Wenn ich ehrlich bin, wollte ich diese Szene nie schreiben, eigentlicht war die Geschichte bereits vorher zu Ende erzählt. Zumindest dachte ich das. Doch Geschichten haben die Eigenschaft, sich zu verselbstständigen, und so hat mir diese hier irgendwann unmissverständlich gesagt, dass ich sie auf diese Weise keinesfalls zu Ende schreiben kann. So kam es dann also zu dieser Szene.


Ende und Anfang

von Maja Sickert


liana konnte nicht schlafen. Ihre Augen glitten unruhig durch die Dunkelheit der Nacht, als suchten sie nach etwas bestimmtem. Sie wäre gerne aufgestanden und ein Stück im Garten des Schlosses spazieren gegangen, aber sie wollte Ferron nicht wecken, der neben ihr lag und einen Arm um ihre Taille geschlungen hatte. Sie spürte sein gleichmäßiges Atmen in ihrem Nacken, aber es machte sie seltsamerweise nervös. Nein, wenn sie nicht sofort frische Luft bekam, würde sie nie schlafen können. Behutsam und leise, um Ferron nicht doch noch zu wecken, schob sie seinen Arm beiseite und kletterte aus dem Bett. Gerade, als sie sich ihre Sachen überzog, bemerkte Aliana ein Licht auf dem Gang. Da konnte offenbar jemand anderes auch nicht schlafen. Sie band sich noch schnell ihre Haare zusammen und verließ dann leise den Schlafraum.
Ihr Weg führte Aliana zu einem der Balkons, von denen aus man den ganzen Schlossgarten überblicken konnte. Das Licht, was sie im Gang gesehen hatte, war diesen Weg gegangen, also war sie ihm einfach - neugierig wie sie nun einmal war - bis hierher gefolgt. Auf dem Balkon fand sie niemand geringeres als Salatar. Eine Öllampe neben sich stehend, lehnte er auf dem Holzgeländer und blickte in den Nachthimmel. Als Aliana hinaustrat, sah er sie nur kurz an, sagte aber nichts. Das Verhältnis zwischen den beiden war immer noch unterkühlt, obwohl Aliana eigentlich keinen Grund mehr hatte, Salatar zu mißtrauen. Es war einfach etwas zwischen ihnen, was sich nicht überbrücken ließ, so sehr sie sich auch darum bemühten, und obwohl Aliana den ersten Schritt bereits getan hatte.  Nach der Beendigung des Krieges hatte sie frei wählen können, wohin sie gehen wollte, war aber hier im Schloss geblieben
(was nicht zuletzt Ferrons Überredungskünsten zu verdanken war). Ob es an dem lag, was sie damals gesehen hatte, bei ihrer Unterredung im Kerker? Aliana hatte Salatar nie danach gefragt, aber er mußte wohl spüren, dass sie etwas wußte, was sie vor ihm verbarg.
Wortlos lehnte sie sich an das Geländer und blickte ebenfalls in die Sterne.
»Du...kannst wohl auch nicht schlafen?!« Die Frage kam leise über ihre Lippen, wohl mehr an sich selbst gerichtet als an Salatar. Trotzdem hatte er sie gehört. Ohne seinen Blick von den Sternen abzuwenden, antwortete er:
»Ich finde nur noch wenig Schlaf in letzter Zeit, aus welchem Grund auch immer.«
»Vielleicht, weil es bis jetzt noch nie Frieden gegeben hat.« Aliana schloß für einen Moment die Augen und lauschte. Die Nacht war ruhig, hier und da zirpten ein paar Grillen und der Wind spielte sanft mit den Blättern der Bäume. Kein Kriegsgewirr, keine Schreie von verwaisten Kindern, Verwundeten oder Sterbenden. Sie öffnete die Augen wieder.
»Vielleicht...«, Salatar machte eine Pause, um nach den richtigen Worten zu suchen.
»Vielleicht... sollte wie uns zusammen reißen, nicht nur Demian zuliebe«, er sah sie immer noch nicht an. Er war irgendwie nicht gut in solchen Dingen. Aliana war verwundert, solche Worte aus Salatars Mund zu hören. Diese neue Seite an ihm war ihr immer noch fremd. Aber er hatte ja Recht.
»Das sollten wir wohl«, sie lächelte, sah Salatar an - und erstarrte.

