Im Jahr 2001 nahm ich an einem Internet-Projekt teil, daß zwar als Online-Rollenspiel ausgeschrieben war, sich aber als gemeinsames Geschichtenschreiben herausstellte. Mein Charakter war Roshan, ein Wegelagerer mit einer Schwäche für Frauen und Gin. Bis ich dann irgendwann begann, seinen ehemals besten Freund und Mitbewohner Shaun viel lieber zu mögen. Also schrieb ich diesen Text - ein Close-up auf Roshs Vergangenheit - aus Shauns Perspektive.
Und heulte noch stundenlang, weil ich das Gefühl hatte, den Falschen umgebracht zu haben.
Dieser Text war ursprünglich auf Englisch, ich habe ihn zurückübersetzt - aber einige Formulierungen klangen einfach vorher besser. Ich bitte, darüber hinwegzusehen.


Blut und Wein

von Maja Ilisch


»Was ist das?« Shauns eisige Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er wollte nicht schreien - das hier war nichts, was alle Nachbarn anging - und die einzige Möglichkeit, Herr über seine Stimme zu bleiben, war, sie ganz, ganz leise zu halten. »Jetzt schau mich an! Ich habe dich was gefragt!«
Rosh zuckte die Schultern. »Tja, sieht mir wie ein Krug aus.«  
»Stimmt. Also das hier ist ein Krug. Wenn ich es richtig sehe, hast du ihn letzte Nacht mitgebracht, da ich ihn auf dem Boden unter dem Schemel da gefunden habe.«  
»Hm ja, kann schon sein, vermute ich …« Roshs blutunterlaufenes Auge verengte sich. »Sag mal, warum redest du so komisch mit mir?«  
»Weil«, begann Shaun und brach ab, weil er sich erst wieder beruhigen mußte. »Weil du mein Geld genommen hast, um ihn zu kaufen.«  
»Na, ich hab nie gesagt ich würd’s dir nicht zurückzahlen«, sagte Rosh und versuchte eines seiner bezaubernden Lächeln an Shaun, der sofort explodierte.  
»Darum geht es nicht! Du hast nicht mal gefragt, ob du es leihen könntest! Du versäufst mein Geld, du verkommenes Stück Scheiße!«  
Rosh brach in Gelächter aus. »Shaun, du bist ein verdammter Dieb! Es war nur Geld! Du kannst dir im Handumdrehen das Doppelte zurückholen! Es sollte dir nichts ausmachen, wenn einer klaut.«  
Shaun wußte, daß er kurz davor stand, vor Zorn umzufallen. Er wußte nicht mehr, was er sagen sollte, also klatschte er seine Hand in Roshs glänzendes Gesicht. Es machte nichts, daß Rosh einen ganzen Kopf größer war als er - Shaun hätte ihn in diesem Moment am liebsten totgeschlagen. »Hau ab!« schrie er. »Nimm dein Zeug, und verlaß mein Haus, sofort!«  
»Ruhig!« sagte Rosh. »Ruhig, Kumpel! Reg dich ab! Ich nehm an, du hattest einen schlechten Tag, in Ordnung, und ich hätte deine Kohle nicht nehmen sollen, in Ordnung, tut mir leid - Jetzt laß uns hinsetzen und drüber reden … Es müßte noch was zu trinken da sein.«  
Shaun umklammerte seine Hand, um Rosh nicht nochmals zu schlagen. Es führte ohnehin zu nichts. Er hatte gewartet, bevor er Rosh mit seinem Zorn konfrontierte, in der Hoffnung, der Junge würde es ernster nehmen, wenn er wieder nüchtern war, aber offenbar hatte er nicht lang genug gewartet. »Ich will nicht drüber reden«, knurrte er, »und ich will auch nichts trinken. Und ich will dich nicht länger auf dich aufpassen, wenn du ein Besäufnis veranstaltest. Wir hatten das schon früher, und ich habe es satt. Ich habe dich satt. Wenn du deinen Verstand vertrinken willst, mach bloß so weiter.« Er machte eine Pause, zögerte, bevor er hinzufügte: »Trink dich zu Tode, so wie diese besoffene Schlampe von Mutter, die du mal -«  
»Sprich nicht so von ihr!« brüllte Rosh. »Beleidige nie wieder meine Mutter!« Er warf sich auf Shaun, der geschickt auswich, und wäre fast zu Boden gestürzt, aber er schaffte es, auf den Beinen zu bleiben. »Sie war eine elfische Lady, meine Mutter, sie war etwas, von dem du nicht mal zu träumen wagst! Sag nie wieder, daß sie -«
»Eine Hure war, die unten am Hafen hauste und arbeitete«, vollendete Shaun gnadenlos. »Eine einfache Nutte, nicht im Geringsten elfisch. Sie hat sich totgesoffen. Du hast es mir erzählt. Kein Grund zum Lügen. Vermute, meine alte Frau hat das selbe getan.«  
Rosh war bleich geworden. Er starrte zu Boden, wortlos.  
