Die Magierin Rhuna hat ihre letzten Kraft verbraucht, um den Feenfürsten Elathalion aufzuhalten, und spürt nun ihr Ende nahen. Auch wenn ihr viele Jahre ihres Lebens im Feenreich gestohlen worden, so fühlt sie doch keinen Zorn. Das hat einen Grund:


... wie ein Nebelstreif

von Christel Scheja


Als Rhuna erwachte, war der Schmerz vergangen. Ihre Glieder fühlten sich so leicht an, als würde sie schweben. Jede Last des Alters schien von ihr genommen. War mit dem Tode Elathalions auch der Zauber vergangen, der sie so alt gemacht hatte? Rhuna bewegte sich vorsichtig. Sie genoß diesen Schwebezustand zwischen Schlaf und Wachsein, Traum und Wirklichkeit. Sie wünschte, er würde niemals enden. Sie fühlte sich in ihre Zeit als junge Elevin versetzt. Damals hatten die Hallen der Thaumaturgischen Akademie noch viele Wunder geboten, die sie nun mit ihren alten Augen neu schaute.
Da erklang ein Rauschen, und riesige Schwingen warfen einen dunklen Schatten über sie. Rhuna sah in die erwartungsvollen glitzernden Augen eines nur als Schemen sichtbaren Vogels ... und verstand.
Wenn sie jetzt nicht aufwachte und sich weiter den Strom der Zeit hinabgleiten ließ, dann würde sie keinen Abschied von Brannon und Caellin nehmen können! Die Gefährten waren zwar nur ein kleines Stück ihres Lebens mit ihr gegangen, aber sie waren ihr mehr ans Herz gewachsen als jeder andere Mensch.
Rhuna wurde im Angesicht Golgaris ruhig. Ihre Angst vor dem Tod wehte hinweg wie ein Nebelstreif. »Ich werde dir gleich folgen, hab nur noch einen Moment Geduld mit mir.«
Rhuna durchschritt noch einmal das Tor in die diesseitige Welt. Sie nahm zunächst nur den würzigen Geruch von Kräutern wahr, dann leise Stimmen. Dumpfer Schmerz pochte durch ihren Leib. Nichts hatte sich verändert, nur daß die Müdigkeit ihren Körper überwältigt hatte und alles andere überdeckte.
Lughaid, Merydwen, das Kind und eine ihr unbekannte, grau gekleidete Frau beugten sich über ihr Lager. Die Magierin lächelte. Sie spürte, daß die Bardin und der junge Mann ihre Hände hielten, während das Mädchen neugierig ihr Haar streichelte. Die Fremde wartete ruhig im Hintergrund.
»Weinet nicht um mich!Ich wäre euch doch nur hinderlich.«
»Nein, Rhuna, das wärst du nicht!Alles, was geschehen ist, hat stärkere Bande zwischen uns geschlossen, als es das Blut vermag. Durch dich habe ich gelernt, meine Fähigkeiten zu verstehen. Du bist mir mehr ...«
»Mach mir den Abschied nicht so schwer, Merydwen« seufzte Rhuna. »Du brauchst mich weniger, als du nun denkest ... und deine Sorge muß jetzt einer anderen Rhuna gelten! Lebet das Leben, welches euch früher nicht miteinander vergönnet war. Ihr seid Kinder dieser Zeit, ich jedoch nicht!Alles was ich kannte ist zerstöret, zu Staube zerfallen oder ins Gegenteil verkehret. Ich fühle mich im eigenen Heimatlande fremd. Glaubt ihr, daß dies lange unerkannt bleiben würde ... Nein, ich will mich nicht mühselig erklären müssen.“ Rhuna ließ sich zurücksinken. Der Ruf Golgaris übertönte Merydwens und Lughaids Proteste und drängte sie sanft, ihm zu folgen.

aus: Das magische Erbe
Veröffentlicht 1998 im Wihelm Heyne Verlag, München

(c) by Christel Scheja


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