Der Zauberer Tomán machte Skira Kasalmi, von Geburt an querschnittsgelähmt, ein Angebot: Er konnte sie gehen lassen ... oder ihr das Fliegen beibringen. Skira wählte das Zweite und lernte, sich in eine Krähe zu verwandeln. Sie liebte diese Gestalt, mehr jemals als ihre menschliche, und irgendwann kam der Tag, an dem sie beschloß, sich nie mehr zurückzuverwandeln. Sie blieb eine Krähe, mehr als drei Jahre lang. Bis Mowsal aus dem Gefängnis kam und beschloß, den Zauberer Sandor für seine zwielichtigen Machenschaften zur Rede zu stellen ...
Diese Szene gehört zum eigentlichen Showdown der
Spinnwebstadt, und obwohl eigentlich nur geredet wird, finde ich, daß sie zum Besten gehört, was ich jemals geschrieben habe. Da sie sehr lang ist, habe ich die hier auf den Mittelteil reduziert - ich hoffe aber, man kann ihr auch so folgen ...


Ungeschehen

von Maja Ilisch


»Die Wahrheit würde dir nicht gefallen«, sagte Sandor, stellte die nach einer halben Stunde immer noch dampfende Kaffeetasse ab und öffnete das Fenster. »Wenn man die Welt retten will, muß man oft ungewöhnliche Schritte tun.«
»Oh, ich weiß natürlich, daß alles zum Besten war«, beeilte sich Mowsal zu sagen, aber er bemühte sich nicht, es so klingen zu lassen, als glaube er daran. »Und ich werfe Ihnen ja auch nicht vor, daß Sie Rogri getötet haben. Sie haben Maril das Leben damit gerettet, zumindest für den Moment.« Er machte eine kurze Pause, aber nicht lang genug, um Sandor wieder zu Wort kommen zu lassen. »Was ich Ihnen vorwerfe, ist -« Er brach ab. Etwas stimmte nicht. Seine Gedanken lagen bloß. Er konnte sie nicht mehr abschirmen, noch konnte er die des Zauberers ertasten. Es ging einfach nicht mehr. »Was haben Sie mit mir gemacht?«
Sandor drehte sich vom Fenster um und lächelte. »Einen Fehler ausgebessert«, sagte er leise, »den ich schon bitter zu bereute.« Er hob seine rechte Hand mit einer Geste, die nur so lange theatralisch aussah, bis sich die Krähe darauf niedergelassen hatte.  Dann schloß er das Fenster mit der anderen Hand. »Es gibt zu viele von uns. Früher war die Welt größer und unübersichtlicher. Jetzt treten wir uns fast gegenseitig auf die Füße, auch wenn es auf jedem Kontinent nur noch ein oder zwei Geschwisterpaare gibt. Vier Zauberer in Astulehla sind einfach zu viel, und daß du außerdem noch Tomán begegnet bist, hat vermutlich den größten Schaden angerichtet. Aber es gibt nichts, was man nicht rückgängig machen könnte.« Mit der Spitze seines Zeigefingers kraulte er der Krähe den Kopf. Sie wich nicht aus, schien ganz zutraulich zu sein. 
»Skira?« fragte Mowsal leichter.
Sandors Lächeln wich einem spöttischen Grinsen. »Wenn es schon zu viele Zauberer auf dieser Welt gibt, was meinst du, wie viele Krähen gibt es dann erst?«
Mowsal schluckte. »Ich habe nicht mit Ihnen geredet.« Sah die Krähe so aus, als ob sie ihn verstand? War irgend etwas an ihr menschlich, war irgend etwas von Skira? »Skira?« fragte er noch einmal.
Die Krähe schüttelte ihren kleinen Kopf. So schwarz waren ihre Augen - sie hätte genau so gut ein Zauberer sein können, aber dafür sah sie viel zu echt aus. Und viel zu unauffällig - aber wie sie ihn anblickte …
Sandor setzte die Krähe auf der Sessellehne ab wie einen ausgestopften Dekorationsvogel. »Einer der Gründe, warum ich dich ausgewählt hatte, war deine Intelligenz«, sagte er. »Wollen wir doch einmal sehen, ob du auch diesmal Recht hast mit deinem Scharfsinn. War dieses Tier einst menschlich?« Die Art, wie er Tier und einst aussprach, jagten Mowsal einen Schauder über den Rücken. »Wir wollen es einmal fragen.«
Er hockte sich hin, bis sich seine Augen auf einer Höhe mit denen der Krähe befanden. »Also gut«, sagte er freundlich. »Wenn dein Name Skira Kasalmi ist, dann antworte jetzt!«
Der Vogel legte das Köpfchen schief und sah ein wenig so aus, als lächele er - doch er antwortete nicht.
Wenn es Skira war, mußte er es doch fühlen können! Mowsal kannte Skira - die alte Skira - doch so gut - er hatte ihre Gedanken und Gefühle lesen können! Und selbst, wenn sie ihre Gestalt wandelte - dieses ganz bestimmte Muster würde sich niemals verändern …