Stimmengewirr war über sie hereingebrochen. Der Raum lag in einem seltsamen Zwielicht, und es roch nach Elend und Tod. Aliana sah sich um, erkannte aber nichts von dem hier wieder. Der Raum schien sich vor ihren Augen zu drehen, sie spürte, wie ihr schwindelig wurde. Hilfe suchend stützten sich ihre Hände an der kalten, steinigen Wand ab. Die Luft war zum zerbersten stickig und angefüllt mit dem Geruch von frischem Blut. Wo um aller Götter willen war sie hier nur hingeraten? Sie war doch gerade noch auf dem Balkon gewesen, und jetzt -.
Eine wohlbekannte Stimme riß sie aus ihren Überlegungen.
»Hör sofort auf damit, du Bastard! Du bringst ihn ja um!« Aliana fuhr herum und stieß im nächsten Moment einen erstickten Schrei aus. Nur wenige Meter neben ihr hockte eine kümmerliche Gestalt in zerfetzten, blutgetränkten Kleidern, angekettet an eine Pfahl. Aschblondes Haar verdeckte das Gesicht.
»Demian!« Aliana hätte die Stimme unter Tausenden wiedererkannt. Sie wollte zu ihm eilen, begriff dann aber schmerzlich, dass dies hier wieder eine Vision war. Sie wußte es einfach, weil es jedes verdammte Mal so war. Sie hatte ihren Körper, ihren Geist nicht mehr unter Kontrolle, war nur eine willenlose Marionette, nichts weiter. Und sie verfluchte sich dafür, jedes Mal. Sie war nur ein Zuschauer. Zwar konnte sie keiner hier sehen, sie konnte aber auch nichts tun, um das Geschehen zu beeinflussen. Ihre Gedanken begannen auf einmal zu rasen. Was sollte das alles hier? Was war da nur mit Demian passiert? Wer hatte ihm das angetan?
Sie sah, wie der Barde versuchte, sich loszureißen, sich wild unter den Ketten aufbäumte,  was aber letztendlich nur dazu führte, dass er sich an den eisernen Fesseln die Arme blutig rieb.
»Lass ihn sofort los!« brüllte er, halb erstickt durch die Tränen, die er nur mühsam herunterschluckte, »Ihr sollt ihn loslassen!« Er hatte den Kopf erhoben und sah auf einen bestimmten Punkt hinter ihr.  Aliana folgte seinem Blick. Im nächsten Moment bereute sie es, ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals und ihr wurde übel von dem, was sie da sah. In der Mitte des Raumes kniete Salatar, die Arme vom Körper weg an zwei Pfähle gekettet. Er war nackt bis auf  ein zerfetztes Stück Stoff um seine Taille, und sein gesamter Körper war übersät von blutenden, eitrig gewordenen Striemen. Er atmete schwer und Blut tropfte aus einer frischen Wunde in seinem Gesicht auf den Boden, färbte die Steine rot. Vor ihm stand eine Gestalt, hochgewachsen und vollkommen in schwarzes Leder gekleidet. Ein Helm, einer bizarren Maske gleich, verdeckte sein Gesicht. Schwarzes, lockiges Haar, welches dem Hünen fast bis zu Taille fiel. In der einen  Hand  hielt er eine Peitsche, in der anderen ein langes Schwert. Das Zwielicht warf bizarre Schatten auf ihn und zeichnete eine gespenstische Gestalt an die Wände des Raumes, dem Teufel persönlich gleich.
»Nun, Bruder, wo ist der Stein?« die Stimme klang durch den Helm seltsam verzerrt, und Aliana sträubten sich alle Nackenhaare. Allein die Anwesenheit des Hünen machte ihr unsagbare Angst, mehr noch als damals Salatar. Der Prinz hatte einen Bruder? Und wenn, wieso sollte dieser ihm das hier antun?  Der Hüne zwang Salatar mit der Klinge seines Schwertes, zu ihm hochzusehen. Verachtung brannte in den Augen des Königs, immer noch, obwohl er unfähig war, sich zu wehren.
»Selbst wenn du ihn hättest, du könntest nicht mit ihm umgehen!«, zischte er. Ein weiterer Peitschenhieb war die Antwort. Salatar unterdrückte einen schmerzerfüllten Aufschrei im letzten Moment, er wollte seinem Bruder diesen Triumph nicht auch noch gönnen. Du wirst mich niemals brechen, Bruder. Demian hatte seinen Blick abgewandt, er ertrug es nicht, Salatar so zu sehen. Und er verfluchte sich dafür, ihm nicht helfen zu können. Salatar war immer für ihn da gewesen, und jetzt, wo er selbst Hilfe brauchte, konnte er nur zusehen, unfähig, irgendetwas zu tun. Woher weiß er von dem Stein? schoß es Aliana durch den Kopf. Sie hatte sich damit abgefunden, nur Zuschauer zu sein, auch wenn es sie ihre gesamte Selbstbeherrschung kostete, dem hier weiter zuzusehen. Zwar hatte sie Salatar nicht besonders gemocht, aber dies hier hatte nicht einmal er verdient. Kein Mensch hatte das, egal wie gut
oder schlecht er auch sein mochte.
