Die Auflösung der Traumsequenzen - vier Träume sind zugegeben etwas viel in einem einzigen Kapitel, aber es mußte sein - ist eine meiner Lieblingsszenen, schon allein, weil hier wieder mein Freund Damiander auftreten darf:


Alexander von Korisanders Blute in:

Fieberträume, Teil Vier

von Maja Ilisch


Einst war dies ein Garten. Einst war dieses Gebüsch ein Busch, war diese Wildnis eine Wiese. Aber die Zeit kannte weder Gnade noch Gerechtigkeit, und sie hatte diesem Garten von seiner Schönheit genommen, was sie wollte. Es mußte viel Zeit gewesen sein, viele Jahre, und doch konnte man den Garten immer noch als Garten erkennen: Hohe graue Mauern umgaben das Gelände, und nur ein schmiedeeisernes Tor, verrostet und halb aus seinen Angeln gebrochen, führte hinein. Manchmal fühlte Alexander noch Kies unter seinen Füßen knirschen, und er wußte, wo die Wege waren - etwas in ihm kannte diesen Garten, obwohl er nicht wußte, woher - die Wildnis war hierher zurückgekehrt, lange bevor Alexander geboren wurde. Und der Garten war immer noch schön, oder sogar noch schöner. Niemand kam mehr, um zurückzuschneiden, was blühen wollte - die Büsche, die Bäume, sogar das Gras - alles durfte blühen.
Der Weg, dem Alexander folgte, war zu gerade, zu ordentlich, um noch hierher zu passen, und doch führte er ihn zu einem Engel. Alexander sah ihn auf einer Bank oder etwas ähnlichem sitzen, eine große geflügelte Gestalt, schwarz vor der Dämmerung, und lief auf ihn zu.
Doch es war kein wirklicher Engel. Er war aus Stein. Nur eine Statue, bewachsen mit Moos und Brombeerranken. Alexander berührte sie - es war wirklich nur ein behauener Stein. Alexander seufzte, mehr vor Erleichterung denn vor Sorge. Steinerne Engel konnten ihm nichts tun. Und doch hoffte er einen Moment lang, daß er Korisander in diesem Garten treffen würde, oder Koris.
Er ging weiter, folgte seinem Weg bis zur nächsten Statue, einem stehenden Engel, der zu Boden blickte. Alexander erkannte ihn nicht - in dem grauen Stein konnte man weder Haar, noch Augenfarben darstellen, und der Bildhauer hatte dem Engel auch keine Attribute mitgegeben. Es war einfach nur ein wunderschöner, toter, namenloser Engel.
Er war nicht der letzte. Nachdem Alexander einmal auf die Engel aufmerksam geworden war, entdeckte er immer mehr: Leblose Gestalten, die halb von Sträuchern umwuchert waren, im Schatten von Bäumen standen oder, wie er Erste, auf steinernen Bänken saßen. Zuerst dachte Alexander, daß es nur sieben waren, doch dann fand er den achten. Er lag umgestürzt im hohen Gras. Sein Kopf war abgebrochen und lag ein paar Fuß weit daneben, die blicklosen Augen starr nach oben, zum grauverhangenen Himmel gerichtet. Das Gesicht war zu klar gemeißelt. Es war das von Koris.
Alexander lachte auf. Davon ließ er sich nicht beeindrucken. Er trat mit dem Fuß nach dem steinernen Kopf, um ihn zur Seite zu treten, um zu zeigen, daß das nur eine Figur war, die wie Koris aussah, weil man alle Engel mit seinem Gesicht darstellte. Aber er trat härter zu, als es ihm gut tat in seinen leichten Sandalen - der Kopf, vielleicht seit Jahrzehnten an dieser Stelle, rührte sich nicht, und Alexander humpelte davon. Sein Fuß fühlte sich an, als wäre er gebrochen. Es tat weh, auf eine fremde, dumpfe Weise.
Auf einem Bein hüpfte er vorwärts, wütend auf sich selbst und darauf, daß er es hier an nichts auslassen konnte. Er fühlte sich dumm und lächerlich, und das einzig tröstliche war, daß ihn hier zumindest niemand so sehen konnte.