»Und wohin bringt es dich?« fuhr Shaun fort. »Wir werden’s sehen. Das heißt - du wirst es sehen. Ich nicht. Ich wollte dich als großen Straßenräuber sehen, nicht als Trunkenbold. Ich hab mein Bestes getan, um dich davon fernzuhalten, aber ich habe versagt. Jetzt geb ich auf. Tut mir leid, Roashan-dhu. Lebwohl.«  
Rosh grinste höhnisch. »O Shaun! Es tut mir so leid, dich enttäuscht zu haben. Du warst so sehr wie ein Vater für mich, die letzten Jahre über. Es zerbricht mir das Herz, daß ich nun gehen muß!« Er lachte kurz. »Du bist so blöd, Shaun. Glaubst du, es kümmert mich auch nur soviel?« Er preßte Daumen und Zeigefinger zusammen und hielt sie Shaun vors Gesicht. »Glaubst nur nicht, ich habe dich auch die Nase voll von dir? Von deiner Moral? Erwachsener Shaun, vernünftiger Shaun, Shaun, der mir sagt ich soll vor die Tür gehen und der das Haus absperrt, wenn er sich betrinken will, damit es niemand erfährt - oh, wahrhaft, ich verdiene deine Verachtung.« Er spie auf den Boden. »Ich hab dein Rumkommandieren lang genug ausgehalten. Ich kann gut allein überleben, ich brauche weder dich noch dein verdammtes Geld.« Er griff nach einem Hut, schlenderte zur Tür, und war fort.  
Shaun blieb zurück, zitternd. Eine Zeitlang rührte er sich nicht, dann begann er, mit sich selbst zu flüstern. »Warum hast du mich verlassen, Tamas? Warum konnte ich dich nicht retten?«  
Tamas antwortete nicht. Er antwortete niemals.  
»Warum kann ich niemanden retten?« Shaun ging zu seiner Truhe hinüber, und noch bevor er begriff, was er tat, hielt er den kleinen Holzvogel in Händen, den Pirol, der er für Tamas gemacht hatte. Er starrte ihn an, und ihm wurde kalt. Mit zitternden Händen legte er den Pirol zurück, schlug den Deckel der Truhe zu und versetzte ihr einen Tritt, der eigentlich Rosh galt. »Wahrscheinlich bringt ihn jemand um, bevor’s der Schnaps tut«, murmelte er weiter, versuchte sich einzureden, daß er nur wütend auf Rosh war. Doch in seinen Gedanken war Tamas, mit seinen großen schwarzen Augen und hohlen Wangen. Wenn er zwanzig geworden wäre, hätte er nicht als betrunkener Schuft geendet … Shaun schüttelte den Kopf. Er erlaubte sich niemals, an Tamas zu denken, und er würde es auch jetzt nicht.
Shaun ging zur Tür und verriegelte sie. Rosh hatte falsch gelegen: Shaun sperrte die Türen, bevor er zu trinken begann, nicht ab, damit niemand es wußte, sondern weil er allein sein wollte.  