Verzweifelt versuchte Mowsal sich zu konzentrieren, Die Kopfschmerzen wurden unerträglich - er schloß die Augen, legte die Hände an die Schläfen - doch es half nichts. Er konnte es nicht mehr. Die Gabe war fort.
»Alles in Ordnung?« fragte Dr. Sandor scheinheilig, eine Hand auf der Sessellehne, die andere auf Mowsals Arm.
»Jetzt tun Sie nicht so!« fauchte Mowsal. »Das sind Sie doch gewesen! Sie haben meinen Verstand blockiert, damit ich nicht mehr -«
»Nie wieder, Mowsal«, erwiderte Sandor leise. »Du wirst nie wieder solches Unheil anrichten können.«
Mowsal lachte so trotzig er konnte. »Das denken Sie! Aber ich werde schon noch damit fertig, warten Sie’s ab! Ich habe die falschen Erinnerungen zurechtbiegen können, und das gilt auch für diese Blockade!«
»Keine Blockade«, sagte Sandor. »Fort. Für immer. Ich habe nur einen alten Fehler geradegebogen. Wie ich bereits sagte. Möchtest du nicht doch einen Tee? Ich beneide dich nicht um deine Kopfschmerzen …«
»Was für ein Fehler?« fragte Mowsal, zunehmend gereizt. »Was ist los mit mir?«
»Es wird dir nicht gefallen.«
»Nichts von dem, was Sie tun, gefällt mir.«
Sandor lächelte. Er sah erfreut aus, aber vielleicht gefielen ihm auch nur Mowsals Kopfschmerzen. »Diese Gabe, wie du es nennst, war tatsächlich eine: Nichts, womit du geboren wurdest, sondern etwas, das man dir verliehen hat. Wobei auch verleihen genau das richtige Wort ist - jetzt hast diese Kraft wieder zurückgegeben. Du bist kein Naringu, Mowsal. Du bist nie einer gewesen, und du hast nicht mehr von ihnen als jeder beliebige andere Mensch.« Er blickte Mowsal bedauernd an. »Ich hielt es zum damaligen Zeitpunkt für angebracht, das ein wenig zu ändern. Heute muß ich zugeben, daß das ein Fehler war, und es tut mir leid, vor allem für dich, weil du nun ein völlig falsches Selbstbild erworben hast.«
Entgeistert starrte Mowsal ihn an, fassungslos und unfähig, etwas anderes zu sagen als »Warum?«
»Ich hatte verschiedene Gründe. Zum einen mußte ich dich für das Thema Naringu sensibilisieren - du hättest dich nie für etwas engagiert, das dich nicht persönlich betrifft. Zum anderen mußte ich einige Leute auf dich aufmerksam machen, die einen gewöhnlichen Menschen nicht weiter beachtet hätten.«
Mowsal schluckte. »Und das … ist alles? Darum mußten Sie mir all diese … diese verdammten Fähigkeiten beibringen?«
Sandor schüttelte den Kopf. »Das habe ich dir nicht beigebracht. Wäre es nach mir gegangen … Alles was ich getan habe war, dich wie einen Naringu aussehen zu lassen, für Augen, die einen Naringu sehen wollten.« Die Krähe flatterte unterdessen auf den Bücherschrank - auf einen der Bücherschränke - von dessen Rand aus sie das Gespräch weiterhin beobachtete. »Aber dann gerietest du an Adiza. Sie wußte natürlich von meinen Plänen und wollte sie nur unterstützen, als sie dir die Fähigkeit die Fähigkeit der Geistsprache gewährte … Und so lang war auch noch alles in Ordnung, konntest du keinen Schaden anrichten … Aber dann wurde Tomán auf dich aufmerksam …«
Nervös schüttelte Mowsal den Kopf. Langsam ließen die Schmerzen nach. »Tomán war der einzige, der mich jemals davor gewarnt hat, was ich mit dieser Gabe anrichten könnte!«
»Ja, weil er wußte, daß du es trotzdem tun würdest. Ich glaube nicht, daß er dir oder der Welt Schaden zufügen wollte. Auch Tomán ist neutral. Aber er hat mit dir gespielt, und ich denke, daß die anderen ihn dafür zur Rechenschaft ziehen werden. Früher oder später müssen wir uns unserer Verantwortung stellen. Die Zauberer werden sich treffen. Es kommt nur selten vor, daß sie sich versammeln, aber -«
»Ich verstehe schon«, unterbrach ihn Mowsal. »Ihr Ruf steht auf dem Spiel, mehr noch als Tománs, weil Sie einen haben - also räumen Sie jetzt alles schön ordentlich wieder auf, damit Sie sagen können, immerhin waren Sie derjenige, der das alles wieder hingebogen hat.«
Sandor schüttelte den Kopf. »Es hätte niemals geschehen dürfen! Dir diese Fähigkeiten zu verleihen, war nicht besser, als sie damals den Naringu zu geben - eher schlimmer, denn ich wußte ja, was passieren kann.«
