Eigentlich sollte das nicht wirklich eine Sterbeszene werden. Der Plot sah vor, daß die Quotenblondine Lili lesen lernt, das Buch der Macht benutzt und Cip aus dem Koma wieder zum Leben erweckt. Nur - diese Szenen wurden nie geschrieben. Und werden sie auch nicht, denn wir haben die Öbba zu den Akten gelegt als etwas, an das wir gerne zurückdenken, aber die Zeit, als wir daran schrieben, liegt mehr neun Jahre zurück. Wir haben uns weiterentwickelt ... Und so muß Cip jetzt sterben, in einer sehr durch Hamlet geprägten Szene.
Cold Turkey
von Monica Höfkes und Maja Ilisch
Pfau und Biblid konnten Cip im
letzten Moment von Dohbie fortzerren, sonst hätte er ihn
wahrscheinlich wirklich erwürgt. Dohbies Gesicht war dunkel
angelaufen, und er hustete, um wieder Luft zu bekommen. Dabei
mußte er sich an der Reling festhalten, um nicht das
Gleichgewicht zu verlieren. Lili lief schnell zu ihm hin, um sich
um ihn zu kümmern.
Schangere war außer sich vor Wut. Sie schrie Cip an, der
immer noch von den beiden Männern gehalten werden mußte,
um nicht wieder auf Dohbie loszugehen: »Wieso hast du das
getan? Ich war gerade so weit, daß sie Verständnis
für dich hatten, und dann gehst du hin und machst alles
kaputt! Dir kann wirklich niemand helfen.«
Cip hörte schlagartig auf, sich zu wehren. »Nein«,
sagte er leise. »Jetzt kann mir wirklich niemand mehr
helfen.«
Er machte sich von Pfau und Biblid, die ihre Griffe gelockert
hatten, los, und ging zur Reling. Dort blickte er einige
Augenblicke lang ins Wasser, dann sagte er zu Dohbie, der
zurückzuweichen versuchte: »Eins muß man dir
lassen. Das hast du wirklich gut gemacht.«
»Das … das wollte ich wirklich nicht!« stammelte
Dohbie. »Es tut mir leid.«
»Vergiß es«, sagte Cip und starrte weiter ins
Wasser
»Was genau ist passiert?« fragte Lisa. »Warum
entschuldigst du dich bei ihm, Dohbie, wenn er versucht hat, dich
zu erwürgen?«
Kleinlaut erzählte Dohbie, was er getan hatte und wie die
Flasche ins Wasser gefallen war. »Und dann war sie
weg«, er mußte wieder husten, »und wir haben
gekämpft.«
»Die Flasche ist weg?« fragte Schangere erschrocken.
Alle sahen zu Cip hinüber, der wie ein Häufchen Elend an
die Reling gelehnt am Boden hockte. Sein Kopf war vornüber
gesunken, und er umklammerte seinen Beutel mit beiden Händen.
Als er merkte, daß es still geworden war und ihn alle
ansahen, blickte er auf.
»So«, sagte er. »Jetzt habt ihr es also erfahren.
Und ihr habt keine Sekunde verloren, daß muß ich euch
lassen. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß ihr derart
schnell handeln würdet. Ich hatte gehofft, ihr gebt mir
zumindest noch einen Tag. Immerhin hat es jetzt den Vorteil,
daß ich eure Verachtung nicht so lange ertragen muß.
Nutzt die Zeit, die ihr noch habt. Wenn ich mich erst einmal in
Krämpfen winde, kann ich es nicht mehr richtig genießen.
Fangt ruhig schon mal an.«
»Cip, niemand verachtet dich! Wir wollen dir
helfen.«
Schangere wollte zu Cip hinübergehen und ihn trösten,
aber er stand auf und zog seinen Dolch, als sie sich ihm
näherte.
»Verschwinde«, sagte er nur. Dann wandte er sich an den
Rest der Truppe: »Ihr habt allen Grund, mich zu verachten.
Schließlich habe ich mich euch gegenüber alles andere
als nett verhalten. Dafür wollte ich mich entschuldigen,
solange ich noch klar denken kann. Ich möchte, daß ihr
auch noch den Rest erfahrt. Schangere kann euch unmöglich
alles verraten haben. Was mit mir geschehen wird, ist folgendes: In
zwei bis drei Stunden wird die Wirkung von dem Zeug nachlassen.
