Um Halan zu verletzen und zu einer Liebeserklärung zu zwingen, zerschlägt Alexander sich beide Hände mit einem scharfkantigen Stein. Ich habe ihn gewarnt, daß er davon Wundbrand bekommen kann, aber er wollte nicht auf mich hören… Das hat er nun davon.
Alexander von Korisanders
Blute in:
Fieberträume, Teil Eins
von Maja Ilisch
Unter sich hörte Alexander
das brausende Rauschen, und der Wind, der ihm ihn Gesicht wehte,
schmeckte nach Meer. Alexander schloß die Augen und stand
einen Moment lang ganz still, streckte langsam den Rücken
durch und den Kopf in den Nacken, und wartete darauf, vornüber
zu stürzen. Vor seinen Zehen gähnte der Abgrund der
Klippe.
»Noch nicht«, sagte eine Stimme hinter ihm, eine, die
er nur allzu gut kannte. Alexander fuhr herum und hätte
beinahe das Gleichgewicht verloren, wäre gestürzt, doch
er fing sich wieder.
Er fing sich allein. Koris unternahm nichts, und ihn zu halten.
»Koris!« schrie Alexander, stürzte auf ihn zu und
schlang die Arme um ihn. »Du hast mir so gefehlt!«
Doch Koris faßte Alexanders Arme und bog sie von seinem
Körper fort. Seine Hände waren so kalt, wie es keine
lebende Hand sein konnte. »Das glaube ich nicht.« Seine
Stimme war wie das Meer: Tief, und kalt, und fern. »Du hast
mich verraten.«
»Ich wollte es nicht. Ich habe es immer geheim gehalten,
ehrlich.«
Koris schüttelte den Kopf, doch die Krone wackelte nicht
einmal. Alexander war froh, daß sie wieder da war, wo sie
hingehörte. »Du hast aufgehört, mich zu lieben,
Anders. Warum hast du mit meinem Sohn geschlafen, anstatt auf mich
zu warten?«
»Weil er wie du ist! Weil du tot bist, und weil du niemals
wiederkommst!« schrie Alexander.
»Ich bin jetzt wiedergekommen«, erwiderte Koris.
»Und was habe ich vorgefunden? Ich wußte, daß
mein Sohn den Namen unseres Blutes nicht verdient hat. Aber
daß ich mich auch in dir so täuschen
mußte…« Er nahm die Krone ab und wog sie in
Händen. »Siehst du das hier? Das ist Korisanders
Erbe.«
Alexander nickte, sprachlos. Der Salzgeschmack auf seiner Zunge,
der Tropfen auf seinen Wangen mußten vom Meer kommen. 'Ich
liebe dich', wollte er sagen. 'Ich habe dich immer geliebt.' Aber
obwohl es mehr stimmte als jemals zuvor, brachte er es nicht
über seine Lippen.
»Dann schau her«, sagte Koris. »Wenn ich sehe,
wer mir als Erbe folgen soll, bleibt mir nur eines
übrig.« Er holte aus und schleuderte die Krone in die
Luft, über die Klippe und weit, weit ins Meer hinein.
»Und jetzt leb wohl, Anders. Ich habe einen Weg gefunden,
zurückzukommen. Ich wäre bei dir geblieben, für
immer. Aber du hast mich verraten.«
»Leb wohl, Koris«, flüsterte Alexander und senkte
den Kopf, um seinem Bruder nicht in die Augen zu schauen.
Mit seiner kalten Hand strich Koris ihm noch einmal über das
Haar, dann neigte er sich zu ihm hinunter und küßte ihn
auf die Stirn. Ein Schauder durchlief Alexander, aber kein
angenehmer - es war, als würde Koris' eisige Lippen das Leben
aus ihm saugen, oder mehr noch, seinen Verstand.
»Leb wohl, Anders«, flüsterte Koris noch ein
letztes Mal.
Dann stieß er ihn von der Klippe.
Die Krone war in hohem Bogen geflogen, wie eine Sternschnuppe, doch
Alexander fiel wie ein Stein. Er fühlte nicht den Moment, in
dem noch Luft um ihn war, er fühlte sofort das Meer, wie es
über ihm zusammenschlug und ihn umgab. Das Meer war unendlich,
unendlich tief, und es verschluckte Alexander dankbar wie etwas,
auf das es lange gewartet hatte. Alexander kämpfte nicht gegen
das Versinken an.
»Noch nicht«, sagte eine Stimme an seinem Ohr, und von
hinten legten sich zwei Arme um ihn, hielten ihn, und zogen ihn
dann langsam zur Oberfläche. Alexanders Kopf war erfüllt
von einem pulsierenden Rauschen, das er für seinen Herzschlag
hielt, oder den seines Retters, bis ihm auffiel, daß er nicht
gleichmäßig nach oben getragen wurde, sondern mit
kräftigen Schüben - und was er hörte, war das
Schlagen von zwei mächtigen Schwingen, mit denen der Engel des
Meeres sein Reich durchpflügte.
