Wie ein Mann sein Totem
fand... oder sein Totem ihn.
Dies ist ein Auszug aus einer Geschichte, die die Vorgeschichte
von »Pakt der Wölfe« erzählt, wie wir (Kara
Silver und ich) sie uns vorstellen.
Totem
von Sabrina 'Shae' Kley
Es war der fünfte Tag,
nachdem die beiden Blutsbruderschaft geschlossen hatten.
Grégoire wußte einfach, daß sie verfolgt wurden,
genauso wie er wußte, daß von dem Verfolger keine
Gefahr ausging. Aber er würde noch wahnsinnig werden, wenn er
nicht sofort herausfand, wer sich hinter dem Unsichtbaren
verbarg.
Er zügelte seinen Schecken und bedeutete Mani zu warten. Dann
stieg er ab und schritt bedächtig auf ihrer Fährte
zurück, bis er außer Sichtweite war. Er stand nun
vollkommen bewegungslos inmitten des Pfades, den ihre Pferde
geschaffen hatten, und wartete. Irgend etwas mußte geschehen,
irgend etwas... Beinahe eine halbe Stunde stand er dort und
rührte sich nicht, als er plötzlich ein leises Knacken
spröden Holzes vernahm. Doch er bewegte sich nicht.
Der Mustang schritt mit leicht gesenktem Kopf auf der Fährte
der Blutsbrüder entlang. Er wagte nicht schneller zu gehen,
aus Angst, er könnte entdeckt werden. Er war zu sehr ein
Mustang um seine Scheu vor den Menschen abzulegen, doch er
fühlte ein Band des Vertrauens bei diesen Menschen, die da vor
ihm ritten, und deswegen folgte er ihnen.
Er schnaubte, als er plötzlich den Geruch eines Menschen
direkt vor sich wahrnahm. Aber es war auch ein vertrauter Geruch.
Er drehte sich nicht um und galoppierte davon, wie er es hätte
tun sollen. Nein, er schritt zögernd näher, bis er nur
noch zwei Meter von dem Menschen entfernt war.
Dieser blickte dem Wildpferd mit wachsamen Blick entgegen, ein
bißchen überrascht, daß sich sein Verfolger als
ein Mustang herausstellte, doch nur ein bißchen. Er
wußte nicht recht, was er nun tun sollte. Das Tier verhielt
sich beinahe zutraulich, blieb aber dennoch scheu außerhalb
seiner Reichweite und sah ihn aus wilden Augen an. Was sollte das
bedeuten? Er war ziemlich verwirrt über das Verhalten des
Hengstes, aber eines wußte er genau. Wenn er sich jetzt
bewegte, oder gar Anstalten machte, den Mustang zu berühren,
würde dieser fliehen. Daher blieb er einfach stehen und suchte
den Augenkontakt des Tieres, wartete ab, was dieses tun
würde.
Der Hengst war irritiert. Warum versuchte dieser Mensch nicht, ihn
zu fangen, wie es jeder Mensch tun würde? Warum bewegte er
sich nicht aufgeregt, wie es jeder andere Mensch tun würde?
Und warum schrie er nicht wie wild herum, wie es die Menschen stets
taten? Das verwirrte ihn, doch auf der anderen Seite befriedigte es
ihn auch. Er war diesem Menschen nicht umsonst gefolgt, denn es war
wirklich jemand, dem er vertrauen konnte. Konnte er das? War er
nicht trotzdem noch ein Mensch? Jemand, der laut war und hektisch
und aufdringlich. Doch dieser hier rührte sich nicht, und nur
der intensive Blick, den er dem Mustang zuwarf, verriet, daß
er keine Statue war. Er wartete ab.
Auch Grégoire rührte sich nicht, nicht ein Muskel
zuckte und nur ab und an konnte er ein Zwinkern nicht verhindern.
Er würde hier nicht eher fortgehen, bis der Mustang entweder
fortgerannt oder nähergekommen war.
Stunden vergingen...
~*~
Die Sonne stand schon weit im
Westen, als der Mustang sich bewegte. Er war sich nicht mehr
vollkommen sicher, ob das Wesen, das da vor ihm stand, wirklich ein
Mensch war. Doch er hatte eindeutig lange genug gewartet. Er ging
einen Schritt, einen weiteren, bis er schließlich direkt vor
Grégoire stand, mit den Nüstern beinahe dessen Gesicht
berührte. Leise schnaubte er und schnoberte über das Kinn
des Chevalier. Er hatte den ersten Schritt getan, jetzt war der
Mensch dran.
Dieser zuckte leicht zusammen, als er die weiche Nase des Pferdes
in seinem Gesicht spürte. Der Mustang hatte sich also endlich
entschieden. Unendlich langsam streckte er seinen Arm aus und
berührte sanft den Hals des Hengstes, spürte ein kurzes
Zucken der Muskeln, doch keinen Widerstand. Er wußte nicht,
warum, aber er sprach zu dem Pferd, leise und bedächtig, um es
nicht zu erschrecken. »Je m'appelle Grégoire, mon
beauté. Tu viens avec moi?«
aus: Schatten des
Schicksals
(c) by Sabrina 'Shae' Kley