Vielleicht auch schon früher, denn der Ringkampf mit Dohbie
hat mich angestrengt, und dann verbrauche ich es schneller. In etwa
zwei Stunden also fange ich mit dem Entzug an. Ich bekomme
zunächst vorübergehende, dann anhaltende
Angstzustände und wahrscheinlich auch einige Halluzinationen,
die für den Zuschauer, der nur mich sieht und nicht das, was
ich sehe, wahrscheinlich sehr interessant sein werden.
Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt setzen dann Krämpfe ein.
Sie sind, das kann ich euch versichern, ausgesprochen schmerzhaft.
Möglicherweise werde ich auch ziemlich aggressiv werden und
jemanden von euch angreifen. Dafür möchte ich mich im
Voraus entschuldigen. Es ist nicht meine Absicht, aber wenn es
passiert, kann ich es auch nicht weiter ändern. Was danach
kommt, kann ich euch leider nicht sagen. Ich habe bereits selbst
versucht, mir den Stoff zu entziehen, aber weiter habe ich nicht
durchgehalten. Es wird also noch einmal spannend werden. Vermutlich
steigen meine Schmerzen bis ins Unerträgliche, und ich sterbe
vor Angst. Laßt euch einfach überraschen. Mehr als
zusehen könnt ihr sowieso nicht.
Ihr dürft nicht so entsetzt aussehen! Freut euch, daß
ihr mich los seid. Niemand wird euch mehr mit Dolchen wie diesem
hier belästigen oder sich über euch lustig machen.
Dohbie, mach nicht so ein schuldbewußtes Gesicht! Es liegt
nicht an dir. Früher oder später wäre es sowieso
alle gewesen. Es tut mir leid, daß ich dich gewürgt
habe, aber ich habe in dem Moment einfach nur rot gesehen. Ich
wünsche dir und Lili noch viel Spaß, und Lili, bitte
vergib mir das mit der Pferdetränke! Vielleicht verstehst du
jetzt, warum ich so besorgt um dich war. Ich wollte dir einfach das
ersparen, was ich durchmache, und Dohbie auch. Biblid, das gleiche
gilt für dich. Ich habe mich ziemlich ekelig dir
gegenüber verhalten. Es tut mir leid. Lisa, Eka … das
gilt auch für euch. Ich bin einfach ein widerwärtiger
Kerl, aber das hattet ihr wahrscheinlich schon längst gemerkt.
Aber meine Entschuldigung meine ich trotzdem ernst. Ich habe es
nicht nötig, mich am letzten Tag meines Lebens noch bei irgend
jemandem lieb Kind zu machen. Ich habe auch meine Beleidigungen nie
persönlich gemeint. Aber sie gaben mir immer das Gefühl,
euch überlegen zu sein. Selbst ein Mensch wie ich braucht
etwas Selbstwertgefühl. Pfau, vielleicht verstehst du dann,
warum du meine Lieblingszielscheibe warst? Es war wirklich nicht
meine Absicht, dich derart zu quälen. Aber vermutlich habe ich
noch nie genug über das, was ich tue, nachgedacht. Was soll's?
Es wird ein Geheimnis bleiben. Cedé, hoffen wir, daß
deines keins bleibt. Ich bin sicher, das Buch der Macht wird dir
helfen, das Geheimnis deiner Herkunft zu enträtseln.
Irgendwofür muß es schließlich gut sein. Nun gut,
ich bin froh, daß ich mich endlich bei jedem einzelnen von
euch entschuldigen konnte.
Oder war da noch jemand? … nein. Ich wüßte
nicht, wofür ich mir bei dir entschuldigen sollte, Schangere
op Ac. Geh zurück zu deinen Büchern!«
»Cip, ich … es tut mir leid!«
»Komm nur einen Schritt näher, und ich mache das mit
dir, was ich angekündigt habe. Ich habe nichts mehr zu
verlieren. Und dieser Dolch will, daß ich ihn zumindest
einmal benutze.«
Mit ausgestrecktem Dolch bewegte sich Cip rückwärts von
den anderen weg. Aber er kam nicht weit. Pfau stürzte von der
Seite auf ihn zu und riß ihn zu Boden, und Lisa und Biblid
halfen ihm, ihn festzuhalten.
