Unmittelbar nach diesem Traum werden sich die Zwillinge Byron und Jarvis Fadar tatsächlich trennen, und so in das Schicksal der Götter hineingezogen werden. Byron erfährt nie, was Jarvis in dieser Nacht träumte...


Byron Fadar in:

Abschied im Schnee

von Maja Ilisch


Es war einer von diesen Träumen, die immer wiederkehren, und doch hatte ich ihn nur ein einziges Mal.
Wir beide auf einer Weggabelung, im Schnee. Jarvis lächelt mich an und sagt: »Das ist ein Dreisprung. Weißt du, was ich meine?« Natürlich weiß ich es, aber er sagt es trotzdem: »Hier trennen sich unsere Wege. Der, den wir gekommen sind, dürfen wir beide niemals wieder betreten.« Wir blicken zurück auf die gleichmäßige Reihe unserer Fußabdrücke - und ich kann nicht sagen, welche von wem stammen. Der Weg selbst ist unter dem Schnee kaum zu erkennen. Wir frieren beide, und Jarvis redet weiter: »Der Weg, den ich gleich beschreite, soll für dich verboten sein.« Ich schlucke, aber ich sage nichts, auch wenn ich genau weiß, was jetzt kommt. »Und auf deinen Weg darf ich niemals einen Fuß setzen.«
Wir nicken, umarmen uns ein letztes Mal, ein letzter Händedruck, und dann gehen wir, er auf dem rechten Weg, ich auf dem linken. Wir blicken uns nicht mehr um. Zwischen unseren Händen ist ein Band, erst hängt es nur lose zwischen uns am Boden, aber je weiter wir uns voneinander entfernen, desto mehr strafft und spannt es sich, und es schneidet sich tiefer und tiefer in unser Fleisch ein. Ich beginne zu bluten, Jarvis ebenfalls, und das Band saugt es auf, langsam frißt sich die Röte von links und rechts das Band entlang, doch wir bleiben nicht stehen, gehen weiter, schweigend. Die Schmerzen ignorieren wir. Aus unseren Armen rinnt das Blut, rinnt das Band entlang, und dann vereinigt es sich in der Mitte…
Das Band zerreißt.
Ich erwachte, schweißgebadet, und schlief lange nicht ein.
Ich hatte den Traum nie wieder, nur dieses eine Mal.
Es war der Tag, an dem unsere Mutter starb.

aus: Klagende Flamme

(c) by Maja Ilisch


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