Ein weiterer Auszug aus der »Glücksritter und Schwertmagier« - Rollenspielgeschichtensammlung. Rendel, der in dieser Passage stirbt, kommt zwar aus dem Totenreich zurück, nichtsdestoweniger IST das hier eine Sterbeszene. Und eine richtig gemeine dazu. Aber so ist es eben, wenn ein Seelenbruder dem anderen einen letzten Wunsch erfüllen will!
Ein letzter Tanz
von Kristina Siers
Schmerz! Sharaval
unterdrückte ein Keuchen, als das Echo eines sengenden Feuers
ihn streifte, das in den Adern eines anderen tobte.
»'Rendel...« Augenblicke später saß er an
'Rendels Seite, hielt behutsam dessen linke Hand in seiner,
spürte schlanke, fieberheiße Finger, die sich fest um
seine schlossen. »Shar...« 'Rendels Stimme war kaum
mehr als ein Flüstern, sein Atem ging schwer. Er schlug die
Augen auf und lächelte matt. »Götter, Shar... schon
wieder...«
»Du solltest endlich aufhören, mich so zu
erschrecken...« Sharaval lächlte und seine Augen
funkelten, doch tief in seinem Inneren spürte er einen
Schmerz, der ihn zu zerreißen drohte. Noch konnte er nicht
ausmachen, ob es nur ein Echo dessen war, was sein Ariennwé
in diesem Augenblick fühlte, oder ob es diesmal... mehr war.
Er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte seine ganze
Aufmerksamkeit auf 'Rendel. »Ich weiß...«,
murmelte der Fuchs leise. Der Griff seiner Hand verstärkte
sich, doch sein Blick flackerte unstet und seine Augen schlossen
sich wieder. Shar strich ihm sacht eine wirre Haarsträhne aus
dem schmalen, blassen Gesicht. »Du solltest schlafen,
Bruder«, sagte er leise. »Ja... vielleicht...«
'Rendel ließ den Kopf zur Seite sinken, sein mühsamer
Atem beruhigte sich ein wenig und wurde tiefer, während Shars
Gedanken einander jagten. Er hatte sich seinen Seelenbruder
angesehen, immer wieder, er hatte seine Gabe benutzt, um zu sehen,
was da in seinen Adern tobte und ihn ganz langsam immer mehr
schwächte. Er hatte ein Gift gefunden, ein Gift, das sich in
Verans magischen Trank geschlichen hatte, während die Sarrin
gegen die Seuche gekämpft hatten, die beinahe auch 'Kevrons
Leben gekostet hätte. Ein Gift, von dem Veran nichts gemerkt
hatte, während er den Verjüngungtrank für 'Rendel
herstellte. Und nun... Shar seufzte kaum merklich. Als er von
seiner Reise durch die Welten zurückgekehrt war, hatte ihn ein
strahlender, um Jahre jünger aussehender 'Rendel empfangen,
und es hatte einige Tage gebraucht, bis der Sternenwolf bemerkt
hatte, daß der Fuchs zwar tatsächlich jünger, aber
auch ein sehr kranker Mann geworden war. Doch Shar hatte nicht
aufgegeben, hatte sich sogar auf Variks seltsamen Rat an Veran
gewandt, hatte die Wälder in den Bergen nach der
Caloré-Wurzel durchsucht... und nun hatte Veran die Wurzel,
versuchte, ein Heilmittel herzustellen, und 'Rendel lag hier und
starb ihm unter den Händen... Verdammt...verdammt,
'Rendel... Die schmale, kraftlose Hand zuckte in seiner, und
'Rendel schreckte nach Atem ringend aus seinem Dämmerschlaf.
Sofort zog Shar ihn in eine behutsame Umarmung und teilte seine
Kraft mit ihm. »Shar...«, flüsterte er keuchend,
und ein feines Lächeln kroch über sein Gesicht.
