Traumsequenzen

I wake to sleep, and take my waking slow

Theodore Roethke


Traum ist im phantastischen Roman ein extrem beliebtes, oft strapaziertes, aber auch wichtiges Mittel. Träume sind lehrreich - manche Charaktere lernen prinzipiell nur aus Träumen, während sie in der Wirklichkeit jeden noch so gut gemeinten Ratschlag an sich abprallen lassen. Träume sind bestrafend - da sie sich nur im eigenen Kopf abspielen, ist es ausgesprochen schwer, ihnen zu entkommen. Und vor allem - und das macht sie für die Fantasy so wichtig - sind sie oft die einizge Verbindung zwischen dem Helden und der Vergangenheit, der Mythologie oder den Göttern. in Träume lassen sich die absonderlichsten Situationen darstellen, ohne mit den Naturgesetzen des Wachseins kämpfen zu müssen - und wenn am Ende die Elefanten fliegen und sich der treue Diener in einen Schäferhund verwandelt, wen stört es?

Das unrealistischste am Traum in Filmen ist oft das Erwachen. Da fahren die Leute mit einem Aufschrei kerzengerade aus ihren Kissen - welcher Mensch im wirklichen Leben erwacht denn so? Bleibt man nicht vielmehr noch ein wenig reglos liegen, aus Angst, durch eine Bewegung die Schatten wieder aufzuschrecken? Liegt man nicht oft noch lange krampfhaft wach, um nur ja nicht wieder einzuschlafen? Ich Geschichten  kann man das geschickter darstellen, da braucht es keine weit aufgerissenen Augen, um die Schrecken der Nacht darzustellen.

Helden träumen unter den unterschiedlichsten Umständen, aber es gibt einige Standardsituationen, und eigentlich immer verdienen sie die Bezeichnung 'Alptraum':
Zum Beispiel: Der Schuldtraum: Du hast irrtümlich deinen besten Freund getötet? Bist feige aus einem Kampf geflohen? Hast den magischen Ring selbst eingesteckt und den Prinzen erkläret, da wäre nichts zu finden gewesen? Macht nichts, das kann man alles verdrängen.  Aber deine Träume vergessen nie ...
Oder: Der Angstraum: Eine bevorstehende (oder auch nur befürchtete) Entscheidung oder Begegnung wird vorausgegriffen und endet eigentlich immer schrecklich; Leser wie Held wissen beide, daß es dennoch keine Möglichkeit gibt, dem Ereignis zu entgehen
Oder: Der Fiebertraum: Warum auch immer unser Held erkrankt ist, er wirft sich im Wahn hin und her, kann nicht zwischen Traum und Wachen unterscheiden. Längst verstorbene Freunde treten an sein Bett, oder er erlebt seine eigene Kindheit noch einmal - Träume sind ein faszinierendes Mittel, um Rückblenden unterzubringen, ohne sich mit der lästigen Vorvergangenheit herumschlagen zu müssen.

Manchmal stellt sich am Ende einer Geschichte heraus, daß alles nur ein Traum war: Wenn Alice unter fallenden Blättern erwacht oder ihre Katze schüttelt, wenn Buttercup merkt, daß sie den bösen Prinzen doch nicht geheiratet hat oder auch, wenn Bobby Ewing die ganze Zeit über, während er vorgeblich tot war, unter der Dusche stand - das hinterläßt meistens einen schalen Beigeschmack, weil der Leser sich um eine gute Geschichte, an die er selbst geglaubt hat, betrogen sieht. Dann wieder kann gerade dieses Verwirrspiel mit dem Leser ein interessanter Effekt sein, wenn er nicht allzu berechenbar eingesetzt wird und niemand mehr wirklich sicher sein kann, woran er nun ist. 

Grundschul-Deutschleherinnen setzen das Lehhreiche Erwachen gerne im Deutschaufsatz ein: Endet eine Phantasiegeschichte mit den Worten »Dann wachte ich auf und merkte, daß alles nur ein Traum war«, wird der Schüler immer wissen, wo er hingehört, welches die Wirkliche Welt ist, und daß es Taka-Tuka-Land niemals wirklich gegeben hat ... und wird, mit den Jahren, entweder eine gewisse Banalität entwickeln -
oder eine Abneigung gegen phantasielose Deutschlehrerinnen.

Hilfreich kann das Lehrreiche Erwachen auch sein, wenn man als Autor verschiedene Ausgänge für eine Situation im Kopf hat. Der Held kann im Traum die verschiedenen Variationen durchleben, die Konsequenzen erfahren und am Ende - eventuell - die richtige Entscheidung treffen. Der Vorteil für den Autor liegt darin, daß er auf diese Weise Helden ermorden kann, die er immer schon umbringen wollte, obwohl sie für den Verlauf der weiteren Handlung essentiell sind. Soll Telya nun ihren schlafenden Gefährten die Kehlen durchschneiden? So eine tolle Szene, aber doch ein unbefriedigendes Ende für das Buch ... Ach, dann laß ich sie das eben träumen! 

Da in Träumen die Perspektive des Täumenden sehr wichtig ist, wurden die Traumsequenzen in diesem Archiv nicht nach Autoren, sondern nach Träumern geordnet.

Maja Ilisch