Cip schlug und trat um sich und brüllte »Laßt
mich los!«, aber gegen die Übermacht kam er nicht
an.
»Nehmt ihm den Dolch ab!« schrie Schangere. »Er
will sich umbringen!«
»Das haben wir gemerkt«, sagte Pfau. »Er
hätte es deutlicher nicht sagen können.«
»Ich habe euch gesagt, was passieren würde! Glaubt ihr
vielleicht, ich will diese Qualen durchstehen, wenn ich das
Endergebnis auch sehr viel einfacher haben kann?«
Cedé nahm Cip den Dolch aus der Hand und steckte ihn zu
ihren Messern. Sofort hörte Cip auf, sich zu wehren.
»Gut, ihr habt gewonnen. Ihr könnt mich jetzt
loslassen.«
»Und du springst über Bord? Oh nein, nicht mit
uns!« Pfau war nicht bereit, Cip loszulassen, bevor
Cedé ihn nicht an Händen und Füßen gefesselt
hatte. Dann erst hörte er auf, ihn auf den Boden zu
pressen.
»Bindet mich los!« flüsterte Cip. »Bitte.
Das könnt ihr mir nicht antun! Ich habe meine Entscheidung
getroffen, und es ist mein gutes Recht, das letzte, was mir
geblieben ist. Ich möchte zumindest sterben wie ein Mensch,
nicht jämmerlich krepieren. Bitte!« Die letzten Worte
schrie er. »Pfau, gönn wenigsten du mir ein ehrenvolles
Ende!«
Schangere ging zu ihm hinüber und setzte sich zu ihm. Jetzt,
wo er gefesselt war, konnte er sie weder verletzten, noch
weglaufen. Es gelang ihm nicht einmal, sich auf die andere Seite zu
drehen. Aber er wandte sein Gesicht ab und weigerte sich, sie
anzusehen.
»Du wirst dich nicht umbringen«, sagte sie, »und
du wirst auch nicht sterben. Ich werde weder das eine, noch das
andere zulassen, und du kannst mich nicht davon abhalten, dir
helfen zu wollen. Selbstmord ist kein Ausweg, Cip.«
»Selbstmord ist nie ein Ausweg. Aber manchmal gibt es keinen
Ausweg, und dann muß man von zwei Sackgassen die angenehmere
wählen. Glaubst du vielleicht, ich will sterben? Wenn ich das
wollte, hätte ich mich schon längst umgebracht. Ich
wäre nie so weit gekommen, wenn ich nicht einen eisernen
Willen zum Überleben hätte. Und ich müßte auch
jetzt nicht sterben, wenn du mich nicht verraten
hättest.«
»Ich habe dich nicht verraten! Alles, was ich tun wollte war,
dir zu helfen.«
»Du machst kaputt, was immer du auch anfaßt, und das
bezieht sich nicht nur auf Dinge. Laß mich wenigsten jetzt in
Ruhe. Ich will dich nicht mehr sehen.«
»Nein«, sagte Schangere. »Du wirst jetzt einmal
mir zuhören, solange du noch kannst. Du darfst nicht davon
ausgehen, daß du stirbst! Gut, du hast deine Flasche verloren
und hast das Gefühl, du bist am Ende und es geht nicht mehr
weiter. Aber es geht weiter! Ich habe einiges über Drogen
gelesen. Niemand stirbt an Entzugserscheinungen! Es wird dir
möglicherweise einige Tage lang ausgesprochen schlecht gehen,
aber du wirst nicht sterben, hörst du? Du wirst nicht
sterben!«
»So, du hast also davon gelesen. Das finde ich ja ganz
entzückend. Vermutlich wirst du als nächstes sagen, du
beneidest mich um meine Erfahrung, ja? Verschwinde.«
»Geh lieber«, sagte Pfau. »Laß ihn jetzt in
Ruhe. Ich werde bei ihm bleiben.«
»Ich danke dir«, murmelte Cip. »Wenn du jetzt
auch noch so gut wärst, mich wieder
aufzuschnüren?«
»Nein, erst wenn du wieder zu Vernunft gekommen bist, mein
Freund.« Pfau versuchte, sich seinen Schrecken nicht anmerken
