Spondhargents Tod
von LaMaga
In dem Moment, in dem
Vèljioz Kajida in der Wüste fand, zog sich die Schlinge
um Mandìor Spondhargents Hals bereits zu.
Der Ritter war viel zu erschrocken und verwirrt gewesen, als dass
er wirklich begriffen hätte, was mit ihm geschah. Als er die
Bauern auf dem Feld gesehen hatte, einem Stoppelfeld unter Schnee,
das zum Galoppieren nur so einlud, war er neugierig geworden.
Gewundert hatte er sich, weshalb die braven Leute grundlos in der
Kälte beieinander mitten auf dem Feld gestanden hatten. Arglos
war er zu ihnen geritten, er, der Graf, dem sie stets Respekt und
Ehrerbietung gezollt hatten. Weil er ein guter Herr war. Weil er
immer nur das getan hatte, was ihnen zum Wohl gereichte.
Sie hatten ihn erwartet, das spürte er, als er sich ihnen
näherte, aber er verspürte bei ihrem Anblick ein leichtes
Unbehagen. Wieso begrüßten sie ihn nicht herzlich und
erfreut, wie sie es für gewöhnlich taten? Warum standen
sie da und schauten ihm so stumm und betreten entgegen?
War ein Unglück geschehen? War etwas vorgefallen, das sie so
niederdrückte? War es etwas, das er, der Herr, in Ordnung
bringen konnte?
Er hatte sie angesprochen, um Rechenschaft über die seltsame
Versammlung gebeten. Ganz bestimmt hatte er sie nicht bedroht oder
verschreckt, nichts rechtfertigte das, was geschah.
Wie auf ein stummes Kommando hin hatten die Bauern sich auf ihn
gestürzt, sein Pferd erschreckt, ihn an seinen Gewändern
gepackt und aus dem Sattel gezerrt, ihn, jenen, der ganz ohne Waffe
und Rüstzeug ausgeritten war, nur, um sich mit seinem Ross ein
wenig zu zerstreuen, fort von dem Schatten, der über seinem
Haus lag.
Zwei von ihnen hatte er niedergerungen, als er begriff, als er
begann, sich zu wehren, verstört, und doch ohne Panik,
verständnislos und erschüttert. Aber sie waren zu viele
gewesen. Und aus ihrem Kampfgeschrei tönte es hervor... die
Schwarze Wahrheit... die Einzig Wahre Macht.
Er hatte sie angebrüllt, versucht, sein Bauernvolk zur
Vernunft zu bringen. Sie seien besessen, hatte er geschrieen,
während sie über ihn kamen und mit Tritten und
Schlägen traktierten, ihn, den Herrn, der nie seine Gewalt
überschritten hatte, der nie Willkür oder Grausamkeit
hatte walten lassen. Verführte seien sie, und was sie hier
täten, das würde die Mächte selbst beleidigen.
Nein, hatten sie behauptet. Den Mächten sei egal, was
geschehe. Die Mächte hätten längst keine Lust mehr
auf das Weltenspiel. Die Schwarze Wahrheit würde sie retten,
so riefen sie. Die Schwarze Wahrheit, die er und seinesgleichen
fernhalten wollten. Vor denen er und seinesgleichen sich
fürchteten, um ihrer Macht willen.
Fassungslosigkeit hatte Mandìor Spondhargent betäubt,
als sie ihn auf die Füße zerrten. Irgendjemand hatte es
fertig gebracht, mit groben Schnüren seine Hände zu
fesseln, Hände, die, hätten sie ein Schwert gehalten,
dennoch gezögert hätten, unter den Bauern zu wüten.
Diese Leute waren ihm anvertraut, er war es, der sie
beschützen sollte vor dem, was sie in einem unbeachteten
Moment gepackt hatte. Was redeten sie, woher nahmen sie diese
Gedanken? War es hier an seinen Augen vorbei geschehen, dass der
Kult sich unter den Bauern und Fischern ausgebreitet hatte wie
unter Graf Althopians Herrschaft? Wayreth war alt gewesen,
unaufmerksam. Was hatte er, Mandìor Spondhargent, der
Wachsame, übersehen?
War es Crò gewesen? Crò, dem er widerwillig vertraut
hatte? Crò, dessen Rolle im Weltenspiel alles andere als
eindeutig war und der sich doch auf das Vertrauen der Magier
berief? Wie lange waren die schwarzen Hunde schon hier, die
Rayneta, seine süße Rayneta in ihren Träumen sah
und vor denen sie gewarnt hatte, wieder und wieder?
Rayneta! Das Liebste das er hatte, die Frau, der er sein Herz
geschenkt hatte, die Frau, für die er sich ins Feuer
gestürzt hätte, die Frau, für deren Glück er
alles Ungemach der Welt auf sich genommen hätte! Und das
Kleine... das Kleine, von dem er nicht wusste, wie sie es nennten
wollte, sobald der Schnee schmolz.
