Das Ende von Osse Emberbey

von LaMaga


Rayneta schürfte sich die Beine auf, als Koloss, ohne Rücksicht darauf, dass er eine Reiterin trug, sich hastig durch die Pforte drängte, eine Tür, die nicht für massige Streitrösser vorgesehen war. Aber sie bemerkte es nicht, sah nur die drei Ritter auf dem Plateau, die miteinander fochten und sich anschrieen und deren Metallrüstungen fast so ähnlich klangen wie der Ruf des Widerwesens, der eine Zeitlang verstummt war, nun aber wieder anschwoll, allerdings leiser. Die Musik im Wind, die nicht dasein durfte und die Rayneta Unbehagen verursachte, war lauter.
Tatsächlich, der amberfarbene Ritter kämpfte gegen den petrolblauen, und der trug eine gestohlene Rüstung. Und der amberfarbene wehrte sich nur noch halbherzig und unsicher gegen den Angreifer, der zugleich gegen den Schwarzgerüsteten focht und den schwächeren Gegner angriff.
Der Schwarzgerüstete...
Der bemerkte sie und blickte auf.
»Mandìor«, rief Rayneta schrill.
Venger in der falschen Rüstung zögerte nicht einen Moment. Er holte weit aus und zielte, zielte gut und traf Spondhargent an der Hüfte, wo das Kettenhemd nicht gut schützte.
Spondhargent schrie und strauchelte nieder.
»Rayneta!« Nun hatte auch der amberfarbene die Gräfin erkannt. »Weg! Weg hier!«
Rayneta starrte verängstigt auf die Szene. Spondhargent verletzt am Boden, und Osse... Osse stand so nah... so nah am Rand der Klippe. Und der Gestank erreichte Rayneta mit Wucht.
»Nein!«, schrie sie. »Nein!«
Koloss und Venger gerieten im selben Moment in Bewegung. Aber Venger war näher bei Osse.
Mit der Wut und der Unberechenbarkeit eines wütenden Tieres stürzte der Ritter sich auf seinen Cousin, schwang sein Schwert wie eine Keule und warf sich zugleich mit aller Kraft auf den Minister, der, immer noch schreckensstarr, nicht mehr reagierte und begriff, als er den Halt unter den Füßen verlor und stürzte.
Hinab in die Tiefe, die Schwärze und die Musik.
Venger sah es, erfasste es und jubelte im Triumph auf. Nun war er der Sieger, der Regent, der Herrscher! Ihm gehörte das Lehen, die Macht, alles, alles...
Sein Jubellaut jedoch verklang in seinem Schrei, noch bevor Osses Körper unten an der Klippe aufschlug, erstickte in dem Geräusch aus brechenden Knochen und berstendem Metall, als Koloss ihn niedersprang und, wie wahnsinnig, begann, den Hüter des Roten Steins zu Tode zu trampeln.

(...)

