In Die Spinnweb-Stadt lasse ich eigentlich bis zum Ende offen, wer nun die Guten und wer die Bösen sind. Eine Ausnahme bildet hier Rogri Hukaseh, der von Anfang an als Schurke auftritt. Er ist ein unangenehmer, sadistischer Hehler, quasi ein direkter Nachkomme von Bill Sykes aus Oliver Twist. Dennoch mochte ich ihn - er hatte, auf seine Weise, Charisma, und ist mein bedrohlichster Charakter überhaupt. Schade, daß ich ihn töten mußte, aber jede Geschichte brauchte ein Showdown, und diese hat sogar drei von der Sorte. Dies ist das erste. Und Rogris Geheimnis wird sich erst viel später offenbaren ...
Tod eines Hehlers
von Maja Ilisch
Maril hatte Rogri nicht
getötet. Der Hehler hatte ihn in eine Ecke gedrängt und
versperrte ihm den Fluchtweg. Rogri sah nicht aus wie jemand, der
um sein Leben fürchten mußte. Maril schon.
»Worauf wartest du noch?« fragte Rogri. »Du hast
das Messer. Stoß es mir in den Bauch!« Seine Stimme war
leise und grollend, wie die Vorahnung eines Gewitters.
»Nein!« schrie Mowsal und wäre in den Raum
gestürzt, hätte Sandor ihn nicht festgehalten. Rogri fuhr
herum.
»Du auch noch«, höhnte er - und dann kreuzte sich
sein Blick mit Sandors. Er erstarrte.
»Jetzt, Maril! Komm rüber!« Mowsal streckte den
Arm aus. Rogri war abgelenkt Jetzt konnten sie abhauen.
Maril verlor keine Sekunde. Er schoß los, versuchte, an der
Wand entlang von Rogri wegzukommen.
Aber es war immer schon ein Fehler gewesen, den Hehler zu
unterschätzen. Es ging alles viel zu schnell. In einem Moment
riß Rogri seinen Blick von Sandor los und sprang zur Seite,
im nächsten lag Maril mit ausgerenktem Arm am Boden. Rogri
hielt ihn mit einem Knie ihm Rücken und einer Hand im Genick
fest.
Mowsal kam nicht mehr dazu, auch nur instinktiv zu reagieren. Ehe
er begriffen hatte, was hier passierte, erhielt er einen Stoß
ins Kreuz, der ihn aufschreien ließ. Er fand sich auf dem
kahlen Fußboden wieder, sein Gesicht nah an Marils. Die Augen
seines Freundes waren erfüllt von Angst und Schmerzen, der
Funke von Trotz und Wut, den Mowsal vorher noch gespürt hatte,
war erloschen. Aber Mowsal hatte jetzt keine Zeit, darüber
nachzudenken. Er wollte wieder aufspringen und sich auf Rogri
stürzen, als er Sandors Stimme hörte.
Nein! Rühr dich nicht!
Mit größter Anstrengung hob Mowsal den Kopf und sah
auf. Er wünschte sich, es nicht getan zu haben. Rogris Kopf
schlug plötzlich nach hinten. Er fiel vorwärts, schlug
mit dem Gesicht gegen die Wand, dann rutschten die Beine unter ihm
weg. Rogri fiel in der Ecke in sich zusammen. Mowsal wollte ihn
nicht sehen, wollte nicht wissen, daß er tot war, aber als es
statt dessen seinen Blick abwandte und Sandor erblickte, der mit
eingefrorener Miene seine Arme sinken ließ...
Im nächsten Moment war Maril bei ihm, versuchte ihn
festzuhalten mit Händen, die immer wieder abrutschten, Armen,
denen jede Kraft zu fehlen schien. »Hilf mir!«
flüsterte er.
Mowsal zog Maril nach vorne, von Rogri weg, der um ein Haar auf
seine Beine gestürzt war, dann schob er sich vor seinen
Freund, zwischen ihn und Sandor. Sein eigener Körper
fühlte sich taub an, und ihm wurde langsam kalt. Er starrte
den Zauberer aus weit aufgerissenen Augen an.
»Sie haben ihn umgebracht«, sagte er tonlos. »Sie
haben Rogri getötet.« Wie oft hatte er sich
gewünscht, das selbst zu tun, es sich selbst ausgemalt? Aber
es dann mitansehen zu müssen, war etwas anderes. Selbst, wenn
es Rogri war.
»Es tut mir leid«, sagte Sandor ruhig, wenn auch
bedauernd. »Ich mußte es tun. Er war etwas, das es
nicht geben durfte.«
»Er gehörte mir«, sagte eine Stimme hinter
ihnen.
aus: Die Spinnwebstadt
Viertes Buch: Die Masken des Mondes
(c) by Maja Ilisch