zu lassen und gab sich betont locker. »Bleib du nur einige
Zeit so verschnürt, und dann überlegst du dir das mit dem
Sterben Wollen sicher noch.«
Er war fest entschlossen, Cip von jeglichem Selbstmordversuch
abzuhalten, und wenn er ihn den ganzen restlichen Tag und die
folgende Nacht gefesselt lassen mußte. Aus irgendeinem Grund
verspürte er keinen Haß mehr auf Cip, sondern hatte
Mitleid mit ihm. Nicht wegen seiner 'Krankheit', sondern weil er,
als er ihn jetzt so hilflos vor sich sah, ahnte, wie einsam Cip
sein mußte. Cip hatte ja selbst zugegeben, ihm, Pfau, sein
Selbstbewußtsein zu neiden und ihn deshalb so attackiert zu
haben. Natürlich konnte Pfau die Sticheleien nicht so schnell
vergessen, aber er fragte sich, ob viele ihrer Streitereien nicht
vermeidbar gewesen wären, wenn er selbst nicht so ablehnend
Cip gegenüber gewesen wäre. Vielleicht konnte er
zumindest seine eigenen Fehler wieder gutmachen. Und Cip am
Selbstmord zu hindern wäre ein guter Anfang.
»Zwischen Sterben wollen und Sterben klafft ein himmelweiter
Abstand. Aber versetz dich mal in meine Lage, Pfau. Stell dir vor,
du siehst dein letztes Stündchen kommen, und du bist nicht in
der Lage, auch nur einen Finger zu rühren. Es gibt dir das
Gefühl, vollkommen hilflos zu sein. Aber was soll's? Selbst
wenn ich dir jetzt mein Ehrenwort gäbe, mich nicht umbringen
zu wollen, würdest du es mir vermutlich nicht abnehmen. Du
weißt gut genug, daß man auf meine Ehrenwörter
nichts geben darf. Jedenfalls nicht mehr als auf die von gewissen
… Buchhändlerinnen.«
»Cip, du darfst nicht alle Schuld auf Schangere schieben. Sie
hat wirklich nur versucht, dir zu helfen.«
»Ich will nicht über sie reden, ist das klar? Ich will
einfach in Ruhe gelassen werden.«
Pfau wußte nicht, was er hierauf antworten sollte, und eine
Zeitlang sagte keiner der Männer etwas. Cip drehte und wand
sich nicht mehr in seinen Fesseln, aber er krümmte sich
zusammen, so gut das möglich war.
»Pfau … mir ist kalt. Könntest du mich vielleicht
an einem warmen Ort ablegen? Vorzugsweise einem trockenen? Dieses
Deck ist so ziemlich der letzte Platz, an dem ich sterben
möchte. Pack mich irgendwo in den Lageraum, sofern es keine
Umstände macht. Und schau nach, ob du irgendwo eine Decke
auftreiben kannst. Bitte.«
»Geht es schon los?« fragte Pfau besorgt.
»Nein, es geht noch nicht los. Aber ich liege zufällig
in einer Pfütze. Ich werde schon Bescheid sagen, wenn es
losgeht. Mir bleibt ja kaum etwas anderes übrig, als es auf
Gedeih oder Verderb durchzustehen. Vermutlich auf Verderb. Wirst du
mir nun helfen oder nicht?«
Pfau merkte, wie Cip beim Wort 'helfen' zögerte, ebenso, wie
er beim 'Bitte' gezögert hatte. Vermutlich war es das erste
Mal, daß er genug von seinem Innersten offenbarte, um jemand
anderen um Hilfe zu bitten. Auch jetzt noch schien es ihn
größere Überwindung zu kosten.
Er überlegte, ob er Cip alleine würde tragen
können. Kurz entschlossen hob er ihn hoch und war erstaunt,
wie leicht er war. Cip wehrte sich nicht, sondern lag ganz
ruhig.
»Du bist erstaunt?« fragte er. »Ich habe ziemlich
stark abgenommen. Je weniger ich wiege, desto länger wirkt es.