Sie stießen und zerrten ihn vorwärts, aber er empfand
keinen Zorn auf sie, denn in ihrem Handeln war kein Hass, keine
Bosheit, keine Lust. Sie hatten Angst. Mächte, diese braven
Männer waren zu Tode verängstigt! Jemand... jemand musste
sie in kopflose Panik versetzt haben. Das Widerwesen hatte nach dem
Silberufer gegriffen, und in seiner Faust wanden sich nun die
Menschen und versuchten, zu entkommen, indem sie Opfer darbrachten,
es besänftigten.
Er schrie, er wehrte sich, aber sie waren eine Übermacht, und
er war ein unbewaffneter Mann. Woher konnten sie nur gewusst haben,
dass er ohne Schwert, Rüstung, ohne Gefolge kommen würde?
Woher... woher... Mächte, Raynetas süßer Kuss und
der Name des Kindes...
Am Rand des Feldes standen ein paar Bäume auf einer
Ackergrenze, nicht hoch, aber knorrig und mit starkem Geäst.
Dorthin hatten sie ihn geschleppt, und jemand hatte ihm die
Schlinge angelegt, in der sie ihn nun hochzogen. Spondhargent
strampelte wütend, als er keinen Boden mehr unter den
Füßen spürte. Nein, das durften sie nicht tun,
bevor er erfuhr, wie sein Sohn heißen würde! Bevor er
Rayneta ein letztes Mal gesagt hatte, wie sehr er sie liebte!
Sie erwartete ihn doch zum Nachtmahl zurück... sie wartete auf
ihn...
Der Strick war ungeschickt angelegt, die Schlinge drückte
seinen Hals zu. Einen Augenblick lang ertrug er es, dann begann das
Seil ihn zu würgen. Aufkommender Wind stupste spielerisch
seinen Körper an, und er pendelte herum. Ringsum standen seine
Untergebenen, und in ihren Augen war blanker Schrecken,
Unentschlossenheit und Entsetzen über das, was sie taten. Sie
alle schwiegen.
Mandìor Spondhargent wollte sie anschreien, sie anflehen,
diese irrsinnige Tat zu beenden, er wollte wissen, was gespielt
wurde, und wer sie in diesen Wahnsinn getrieben hatte.
Aber seine Frage wurde beantwortet, denn nun, ohne Eile, ritten
zwei Männer in schwarzen Kutten heran. Schergen der Schwarzen
Wahrheit. Männer, deren Auftauchen er sich nicht erklären
konnte, denn er erkannte sie. Und der Umstand, dass keiner von
ihnen Crò war, erleichterte ihn. Es war kein Verrat des
Spions gewesen. Es war eine ganz normale schmutzige Schandtat des
Ordens, der die Mächte lästerte.
Der Ritter keuchte und schnappte nach Luft, aber es war zwecklos.
Seine Zunge drückte gegen seinen Rachen und ließ keinen
Atem mehr durch. Und um ihn begann die Welt zu flimmern und
färbte sich rot. In seinem Geist vermischten sich seltsame
Empfindungen mit seiner Umgebung, und er wusste, dass er das
Bewusstsein verlieren würde. Die Gesichter, die furchtsam
aufgerissenen Augen der Fischer und Bauern wurden für einen
Moment zu furchteinflößenden Fratzen, und
überdeutlich erschallte darüber mit beißendem
Spott, mit gehässiger Genugtuung die Stimme dessen, der Laat
hieß und die Schwarze Wahrheit anrief und ihr als Opfer das
zweite der schwarzen Schafe bot. Den zweiten, der sie, die Einzig
Wahre Macht mit seinem Wappen beleidigte. Der erste Ritter der
Kumpanei des Schwarzen Schafes war Osse Emberbey gewesen. Der
zweite war nun Mandìor Spondhargent.
Spondhargent bäumte sich protestierend auf. Wenn sie den Bund
Kajidas zerschlagen wollten, würde Merrit Althopian ihr
nächstes Opfer werden. Er musste den Grafen warnen, und
Rayneta wartete auf ihn und sein Sohn brauchte doch noch einen
Namen und...
Der andere Scherge, dessen Name Spondhargent entfallen war, stimmte
einen höhnischen Gesang an, der wie eine Hymne klang.
Mandìor Spondhargent röchelte ein letztes Mal. Und dann
war die Welt ringsum plötzlich glasklar. Die Bauern und die
beiden Reiter standen und waren wie eingefroren. Und aus ihren
Reihen trat ein junger, rotgewandeter Mann mit krausem weißen
Haar und einem Schwert in der Hand vor, der ganz bestimmt zuvor
nicht bei den Bauern gewesen war.
Mandìor Spondhargent schnappte gequält nach Luft. Der
mit dem roten, vornehmen Ornat musterte ihn intensiv und schien zu
zögern.
»Bitte,« presste Spondhargent hervor, »schneid
mich herunter!«
»Das darf ich nicht,« antwortete der
Rotgewandete.
Spondhargent schloss die Augen. Alles um ihn herum war rot, blutig
rot.