Ein leises Lachen ließ ihn zusammenfahren. Beinahe wäre Alexander hingefallen, doch er biß die Zähne zusammen und stand auf beiden Füßen. Links von ihm standen die überreste eines runden Springbrunnens - ausgetrocknet, bemoost, halb in sich zusammengefallen. Doch die Gestalt auf dem Rand war nicht aus Stein. Alexander blickte in zwei große goldene Augen, in denen all das Leben lag, das den acht versteinerten Engeln fehlte.
»Also hast du mich endlich gefunden?« fragte Damiander.
»Ich habe dich nicht gesucht«, erwiderte Alexander. »Ich suche meinen Bruder.«
»Auch dann bist du am Ziel angelangt«, lächelte der Engel. »Tritt näher und wage einen Blick in die Tiefe!«
Alexander rührte sich nicht. Irgend etwas war falsch an der Art, wie Damiander dort saß, aber er kam nicht darauf, was es war.
»Worauf wartest du? Willst du nicht zu ihm?«
Zögerlich trat Alexander heran. Sein Fuß zwickte noch ein wenig, aber es war nicht schlimm. Nicht im Vergleich zu der Angst.
»Bevor du in den Brunnen schaust«, sagte Damiander, »schau mich an, und beantworte mir eine Frage: Wen begehrst du am meisten auf der ganzen Welt?«
Damiander. Alexander begehrte Damiander. Es war unmöglich, jemanden anderes zu begehren, während man Damiander ansah. Alexander schluckte. Dann sagte er: »Koris.«
Der Engel sah ihn scharf an. »Und wenn du dich entscheiden müßtest?« Er bewegte sich nicht, während er sprach. Nicht einmal seine Lippen.
Alexander schwieg.
»Du mußt nicht antworten. Du hast dich bereits entschieden. Nun schau in den Brunnen!«
Der Brunnen war aus verwittertem grauem Stein, maß vielleicht zwei Schritt im Durchmesser, und das Becken ragte Alexander bis zur Hüfte. Alexander erwartete, einen rissigen Steinboden zu sehen, vielleicht etwas Moos, vielleicht ein paar wilde Blumen, Birkenschößlinge oder Brombeeren.
Doch es gab keinen Boden. Fast hätte Alexander das Gleichgewicht verloren, als er in einen grundlosen, tiefschwarzen Abgrund blickte. Nur die jähe Kälte, die ihm ins Gesicht schlug, rettete ihn.
»Fall nicht!« sagte Damiander freundlich. »Ich sagte hineinblicken, nicht hineinspringen.« Mit einer Hand hielt er Alexander am Arm fest, die andere spielte er mit dem Kelch.
Alexander schnappte nach Luft und Worten. »Das… das ist… der Abgrund!« stammelte er.
Damiander drehte ihn um, so daß er nicht mehr in die Tiefe blicken mußte. Er lächelte. »Ja. Das müßtest du doch inzwischen wissen. überall, wo ein Himmel ist, ist auch ein Abgrund. Und umgekehrt. Du weißt, warum ich ihn dir gezeigt habe?«
Alexander nickte. Die Worte fielen ihm leicht, so dicht neben dem Nilomar. Vielleicht konnte Koris ihn hören. »Mein Bruder ist dort unten«, sagte er leise.
»Dann hast du ihn jetzt gefunden.« Damiander rückte ein Stück zur Seite, als wolle er den Beckenrand für Alexander frei machen.
Alexander schrak zurück. »Nein! Ich kann das nicht! Ich kann nicht -« Warum sagte er nicht: Will nicht?
Damiander stellte den Kelch auf dem Brunnenrand ab, stand auf und drückte Alexander an sich. »Aber… aber.« Nur einen Moment lang durchflutete seine Wärme Alexander. »Niemand verlangt von dir, daß du dich in den Abgrund stürzt… Blicken, nicht springen.«
Ein fremder Name bildete sich in Alexanders Kopf. Halan wäre gesprungen. Wer war Halan?