»Shar... ich habe geträumt... von früher...
erinnerst du dich... an die Nacht, in der wir uns... das erste Mal
wiedersahen?«
»Natürlich...« Er fuhr über die Narbe an
seinem linken Handgelenk. »Wie könnte ich das
vergessen?«
»Ich habe... von der Jagd geträumt... an deiner seite
war es immer eine gute Jagd... Götter, Shar, ich würde...
gern noch einmal mit dir reiten!« Er schloß die Augen
und faßte Sharavals Hand fester. »Nicht so...«,
murmelte er kaum hörbar, schon halb wieder schlafend,
»...bei allen Göttern nicht so...«
»Nein«, flüsterte Shar und ignorierte den
eiskalten Klumpen in seinem Hals, »ich gebe dir mein Wort...
nur mit einem Rapier in der Hand, mein Lieber!« 'Rendel
einzige Antwort war ein mattes Lächeln, das Shar einen Stich
gab. Er spürte, daß 'Rendel begann, ihm zu entgleiten,
er fühlte, daß der andere das Band zwischen ihnen sehr,
sehr sanft zu lösen anfing, und er wußte, er würde
nichts dagegen tun, so sehr es ihn auch schmerzte. Seine
Entscheidung... sagte er sich immer wieder, es war seine
Entscheidung, wenn er glaubte, keine Kraft mehr zu haben, nicht
mehr kämpfen zu können gegen Krankheit und Gift, und er
würde ihm helfen, wenigstens den Tod zu sterben, den er
verdient hatte. Sharaval schloß die Augen. Seine Gedanken
suchten nach Shenrah. 'Rendels Gefährtin wahr wach, und Shar
spürte schon bei der ersten gedanklichen Berührung, wie
angespannt die Sialagh war. Sie spürt es auch... er
läßt auch das Band zu ihr schwächer werden...
:Shenrah?: :Shar? Shar...: :Ich habe einen Entschluß
gefaßt, Lady. Wenn er gehen will, dann werde ich ihm dabei
helfen! Und ich brauche auch deine Hilfe. Er soll es nicht wissen,
bis zum letzten Moment nicht... ich brauche dein Schweigen,
Lady...: Er spürte das mentale Erschauern, Shenrahs Senden
klang bebend, als sie wieder sprach. :Weißt du, was du da
verlangst? Wenn er geht, dann... gehe ich mit ihm, Shar!: :Ich tue
es für ihn, Lady! Überlege es dir. Ich warte... auf deine
Entscheidung, ich brauche deine Hilfe!: Für eine Weile war
es still in seinen Gedanken. Fast glaubte er, die Sialagh
hätte sich zurückgezogen, doch dann war ihre Stimme
wieder in seinen Gedanken. Sie klang, als hätte eine
Silberglocke einen Sprung. :Ich bin mit dir, Sharaval... ich tue
es. Verlasse dich auf mich. Wenn du mich rufst, werde ich da sein,
und... ich werde bleiben... so lange ich kann...: Seine
Gedanken sendeten ihr einen Dank ohne Worte, dann suchten sie eine
andere Präsenz. :Komet?: :Ich habe zugehört... ja.
Wann?: :Bald... sehr bald...: Behutsam löste Shar die
gedankliche Verbindung. Es gab ihm ein etwas besseres Gefühl,
die beiden Sialagh hinter sich zu haben, doch es änderte
nichts an der Tatsache, daß er sich noch nie so sehr zu etwas
zwingen mußte wie in diesem Augenblick. Sanft legte er eine
Hand auf 'Rendels Schulter und gab ihm Kraft, so viel, daß es
für einige Zeit ausreichen würde, die Wirkung des Giftes
zu unterdrücken.
Rendel erwachte mit einem tiefen Seufzen. Für einen Moment
genoß er es, keine Schmerzen zu spüren. Stattdessen
spürte er eine vertraute Umarmung, eine vertraute
Präsenz... Shar lag hinter ihm, er mußte seine Kleider
abgestreift haben und zu ihm ins Bett gekrochen sein, als er
geschlafen hatte. 'Rendel lächelte. »Guten
Morgen...«, flüsterte der Sternenwolf ihm ins Ohr,
»Gut geschlafen?« 'Rendel wand sich in der Umarmung und
drehte sich zu ihm um. »So gut wie schon lange nicht mehr.
Muß dein guter Einfluß sein...« Shar lachte
leise, dann drehte er ihn sanft wieder von sich weg, seine
Hände fuhren in einer Art und Weise über 'Rendels Seiten,
die der Fuchs nicht mißverstehen konnte. Er schloß die
Augen, drängte sich herausfordernd an den kräftigen
Körper hinter sich - und Shar nahm ihn so unvorbereitet und
mit einer so heftigen Leidenschaft, daß ihm der Atem stockte.
