Der Letzte Vorhang
Alle hier versammelten Szenen haben eines gemeinsam: Am Ende ist eine der Figuren nicht mehr am Leben. Tot, sozusagen.
Im wirklichen Leben ist der Tod eine sehr endgültige Sache, die am Ende jeden erwischt. In Geschichten ist das anders. Ebenso, wie nur die wenigsten Charaktere geboren werden - sie tauchen irgendwann auf, und bestenfalls erfährt der Leser etwas über ihre Kindheit - müssen zum Glück auch nur die allerwenigsten von ihnen sterben. Die Bücher blenden aus, die Helden leben noch. Die ewige Jugend, gewissermaßen.
Aber nicht alle teilen dieses Glück - so es eines ist. Manche gehen auch von uns, freiwillig oder unfreiwillig. Das ist für die Autoren meist ein einschneidendes Erlebnis: Erst baut man den Charakter auf, gönnt ihm Entwicklung, füllt ihn mit Leben, gibt ihm eine Seele - und dann löscht man ihn aus. Finito. Exitus. Autoren sind Götter ebenso wie Mörder.
Als ich anfing, im großen Stil Fantasyromane zu lesen und in kleinem Stil zu schreiben, ertrug ich den Gedanken nicht, jemals einen Charakter töten zu müssen. Traumatisiert durch Joel Rosenberg, in dessen Roman »Die Welt des Meisters« meine Lieblingsfigur auf Seite sechzig starb - und dann auch noch durch einen Stich in den Bauch, in seiner eigenen Perspektive - beschloß ich, niemals, niemals eine Hauptfigur zu töten. Denn daß die Schurken dran glauben müssen, war meinem epischen Sinn für Gerechtigkeit klar. Das war 1995. Später verwischten sich die Grenzen. Ich hörte auf, an Gut und Böse zu glauben, und ich begriff, daß auch Helden sterben müssen. Ich schrieb »Eine Flöte aus Eis« und wußte die ganze Zeit über, daß ich Schwinge nicht am Leben lassen konnte (»weil sie nicht lernfähig ist«, wie ich entschuldigend erklärte). Darunter litt der Charakter dieser unglückseligen Elfe sehr, denn um mir den Abschied nicht zu schwer zu machen, füllte ich sie mit so wenig Leben wie möglich, und ihren Tod beschrieb ich mehr beiläufig in einer Geschichtsvorlesung. Erst zwei Jahre später, als ich die Flöte überarbeitete, begann ich Schwinge wirklich zu verstehen, und ich weinte, als ich die Sterbeszene umschrieb. Ich habe daraus gelernt.
Manchmal kann es sehr gut tun, jemanden umzubringen - nicht in Wirklichkeit, aber auf dem Papier. Man kann seinen Frust abreagieren, dem Opfer im Geiste die Züge eines Feindes verleihen, man kann süffisant Köpfe rollen lassen und im Detail beschreiben, wohin das Blut spritzt. Man kann melodramatische letzte Worte zu Papier bringen, den Sterbenden ganze Monologe in den Mund legen oder sie von kryptischen Hinweisen nur so überfließen lassen. Helden sterben immer auf offener Bühne, nicht zwischen den Szenen (die einzige Ausnahme, die mir hier einfällt, ist die nebenbei ertrunkene Ophelia, aber an ihren Tod habe ich auch nie wirklich geglaubt). Der Tod ist so vielseitig wie das Leben selbst, und wenn er eine Geschichte auch traurig macht, so macht er sie zugleich spannend. Denn wenn es offen bleibt, wer leben darf und wer sterben muß, fiebert der Leser mit.
Sind Autoren Mörder? Was hat Shakespeare gefühlt, als er den Dolch wieder und
wieder in König Duncan rammte? Selbst wenn Macbeth die Klinge fü
hrte - er war
in diesem Moment nur Shakespeares Werkzeug. Was ging in Agatha Christie vor?
Warum hat Tolkien uns ausgerechnet Boromirs beraubt? Manchmal erfährt man es,
manchmal nicht. Aber Autoren töten immer mit Vorsatz, niemals fahrlässig, auch
wenn sie manchmal glauben, es nicht anders gekonnt zu haben: Der Autor als
Triebtäter? Die Motive sind nur die allerniedersten: Manche töten aus Habgier
(Der Roman muß sich schließlich verkaufen), manche aus Lust, manche aus
Rache...
Autoren sind Mörder. Leser sind Hinterbliebene.
Maja Ilisch