»Nun hör auf zu zittern«, sagte Damiander. »Und sieh hin.« Er ließ Alexander wieder los, nahm seinen Kelch und tauchte ihn in den Abgrund, so tief, daß sein Arm bis zur Schulter im Nichts versank. Dann zog er seine Hand langsam wieder heraus und streckte Alexander den Kelch hin. Er war bis an den Rand gefüllt mit einer Flüssigkeit, die so schwarz war wie der Abgrund, und glänzte.
»Nimm«, sagte Damiander, »und trink.«
Alexander stellte keine Fragen, aber seine Hände zitterten so sehr, daß er nicht selbst zugreifen konnte. Vorsichtig, so daß nichts von der Schwärze überschwappte, legte Damiander Alexanders Finger um den Kelch. Dann nickte er.
Alexander hob den Kelch - und hätte ihn im nächsten Moment vor Schmerz beinahe fallen gelassen. Die Wunden an seinen Händen brachen auf, und Blut quoll daraus hervor, kaltes schwarzes Blut. Es rann über seine Unterarme und tropfte auf seine Füße.
Doch Damiander schien es nicht einmal zu bemerken. »Worauf wartest du noch? Trink.« Er sagte es freundlich, und dennoch war es ein Befehl. Nichts in Alexander wollte sich wiedersetzen…
Er konnte nur kläglich flüstern: »Aber… dann sterbe ich!«
»Ja«, sagte Damiander ruhig. »Aber wenn du das Ende aus meiner Hand empfängst, wird es dir wunderschön erscheinen.«
Alexander starrte ihn an, den Kelch mit blutenden Händen umklammernd. Erst jetzt fielen ihm die großen dunklen Schatten hinter Damianders Rücken auf. Sie hatten sie Form von Flügeln.
»Du… du bist der Engel des Todes!« stieß er hervor.
Damiander lachte. »Nein. Ich bin der Engel des Rausches. Das macht mich zum Herrn über Leben und Tod.«
Alexander zwang sich, nicht mehr zu zittern, als er kleine Schritte vorwärts machte und endlich den Kelch auf dem Brunnenrand abstellte. Er schaute Damiander dabei in die Augen - nicht, weil es ihn stärker erscheinen ließ, sondern nur, um die tiefe nicht sehen zu müssen. »Ich werde das nicht trinken«, sagte er fest. »Ich werde leben. Fahr wohl, Damiander.«
Er wandte sich zum Gehen. Die Wunden an seinen Händen begannen, sich langsam zu schließen, aber das Blut sickerte immer noch aus ihnen, und seine Beine waren so wacklig, daß er zu fallen fürchtete.
»Wo willst du hin?« fragte Damiander.
»Heim. Zu Halan. Leben.«
»Aber das kannst du nicht«, sagte der Engel. »Was glaubst du denn, wo du bist? In wessen Reich?«
»In deinem. Aber du wirst mich gehen lassen.«
Damiander schüttelte den Kopf. »Mein Reich kennst du doch, Anders. Dies ist das Reich meines Bruders Eomander. Ich bin hier nur ein Gast, wie du. Aber ich kann kommen und gehen, wie ich will.«
»Eomander?« fragte Alexander verwirrt. »Aber das bedeutet -«
»Der Engel der Träume«, sagte Damiander. »Von allen meinen Brüdern ist er mir der liebste. Korisander hat uns beide verleugnet. Aber nun bist du hier.«
»Ich will fort«, murmelte Alexander. »Sag ihm, er soll mich gehen lassen!«
»Das kann er nicht«, erwiderte Damiander. »Er hat dich in dieses Land geholt, und von hier gibt es zwei Auswege. Du mußt entscheiden.«
»Zwei?« fragte Alexander und mußte wieder auf den Kelch starren.
»Zwei. Es gibt immer zwei Möglichkeiten. Es gibt immer einen Abgrund, und immer einen Himmel.«
»Dann wähle ich den Himmel«, sagte Alexander.
»Ah«, sagte Damiander. »Das ändert natürlich einiges. Warte!«
Er legte den Kopf in den Nacken und schaute gen Himmel. Alexander folgte seinem Blick, als er ein leises Rauschen hörte. Von fern nahte ein Schwarm Schwäne. Sie waren noch zu weit entfernt, um sie zu zählen, aber Alexander fühlte, wie wieder die Furcht nach ihm griff. Er haßte Schwäne mehr als irgend etwas anderes, mehr noch, als er Koris und Halan liebte, aber sie waren die Boten des Himmels, die heiligen Vögel der Elomaran.