»Wer bist du?« wollte Alexander fragen, und »Wie
kommst du hierher?«
Doch in dem Moment, in dem er den Mund auftat, legte sich von
hinten eine Hand fest darüber, und eine Stimme sagte, mehr in
seinem Kopf denn in seinen Ohren: »Sprich kein Wort, und
versuche nicht zu atmen. Du trägst meinen Namen, kleiner
Alexander, doch du bist nicht von meinem Blute, im Wasser nur
geschaffen für den Tod, nicht für das Leben.«
Alexander versuchte, den Kopf zu schütteln - das ging nicht,
er mußte doch atmen! - als er merkte, daß der Elomaran
Recht hatte. Er durfte kein Wasser einatmen, doch er brauchte auch
keine Luft: Sein Körper verharrte, so wie er war, und
Alexander gab sich der Tiefe hin, und der rettenden Umarmung des
fremden Engels, bis sie endlich, nach langer Zeit, viel
länger, als der Sturz gedauert haben konnte und das Versinken,
die Wasseroberfläche durchbrachen.
Aber der Engel schwamm nicht an Land. Seine Flügel waren aus
Schaum, doch sie bewegten sie Luft ebenso wie das Meer, und mit
seiner sterblichen Last auf den Armen stieß der Engel des
Wassers hinauf in den Himmel, hinauf bis zu der Klippe, und dort
setzte er ihn ab und befahl ihm zu atmen.
Verzweifelt blickte sich Alexander oben auf der Klippe um. Aber
dort war nur Gras, und der Engel, und er… Koris war
fort.
»Wo ist Koris?« fragte er verzweifelt, und alles
andere, was er den Engel hatte fragen wollen, war vergessen.
Der andere Alexander lächelte, aber sein Gesicht war ernst.
»Er ist nicht hier. Du solltest ihn suchen gehen. Hier kannst
du nicht bleiben.«
Seine Haare waren schwarz, doch sie hatten einen grünlichen
Glanz, der an Algen und Seetang denken ließ, und
dunkelgrün waren auch seine großen grünen Augen. Er
mochte schön sein, doch Alexander wollte ihn nicht schön
finden, er wollte Koris wiederhaben, der zehnmal, hundertmal
schöner war.
»Geh, Alexander!« sagte der Engel noch einmal.
»Dein Engel hat dich verflucht, und du darfst an keinem Ort
verweilen. Du hast Unheil über dein Haus gebracht, nun bringe
Unheil über alle anderen Häuser, auch über
meines.«
Verwirrt blickte Alexander den Engel an. »Aber wenn du das
weißt - warum hast du mich dann gerettet?«
»Weil es deine Aufgabe ist, Unheil zu bringen, nicht, zu
ertrinken. Und weil ich einigen der anderen ein wenig Unheil
durchaus wünsche. Von meinem Haus weiß ich, daß es
stark genug ist, um zu überleben. Das Meer stärkt meine
Kinder, und solange es Ebbe und Flut gibt, wird mein Haus stark
sein. Und jetzt geh, Alexander! Nimm dies hier mit, und
geh!«
Er hielt ihm etwas hin, das so silbrig funkelte wie die feinen
Schüppchen, die seine Haut bedeckten, so daß Alexander
es erst nicht erkannte. Aber es war nicht, wie er einen Moment lang
geglaubt hatte, die legendäre Perle des Meeres, sondern ein
silbernes Medaillon, das Alexander seltsam fremd und zugleich
bekannt vorkam - doch erst, als es in seiner Hand lag, erkannte er
es wieder: Es war sein eigenes Amulett, Koris' Amulett, das
Alexander zum Angedenken tragen sollte - wann hatte er es verloren?
Alexander wußte es nicht mehr, und das tat weh.
Das Amulett tat weh. Es brannte sich in Alexanders Handfläche
ein, als glühe es - doch er hielt es fest, er hätte es
schon damals festhalten sollen, doch er hatte es verloren.
»Geh!« wiederholte der Elomaran. »Du kannst nicht
hierbleiben. Geh!« Mit den Worten ging er zur Klippe, und
sprang.
Alexander folgte ihm; die Tiefe faszinierte ihn ebensosehr wie
seinen Neffen, und er blickte hinunter…
Das Meer war verschwunden, der Boden ausgedorrt, als sei noch
niemals ein Tropfen Wasser darüber geflossen… Und weit
weit unter, zwischen den Steinen, lag der Körper von
Alexander, Engel des Meeres…
Alexander schrie, und seine Augen öffneten sich.
aus: Die Chroniken der
Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind
(c) by Maja Ilisch