Ein Motiv aus dem ersten Buch, die Krone im Baum (ohnehin die erstre Idee, die ich zur ganzen Geschichte hatte) wird wieder aufgegriffen. Zugleich ist es die erste, wenn auch surreale, Begegnung zwischen Alexander und Varyn. Hatte Varyn den gleichen Traum?


Alexander von Korisanders Blute in:

Fieberträume, Teil Drei

von Maja Ilisch


Wessen Wald war dies? Alexander glaubte es zu wissen. Er war zu lange durch gewöhnliche Wälder geritten, um zu wissen, daß dieser sich von ihnen so sehr unterschied wie ein Engelsgeborener von einem gewöhnlichen Menschen. Dieser Wald war zu schön, zu grün, zu perfekt, um einfach so vor sich hin gewachsen zu sein. Kein modriges Laub bedeckte den Boden, sondern sattes junges Gras, das jeden Schritt Alexanders abfederte wie ein Kissen. Es machte das Gehen angenehmer und beschwerlicher zugleich.
Das Sonnenlicht spielte im Grün der Bäume und wurde golden, bis es auf den Boden tropfte. In Kalianders Wald fielen die Blätter niemals, und niemals Schnee. Alexander rieb sich die Augen. Immer wieder glaubte er, zwischen den Bäumen den Engel zu erblicken, doch er war nirgends zu sehen. Auch wenn er den Elomaran fühlen konnte, war er allein. Nur er, und das Licht, und die Bäume.
Niemand sonst, und genau das war falsch: Es war zu still, viel zu still. In diesem Wald hätten die Vögel singen müssen, der Wind in den Bäumen rauschen. Doch dieser Wald war wie ein Gemälde: So schön, und so leblos. Nur etwas rührte sich, am Boden zwischen den bemoosten Steinen: Alexander schlich näher und stand, zu Füßen eines riesigen Baumes, vor einem kleinen Wasser. Eine Quelle schien es nicht zu sein, doch für einen Tümpel war das Wasser zu klar - es floß nicht, doch es war Bewegung darin, Bewegung, die Alexanders Spiegelbild verwirbelte, daß es beinahe so aussah, als trüge Alexander die silbernglänzende Engelskrone auf seinem Haupt.
Er kniete sich hin, um eine Handvoll Wasser in sein glühendes Gesicht zu spritzen, und sein Spiegelbild verschwand. Doch das Bild der Krone blieb. Vorsichtig streckte Alexander seine Hand ins Wasser, er wollte die Krone ergreifen, sie herausziehen, zumindest ein einziges Mal in seinem Leben  berühren - doch er war eine Täuschung aufgesessen. Die Krone war nicht im Wasser. Sie saß in der Spitze des Baumes, weit weit oben, und spiegelte sich, nicht in der bewegten Wasseroberfläche, sondern  in den hellen glänzenden Steinen auf dem Grund. Alexander hob den Kopf, und sah zu ihr auf, und erstarrte. Er kannte diese Szenerie bereits, doch sie war nicht wirklich, nicht einmal so wirklich wie ein Traum: Er hatte sie sich ausgedacht, in einem Traum für Halan: Die Krone, im Gipfel eines Baumes hängend, und Alexander, der sie pflücken will, und scheitert… Es war nicht echt, nichts, was Alexander erleben wollte. Und doch war er hier, in seiner eigenen Lüge.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als auf den Baum zu klettern und sich seine Krone wiederzuholen. Vielleicht hatte er alles doch schon einmal geträumt, vor vielen vielen Jahren, als er noch klein war… Alexander legte, immer noch kniend, den Kopf in den Nacken und blickte in den Baumwipfel. Dort war seine Krone, klein und fern und silbern wie der Mond, und ebenso unerreichbar.
Im wirklichen Leben hatte Alexander noch nie einen Baum erklettert, nur durch die hohen Fenster gesehen, wie die Gesindejungen im Park herumturnten. Das war kein Sport für einen Engelsgeborenen, und er hatte sich auch immer zu alt für solches Kinderzeug gefühlt - aber nun mußte er auf diesen Baum steigen, schon allein, damit sich die Krone dort oben als Hirngespinst in Luft auflösen konnte. Es war gut, daß hier niemand war, um ihm zuzusehen.
