ehe sie drinnen verschwanden. Du hättest Trevira mal kreischen hören sollen, da hätten dir alle Haare zu Berge gestanden. Ja die Viecher jagten sogar den fetten alten Kater, das bissige Miststück Fledder, den Mast hoch. Den hab´ ich vorher noch nie so schnell rennen gesehen.
»Was können wir tun?« fragte ich nun den Kap´ten, der das alles mit grimmigem Gesicht und in die Hüften gestemmten Händen beobachtete. Ein paar von uns versuchten, die Ratten totzuschlagen, aber wo eine platt gemacht wurde, sprangen zwei hinterher. Nicht mal Trevira mit ihrem Schlachterbeil kam gegen die an.
»So können wir den Viechern nicht Herr werden!« sagte der Kap´ten bestimmt und legte die Stirn in Falten. »Ich hab da mal was von ‘nem alten Seebären gehört, als ich selbst noch feucht hinter den Ohren war. Es gibt noch eine Möglichkeit!« Sie hob die Arme. »Also gut, Jungs, jetzt hört mir mal zu: Jeder von euch, von dem krummbeinigsten alten Piraten bis hin zum jüngsten Heuler - ab an Land, und fangt mir jede Katze, die ihr finden könnt!«, befahl der Kap´ten mit funkelnden Augen. »Und wehe ihr kommt mir ohne eine Mieze unter die Augen, dann setzt es wat!«
Und wenn sie so brüllt, dann meint sie auch, was sie sagt! Auch wenn wir unseren Kap`ten damals für verrückt hielten, so gehorchten wir ohne zu zögern. Wir nahmen flugs unsere Beine in die Hand und schwärmten in Süldersport aus. Wir rannten durch die Docks und hetzten durch die Gassen. Die Landratten müssen uns für völlig bescheuert oder besoffen gehalten haben, als wir Seeleute - drei Dutzend gestandene Mannsbilder und ´nen paar noch nicht ausgewachsene Frischlinge - uns die Kätzchen von den Fensterbrettern schnappten, hinter den flinken Streunern her hechteten oder die Miezen mit frischem Fisch anzulocken versuchten.
Na ja, jedenfalls hatte jeder von uns bis zum Morgengrauen eine Katze in seinen Pranken, und genug Kratzer oder Bisse an Armen und im Gesicht. Die Viecher fauchten, kratzen und bissen wie ne' paar wilde Weiber, aber wir ließen sie nicht los. Na, ich sach´ dir, das war ´ne Sammlung - wir hatten Miezen in allen Größen und Farben gefangen, und schleppten sie zum Schiff.
Der Kap´ten wartete auf uns. Breitbeinig stand sie auf Deck und beobachtete das Treiben der Ratten auf den Planken. Irgendwie machten sich die über uns lustig. Aber ihnen sollte das Lachen noch vergehen.
»So Jungs«, meinte der Kap´ten dann mit ´nem bösen Grinsen. »Nun werden wir den Mistviechern gehörig einheizen! Packt die Miezen an den Hinterbeinen und schwingt sie ’n paar mal hin und her, hoch und runter. Wenn sie schreien, dann laßt ´se los!«
Wir sahen uns dumm an, aber was die Alte sagte, das meinte sie auch wortwörtlich so. Ich machte den Anfang. Mann, das war gar nicht so einfach, wie sich das anhört, denn meine Miez wand sich wie ’n glitschiger Aal und biß mich in die Hand und dazu schrie sie wie am Spieß.
Doch kaum war das Katzengejammer vorbei, ging's erst richtig los!
De Miezen landeten mitten unter den Ratten und stürzten sich wütend drauf.
Ha, die ekligen Mistviecher von Ratten hättest du dann mal sehen sollen! Pfeifend und quietschend gingen die über Bord - klatschten ins Hafenwasser oder retteten sich gerade noch so auf den Kai. Ein Gemetzel war das - so schlimm hat’s nicht mal der alte Schwarzbart in seiner wüstesten Piratenzeit getrieben!
Als der Morgen dämmerte, kam endlich vernünftiger Wind auf. Wir zögerten nicht länger, Segel zu setzen.
Nur raus aus diesem rattenverseuchten Hafen, meinten wie alle, und auf die Miezen achtete eh keiner mehr. Erst später, als wir über sie stolperten, fiel uns auf, daß wir das was vergessen hatten. Aber keiner von uns brachte es übers Herz, unsere Retter nun so einfach über Bord zu schmeißen.
Vor allem nicht, weil die alte Sturmkrähe jeden mit ihrem spitzen Stock schlug, der das versuchte, und der Kap´ten war ihrer Meinung. Frauen und ihr weiches Herz, sag´ ich dir!
Na ja, im nächsten Hafen ergriffen die meisten von den Miezen die Flucht, weil sie wohl doch lieber festen Boden unter den Pfoten haben wollten. Nur n’ paar blieben zurück, weil Fledder sie mit Gewalt dran hinderte. De alte Wüstling hatte sich ´nen Harem mit verschüchterten Miezen ´rangezogen und hat nun im letzten Jahr für genügend Nachwuchs gesorgt ... Na ja, das ist der Grund, warum wir seither nicht nur mehr den ollen Fledder an Bord haben, sondern gleich fünf Dutzend Miezen.

* * *

Der alte Mann saß mit geneigtem Kopf da und sagte erst einmal keinen Ton, so als müsse er das Gehörte erst noch begreifen, dann aber wieherte er vor Lachen und klatschte sich so heftig auf die Schenkel, daß der Kater erschreckt von seinem Schoß sprang. Einen Buckel machend ließ er sich vor dem Ofen nieder und beobachtete seinen Herrn mißtrauisch. »Ha, ha dat kannste ´nem annern erzähl´n, nich´ mir, min Jung. Dat is wirklich die bescheuertste Geschichte, die ich gehört hab, und ich glaub’ dir nich ein Wort!« prustete der Greis mit hochrotem Kopf.
»Vadder, so ist es aber gewesen.« brüllte der Steuermann verärgert zurück und beugte sich über den Tisch. »Wen du mir nicht glauben willst, dann besuch´ uns mal, bevor wir wieder ablegen oder so.«
Der Wutanfall beeindruckte den Alten so, daß er verstummte. Sein Sohn hob plötzlich den Kopf und lauschte aufmerksam. »Was ist'n dat für'n Scharren und Rumpeln in der Decke, Vadder?«
»Ach, weißt du, die Decke und ein paar Wände sind hohl. Da hausen n' paar Mäuse drin“ winkte der Greis ab und kratzte seinen Bart.
»Na, nach Mäusen klingt das nicht!« Sein Sohn sprang auf, und wanderte suchend durchs Zimmer, mißtrauisch vom Kater beobachtet. Der Hagere leuchtete den Raum mit der Öllampe aus und zuckte zusammen, als er etwas unter den Tisch huschen sah. »Ich hab mich schon gewundert, daß deine Möbel so angefressen sind und du kaum noch was zu beißen zu Haus hast, Vadder!« rief er plötzlich. »Das sind keine Mäuschen, sondern Ratten!« Seine Augen blitzten auf. »Hast du noch nicht dran gedacht, denen mal zu Leibe zu rücken?«
»Ne, mien Jung«, murmelte der Alte verlegen. »Die sind zu gewitzt, und... was machst du da, Jung ... du wirst doch nich´ etwa ... ne, halt ... laß mein ollen Mohrle da wo er is' ... du kannst'n doch nicht...«

»MRROOOOWWWWCCHHHHHHH!«

(c) by Christel Scheja


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