»Ich glaube, ich möchte wirklich ganz gern einen Tee haben«, sagte Mowsal leise, in erster Linie, um den Zauberer einen Moment lang los zu sein. Das alles konnte Mowsal nicht so schnell verarbeiten, und wenn Sandor weiter redete und redete, konnte Mowsal gar nicht mehr denken. Aber zum Glück kochte Sandor seinen Tee auf natürliche Weise, und er würde in der Küche einige Minuten brauchen …
Vorsichtig zog Mowsal die Wohnzimmertür hinter ihm zu, setzte sich in den Sessel, stand wieder auf, trat ans Fenster und merkte er jetzt, daß er vor Wut zitterte. Hinter ihm raschelte etwas, und er fuhr herum, halb in Erwartung Sandors, doch es war nur die Krähe, die sich bequemt hatte, vom Schrank herunterzukommen und auf einem Beistelltischchen mit Zeitschriften gelandet war. Mowsal lächelte und schüttelte den Kopf.
»Skira, Skira - was machst du bloß für Sachen? Du warst so ein hübsches Mädchen … damals.« In diesem Moment hoffte er, daß sie Skira war, und daß sie eine Krähe bleiben würde. So hatte sie etwas, das ihr niemand wegnehmen konnte. Die Kopfschmerzen ließen ein wenig nach, und er begriff, daß er die Gedanken von Leute zwar nicht mehr lesen konnte - sie aber immer noch verstehen. Er lachte kurz und zynisch. Der Vogel blickte ihn verwirrt an. 
»Eine Einsichtsautomatik«, erklärte er - nur ganz kurz fragte er sich, was er da tat, mit Vögeln reden? »Das mußte ja von Sandor kommen. Erst wenn ich Einsicht zeige, nicht mehr meiner verschwundenen Gabe nachtrauere und begreife, was für ein toller, einfühlsamer, intelligenter Mensch ich doch bin, erlöst er mich von meinen Kopfschmerzen.«
Er streckte seinen Arm aus, um der Krähe den Kopf zu kraulen, so wie es auch Sandor getan hatte, doch sie hackte nach seiner Hand und flatterte auf den Schirm der Wandlampe.
»Du bist Skira«, murmelte er. »Du mußt einfach Skira sein. Wenn du nicht sie bist, dann ist das letzte Bißchen Welt, das ich verstand, auch noch verloren.«
»Geht es besser?« fragte Sandor, der gerade mit dem Tee hereinkam.
Mowsal fuhr herum, eine Hand am Fenstergriff. Er wollte die Krähe hinauslassen, damit sie vor Sandor in Sicherheit war. »Ja«, sagte er nur. »Und Ihnen? Fühlen Sie sich besser?«
Sandor antwortete nicht. Er nahm die Krähe von der Lampe, setzte sie auf den Fußboden. Der Vogel stand so reglos, als sei er ausgestopft. »Manchmal sagen Zauberer die Unwahrheit«, sagte er. Mowsal grinste. Nicht Lügen - dieses Wort hätte Sandor niemals für sich gebraucht - aber immerhin. »Sie erklären dir, sie könnten nichts rückgängig machen, was einer der anderen getan hat. All die Jahre über, nachdem Adramel ihn zu einem Menschen gemacht hat, hätte Reamen Rgrosch seine ursprüngliche Gestalt zurückgeben können.«
»Er war ein Kobold, nicht wahr?« unterbrach ihn Mowsal. Sandor nickte. »Manchmal tut er mir leid. »Aber dann auch nur, weil ich einen solchen Hals auf die Zauberer habe -«
Sandor legte einen Finger an die Lippen. »Es ist kein kann nicht, es ist ein will nicht. Oh, wir können nichts fremdes wirklich rückgängig machen, und erst recht nichts ungeschehen. Aber wenn Adiza einen Stein in einen Apfel verwandelt, kann ich diesen Apfel in einen Stein verwandeln … Wir tun es nie, aus Respekt vor den anderen, und weil es selbst für uns gewisse Regeln geben muß … Aber vor den Dingen, die Tomán tut, kann ich keinen Respekt haben.«
Er ergriff eine Wolldecke, die zusammengelegt über der Sessellehne lag, und breitete sie vorsichtig über Skiras nackten, zitternden Körper. Mowsal konnte ihn nur reglos anstarren. Er hatte von der Verwandlung nichts mitbekommen, nur auf den Zauberer geschaut und nicht auf die Krähe … Bastard, dachte er und hoffte, daß Sandor es hören konnte. Du bist ein Bastard, Sandor.
»Ah«, sagte Skira, ein jämmerliches Krächzen. Es klang wie der halberstickte letzte Laut eines Vogels, dem gerade der Hals umgedreht wird. Dann begann sie zu weinen.

aus: Die Spinnwebstadt
Viertes Buch: Die Masken des Mondes

(c) by Maja Ilisch


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