Alexander war noch nie auf einen Baum gestiegen, und doch wußte er instinktiv, wohin mit seinen Händen und Füßen - doch ob es sich wirklich so anfühlen mußte, wußte er nicht. Der Baum unter seinen Händen erschien ebenso falsch wie zuvor der Boden unter seinen Füßen - zu freundlich, zu geschmeidig, wie abgepolstert - nichts, was man irgendwie fassen konnte. Alexander sah, daß seine Hände nackt waren, glatt und makellos und weiß, doch es war, als trüge er mehrere Handschuhe übereinander.
Aber das Klettern ging leichter als erwartet. Wie auf einer seltsamen Leiter stieg Alexander von Ast zu Ast, sein Ziel immer vor Augen. Er blickte nicht nach unten - aus Angst zu fallen, und um nicht zu wissen, wie der Baum unter ihm aussah. In der Traumgeschichte hatte er nach und nach alles Laub verloren… Alexander kletterte weiter auf den Wipfel zu, zu der Krone hin, die ebenso fern schien wie zuvor. In seinen Ohren war ein Rauschen - es mußte die Anstrengung sein, oder der Schwindel, es kam nicht von fallenden Blättern, ganz sicher nicht, es war nicht wie in der Geschichte…
Natürlich war es das.
Alexander kletterte den Baum hinauf, und die Zweige, an denen er vorbeikam, warfen ihre Blätter ab.
Auch das Klettern wurde beschwerlicher. Langsam wurden Alexanders Arme müde, verloren seine Hände den Halt, drohte er hinunterzustürzen. Je höher er kam, desto feindseliger fühlte sich der Baum an, und toter. Nur oben in der Spitze, wo die Krone hing, war noch ein letzter Rest Laub zurückgeblieben, und auch diese wenigen Blätter lösten sich und taumelten abwärts, als Alexander, mit einem Arm und beiden Beinen verzweifelt Halt im schwankenden Geäst suchend, die Hand danach ausstreckte. Fast berührten seine Fingerspitzen die Krone. Fast konnte er sie fühlen, als sie aus der Zweiggabelung, wo sie eben noch allem Wehen und Schwanken getrotzt hatte, rutschte und zu fallen begann.
Die Krone fiel langsam, als sei sie nicht schwere als ein welkes Blatt, tänzelte wiegend in der Luft, um Alexander noch ein letztes Mal zu verhöhnen, und stürzte abwärts, und abwärts…
Alexanders Augen waren gefesselt: Obwohl er den Anblick der Tiefe fürchtete, obwohl ihm schwindelte und er wußte, daß er jeden Moment der Krone nachfolgen mußte, zog es seinen Blick nach unten. Kahl lag der Baum unter ihm, kahl und tot, und kahl und tot waren auch die Bäume ringsum - nicht mehr grün, nur noch grau, und braun, und schwarz, und Alexander begriff, daß man einen Engel auf so viele Arten töten konnte, sogar ohne ihm jemals von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. In diesem Wald war kein Engel mehr.
Aber ein Junge stand da, unter dem Baum wo in Alexanders Geschichte Halan gestanden hatte. Er mochte vielleicht so alt sein wie Alexander - ein gewöhnlicher Bauernjunge, der im wirklichen Leben so tief unter ihm stand wie nun unter dem Baum. Alexander fragte sich, was er dort tat - er gehörte nicht hierher, nicht in diesen Traum.
Und obwohl er so weit unten stand, daß er so winzig wie ein Kiesel aussah, konnte Alexander ihn doch genau erkennen - beinahe, als ob dieser Junge irgendwie wichtig war. Seine schäbige, zerschlissene Kleidung war dunkelgrau, wie alles ringsumher, nur die aschblonden Haare des Jungen bildeten einen kleinen Farbtupfer.
Sanft landete die Krone zu seinen Füßen. Der Junge bückte sich und hob sie mit beiden Händen auf. Dann blickte er zu Alexander hoch, und lächelte. Seine Augen waren grau und sehr groß, und es dämmerte Alexander, daß dies vielleicht doch kein gewöhnlicher Bauernjunge war… Eines machte ihn auf jeden Fall außergewöhnlich: Er hatte Alexanders Krone.
In dem Moment, als er sie aufsetzte, als Alexander den Halt verlor und stürzte, erkannte er, war ihm an diesen Augen so seltsam aufgefallen war: Es waren die Augen eines Engels.
Und Alexander fiel.

aus: Die Chroniken der Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind

(c) by Maja Ilisch


Kommentare und Diskussionen zu dieser Geschichte