Verstehst du, es muß sich auf weniger Masse aufteilen.
Dadurch hatte ich gehofft, länger mit dem Stoff auszukommen.
Jetzt bedeutet es dagegen in erster Linie, daß ich
überhaupt keine Widerstandskraft mehr habe. Keinerlei
körperliche Reserven. Aber ich glaube kaum, daß es sich
jetzt noch lohnt, mit dem großen Essen anzufangen.«
Die trockene Art, wie Cip von seiner Krankheit sprach, jagte Pfau
einen kalten Schauer über den Rücken. Cip schien sich
keinesfalls erst jetzt aufgegeben zu haben. Er erwähnte alles
so beiläufig, als sei es das Natürlichste der
Welt.
Als er ihn unter Deck möglichst bequem hingelegt und ihm eine
Wolldecke gegeben hatte, war Pfau froh, daß er Cip so
wenigstens etwas helfen konnte.
»Ich danke dir«, sagte Cip, »und das meine ich
ernst. Aber warum tust du es? Warum reißt ihr euch alle
förmlich darum, mich am Leben zu erhalten? Ich hatte damit
gerechnet, daß ihr mich jetzt alle verachten würdet.
Statt dessen seid ihr so … so ...«
Ihm schien das Wort zu fehlen, und er brach hilflos ab, Pfau
verzweifelt ansehend.
»Der einzige, der dich hier verachtet, bist du, mein
Freund«, sagte Pfau. »Du hast unser aller Mitleid,
nein, mehr noch - unser Mitgefühl.«
Cip sagte nichts, und Pfau hörte, wie sein Atem schneller und
ungleichmäßiger zu gehen begann. Er wurde etwas ruhiger,
als Pfau ihm die Hand auf die Schulter legte.
»Jetzt«, flüsterte er, »fängt es an.
Kannst du mir vielleicht noch eine Decke besorgen? Und wenn du
gerade dabei bist, kannst du ihr sagen, daß sie jetzt zu mir
kommen kann? Ich möchte … mit ihr
sprechen.«
»Wenigstens gibst du mir
jetzt die Gelegenheit, mich zu entschuldigen«, sagte
Schangere leise. »Was passiert ist, habe ich wirklich nicht
gewollt.«
»Du bist nicht in der Lage, auf andere zu hören«,
sagte Cip. »Das ist der springende Punkt. Egal, wie oft man
dich warnt, du mußt immer tun, was du für das Beste
hältst. Und das Beste ist immer deine eigene
Lösung.«
»Das ist nicht wahr!« sagte Schangere, obwohl sie
wußte, daß er recht hatte. »Wie fühlst du
dich? Hast du Schmerzen?«
»Ich habe Angst. Größere Angst, als ich je zu vor
in meinem Leben hatte. Nicht nur in dem Teil, an den ich mich
erinnern kann. Jemals.«
»Aber es wird alles gut werden! Das Gift hätte dich
früher oder später umgebracht. Nur so kannst du davon
herunterkommen.«
»Ich will mir dieses Gefasel nicht noch einmal von vorne
anhören müssen. Ich habe dich aus einem ganz bestimmten
Grund kommen lassen. Ich will, daß du mir alles über
mich erzählst, was du weißt. Auch die Sachen, die du dir
nur so in etwa zusammengereimt hast. Du weißt mehr über
mich als ich. Und ich will alles wissen.«
Schangere erzählte ihm von den Schlüssen, zu denen sie
gekommen war. Er hörte sich alles an und zuckte zusammen, als
sie von der Spionage und Folter sprach, so als könne sich ein
Teil von ihm tatsächlich daran erinnern. Zwischendurch merkte
sie immer wieder, daß er Angstzustände bekam, und er gab
sich auch weniger Mühe, sie zu verbergen. Seine Haut war so
kalt wie Eis, und er zitterte trotz der Decken. Aber er riß
sich zusammen, solange sie erzählte, und ließ sich
ablenken. Manchmal öffnete er den Mund, als wollte er etwas
sagen, aber er ließ es bleiben und sah sich nur immer wieder
nervös nach allen Seiten um. Dann wieder muße er husten
und fuhr sich mit der Zunge über den trockenen Mund. Aber er
blieb still. Statt zu schreien, biß er sich auf die Lippen,
bis sie bluteten, und saugte dann so verzeifelt daran, als versuche
er auf diese Weise noch etwas von der Droge aus sich selbst
herauszuholen.
