Dieser Traum, der zweite aus der Wundbrand-Serie, greift der Handlung voraus, denn tatsächlich fällt das Haus des Engels der Stärke als erstes, durch die Hand der Rache.


Alexander von Korisanders Blute in:

Fieberträume, Teil Zwei

von Maja Ilisch


Die Stadt war menschenverlassen, die Häuser ohne Dach, das Weiß ihrer Wände höhnisch grell unter den Rußflecken. Von ihren Bewohnern gab es keine Spur. Alexander stand allein auf der Straße, die immer noch schnurgerade den Hügel hinaufführte. Er hatte das Gefühl, schon einmal in dieser Stadt gewesen zu sein, doch er konnte nicht sagen, woher er sie kannte. Sie war schon lange tot, sehr lange. Kein Rauch lag mehr in der Luft, keine Asche, kein Tod. Als Alexander die Luft einsog, roch er nur den Frühling, und den Regen, und, weit entfernt, Blut.
Alexander rief nicht, fragte nicht nach überlebenden - daß es hier niemanden gab, konnte er fühlen. Aber oben im Schloß… Alexander wußte nicht, ob das für diese Ruine noch das richtige Wort war, selbst von hier unter konnte er erkennen, daß nur noch die verkohlten Außenmauern standen - aber er machte sich auf den Weg dorthin.
Je weiter er kam, desto beschwerlicher wurde der Weg. Als sei nicht ein Krieg, sondern ein Wirbelsturm über die Stadt hereingebrochen, war die Straße immer öfter versperrt durch zusammengestürzte, gesplitterte Balken, Ziegel- oder Steinhaufen, doch das zeigte Alexander nur, daß er auf dem richtigen Weg war. Der Geruch von Blut wurde stärker. Von der Burg her konnte er Kriegslärm hören.
Doch es waren keine Menschen, die dort kämpften. Als Alexander durch einen schwarzverkohlten Torbogen trat, blickte er in einen leeren, verwüsteten Innenraum, ohne Wände, ohne Decken, die Schutz vor dem stärker werdenden Regen geboten hätten. In der Ferne donnerte es.
Zwischen den geschwärzten Steinen kämpften zwei Engel.
Alexander erkannte Lorimander sofort, seine goldblonden Locken naß, zerzaust und unansehnlich, sein muskulöser Körper an mehreren Stellen bedeckt mit Blut. Auch seine Flügel waren verletzt - lange, weiße Federn staken abgeknickt heraus, lange weiße Federn lagen verstreut auf dem rußigen Boden… Dieser Anblick entsetzte Alexander so sehr, daß er einen Augenblick brauchte, um den zweiten Engel zu erkennen, dem sich Lorimander so waffenlos entgegenstellt wie damals sein Nachfahr den Löwen…
Schwarz waren die langen, krausen Haare, schwarz waren die wutgespreizten Flügel, nicht wie die Flügel eines Schwanes, sondern eines Raben, und schwarz war auch das Schwert in seiner Hand, wie gebranntes Silber. Vigilander. Und erst jetzt wußte Alexander, woher er diese Stadt kannte. Lomar lag in Trümmern.
Am liebsten wäre Alexander weggerannt - nichts könnte ein größerer Fehler sein, als sich zwei kämpfenden Engeln in den Weg zu stellen - doch er mußte bleiben, und zusehen. Eine tödliche Faszination ging von den beiden aus, die so völlig in ihren wortlosen Kampf versunken schienen, daß sie die Zerstörung um sie herum gar nicht bemerkten.
Lorimanders Flügel waren gebrochen, er konnte nicht mehr fliegen, doch Vigilanders Füße berührten den Boden kaum, und seine Schwingen durchschnitten die Luft wie die Hiebe seines Schwertes, dem Lorimander auszuweichen suchte. Warum kämpfte der Engel der Stärke nicht? Seine Kraft mußte doch reichen, um Vigilander die Arme auszureißen - warum unterlag er dann?
Alexander verspürte zu keinem der beiden Engel eine besondere Zuneigung, und er wollte keinen von ihnen gewinnen sehen - aber auch keinen sterben. Zwei Engel hatte er bereits sterben sehen, zwar beides nur im Traum, aber… es war nichts, was Alexander ein drittes Mal erleben wollte. Und Vigilander war dabei, Lorimander zu töten. Der Engel der Rache zögerte niemals.
Es wurde enger. Langsam, wie Regenwasser, das einen Umhang durchsickerte, drangen ihre Gefühle in Alexander ein, beide zugleich, und gleich stark. Alexander verspürte Todesangst und unbändigen, wütenden Triumph, Feuer und Eis zugleich - es riß ihn entzwei. Alexander zitterte und biß die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. Er wollte dazwischendrängen, die Engel auseinander zerren wie streitende Kinder, sie mit den Köpfen zusammenschla7gen und ins Bett schicken. Er wollte sein Schwert durch Lorimander jagen, wieder und wieder und wieder. Er wollte nicht sterben…
