Das hier ist eine richtige Klischeeszene geworden: Die Mutter der Zwillinge stirbt, und niemand kann sich wirklich einen Reim aus ihren letzten Worten machen ... Klagende Flamme ist ein Buch, in dem ich mit den verschiedensten Stilmitteln spiele, und dies ist eines davon. Byron, den ich als D&D-Charakter schon durch zahlreiche Dungeons geführt habe, ist wirklich so edel, daß sich die Zehennägel kringeln. Trotzdem kann ich nicht behaupten, daß ich ihn weniger mag als Jarvis. Byron ist der Schöne, Jarvis ist der Kluge - und genaugenommen bin ich ihre Mutter ...
Was würde Freud dazu sagen?


Unsere Mutter

von Maja Ilisch


Von unserer Mutter gibt es eigentlich wenig zu sagen, außer, daß sie unsere Mutter war. Der frühe Tod unseres Vaters hatte sie zur Witwe gemacht, aber sie tat ihr Bestes, um nicht wie eine zu leben. Andauernd veranstaltete sie Bälle und Feste - das will ich ihr nicht vorwerfen, denn sie hatte sonst nichts im Leben zu tun - und sie ließ keine Gelegenheit aus, um uns vorzuführen.
Die Leute lachten, wenn sie uns sahen, und fragten: »Aber wie schafft Ihr es nur, sie auseinanderzuhalten?«
Dann war die Reihe zu lachen an unserer Mutter. »Oh, das ist nicht weiter schwer«, pflegte sie zu antworten. »Byron ist der Hübsche von den beiden, und Jarvis ist der Kluge.«
»Das ist ungerecht!« rief Jarvis dann. »Das darfst du nicht sagen!«
Und unsere Mutter strahlte ihre Gäste an und sagte: »Zwillinge!«
Das ist ungerecht
, sagte Jarvis jedesmal. Aber nie sagte er Das ist unwahr.
Ich glaube, ich könnte noch einiges mehr über unsere Mutter sagen. Aber dann müßte ich auch zugeben, daß ich sie nicht ausstehen konnte, und das will ich nicht.
Sie starb, als wir zwölf waren. Das Fieber wütete besonders heftig in diesem Jahr, und wir waren nicht die einzigen, die es zu Waisen machte, und auch nicht die Jüngsten, aber das war kein allzu großer Trost.
Schon Tage vorher wußte sie, daß sie sterben würde, und wir wußten es auch. Es war anders, als unser Vater starb - damals waren wir noch klein, und es ging schneller. Sein Pferd stürzte bei einem Turnier, und er mit ihm. Jarvis und ich glaubten noch, das Pferd wurde getötet, um es für den Tod unseres Vaters zu bestrafen - wir wußten, was Gerechtigkeit war, aber wir verstanden sie nicht. 
Wir verstanden sie noch immer nicht, als wir unsere Mutter verloren. Wir verstanden nicht, warum man uns nicht zu ihr ließ - Jarvis meinte, wir sollten uns nicht anstecken, und ich meinte, wir sollten keine Angst um sie haben - aber warum rief man uns dann ausgerechnet an ihr Bett, als sie dann starb?
Wir sträubten uns beide, aber unser Onkel Sybald schob uns förmlich in ihr Zimmer und schloß die Tür hinter uns.
»Byron …«, sagte unsere Mutter schwach. »Jarvis … Es tut so gut, euch noch einmal zu sehen.« Warum nannte sie mich zuerst, wo es doch Jarvis war, den sie lieber mochte? Ich werde es nie mehr erfahren. Immer nannte sie mich als erstes.
Jarvis lachte leise, nicht, weil ihm danach war, sondern weil wir wußten, daß sie so etwas von ihm hören wollte. »Werd gesund, und du kannst uns noch sehen, so oft du nur willst.«
Tatsächlich lächelte sie matt. Niemand von uns glaubte es.
»Ihr müßt mir eines versprechen«, sagte sie leise und ging nicht mehr auf Jarvis’ Worte ein. »Wenn ich tot bin … laßt niemals zu, daß sie euch trennen … niemals …«
Ich schluckte. Wir kannten unsere Mutter als eine fröhliche Frau, die munter plapperte und eine ganze Unterhaltung im Alleingang bestreiten konnte - und nun schien ihr selbst für diese Worte die rechte Kraft zu fehlen. Außerdem erinnerte es mich an meinen Traum.
»Wie meinst du das?« fragte Jarvis. »Wer will uns trennen?«
»Sie ­… ihr dürft es nicht zulassen … wenn sie euch trennen, dann bricht das Unheil herein … über das Haus Fadar.«
Ich kniete mich an ihrer Seite nieder und nahm ihre Hand. »Wir versprechen es, Mutter. Niemand hat uns jemals trennen können, und niemand wird es jemals tun.«
»Gegen unseren Willen«, sagte Jarvis, der an mich herangetreten war, »wird uns niemals ein Mensch trennen.« Er konnte nicht andere ihre Hand nehmen, denn die hielt sie unter der Bettdecke, aber er überkreuzte die Daumen vor seiner Brust. »Das schwöre ich«, sagte er. »Bei meinem Leben.«
Wir hatten noch nie einen Eid geleistet - wir waren noch Pagen, und niemand verlangte etwas derart Hohes von uns - aber ich begriff, daß Jarvis Recht hatte, daß der Moment dafür gekommen war. Ich ließ die Hand los - und war froh darum, denn selten hatte ich eine unangenehmere Berührung erlebt - und tat es Jarvis nach. »Ich schwöre«, sagte ich, und dann sprachen wir gemeinsam: »Bei dem Blut und dem Kranich und dem Löwen, wenn ich mein Wort breche, so will ich gebrochen sein.«