»Ich wollte Dir entgegen kommen, Bruder«, sagte der Hüne dann, mit einer Stimme kalt wie Eis, »Ich wollte Dir noch eine Chance geben.« Sein Schwert fuhr fast zärtlich über Salatars Brust und stoppte dann über dessen Herzen. Er lächelte ihn an, schon wieder so kalt, dass Aliana das Blut in den Adern zu gefrieren drohte. Wieso kann ich nichts tun? Wieso sehe ich das alles hier, wenn ich nichts tun kann?
»Ich hätte Dir sogar verziehen, dass du mich damals umbringen wolltest. Wir hätten dieses Land gemeinsam in eine neue Ära führen können«, seine Stimme klang jetzt fast sanft, und die Klinge umkreiste die Stelle, wo Salatars Herz war. Im Gesicht des Königs zeigte sich keine Regung, nur diese abgrundtiefe Verachtung in seinen Augen. Er warf einen Blick zu seinem Geliebten. Demian war wieder in seine apathische Starre zurückgefallen. Sharoin Die Worte waren wie ein Gebet es tut mir leid. Als hätte er sie gehört, hob Demian den Kopf und sah Salatar an. Und was er in den Augen des Prinzen las, konnte und wollte er einfach nicht glauben. Nicht das , Salatar bitte! Ein stummes Flehen lag in seinen Augen. Er wird uns nie trennen können, Sharoin. Selbst wenn ich sterben sollte, ich warte auf dich Entgegnete sein Blick. Das ganze hatte nicht einmal eine Minute gedauert und der Hüne hatte das stumme Gespräch zwischen ihm und Demian offenbar auch nicht verstanden.
»Ich hätte damals wohl überprüfen sollen, ob du auch wirklich tot bist«, sagte er kalt, wieder an seinen Bruder gewandt.
»Ja, vielleicht hättest du das. Aber du bist weich geworden, Bruder«, Verachtung schwang in der Stimme des Hünen mit, »und jetzt, fürchte ich, kann ich dich nicht mehr gebrauchen.«
Was hatte er vor? Er wollte doch nicht... Aus den Augenwinkeln konnte Aliana erkennen, wie Demian sich aufbäumte und erneut versuchte, sich loszureißen.
»Salatar, nicht...« Der Schrei war jetzt kaum mehr als ein heiseres Flüstern aus der Kehle des Barden. Jetzt wehr dich doch endlich, verdammt! Wieso tust du nichts? Du darfst nicht zulassen, dass er uns trennt...
Aliana selbst fühlte nichts mehr, sie stand nur noch da und sah zu. Sie konnte nichts tun, selbst, wenn sie es gewollt hätte. Der Hüne beugte sich zu Salatar hinunter und flüsterte:
»Ich finde den Stein auch ohne dich. Ich finde es nur schade, dich entledigen zu müssen.« Keine Reaktion von Salatar. Eiskalt funkelten seine Augen den Hünen an. Selbst wenn ich jetzt sterben sollte, Sharoin... ich liebe dich!  Doch ich kann nicht zulassen, dass er diesen Frieden zerstört, den wir aufgebaut haben...Demian schrie und zappelte, aber der Hüne beachtete ihn nicht. Um diesen kleinen Bastard konnte er sich später auch noch kümmern. Doch zuerst wollte er Salatar sterben sehen. Er ließ das Schwert noch einmal über Salatars Brust gleiten, dann stach er zu, unbarmherzig und schnell. Heißes Blut färbte die Klinge dunkelrot.  Die Zeit schien für einen Moment stehen zu bleiben. Salatar stieß einen erstickten Schrei aus, spuckte röchelnd Blut, der Schmerz glitt in jede Faser seines Körpers und lähmte ihn, preßte jegliches Leben aus ihm heraus. Seine Augen bohrten sich ein letztes Mal in die seines Bruders, wanderten dann zu Demian.
»Ich liebe dich, Sharoin! Und ich...werde...auf dich...warten, Geliebter«, flüsterte er mit der letzten Kraft, die er noch hatte, dann sank er in sich zusammen - für immer.
»Nein!!« Demian schrie, riß an den Fesseln, er spürte auf einmal keinen Schmerz mehr, nichts mehr, nur diese unendliche Leere in seinem Herzen, dort, wo vorher Salatar gewesen war. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Nein, nicht das. Nicht Salatar. Er darf nicht tot sein.
»Du darfst mich nicht allein lassen!« schrie er, bäumte sich auf, zog noch einmal an den Ketten, ein letzter Akt der Verzweiflung, doch auch sie würde seinen Geliebten nicht zurück bringen, nie mehr. Kraftlos sank er in sich zusammen, sein Körper war taub, ohne jegliches Leben. Er keuchte, weinte jetzt auch, die Tränen, die er die ganze Zeit zurück gehalten hatte, und flüsterte Salatars Namen, immer wieder, ein verzweifeltes Gebet an die Götter, die ihn nicht zu hören schienen...

Aliana kauerte auf dem kalten Steinboden, die Hände hart gegen den Kopf gepreßt, und schrie alles aus sich heraus.

aus: Das Auge des Drachen

(c) by Maja Sickert


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