Das Bersten der Schiffe hallte über die Bucht, und das Platschen der Wellen erinnerte an einen Sturm. Kajida hörte es nicht. Sie brachte Mondlicht sanft zur Landung am Strand und blickte hinüber zu dem im goldenen Feuerzauberschein skurril angeleuchteten Berg von Geopfertem, das die Schwarze Wahrheit am Fuß der Klippen angehäuft hatte.
Mondlicht schnaubte angewidert und schüttelte die Seidenmähne. Kajida saß steif im Sattel und rührte sich nicht.
»Kaj?«, fragte Vèljioz sanft, als sie keine Anstalten machte, abzusteigen.
»Er war so bedacht darauf, dass ich meinen Spinat esse,« sagte die Prinzessin mit tonloser Stimme. »Ich habe das Gemüse immer heimlich den Hunden hingestellt, um ihn zu ärgern. Das war lustig, weil er mich dann immer getadelt hat, ohne zornig werden zu dürfen. Dabei mag ich Spinat sogar. Ich wollte ihm nur Streiche spielen.«
»Kaj,« antworte Vèljioz sanft, »das hat er dir längst verziehen.«
Sie sagte nichts darauf.
Dann stieg sie ab und schritt langsam auf den makaberen Stapel von Körpern, Mensch und Vieh zu. Vèljioz ging ihr in gebührendem Abstand nach.
»Osse?,« rief Kajida leise. »Osse?«
Der junge Magier beobachtete, wie sie über die abgenagten Lämmerknochen hinweg stieg, welche die Möwen im Umkreis verteilt hatten und sich bemerkenswert gefaßt dem Aas näherte. 
»Weg!«, gebot sie zornig den nimmersatten Vögeln, die sich wieder eingefunden hatten, sobald das kranke Licht dem fröhlichen Goldfeuer gewichen war. »Oder mein Falke holt euch!«
Die Möwen flatterten träge auf und verteilten sich am Strand und auf der Klippe. Mit diesem Menschenwesen war nicht zu spaßen.
Kajidas Schultern bebten. Dann kletterte sie über die Leichen und Kadaver hinweg und schaute suchend um sich, bis sie Osse gefunden hatte.
Der Minister atmete noch, aber es war nur ihr eigener Bann, der das Leben in ihm hielt, das erkannte sie. Sein Rücken war zerschmettert, und das schüttere sandfarbene Haar an seinem Hinterkopf war feucht vom Blut. Starr blickten seine Augen zum Himmel auf, hin zum Mond, der durch die Wolken drang, nachdem die Eisenschiffe sanken. Absurder Weise saß seine Brille immer noch auf seiner Nase, aber das linke Glas war zersprungen. Kajida nahm sie ihm ab.
»He, Osse,« sagte sie und ihre Stimme hatte den selben unbekümmerten Tonfall wie immer. »Das war hervorragend!«
Er blinzelte und lächelte qualvoll, als er sie erkannte.
»Was, Herrin?,« fragte er mühsam.
»Was immer du getan hast,« meinte Kajida leichthin und suchte nach Vèljioz, warf einen flehenden Blick zu ihm hin.
Der Magier schüttelte fast unmerklich den Kopf.
Kajida senkte den Blick und plapperte weiter.
»Merrit und die Ritter haben die Burg eingenommen. Venger hat ausgespielt. Der Alptraum ist vorbei...«
»Die... Schiffe...«
»Es ist vorbei, Osse,« wiederholte Kajida sanft. »Der Alptraum ist vorbei. Verstehst du mich. Du... du bist frei von diesen schlimmen Dingen.«
Er lächelte müde. 
»Il ay-ra,« wisperte Kajida beschwörend. »Alles ist gut...«
»Rayneta,« stieß Osse hervor. »Was ist...«
»Graf Spondhargent passt auf sie auf,« beruhigte Kajida ihn. »Und das Kleine steht unter meinem persönlichen Schutz.«
Sein Kopf drehte sich zur Seite, und so entdeckte er Vèljioz neben sich.
»Meister...«
»Streng dich nicht an, Osse.« Vèljioz kniete sich zu ihm hinab. »Bleib ganz ruhig. Dir kann nichts mehr geschehen...«
»Fanwer...,« krächzte der Minister, und nun rann etwas Blut aus seinem Mund. »An...« 
Er hustete und bäumte sich auf. Kajida griff nach seiner Hand. Kajida fasste sie und zog ihm den Eisenhandschuh von den Fingern. Die Hand, die sie gelehrt hatte, eine Feder zu führen. Wieso nur hatte sie diese Hand immer so langweilig gefunden? Seinen Siegelring trug er selbst unter seinem Waffenhandschuh, war bei aller Heldenhaftigkeit aus seiner Beamtenhaut nicht heraus gekommen. Kajida lächelte gerührt, doch ihr war zum Heulen zumute. Aber er sollte sie nicht weinen sehen. Prinzessinnen mussten Würde bewahren.
»Was, Osse? Was ist mit Fanwer?«
»An... Sohnes statt,« stieß Osse hervor und nickte hinauf zur Klippe. 
Kajida guckte verständnislos.
»Er will Fanwer als Sohn annehmen,« erklärte Vèljioz gedämpft. 
»Ja... ja, natürlich,« versicherte Kajida und hoffte, Vèljioz würde es ihr später erklären.
Osse atmete schwer. Blut floss in seine Lungen und bereitete ihm rasende Schmerzen. 
Vèljioz tastete nach Kajidas Schulter.
»Kaj,« mahnte er. 
Die Prinzessin schreckte auf und nickte dann verwirrt.
»Merrit,« kam es noch von Osse. »Herr Merrit...«
»Der ist wohlbehalten,« versicherte Vèljioz. »Merrit geht es gut...«
»Den... Mächten...« Osse schloss die Augen und lächelte. »Königin...«
Kajida und Vèljioz warteten.
»Er muss... Königin... beschützen...«, hauchte der Minister und stöhnte jämmerlich.
»Für alle ist gesorgt,« sagte Vèljioz sanft. »Du kannst dich nun ausruhen, Osse Emberbey. Allen geht es gut. Alles ist gut. Es ist vorbei.«
Osse nickte mit letzter Kraft. Vèljioz erhob sich und trat zurück.
»Kaj,« mahnte er nochmals. 
Die Prinzessin schluckte.
»Ich... bin müde,« hauchte Osse durch einen Schleier von Schmerz.
»Osse,« wisperte Kajida hilflos und war kaum noch Herrin ihrer Stimme, »wer... wer soll mich denn nun ermahnen, wenn ich unfolgsam bin?«
Der Minister tastete nochmals nach ihrer Hand. Er sagte nichts. Aber seine Geste ersetzte alle langatmigen Gardinenpredigten, die er ihr in seinem ganzen Leben gehalten hatte.
»Osse,« fragte Kajida mit erstickter Stimme, »würde... dürfte... würde es dir etwas ausmachen, einmal von einer Frau geküßt zu werden?«
»Herrin...,« krächzte Osse verlegen.
Kajida neigte sich über ihn und hob gleichzeitig ihr Schwert über seine Brust.
Vèljioz wandte sich ab und schaute auf das Meer. Die Eisenschiffe waren zu einem einzigen, unentwirrbaren Klumpen verkeilt und sahen in der Mitte der Bucht nun aus wie eine zusätzliche Felsnadel. Hinten, nahe des Buchteingangs, lagen die Holzschiffe auf dem Wasser und hatten Lichter gesetzt. Eines der kleineren, wahrscheinlich die Silbergischt, wendete soeben und setzte Kurs auf den Strand.
Und das Widerwesen sang, sang ein böses Lied des Hasses und der Rache.
Vèljioz lächelte finster. Sollte es. Die Schafe würden zubeißen.
Als er sich umdrehte, war Kajida fort. Und Osse Emberbey, der Minister der Königin und amberfarbener Ritter von der Bernsteinbucht, war mit ihr hinter die Träume gegangen und sah aus, als schliefe er einen glücklichen Traum.
»Ad'ree, Osse Graf Emberbey. Du hast gesiegt. Als Magierfreund wird man dein Andenken ehren,« murmelte Vèljioz und verneigte sich. Dann lief er zu Mondlicht hinüber, die geduldig wartete, und ritt auf ihr hinauf zur Klippe.

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Feindeskuss

(c) by Sandra Bloh


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