Einmal noch... ein letztes Mal noch... Und in dem
Augenblick, in dem sie einander so nahe waren, wie es zwei Menschen
nur sein können, nahm Sharaval Abschied, ohne es sich anmerken
zu lassen, während 'Rendel in seinen Armen in einer
Feuersbrunst von Lust verging. Als sie wieder zu Atem gekommen
waren, strich Shar ihm lachend eine schweißfeuchte Haarlocke
aus der Stirn. »Na? Wie wäre es mit einem kleinen
Ritt?«
»Ausgezeichnete Idee... ich fühle mich
großartig!«
Wenige Augenblick später genoß er es, Shenrahs
geschmeidigen, warmen Rücken unter sich zu spüren. Fast
wie verabredet trugen sie beide die Gewänder, in denen sie
sich vor nun fast sechs Jahren wiederbegegnet waren, und Shar war
sich sicher, daß 'Rendel alles von der Magie spürte, die
diesen Augenblicken innewohnte. Nicht die Magie der Sarrin... die
Magie des Lebens... Sie ritten tief in die Wälder, stiegen von
den Rücken ihrer Gefährten und schickten sie ein wenig
fort von der Lichtung... und dann begann das, was in Shars Gedanken
die letzten Tage über gereift war. Er begann, 'Rendel zu
provozieren, so lange, bis der ihm lachend eine Fordeung und einen
blauen Handschuh entgegenschleuderte. Die Klingen sprangen in ihre
Hände, ein Gruß, ein spöttisches Wort... und dann
hallte die Lichtunmg wider vom silbrigen Gesang der Rapiere.
'Rendel erkannte die Musik, die den Unsichtbaren herbeirief, und
diesmal hieß er den Dritten im Tanz willkommen. Er
wußte, dies würde sein letzter Tanz sein, und Shar war
derjenige, der ihn auf die Tanzfläche geführt hatte. Er
war ihm dankbar... Das erste Blut floß, doch 'Rendel forderte
mehr. Er lachte dem Unsichtbaren ins Gesicht, er lachte Shar ins
Gesicht, und Shar erwiderte das Lachen, obwohl in ihm nur noch
Schmerz war... Schmerz, den er so gut wie noch nie verbarg. Das
zweite Blut floß, und nun verwandelte 'Rendel den Tanz des
Lebens in einen Tanz auf Leben und Tod. In diesem Augenblick
spürte er die Berührung des Unsichtbaren.
Shars Klinge schnellte vor, durchbrach 'Rendels Deckung und senkte
sich tief in seine Brust. 'Rendel keuchte. Shar rang nach Atem, da
war nichts mehr als... SCHMERZ! Glühend bohrte er sich
in seine Brust... das Band... Sharaval fühlte es reißen,
Faser für Faser...er ließ seine Waffe fallen und sank
mit 'Rendel in die Knie. 'Rendels eigenes Rapier entglitt seiner
Rechten, die Linke krallte sich um das kalte Metall, das in seinem
Herzen stak, und mit einem leisen Seufzen brach er zusammen. Sofort
war Shar neben ihm, zog ihn unendlich sanft in seine Arme, strich
ihm über das schweißüberströmte Gesicht.
»Ein guter Tanz, 'Rendel... es war ein verdammt guter
Tanz...« Er flüsterte, sonst wäre seine Stimme
gebrochen. 'Rendel streckte seine linke Hand nach ihm aus, sie
zitterte, und Shar griff rasch zu.
»Danke...Ariennwé... ich... danke... dir...«
Noch einmal schlossen sich ihre linken Hände umeinander, noch
ein letztes mal holte 'Rendel tief und zitternd Atem... sein
Körper krampfte sich in Shars Armen zusammen, bäumte sich
auf... dann lag er still. Zu still... seine Augen hatten sich
geschlossen, und ein feines Lächeln lag um seine schmalen
Lippen. Ohne einen Laut drückte Shar ihn an sich und
küßte ein letztes mal die bleiche, kalte
Stirn.
(c) by Kristina Siers<</i>