Sie dehnte ihren Bericht aus, so lange es ging, aber sie
wußte immer noch zu wenig über ihn, um ihn stundenlang
aufzumuntern. Natürlich hätte sie sich jetzt schnell
etwas ausdenken können. Aber dafür war die Situation viel
zu ernst. Wenn sie Cip jetzt anlog, würde er ihr niemals
wieder vertrauen.
Plötzlich und schlagartig war es mit Cips Ruhe vorbei, und er
begann zu toben. Jetzt begriff Schangere, warum es gut gewesen war,
ihn weiterhin gefesselt zu lassen, obwohl es ihr fast das Herz
brach, ihn so hilflos eingewickelt liegen zu sehen. Er versuchte,
sich aufzurichten und mit dem Kopf gegen die Bootswand zu
schlagen.
»Ich halte das nicht mehr aus!« kreischte er,
während Schangere ihn von der Wand fortzerrte. »Ich kann
nicht mehr!«
Einen Moment lang sah es so aus, als würde er seine Fesseln
zerreißen, aber Cedé band wirklich feste Knoten. Das
Seil riß ihm nur die Handgelenke blutig. Er fing an, den Kopf
auf den Boden zu hämmern.
»Ruhig!« sagte Schangere. »Ganz ruhig. Ich bin
bei dir.« Sie kniete sich hinter ihn und hielt seinen Kopf
fest, bevor er sich noch verletzen konnte. Es war offensichtlich,
daß er versuchte, das Bewußtsein zu verlieren. Sie
konnte selbst nicht sagen, warum sie das verhindern wollte.
Vielleicht wäre es für ihn wirklich das Beste gewesen.
Aber vielleicht verlor sie so die letzte Chance, ihn zu retten.
Er durfte nicht aufgeben, das war es. Er mußte selbst den
Willen und den Glauben daran, am Leben zu bleiben, entwickeln. Im
Moment sah es schlimm aus.
»Biblid!« schrie Cip, »hilf mir! Ich brauche
dich!«
Biblid kam, blieb aber auf einige Entfernung stehen und sah
zweifelnd zu ihnen herüber. Ihm war anzusehen, daß ihm
ganz und gar nicht wohl war bei Cips Anblick.
»Biblid, gib mir die Flasche!« Das Schreien schien ihn
anzustrengen, denn er bekam einen weiteren Hustenanfall.
»Er kann sie dir nicht geben!« Schangere bemühte
sich mit aller Kraft, Cip wieder unter Kontrolle zu bekommen, denn
jetzt tobte er so sehr, wie ein Gefesselter nur kann. »Sie
ist für immer verloren. Das mußt du
begreifen.«
»Nein, das ist sie nicht! Gib mir die Flasche! Ich weiß
genau, daß du sie hast! Ich habe dich oft genug daraus
trinken sehen! Gib sie mir!«
»Ach so, diese Flasche meint Ihr«, sagte
Biblid.
»Gib sie ihm nicht! Er würde es später
bereuen!«
»Ich werde bald gar nichts mehr bereuen können! Alles in
mir krampft sich zusammen, ich habe schreckliche Schmerzen, und ich
möchte nicht erleben müssen, wie sie stärker und
stärker werden. Das müßt ihr verstehen!
Bitte!«
Biblid stand unschlüssig da und drehte seine Flasche Kh'yli in
den Händen hin und her. Niemand will einen anderen leiden
sehen, selbst, wenn man ihn nicht mag.
»Wenn er jetzt etwas davon trinkt, wird es ihn sofort
umbringen! Du darfst ihm nichts geben!« Sie mußte Cip
bei Bewußtsein halten, sie mußte einfach!
Biblid schien zu verstehen, was sie meinte, denn er nickte ihr kurz
zu, wobei er versuchte, Cips Blicken auszuweichen. Dann steckte er
seine Flasche weg und ging, ohne ein Wort zu sagen.