Nun, jetzt würde er für einige Zeit allein sein …  
Shaun hob den Krug auf und sah nach, wieviel von seinem Inhalt noch übrig war. Immerhin hatte er dafür bezahlt.

Das Klopfen an der Tür wollte nicht aufhören.  
Shaun vergrub sein Gesicht im Kissen und wartete. Er wollte nicht aufstehen. Nicht diesesmal. Rosh war schon vor zwei Tagen um diese Zeit dagewesen, nicht um sich zu entschuldigen, sondern um ein Bett und Geld zu erbetteln, war alle paar Tage dagewesen in den zwei Wochen, seit Shaun ihn rausgeschmissen hatte. Vielleicht hoffte er, daß Shaun ihm verzeihen würde, wenn er nur hartnäckig genug war, aber Shaun verzieh nicht. Doch Shaun hatte etwas daraus gelernt: Er stand nicht mehr auf, wenn jemand nachts gegen seine Tür hämmerte.
»Mach auf! Bitte, mach auf!«  
Das war nicht Rosh. Rosh würde niemals ein Wort wie Bitte gebrauchen, nicht gegenüber Shaun, hieß das. Und diese Stimme war … weiblich.  
Shaun stand auf, zündete eine Kerzen und an ging zur Tür. »Wer ist da?«  
»Ich bin es - Rima.« Wer war Rima? »Ist Roashan-dhu da? Bitte, ich muß wissen, ob er bei dir ist!«  
»Warum?« fragte Shaun, beunruhigt, aber ohne zu öffnen.  
»Er ist in Gefahr. Bitte, ich muß ihn warnen, bitte!«  
Shaun öffnete die Tür. Draußen stand eine Frau, eine dralle Lady mit schwerer Schminke, die sie ein wenig nach einer Hure aussehen ließ, auch wenn ihm ihr Kleid verriet, daß sie keine war. Er erinnerte an ihren Namen. Roashan prahlte immer mit seinen Affären, egal ob Shaun sie hören wollte oder nicht. Das war also Rima …  
»Was ist los?« fragte er sarkastisch. »Bist du schwanger?« Roashans Probleme waren nicht seine, vor allem nicht um diese Tageszeit.  
Die Frau errötete unter der Talgschminke. »Nein, es ist nur …«  
»Sag’s mir nicht. Dein Mann hat’s rausgefunden, und jetzt hat er versprochen ihn umzubringen, noch bevor der Mond untergeht, hab ich Recht?«
Rima nickte eifrig. »Ja … ich muß Roashan-dhu warnen! Er darf ihn nicht finden! Bitte, sag mir wo er ist! Er ist tot, wenn ich ihn nicht zuerst finde.«  
Langsam leuchtete Shaun die Kerze in ihr Gesicht. »Die Orte, an denen Roashan-dhu verkehrt, sind nichts für eine Lady, Madam. Ich werde ihn selbst warnen.«  
Er hätte sehr dumm sein müssen, ihr Roshs Aufenthaltsort zu verraten. Zu vieles war falsch an dieser Lady: Sie versuchte offensichtlich, ein Veilchen unter der Schminke zu verbergen, und ein Ehemann, der den Mann umbringen wollte, der ihm Hörner aufgesetzt hatte, würde seine Frau in der Nacht nicht allein aus dem Haus lassen … Und überhaupt, egal wie betrunken Rosh auch sein mochte, er würde niemals jemandem die Adresse von Shauns Haus verraten. Er wollte nicht, daß seine Frauen ihn heimsuchten, wenn er das Interessen an ihnen verloren hatte, vor allem, wenn sie sich als schwanger entpuppten. Also sah es mehr danach aus, daß Rimas Mann versprochen hatte, ihr Leben zu schonen, wenn sie ihm half, Rosh in die Finger - oder vor die Klinge - zu bekommen, und sie hatten schon einen Teil der Nachforschungen hinter sich.  
»Er versteckt sich nicht da drin?« fragte Rima und deutete auf die Tür.  
