Argon in:
Argons Traum
von Astrid Vollenbruch
Schwärzeste Dunkelheit. Er
befand sich tief unter der Erdoberfläche, tief in den
steinernen Eingeweiden des Landes. Blind tastete er sich an kalten
Felswänden entlang. Um ihn war ein Geräusch, ein an- und
abschwellender Wind, der ihm aus einer unbekannten Tiefe
entgegenwehte wie der kalte Atem eines ungeheuer großen
Wesens.
Das Geräusch veränderte sich, ging in ein hohes,
dünnes Pfeifen über. Dann rollte ein dumpfer Donner durch
die Abgründe der Tiefen Erde.
Er blieb stehen und lauschte, er war nicht sicher, ob er
körperlich anwesend war oder nicht. Der Stein unter seinen
Fingern fühlte sich jedoch echt und hart genug an.
Das Donnern milderte sich, ging in ein Grummeln über, unter
dem die Felsen bebten. Worte schälten sich aus dem formlosen
Dröhnen, und nach einiger Zeit wurden sie
verständlich.
MADEN, dröhnte die riesige Stimme. DRECKIGE
AASFRESSENDE MADEN. STÖREN MEINEN SCHLAF. Eine Pause. Eine
ungeheure Masse schleifte über Stein und kam wieder zur Ruhe.
Der Träumer hatte den Eindruck eines brummigen,
verdrießlichen alten Riesen, der sich
auf die andere Seite drehte, aber der Gedanke war nicht zum Lachen.
SCHMIERIGES GEWÜRM. DRECKIGE KLEINE SEELENFRESSER. FRESSEN
SICH DURCH AUGEN. HÖRST DU SIE NICHT SCHREIEN? AH, DAS WIRST
DU BEREUEN, ERIATH! DU -
Er brach plötzlich ab. Der Träumer hielt den Atem an.
Einige Momente lang hörte er nur seinen eigenen Herzschlag.
Traum oder nicht, körperlich oder nicht; nichts auf der Welt
war so beängstigend wie das sichere Gefühl, von einem
riesenhaften Wesen bemerkt worden zu sein. Und nach den letzten
Worten hatte er ganz plötzlich eine sehr klare Vorstellung
davon, wer das dort vorne war. Flüchtig erinnerte er sich,
daß dies alles darauf zurückzuführen war, daß
er einmal einer alten Harfnerin eine einfache Frage gestellt
hatte.
Die Stimme sprach wieder, jetzt in einem anderen Tonfall. DU. IN
DEN SCHATTEN. RABENSEELE. KOMM HERAUS.
Er löste sich von der Felswand und trat ein paar Schritte nach
vorne. Etwas wie ein Schleier verschwand von seinen Augen, und es
wurde ein wenig heller, ohne daß er hätte sagen
können, aus welcher Richtung das trübe, graue Licht kam.
Es war ein Licht ohne Schatten, nicht mehr als eine sehr schwache
Dämmerung in einer Welt ohne Sonne. Die Felsen wurden zu einem
unwirklichen, gestaltlosen Liniengewirr. Nur vor ihm blieb es
dunkel. Nach einer Weile erkannte er, daß diese Dunkelheit
kein Schatten war, sondern ein riesiger schwarzer Körper ohne
Arme, Beine und Kopf. Vielleicht hatte das Ding nicht einmal Augen;
dennoch fühlte er, daß es ihn anschaute, so
gleichgültig und unvorstellbar alt wie die Welt selbst.
WER BIST DU? Die Stimme kam jetzt von allen Seiten, brach
sich an den Felswänden, rollte in ferne Gänge und
Schluchten und kehrte zurück wie das Tosen des Meeres an der
Steilküste. WARUM DRINGST DU HIER EIN?
Er öffnete den Mund, aber als er antwortete, hörte er
seine Stimme nicht. Im Traum war er stumm, und sein Name hatte
keine Bedeutung. Das Wesen bewegte sich leicht, und unter ihm
zitterte der Fels.
WER BIST DU? Ein Anflug von Groll. DEINESGLEICHEN
STÖRT MEINEN SCHLAF. SIE SCHREIEN. HÖRST DU SIE
SCHREIEN?
Unvermittelt brach um ihn ein gellendes Heulen und Schreien aus.
Tausende von Stimmen, die in Qual und Verzweiflung schrien, und die
unzähligen Stimmen vermischten sich zu einer einzigen
großen Stimme, bis es ihm schien, als schreie das Land
selbst, jeder Stein, jeder Baum, jedes einzelne Stück Erde und
jeder Tropfen Wasser. Er taumelte zurück und preßte die
Hände auf die Ohren, aber die Schreie drangen in seinen Kopf
ein. Und er fühlte, wie die Maden seine Seele zerfraßen,
seine Augen, seine Eingeweide, wie sie ihn aushöhlten, bis er
in einem Gefängnis aus weißen Knochen auf dem Boden lag
und seine Schreie sich in dem grauenhaften Kreischen verloren.
Und fern hinter einer Mauer aus Schmerz hörte er eine einzelne
Stimme, die lachte.
HÖRST DU SIE? dröhnte der schwarze Gott vor ihm.
SIE HäLT SIE FEST. HäLT SIE GEFANGEN.
STÖRT MEINEN SCHLAF. Eine weitere Pause. DU STÖRST
MEINEN SCHLAF!
Ohne jede Warnung bewegte sich die Masse vorwärts. Er wich
zurück, stolperte und stürzte. Eine schwarze Hand packte
ihn, riß ihn empor und schleuderte ihn gegen die Felsen. Sein
Rückgrat brach mit einem trockenen Krachen. Er schlug auf dem
Boden auf, und seine Arme und Beine zerknickten wie dürre
Zweige. Aus dem Nichts zischten drei feurige Pfeile heran, schlugen
in seine Brust und nagelten ihn an den Boden. Jeder einzelne
durchbohrte sein Herz, und er starb.
Er lag auf dem Boden und betrachtete die drei Pfeile, deren
gefiederte Enden aus seiner Brust ragten. Die schwarze Hand fuhr
aus unvorstellbarer Höhe auf ihn herab und riß die
Pfeile mitsamt dem Herzen heraus. Das Herz schlug weiter. Es hatte
eine seltsame, langgestreckte Form, die er wiedererkannte. Blut
strömte heraus und sammelte sich in einem See.
Der Gott sagte: JETZT ERKENNE ICH DICH.
Die Hand packte seinen zerbrochenen, schlaffen Körper und
schleuderte ihn in den See.
Er schlug um sich, ging unter. Blut strömte wie Wasser in
seinen Mund und in seine Kehle. Er spürte, wie es seine Lunge
füllte; dann bewegte sich seine Brust in einem einzigen tiefen
Atemzug und saugte den ganzen riesigen See in sich ein.
Schließlich lag er nackt auf schwarzem Stein. Eine Frau aus
lebendem Feuer stand neben ihm; ihre Finger hinterließen
schwarzverkohlte Spuren auf seiner Haut. Sie beugte sich über
ihn und lächelte. Feuer züngelte heiß aus ihren
Augen, ihrer Nase, ihrem Mund. Sie setzte sich rittlings auf ihn,
legte ihre Lippen auf seine und blies eine Wolke aus Feuer in seine
Kehle,
- und er wachte auf.
aus: Rabenzeit
(c) by Astrid Vollenbruch