»Er hätte mich erlösen können«,
flüsterte Cip. »Und er hat es nicht getan.«
Der neuerliche Ausbruch hatte ihn noch weiter geschwächt.
Jetzt lag er reglos in ihren Armen, von seinem unablässigem
Zittern abgesehen. Schangere biß sich auf die Lippe, um nicht
weinen zu müssen, und drückte ihn an sich. Vielleicht
konnte sie ihn so etwas wärmen. Seine Augen glänzten
fiebrig, und seine Pupillen hatten sich geweitert.
»Vermutlich hätte ich es nicht einmal trinken
können«, murmelte er. »Ich habe eine
unbeschreibliche Abscheu gegen das Zeug. Wenn ich mir vorstelle,
daß ich soweit bin, freiwillig … Welch ein
schönes, kurzes Leben das abgegeben hätte, zwischen einer
Flasche Wein und einer Flasche Kh'yli, mit einer geheimnisvollen
Flasche im Mittelteil … es ist einfach lächerlich. Es
würde einen wirklich guten Barden brauchen, um aus dieser
Geschichte ein Heldenepos zu machen … willst du es
versuchen, oder kennst du nicht genug schönfärberische
Wörter? Merkst du es? Ich fange schon an, wirr und
unzusammenhängend zu reden. Wenn du mir jetzt Schreibzeug
gäbest, würde ich dir eine Weisung hinlegen, die
mindestens so wuselig wäre wie unsere. Und sie würde
ebensowenig zutreffen. Wer weiß? Vielleicht habe ich diese
Weisung tatsächlich geschrieben?« Er fing an, hysterisch
zu lachen, bis Schangere ihn anfauchte, ruhig zu sein. Aber
vielleicht war dieses Lachen für ihn auch der beste Weg, mit
seinen Schmerzen fertig zu werden?
»Denk dir nur«, sagte er, »die Weisung hat mir
tatsächlich geglaubt, daß ich zaubern kann! Schön
blöd, nicht wahr? Man sollte meinen, so ein Prophet würde
uns besser kennen, nicht wahr? Ich verfüge über einen
mächtigen Zauberer, zwingt mich nicht, ihn einzusetzen ...
macht sich doch immer gut.«
»Bis jetzt hat sich die Weisung in keinem von uns geirrt.
Nimm mich, zum Beispiel. Man kann viel hineininterpretieren, und
alles paßt. Vielleicht kannst du ja doch zaubern? In deinem
früheren Leben, vielleicht?«
»Keine Chance. Ich bin sicher noch weitaus weniger Zauberer,
als unsere Freundin ...« Er brach ab und begann zu lachen auf
eine Art, die Schangere durch Mark und Bein ging. Es sollte wohl
fröhlich wirken, aber es war das jämmerlichste
Geräusch, das sie je gehört hatte. Und er wollte sich gar
nicht mehr beruhigen.
»Die Weisung hatte recht!«, brachte er
schließlich hervor. »Und wir haben uns alle vom
Offensichtlichen täuschen lassen, statt auch nur einmal
nachzudenken. Ich bin doch der Unwissende! Ich hätte es von
Anfang an wissen müssen. Lili wird wütend
sein.«
Schangere brauchte einen Moment, um zu begreifen, wa er das eben
gesagt hatte. Dann begann sie, nach Luft zu schnappen.
»Ich bin bereit, an vieles zu glauben, aber das kann ich mir
beim besten Willen nicht vorstellen!«
»Warum nicht? Deine Phantasie ist ausgeprägt genug,
sonst würdest du nicht noch immer daran glauben, mein Leben
retten zu können. Niemand außer dir glaubt daran,
mußt du wissen. Auch Pfau nicht. Sonst wäre er jetzt
nicht so nett zu mir. Wenn du einen Feind hast, versuche sein
Mitleid zu erregen. Dann bringt er es nicht mehr übers Herz,
dir den Kopf abzuhacken. Vor allem, wenn du sowieso im Sterben
liegst.«
»Aber du wirst überleben!«, sagte Schangere
verzweifelt. »Ich habe sogar das Gefühl, es geht dir
jetzt schon wieder besser als vorhin. Du bist wieder
klarer!«
»Schangere, ich bin hin! Du lebst, und du wirst nicht
verstehen, wie es ist, bevor du selbst in der Situation bist. Im
Moment kommen und gehen die Schmerzen noch, und vielleicht bin ich
jetzt wirklich besser dabei als gerade, zumindest rede ich momentan
in ganzen Sätzen. Aber ich kann schon im nächsten Moment
den nächsten Krampf bekommen. Ich sterbe, und es wäre
leichter für mich, wenn du dich damit abfinden
könntest.«
»Aber ich kann mich nicht damit abfinden. Ich liebe
dich!« Warum hatte sie das früher nicht einfach sagen
können? Er durfte einfach nicht sterben!