Shaun schüttelte den Kopf. Er wurde langsam ärgerlich. Sogar ihre Stimme klang falsch in seinen Ohren. Und er sollte besser loslaufen und versuchen, Rosh zuerst zu finden. Wenn sie anfingen, in den Kneipen nach ihm zu fragen - wie lange würde es dauern, einen einäugigen Möchtegern-Halbelfen mit seltsamen Narben in den Mundwinkeln zu finden? Wahrscheinlich sah niemand in ganz Silva dem Typen ähnlich.  
»Ich bitte um Vergebung, Milady«, sagte Shaun und verneigte sich. »Ich mache mich sofort auf den Weg. Ich verspreche Euch, Roashan wird heute Nacht nicht getötet. Ihr geht heim zu Eurem Ehemann« - Shaun konnte schwören, daß er nur ein paar Schritte entfernt war, und jedes Wort mithörte - »und versucht, ihn zu beruhigen. Gemeinsam retten wir Roashan-dhu das Leben.« Es gelang ihm, sie anzulächeln. Er war nicht sehr gut darin.  
Sie nickte eifrig und eilte davon. Shaun wartete, bis sie fort war, warf sich hastig sein Hemd über, schnappte seinen Dolch, und rannte los. Er war schon oft davongerannt, nach einem Einbruch, und wußte, wie man seine Verfolger abschüttelte. Aber er war noch nie aus seinem eigenen Haus davongerannt. Er schlug Haken durch die dunklen Gassen, versteckte sich und lauschte, und rannte weiter, bis er sicher war, daß ihm niemand gefolgt sein konnte. Es würde nicht allzu schwer sein, jetzt auch noch Roashan zu finden.  

Und er fand ihn, an dem letzten Ort, wo er gehofft hatte: In einer Kneipe, fröhlich zechend inmitten einer Menschentraube.  
»Komm mit, Rosh«, zischte Shaun. »Ich muß mit dir reden.«  
Rosh blinzelte ihn an, sein war Gesicht teigig vom Trinken, sein Auge glasig, und seine Stimme unsicher, als er sagte: »S’ist mir’n Vergnügen, dich zu treffen, Shaun - also hast du endlich dein verdammten Dickkopf aufgegeben, ja?«  
Shaun quetschte sich neben ihm auf die Bank und hoffte, daß die Typen um ihn herum zu betrunken waren, um ihn zu verstehen, und daß Rosh es nicht war. »Sagt dir der Name Rima was?« fragte er. Er mußte beinahe brüllen, weil es so laut war, aber er schaffte es, das meiste mit Gesten zu sagen, Gesten, die Rosh verstehen würde, aber kein anderer.  
Rosh zuckte die Schultern. »Ja, kann schon sein … aber s’is nicht mein Kind, egal was sie sagt.«  
Shaun unterdrückte ein Lächeln. »Sie ist hinter dir her«, sagte er. »Das heißt, zusammen mit ihrem Ehemann. Sie wollen deinen Kopf. Und wenn es nach ihnen geht, stirbst du heute Nacht. Weißt, was ich meine?«  
Jemand tippte ihm von hinten auf die Schulter. Einen Moment lang blieb Shauns Herz stehen - also waren sie ihm doch bis hier gefolgt! - aber dann merkte er, daß es nur die Schankmaid war. »Na, du kannst hier aber nicht rumsitzen, ohne was zu trinken«, sagte sie schnippisch. »Was bekommst du?«  
»Bring mir ein Alt«, Shaun winkte sie weg. »Komm, Rosh, kannst du mich hören? Du bist ein toter Mann, ein verdammt toter.«  
Rosh lachte laut auf. »Kein Grund zum Durchdrehen, Shaun! Glaubst du, das ist das erste Mal? Das ist ein Spaß. S’wird ihnen genug leid tun … schnell genug leid tun, daß sie glauben, mich kriegen zu können.«  
»Ja, sicher«, kicherte Shaun höhnisch. »Du bist ein brillanter Schwertkämpfer! Du schwingst dein Rapier wie kein anderer in Silva - das heißt, wenn sie dich an einen Pfosten binden, damit du nicht umfällst, breit wie du bist. Muß ich dich dran erinnern? Das erste Mal, daß du mit der falschen Frau geschlafen hast, hat dich dein Auge gekostet. Das zweite Mal …«  