Es war der einzige Schwur, den wir kannten, aber wir wußten, daß wir ihn richte gesprochen hatten, als wir das erleichterte Lächeln unserer Mutter sahen. Sie wußte, daß wir diesen Eid nicht brechen würden - nicht einen Eid, den wir auf das Wappen unseres Hauses geleistet hatten.
»Danke«, sagte sie nur. »Wißt ihr -« Sie brach ab.
Jarvis ergriff meine Hand. Er hatte Angst, wie ich, aber wir sagten nichts. Wir warteten nur, sahen uns an und versuchten, uns gegenseitig zu trösten, einfach nur, indem wir da waren. Bis ich dann irgendwann wagte zu flüstern: »Wir müssen Sybald Bescheid sagen.«
Jarvis blickte mich stumm an. Etwas seltsames lag in seinen Augen, und einen Moment lang war er mir fremd. Dann zog er langsam seinen Dolch und hielt ihn mir hin, den Griff zuvorderst.
»Aber -«, sagte ich und fing noch einmal von vorne an, damit es nicht so klang, als stritte ich am Totenbett unserer Mutter mit meinem Bruder, »ich dachte - erst bei der Trauerfeier.«
»Ich möchte, daß wir es jetzt tun«, erwiderte Jarvis leise. »Bitte - ich erkläre dir später, warum.« Seine Stimme zitterte. Ich wußte nicht, wie ich ihn trösten sollte. Aber ich nahm den Dolch.
Ich schob meinen linken Ärmel ein Stück weit hoch und zögerte doch - sich zu verletzen war eine Sache, aber es mit Absicht zu tun eine andere, und ich wurde die Erinnerung an diesen Traum nicht mehr los …
Dann setzte ich den Doch an, einen Fingerbreit neben der ersten Narbe, und zog ihn dann mit einem glatten, schnellen Schnitt über die Haut. Der Dolch war noch neu, seine Klinge scharf. Es tat nur einen Moment lang weh. Ich hielt den Arm ruhig, hoffte, daß das Blut nicht auf den Boden tropfen würde, und reichte den Dolch dann an Jarvis zurück. Das Blut sammelte sich auf meiner Haut, quoll aus dem Schnitt und lief über meinen Unterarm - ich hielt meine Hand darunter, um es aufzufangen und hoffte, daß Jarvis nicht zögern würde.
Doch Jarvis war schon immer der Entschlossenere von uns beiden. Mit einer raschen, beinahe achtlosen Bewegung - seine Augen ruhten auf meinem Arm, nicht auf seinem - brachte er sich den Schnitt bei, wischte dann den Dolch an seinem Knie ab und schob ihn in die Scheide zurück. Er lächelte dabei, ein seltsames trauriges Lächeln.
Seite an Seite traten wir an unsere tote Mutter heran, und Jarvis schlug die Bettdecke zurück. Unsere Mutter trug ein langes weißes Hemd, ganz schlicht, ohne Spitze oder Stickerei - es paßte so wenig zu dem, was sie sonst trug, daß ich mich einen Moment lang fragte, ob diese Frau wirklich unsere Mutter war. Oder wirklich tot. Ich fühlte, wie das Blut an meinem Arm zu gerinnen begann, und ballte eine Faust, ließ los und spannte an, bis das Blut wieder floß.
Mein Blut war dick und langsam und erschien mir dunkler als Jarvis’, als wir es wortlos auf unsere tote Mutter tropfen ließen. Rote Flecken fraßen sich durch den weißen Stoff, rote Streifen zogen sich über ihre Haut, dort wo die Tropfen sie berührten. Es gefiel mir nicht. Aber es war nicht so schlimm wie beim ersten Mal, als unser Vater starb. 
Ich konnte nicht die kleine Narbe sehen, ohne mich zu erinnern - nur ein kurzer Schnitt, denn wir waren erst vier Jahre alt und unsere Arme noch dünn - aber obwohl wir so klein waren, mußten wir uns schon an dem Ritual beteiligen. Sybald wollte das Messer für uns führen, doch unsere Mutter nahm es ihr aus der Hand - Sybald war ihr Bruder, und wenn er auch als Verwalter eingesetzt wurde, bis wir das rechte Alter erreichten, war er doch kein Fadar, und kein Angehöriger unseres toten Vaters.
Niemand erklärte uns, warum wir verletzt wurden - außer, weil Vater tot war - aber ich werde nicht vergessen, wie sie meine rechte Hand nahm und mich schnitt. Dann reichte sie mich an Sybald weiter, der mich hochhob - und erst jetzt konnte ich unseren aufgebahrten Vater wirklich sehen. Sybald drückte meinen Arm, damit das Blut besser floß. 
Jarvis sah zu. Später erzählte er mir immer wieder, daß ich gebrüllt hätte wie am Spieß, während er ruhig blieb. Aber so war das nun mal mit Jarvis - er brachte keinen Ton hervor, wenn er Angst hatte. Er mochte vielleicht der Klügere von uns sein - aber ich denke, daß ich mutiger war als er. Zumindest dachte ich so bis zu dem Tag, da unsere Mutter starb und wir das Ritual ganz allein durchführten.
Ich weiß nicht, wie lange wir so standen, aber es war ganz sicher lang genug, denn so viel bedeutete Mutter mir nicht - für Jarvis hätte ich geblutet, bis es schwarz um mich wurde, für unsere Mutter nicht: Es mußte Abstufungen geben. Darum war ich es, der endlich sagte: »Laß gut sein, Jarv. Wir können nicht mehr für sie tun.«

aus: Klagende Flamme

(c) by Maja Ilisch


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