Wenn ich das Buch schon Die Spinnwebstadt nenne, sollte man meinen, daß irgendwo auch Spinnen vorkommen. Aber der Name ist mehr im übertragenen Sinne gemeint. Nichtsdestotrotz spielen Spinnen immer noch eine tragende Rolle in der Geschichte, auch wenn dies die einzige Stelle ist, wo eine in Person auftreten darf. Immer noch arg symbolisch, das ganze...
Doch still die Spinne
webt
von Maja Ilisch
Als Mowsal sich sein Hemd und
seine Schuhe übergezogen hatte und das Zelt verlassen wollte,
bemerkte er etwas. Noch etwas war in der Nacht geschehen.
Normalerweise hätte Mowsal es entweder übersehen oder
nicht weiter beachtet, aber angespannt, wie seine Nerven nun waren,
fuhr ihm nun ein jäher Schrecken in die Glieder.
Der Ausgang war vergittert.
Erst einen Augenblick später stellten sich seine Augen richtig
ein, und was eben noch wie massive, undurchdringliche Stäbe
gewirkt hatte, war nun nichts weiter als ein zartes,
hauchdünnes Netz, das eine Spinne - zugegeben, eine recht
große Spinne - am Zeltdachvorsprung vor dem Eingang gewebt
hatte und das nun fast die ganze Öffnung ausfüllte.
Mowsal gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die beim Anblick
einer Spinne einen Schreikrampf bekamen oder vor Angst erstarrten.
Aber wie die meisten Menschen bevorzugte er es, wenn sich zwischen
ihm und der Spinne eine Glasscheibe befand und ihre sich seltsam
unregelmäßig bewegenden Beine seiner Haut nicht zu nahe
kamen. Und gegen diese langbeinigen schwarzen Biester, die in den
Abflußrohren von Duschen lauerten, hatte er natürlich
auch etwas. Aber diese Spinne, die bei der Erschütterung, als
Mowsal die Zeltplane aufzog, ins Zentrum ihres Netzes huschte,
gehörte zu einer Sorte, die er noch nie gesehen hatte: Mit
einem dicken, leicht bläulich schillernden Rumpf und
kräftig wirkenden, langen Beinen.
»Was ist?« fragte Kembrik. »Etwas nicht in
Ordnung?«
»Hier ist eine Spinne«, antwortete Mowsal mit neutraler
Stimme. Eben noch, als er die Gitterstäbe zu sehen glaubte,
hatte er sich sehr erschrocken, und das saß immer noch in ihm
fest.
»Hast du Angst vor Spinnen?« Kembrik klang
widerwärtig mitfühlend, so als erwarte er von Mowsal
nichts anderes.
»Nein, aber …« Bilder flatterten plötzlich
an seinen Augen vorbei. Spinnen. Netzte, große, klebrige
Netze, die festhalten, was immer in ihre Nähe kommt. Ein Netz
aus verschlungenen blauen und schwarzen Linien, und jedesmal sieht
es ein wenig anders aus. Und in der Mitte eine kleine Spinne, die
auf mehr Opfer wartet. Rogri. »Doch still«,
murmelte Mowsal, »die Spinne webt.«
Wieder Worte aus der Prophezeiung. Daß sie ihm gerade jetzt
in den Kopf kamen, noch dazu mit einer Erinnerung an Rogri, machte
ihn wütend. Mit beiden Händen zerriß er das Netz,
das er eben noch fast ehrfürchtig bestaunt hatte.
Klebrige Fäden pappten an seinen Fingern fest, und als er
versuchte, sie abzustreifen, wurden es nur immer mehr. Die
Überreste des zuvor nahezu perfekten Netzes, in nur einer
halben Nacht von einer einzigen Spinne erschaffen, hingen in
traurigen Fetzten wie ein schmutziger Vorhang vor dem Zelteingang.
Die Spinne selbst hatte sich bei dem plötzlichen Angriff mit
einem Sturz auf Mowsals Fuß gerettet. Und das war genau der
letzte Ort, wo er sie jetzt haben wolle. Der Vorletzte.
Denn nun machte sich das Krabbeltier auf, innen in seinem Hosenbein
hochzusteigen. Acht winzige, unruhige Füße trippelten
auf Mowsals nackter Haut.
Mit einem Aufschrei sprang Mowsal aus dem Zelt und begann, das
linke Bein zu schütteln, so lange, bis das Krabbeln
aufhörte und die Spinne nach draußen rutschte. Im
nächsten Moment trat er zu, stampfte auf mit aller Wucht und
drehte den Fuß zur Sicherheit noch ein paarmal hin und her.
Das mußte sie erledigt haben.
Doch als er den Fuß hob, zuckten die Reste der Spinne, die
man ihrer Form nach kaum noch als solche bezeichnen konnte, immer
noch. Es machte Mowsal nur noch wütender. Er trat wieder zu,
trampelte blindlings auf der Stelle herum, bis nichts, aber auch
wirklich nichts mehr verriet, daß dort unten einmal Leben
existiert hatte.
Er hatte die Spinne getötet, ein für sich betrachtet
harmloses und wehrloses Geschöpf, das ihm nichts getan hatte.
Doch im Moment standen die Spinnen für mehr, für so
vieles mehr, daß der Tod von auch nur einer einzigen fast
schon ein Symbol darstellte. Mowsal konnte nur nicht sagen,
für was.
Mit hastigen Bewegungen rieb er seine Schuhsohlen im Gras sauber.
Jetzt fühlte er sich irgendwie besser. Wenn es nach ihm ging,
konnte der Tag beginnen.
aus: Die Spinnwebstadt
Zweites Buch: Der Zerbrochene Wind
(c) by Maja Ilisch