Alexander schüttelte sich. Seine Zähne schlugen aufeinander, doch selbst wenn die Elomaran hörten, was um sie herum vorging, so ertranken die Geräusche doch im Brausen des Regens. Wieder hüllte ein Blitz das Innere der Ruine in sein zuckendes Licht, und der Boden erbebte mit dem Donnerschlag, als eine weitere Wand einstürzte. Alexander stürzte, er klammerte sich an seinem Torbogen fest, als ob ihm das Schutz bot - als er etwas bemerkte, dort hinten, in einer Ecke, etwas das im Blitz golden aufleuchtete…
Es war wirklich nur ein goldenes Funkeln, doch Alexander wußte sofort, was es war: Lorimanders Horn, das Horn der Stärke. Alexander rannte los, hielt sich im Schutz der Mauerreste und machte einen Bogen um die Kämpfenden - aber er wollte das Horn nicht für sich. Lorimander brauchte es - ohne seine Stärke war er verloren… Alles, was Alexander wollte, war einen Ausgleich schaffen, um fortrennen zu können, um nicht dabei zu sein, wenn einer der beiden starb - denn dieser Kampf würde nicht aufhören, ehe es vorbei war, so oder so.
Das goldene Horn lag zu Alexanders Füßen, zwischen den zerschmetterten Steinen, doch unbeschädigt. Einen Engel konnte man zerstören, nicht jedoch ihre Schätze… Alexander bückte sich und hob es auf. Es war viel leichter, als er erwartet hatte - nicht aus massivem Gold, sondern aus geschnitzten Holz, oder auch Elfenbein, vergoldet. Aber Alexander nahm sich nicht die Zeit, das Kunstwerk zu bewundern. Form und Material der Horns, wie auch die filigranen Schnitzereien, die es bedeckten, waren völlig bedeutungslos in einem Moment, in dem es nur um Sterben und Töten ging.
Das Horn zu Lorimander zu bringen, hätte bedeutet, selbst in den Kampf hineingerissen, vielleicht von Vigilanders Schwert durchbohrt zu werden. Alexander blieb nur eines übrig: Er hob das Horn an die Lippen und blies hinein.
Das Ergebnis war alles andere als eindrucksvoll: Ein klägliches röhrendes Röcheln, dem es kaum gelang, das Dröhnen in Alexanders Kopf, geschweige denn den Regen zu übertönen. Doch die Engel hörten es.
Lorimander wandte den Kopf zur Seite und sah Alexander an. Seine Augen, blau wie der Himmel an einem klaren Sommertag, waren dankbar, und einen Moment lang fühlte Alexander so etwas wie Hoffnung im Engel der Stärke aufblitzen.
Es war der Augenblick, bevor Vigilander das Schwert in ihn stieß, seinen Leib durchbohrte, daß die Klinge, blutrot, aber darunter nicht länger schwarz, sondern silbern glänzend, zwischen den Flügeln austrat. Der Engel der Rache tötete immer von vorne.
Lorimander starb lautlos, doch Alexander schrie, vor Schmerzen. Er ließ das Horn fallen und sah, wie es zu seinen Füßen verwitterte, wie das Blattgold absprang und schwarzes, fauliges Holz zurückließ, aus dem die Maden brachen.
Alexanders Schrei erstarb - Tote fühlten keinen Schmerz mehr, und alles, was er jetzt noch wahrnehmen konnte - wahrzunehmen gezwungen war - war dieser gräßliche wonnige Triumph.
Mit einem Ruck zog Vigilander das Schwert aus seinem toten Bruder und wog es in Händen. Ohne aufzublicken sagte er: »Lauf nicht weg, Alexander.«
In diesem Moment fand Alexander seine Sprache wieder. »Komm nicht näher!« schrie er. »Rühr mich nicht an! Ich bringe Unheil! Ich werde dich auch umbringen!«
Vigilander kam auf ihn zu, als hätten erst die Worte ihn dazu aufgefordert. Sein Gesicht war nicht länger wutverzerrt - er lächelte Alexander an. »Ich weiß, wer du bist. Wir alle wissen es.« Er kam näher.
Alexander konnte nicht wegrennen, nur weiter zurückweichen, gegen die eingestürzte Wand, in den Schutthaufen hinein. »Bleib stehen! Laß mich in Ruhe!«
Vigilander kam näher, das Schwert jetzt halb erhoben. Alexander drückte sich weiter nach hinten gegen die Mauer.
Doch er fiel nicht durch Vigilanders Hand. Er hatte nicht mit dem Blitz gerechnet. Der Blitz schlug in Vigilanders erhobenes Schwert, aber was dann geschah, konnte Alexander nicht mehr sagen. Alles geschah gleichzeitig - die Blitze überall, die Mauern, die zusammenbrachen. Der letzte Blitz traf Alexander.
Zumindest fühlte er danach keine mehr.

aus: Die Chroniken der Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind

(c) by Maja Ilisch


Kommentare und Diskussionen zu dieser Geschichte