»Ich weiß, ich weiß«, bellte Rosh. »Und jetzt hör auf zu spinnen und mach dich vom Acker, wenn du von nichts anderem reden kannst. Also verfolgst du mich, nur um mir unter die Nase zu reiben wie verkommen ich bin, ja? Jetzt hau ab, bevor ich sauer werde!«  
»Tu ich nicht«, sagte Shaun. »Sie versuchen, dich heut Nacht umzubringen, also bleibe ich in deiner Nähe, damit zumindest einer von uns kämpfen kann.«  
Rosh hielt das für einen Witz und begann, Shaun zu knuffen, der ihn mit einem resignierten Seufzer gewähren ließ. Er nahm einen Schluck von seinem Alt und merkte, daß Rosh bereits die Hälfte davon getrunken hatte. Diesmal sagte Shaun nichts. Es war schon in Ordnung. Heute Nacht würde sich Shaun über nichts aufregen … Nur noch einmal Rosh das Leben retten und ihn dann seines Weges gehen lassen. Er konnte ohnehin kaum etwas tun.  
Aber hier war es zu voll. Shaun mochte Menschenmengen nicht allzu sehr - sie waren in Ordnung für einen Taschendieb, aber in einer festzusitzen, ohne sich bewegen zu können, oder atmen, erinnerte ihn immer daran wie es war, in einem Kamin festzusitzen. Und das wiederum erinnerte ihn an Tamas … Es machte nichts, wenn er was trank, aber Shaun wollte sich nicht betrinken, nicht in so einer Nacht, nicht, nachdem er Rosh deswegen rausgeschmissen hatte. Aber er hatte immer noch Tamas im Kopf …  
Shaun stand auf. »Tut mir leid, Rosh, muß jetzt los. Paß auf dich auf!« Er warf der Schankmaid eine Münze zu und ging, schnappte nach Luft sobald er wieder draußen auf der Straße war. Sie würden Rosh nicht töten, solang er da drin war, das war sicher. Aber wenn er rauskam …  
Shaun sah sich suchend nach einem Versteck um. Er würde seinen Freund nicht im Stich lassen, nicht einmal jetzt. Er hatte zwölf Jahre lang auf Rosh aufgepaßt, es wäre unfair, ihn den Wölfen zu überlassen nur wegen eines Streites. Ohne sich darum zu kümmern, daß man ihn sehen konnte, kletterte Shaun am Regenrohr des Hauses gegenüber der Kneipe hoch, um aufs Dach zu kommen. Dächer waren erstklassig, um Leute zu beobachten - man konnte so ziemlich alles sehen. Die Leute blickte kaum jemals nach oben, nicht in Zeiten wie diesen. Und da die Häuser schön nah beieinander standen, war es ein Leichtes für Shaun, Rosh zu folgen.

Nach einer Weile kam Rosh aus der Kneipe gestolpert, schwankte schlimmer als Shaun sich jemals erinnern konnte. Er brauchte einige Zeit zum Denken und Überdenken, bevor er ostwärts wankte. Wie eine Katze von Dach zu Dach springend, folgte ihm Shaun. Man nannte ihn auch Pirol, wegen der schwarzen Strähne in seinem beinahe gelben Haar, aber manchmal glaubte er, daß er so hieß, weil er nah dran war zu fliegen. Das heißt, so nah, wie ein Mensch nur konnte.
Er brauchte nicht lang, um zu merken, daß er nicht der einzige war, der dem Betrunkenen folgte. Zwei Männer verließen die Kneipe kurz nach Rosh, bewegten sich verdächtig nüchtern, und ihnen wiederum folgte jemand, der aus einer Seitengasse huschte und ein Kleid trug. Die drei kamen näher an Rosh heran … Und Shaun erkannte, daß die Männer Schwertern in Händen hielten.