»Sie wartet,« keuchte er, »sie wartet doch...
ich bin doch noch nicht fertig...«
Als er die Augen wieder öffnete, stand der Mann mit dem
Schwert näher bei ihm, auf Augenhöhe, und die Welt war
verschwunden. Das Schwert stak in Spondhargents Brust. Er hatte den
Stich nicht gespürt - aber die Welt... die Welt war fort, bis
auf die kahle Krone des Baumes, schwarze, verzweigte Äste vor
einem gleißenden Licht.
»Ad’ree,« sagte der Rotgewandete und küsste
den Ritter, indem er die Klinge zurückzog, sauber und
kühl war sie, ohne Blut daran.
Spondhargent wimmerte auf. Das Licht wurde heller, und die
Baumkrone war nicht mehr länger ein Baum, sie war ein Netz,
ein feinmaschiges Netz, das ihn vom Licht trennte.
»Kommt,« sagte der Rotgewandete. »Lasst Euch
führen. Es ist vorbei.«
»Nein,« wisperte Spondhargent. »Es darf nicht...
wer bist du?«
Der Rotgewandete lächelte. Es war ein Lächeln, so milde,
weise und freundlich, dass Spondhargents Verstand von einer Woge
des Trostes überflutet wurde. Aber wie an einem Wellenbrecher
brandete das Glücksgefühl an seinem panischen Herzen
ab.
»Ich bin Galeon vom Weltenende,« sagte der
Rotgewandete. »Ich bin Euer Führer hinter die
Träume.«
Das Licht quoll durch die Astmaschen, wie flaumige Federchen griff
es nach Spondhargent.
»Bin ich tot?,« fragte der Ritter leise.
Galeon belächelte diese Frage. »Kommt mit mir, und Ihr
werdet es begreifen.«
»Rayneta,« beharrte Spondhargent. »Rayneta und
das Kleine... es...«
»Es gibt für Euch nichts mehr zu tun, Graf Spondhargent.
Das alles ist vorbei.«
Der Ritter versuchte, den Rotgewandeten an den Schultern zu packen,
aber es ging nicht. Sein ganzer Körper verhielt sich nicht
mehr so, wie er es gewohnt war. Sein Körper... ja, er begann,
in dem strahlenden Licht zu verblassen. Er konnte den fremden Mann
nicht berühren.
»Bitte,« flehte Spondhargent, »bitte, ich
verstehe das nicht... ich begreife nicht...«
»Ihr seid ermordet worden,« erklärte der
Rotgewandete geduldig. »Ein von der Schwarzen Wahrheit
verführter Mob Eurer eigenen Bauern hat Euer Leben
zerbrochen.«
Das Netz aus Baum war ganz dünn und fein, so hell war es nun.
Es war nur noch der Baum, der wirklich erschien, alles andere... es
war unsagbar schön und machtvoll. Aber Spondhargent gab nicht
nach, nicht dem Ruf, nicht dem Klang, nicht der Verlockung, die das
Licht mit sich brachte.
Wieder versuchte die Euphorie sein Herz zu erreichen, aber er
ließ es nicht zu. Und zugleich erwachte in ihm der Wunsch,
dieses Wunderschöne nur anzunehmen, wenn er es mit Rayneta
teilen konnte.
Ohne sie wollte er nirgendwo hin, auch nicht in eine bessere
Welt.
»Nimm mich nicht mit,« flüsterte Spondhargent.
»Ich darf sie doch nicht allein lassen!«
Galeon zögerte.
»Euer Körper ist leer,« sagte er. »Ihr
könnt nichts mehr tun.«
Spondhargent versuchte, vor dem Rotgewandeten auf die Knie zu
fallen. »Ich flehe dich an,« schrie er verzweifelt.
»Ich darf nicht... du darfst mich nicht hinter die
Träume bringen! Nicht... nicht... Rayneta...«
»Es ist Zeit, Mandìor Spondhargent,«
drängte Galeon vom Weltenende. »Wehrt Euch nicht,
hängt nicht Eurer Sterblichkeit nach. Wenn Ihr nun
zögert, mit mir zu gehen, dann verliert ihr den Weg in die
Träume, und dann kann ich Euch nicht mehr
führen!«
»Ich gebe mein Leben, ich gebe meine Ewigkeit hinter den
Träumen, wenn du mich nur nicht von meiner Dame
trennst,« rief Spondhargent aus und wehrte sich gegen die
Lichtfäden, die begannen, ihn einzuspinnen.
Galeon seufzte unbehaglich.
»Ich liebe,« hauchte Mandìor Spondhargent.
»Wenn du jemals geliebt hast, dann weißt du, was das
bedeutet.«
»Wenn Ihr wüsstet, wie gut ich Euch verstehe,«
sagte Galeon rau.
»Bitte,« wisperte das, was der Ritter nun geworden
war, »bitte...«
Galeon vom Weltenende ließ sich mitten im Licht nieder, in
dem blendenden Weiß und stützte das Kinn auf die
Hände.
»Bitte,« wimmerte Mandìor Spondhargent,
»bitte... Erbarmen...«
Galeon vergrub das Gesicht in den Handflächen und hörte
zu, wie das Flehen des Ritters verklang, wie das Licht den Baum
fortblendete und allumfassend wurde.
Dann erhob er sich wieder.
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Tränenmeer
(c) by Sandra Bloh