Kimaros Tod

von Kristina Siers


»Götter, ich freue mich, wieder nach hause zu kommen!«
Jaysen drückte seiner schwarzen Stute die Fersen in die Flanken, damit sie zu dem vorantrabenden Reiter aufholte. Kimaro grinste seinen jüngeren Bruder an. »Also... so schlimm war Onkel Raven nun wirklich nicht!«
»Nein,ich dachte auch nicht an Raven... eher an Lisendra... schreckliches Frauenzimmer!«
»Nur weil sie dich beachtet hat und dir ihre Gunst schenkt? Hör mal, Jays, du solltest dich langsam an den Gedanken gewöhnen, daß sie nun zu unserer Famile gehört, seit Onkel Raven sie adoptiert hat. Und um ehrlich zu ein... ich finde sie sehr nett!«
»Ohje...« Jaysen verzog das Gesicht. »Sag bloß, du hast dein Herz an sie verloren, Kim!«
»Naja... vielleicht... zumindest kann ich an nichts anderes mehr denken als an ihre grünen Augen und ihr rotes Haar...«
»Oh Himmel! Das darf doch alles nicht wahr sein, mein lieber Bruder! Es hat dich also erwischt...!« Kimaro lächelte. »Werd du erst mal so alt wie ich, Jays...«
»Lieber nicht! Wer weiß, vielleicht verliere ich mich dann auch an ein Mädchen... und lasse mich fesseln, so wie du es dann ja wohl bald tun wirst!«
»Sag mal, was hast du eigentlich gegen das Heiraten?«
»Garnichts... ich liebe es ungefähr so wie einen sechwöchigen Aufenthalt im Turmzimmer bei Wasser und Brot...und bei abgeschlossener Tür!« Jaysen lenkte Black Lady neben Snowflake und legte seinem Bruder eine Hand auf den Arm. »Es ist schon richtig so, wie es ist... du bist der Ältere, du sehnst dich nach einer Familie und Kindern... du bist der Erbe, und für einen Erben ziemt es sich. Aber ich... nein, Kim. ich denke, ich werde irgendwann einfach in die Welt ziehen, nur mit dem, was ich dabei habe - und mit Black Lady...ich denke, ich werde einer dieser schrecklichen Menschen werden, vor denen uns Vater immer gewarnt hat! Und ich denke... nein, heiraten ist nichts für mich!«
»Jays... du bist fünfzehn! Ich sage ja, werd erst mal so alt wie ich!«
»Dann wäre ich zwanzig, und meine Meinung hätte sich sichelich noch immer nicht geändert...« Er seufzte und schaute zum Himmel. »Komm, wenn wir uns beeilen, schlafen wir diese Nacht schon wieder in unseren eigenen Betten!«
»Also gut... mal sehen, wer von uns als erster am Wäldchen ist!« Kim packte Snowflakes Zügel fester und grub dem Schimmel die Fersen in die Seiten. 
Es war wie immer. Seite an Seite erreichten die Brüder den kleinen Wald, der bereits zu den Ländereien ihrer Familie gehörte. Lachend zügelten sie die Pferde, und Kim legte dem Jüngeren die Hand auf die Schulter. »Zuhause... du hast recht... es hat was...«
»Psst!«
»Was ist denn los? Jays?«
»Sei still! Irgendwas stimmt hier nicht...« Er spähte in die tiefer werdenden Schatten der einsetzenden Dämmerung, glaubte, etwas leise durch die Büsche huschen zu hören... Kim lachte, als ein Kaninchen aus einem Strauch schoß und im Unterholz verschwand. »Du siehst Gespenster! Was soll denn sein?«
»Keine Ahnung... ich habe nur das Gefühl, wir sollten diesmal den längeren Weg nehmen und um den Wald herum reiten...«
»Blödsinn... ich denke, du willst nach hause und heute Nacht in einem Bett schlafen, also komm! Reiten wir!« Er trieb Snowflake auf den schmalen Pfad, und Jays folgte langsam. Black Lady warf den Kopf zurück und tänzelte nervös. Beruhigend strich er ihr über die Mähne. »Ich weiß, Lady... mir gefällt das auch nicht... komm schon...« Eine Weile ritten sie schweigend. Kim hatte versucht, Jaysen abzulenken, doch er antwortete kaum und schaute sich immer wieder mißtrauisch um, so daß der ältere schließlich kopfschüttelnd ebenfalls verstummte. Es war das erste Mal, daß Jaysen in diesem Wald kein gutes Gefühl hatte. Er kannte ihn, er war mit diesem Wald großgeworden und er mochte ihn, und er war immer das erste Stück Zuhause, das man erreichte, wenn man von einem Besuch bei den Verwandten im Norden zurückkehrte - doch diesmal war es anders. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, sah eine Bedrohung in jedem Schatten, den die alten Bäume warfen. Am liebsten wäre er umgekehrt. Kim sah sich zu ihm um und grinste. »Kleiner, seit wann bist du so ein Hasenfuß? Ich hätte nicht gedacht, daß du dir einmal bei einem Ritt durch unseren Wald ins Hemd machen wür-...« Kim stockte, als er einen brennenden Schmerz im Rücken fühlte. Augenblicke später prasselte ein Hagel von Pfeilen auf die beiden Reiter nieder, von denen sich einer tief in Jaysens Schulter bohrte. Für einem Moment nahm ihm der Schmerz den Atem und alles verschwamm vor seinen Augen, doch ein zweiter Schrei, der nicht von ihm kam, ließ ihn seinen eigenen Schmerz vergessen. »Kim!« Black Lady taumelte unter ihm, und er glitt aus dem Sattel. Daß die Stute zusammenbrach, sah er schon nicht mehr. Er konnte nur noch auf das schauen, was er vor sich sah. Snowflake war gestürzt, er blutete aus mehreren Pfeilwunden, und er hatte Kim halb unter sich begraben. Die Spitze des Pfeils, der ihm in den Rücken gedrungen war, ragte grotesk aus seiner Brust-und er lebte noch...
»Kim... Götter, nein...« Jaysen sank neben ihm in die Knie, sah in seine weit aufgerissenen Augen, ergriff die Hand, die matt nach seiner tastete. »Jays... tut mir leid... ich... hätte... auf dich... hören sollen, diesmal...« Er hustete, und Blut sickerte zwischen seinen Lippen hervor. »Nein, Kim... sprich nicht, bitte... ich... ich bringe dich nach hause...«
»Nein, Kleiner... es... gibt nur noch... einen Ort... an den ich gehen werde...«
»Nein!« Jaysen ließ Kims Hand los, und riß sich ohne nachzudenken den Pfeil aus der Schulter. Verzweifelt versuchte er, den schweren Pferdekörper von Kims Beinen zu wälzen - vergeblich. »Jaysen... Bruder...« Er ließ ab, und kniete wieder an der Seite des Sterbenden nieder. Kims Augen waren geschlossen, sein Atem ging schwer, seine edlen Kleider waren blutgetränkt. »Jays... sieh zu... daß du hier... wegkommst...«
»Kim! Bitte...geh nicht...« Noch einmal schlossen sich Kims kraftlose Finger um die seines Bruders, dann ging ein Zittern durch seinen Körper und er lag still. Zu still. 
Jaysen wußte nicht, wie lange er wie betäubt dagesessen hatte, die Hand des Toten in seiner und in sich eine Leere, wie er sie noch nie gespürt hatte.

(c) by Kristina Siers<</i>


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