Zumindest schaffte es Rosh, sein Rapier zu ziehen als der Kampf begann, aber es war kein wirklicher Kampf. In dem Moment, in dem er das Rapier verlor, blickte Rosh verwundert hoch, und einen kurzen Augenblick lang konnte Shaun sein Gesicht sehen. Es war frei von Furcht. Shaun hatte niemals gesehen, daß Rosh vor irgend etwas Angst hatte, aber er hatte gehofft, er würde zumindest den Tod fürchten. Aber Rosh hatte keine Angst. Er war dabei, sich umbringen zu lassen, und er wußte es nicht.  
Shaun zögerte nicht länger. Mit dem Dolch in der Hand sprang er vom Dach direkt in die Männer hinein, stieß die Klinge tief in ein Stück Fleisch, das sich später als eine Kehle herausstellte.  
»Renn weg, Rosh!« schrie er. »Renn, oder die bringen dich um!«  
Rosh bückte sich und griff nach seinem Rapier. »Ich renne nie weg«, sagte er und versuchte, etwas einzunehmen, das wohl eine Festhaltung sein sollte.  
Shaun wollte ihn schlagen, aber er war zu beschäftigt damit, den zweiten Mann von seinem Rücken fernzuhalten. Er mußte nah an ihn rankommen, das war die einzige Möglichkeit zu siegen - zu nah, um ein Schwert zu schwingen, aber nah genug, um mit einem Dolch zuzustechen. Aus dem Augenwinkel erkannte Shaun, daß er einen Mann getötet hatte. »Renn, Rosh!« schrie er wieder. »Wenn du’s nicht tust, bring ich dich um!« Sein linker Knöchel begann zu schmerzen. Er mußte ihn sich beim Springen verletzt haben. Trotzdem kämpfte er weiter. »Renn, Rosh! Ich erledige sie für dich!«  
Endlich gab Rosh Fersengeld, machte sich halb rennend, halb unsicher stolpernd davon. Während er sich auf die Zunge biß, um den Scherz zu unterdrücken, versuchte Shaun, einen Mann zu töten, der ein erfahrener Schwertkämpfer war und die erste Überraschung eines Schattens, der aus dem Nichts auf ihn stürzte, überwunden hatte - wer kämpfte, hatte kein Zeit zum Nachdenken.
Shaun erfuhr nie, wer das Schwert führte, das ihn von hinten erwischte, aber er nahm an, daß es Rima selbst war. Einen Moment lang dämmerte es ihm, daß der Mann, den er getötet hatte, wohl ihr Ehemann war. Dann übernahmen die Schmerzen seinen Verstand.  

Shaun lag auf der Straße, allein. Er fragte sich, ob Rosh die Flucht gelungen war. Irgend einen Sinn mußte es doch haben, sein eigenes Leben zu opfern …  
Doch noch war er nicht tot. Er fühlte sich so, fühlte sich ganz kalt und taub, und der Schmerz ließ so langsam nach wie sein Leben. Er wußte, früher oder später würde Rosh zurückkommen, um zu sehen, ob Shaun gewonnen hatte. Dann würde Shaun ihn ein letztes Mal anlächeln und sagen: »Bitte, sag mir, daß du es wert warst … Sag mir, daß ich nicht umsonst gestorben bin …« Es war ein pathetischer Gedanke, aber schließlich lag Shaun in Sterben.  
Auf Rosh zu warten, gab Shaun ein wenig Kraft zum Durchhalten. Er stellte sich sein Gesicht vor, sein ewiges Lächeln, und er wußte, Rosh würde sich schuldig fühlen, und alles würde ihm wirklich schrecklich leid tun … Es war beinahe ein gutes Gefühl … hielt ihn eine Weile am Leben …  
Aber nicht lang genug.

aus: Dance of the Magpies

(c) by Maja Ilisch


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