Damiander legte eine Hand hinter seinen Kopf, die andere streckte er nach oben, und als die Schwäne über ihm waren -
Alexander wußte, daß Damiander keinen der Vögel berührte. Sie waren viel zu hoch über ihm. Damiander griff nur in die Luft. Aber der Leitvogel stieß einen jähen Schrei aus, daß Alexander meinte, sein Kopf müsse ihm zerspringen, und begann dann langsam zu fallen, in trudelnden Kreisen, wie ein welkes Blatt.
Ebenso langsam nahm Damiander seine Hand wieder herunter und öffnete sie. Ein blutiges Stück Fleisch lag darin, nicht mehr, aber Alexander wußte, daß es das Herz des Vogels war. Es schlug noch - zuckte in sich zusammen, mehr nicht, und Alexander fühlte einen Schmerz, der nicht seiner war - und dann war es still. Irgendwo im Garten schlug der Leib des toten Vogels auf. Damiander schloß die Hand wieder.
Dann nahm er einen Kelch - woher, wußte Alexander nicht, er war einfach plötzlich in Damianders Hand - und drückte das Herzblut hinein, wie Wasser aus einem Schwamm. Kälte griff nach Alexander, doch er konnte nicht fortlaufen. Er wußte, gleich würde Damiander ihm den Kelch hinstrecken wie den ersten, würde sagen »Trink« - und dann? Mußte Alexander es trinken, so wie… damals.
»Trink«, sagte Damiander und streckte ihm den Kelch hin. Alexander nahm nicht an.Damiander stand ruhig da, sagte nichts, drängte nicht und zog die Hand nicht zurück. Die Flüssigkeit in diesem Kelch war genauso nachtschwarz wie die aus der Tiefe - genauso bedrohlich, genauso tödlich.
Damiander nahm auch den ersten Kelch vom Brunnenrand und hielt sie beide Alexander hin, der nun nicht einmal mehr sagen konnte, welcher Kelch welcher war. Damianders Stimme war sanft.
»Du mußt dich entscheiden. Eines von beiden mußt du trinken - das Blut der Tiefe oder das Blut des Himmels.«
»Aber welches ist das richtige?« fragte Alexander stimmlos.
»Es ist beides das wahre Blut, aber nur eines ist der wahre Kelch. Das Blut der Tiefe wird dich töten. Das Blut des Himmels wird dich schmerzen. Entscheide dich.«
Er stellte beide Kelche auf dem Rand des Abgrundbrunnens ab, machte zwei Schritte zurück, wartete noch einen Augenblick, und als Alexander sich immer noch nicht rührte, noch immer keine Entscheidung traf, wandte er sich zum Gehen.
Zwei Kelche auf steinerner Kante, beide gleich, darüber der Himmel, darunter der Abgrund. Zwei Spiegel schwarzen Glanzes, wie Augen im Nebel, eines wie das andere… Alexander wollte fort. Alexander wollte leben.
»Damiander!« rief er. Der Engel war schon fast verschwommen im aufsteigenden Zwielicht, doch er blieb stehen. Alexander atmete tief durch, riß seinen Blick von den Kelchen fort und lief zu Damiander hinüber. Der Engel schüttelte den Kopf.
»Es tut mir leid, aber diesmal kann ich dir nicht helfen.«
Alexander blickte ihm in die Augen. »Doch«, sagte er. »Bring mich zu deinem Bruder.«
Gold glomm in Damianders Augen auf, als er lächelte und nickte. »Gut«, sagte er, und »Komm.«
Er streckte Alexander die Hand hin, und Alexander nahm sie, und Damiander brachte ihn zum Engel der Träume.

aus: Die Chroniken der Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind

(c) by Maja Ilisch


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