»Ja, ich weiß«, sagte er. »Ich liebe dich
auch. Steht alles in der Weisung:
'Sin drey un drey und drey dabey,
so gibbet Lieben eben drey'
Bedeutet: Eine sofort erfüllte Liebe, eine
höchstwahrscheinlich erfüllte Liebe und eine
unerfüllte Liebe. Wir hatten das Pech, der dritten Gattung
anzugehören.«
Er ächzte vor Schmerz auf und begann sich wieder zu
krümmen. Inzwischen hatte er auch eindeutig Fieber bekommen,
seine Augen glänzten groß und dunkel, und in seinem
weißen Gesicht zeichneten sich groteske rote Flecken ab.
Obwohl er vor Kälte zitterte, war sein Haar naß von
Schweiß. Von seinen zerbissenen Lippen lief ein Blutfaden
über seine Wange. Schangere wußte nicht mehr, wie sie
ihn noch aufmuntern sollte. Es fiel ihr selbst schon fast schwer,
noch an sein Überleben zu glauben. Aber als er die Weisung
erwähnte, fiel ihr plötzlich etwas an, das ebenfalls
damit zusammenhing.
'Wenn alte Kunz is neu gelehrt,
wenn da Verschullne wiederkehrt,
wenn se erst han dit Buch da Macht,
wird Tod besiegt un Licht entfacht',
deklamierte sie. »Das bedeutet, daß du überlebst.
Es steht so in der Weisung. Tod wird besiegt, hörst du? Du
überlebst!«
»Das kann sich auch auf jeden anderen beziehen«,
murmelte Cip, aber es klang schon weniger überzeugt. Ein klein
wenig Hoffnung schwang in seiner Stimme mit. »Es heißt,
'Wenn se erst han dit Buch da Macht'. Noch habt ihr es nicht. Und
bis dahin kann euch noch viel zustoßen.«
»Es könnte sich tatsächlich auf jeden von uns
beziehen, wenn da nicht eine ganz kleine Bemerkung wäre. Das
Licht, das entfacht wird ...«
»Die Motte … es bezieht sich … auf die
Motte!«
Das war der letzte klare Satz, den Cip noch sagte, wobei Schangere
die einzige war, die etwas damit anfangen konnte. Jeder andere
hätte ihn bereits zu den Wahn-vorstellungen gezählt, die
danach kamen.
Schangere wußte nicht, was es war, das Cip bedrohte, aber sie
merkte, daß es für ihn durchaus real da war. Diesmal
half es nichts, daß sie ihm wieder und wieder versicherte,
alles sei normal um ihn herum. Sie wußte nicht einmal, ob er
sie überhaupt noch wahrnahm, oder ob er bereits in eine andere
Welt hinübergeglitten war. Es schien fast, als habe ihm
ausgerechnet die Hoffnung auf ein Überleben den Rest
gegeben.
Das meiste von dem, was er sagte, war nicht zu verstehen, wie das
Gemurmel in einem Alptraum. Aber manche Wörter waren klar.
»Augen und Zähne«, wiederholte er immer wieder,
mal gestammelt und mal geschrien, ohne das Schangere mit diesen
Worten direkt etwas anfangen konnte. Aber sie spürte, wie ein
Teil von seiner Furcht auch auf sie übergriff.
Sie blieb bei ihm, bis der Morgen graute, hielt ihn fest an sich
gedrückt und sprach leise und beruhigend auf ihn ein, selbst
dann, als er sie längst nicht mehr hören
konnte.
aus: Die Öbba
(c) by Monica Höfkes und Maja Ilisch