Eine Traumbegegnung zwischen Dyamiree und Galeon


Dyamiree in:

Dyamiree und Galeon

von LaMaga


Dyamiree trat hinaus auf eine weite, offene Fläche, ein gewaltiges Plateau hoch über den höchsten Gipfeln der Berge. Und sie sah alles: weit im Süden entdeckte sie die ersten Ausläufer der Sonnenwüste, im Norden tobten die Wasser des Meeres des Chaos. Zu den Seiten breiteten sich die großen Wälder aus wie dunkelgrüne Teppiche, und dann waren da wieder die fruchtbaren Täler und Ebenen. Dyamiree drehte sich um sich selbst und sah die ganze Welt um sich, zu ihren Füßen unter einem farblosen Himmel ohne Wolken und Gestirne. Es war totenstill, kalt und das Mädchen überkam das Gefühl einer sonderbaren Fadheit.
In einiger Entfernung saß Galeon auf einem Felsblock, gekleidet in sein volles Ornat, den weiten roten Mantel über die Schultern gebreitet und das Gesicht im Schatten seiner Hutkrempe verborgen. Das Schwert hielt er blank zwischen seine Füße gestützt und blickte unverwandt zu Dyamiree hinüber, ohne sie anzusprechen und zu sich zu rufen.
Dyamiree wandte sich von ihm ab und ließ ihre Blicke über die Welt schweifen. Übelkeit überkam sie, und die Stille hinterließ einen bitteren Geschmack in ihrem Mund.
»Du,« sagte Dyamiree, ohne Galeon anzublicken, »du warst der Unschuldigste und Unwissendste, und du kommst nun als der Schrecklichste von allen.«
»Ja,« antwortete Galeon. »Und es ist nicht meine Wahl und mein Wille.«
Sie drehte den Kopf zu ihm hin, und er wartete reglos.
»Wie?«, fragte sie leise.
Galeon hob das Schwert. Die Klinge scharrte leise über den Fels.
»Dein Vater,« sagte er ruhig und deutete mit der Schwertspitze über die Welt. »Die Magie der Erde.«
Im selben Moment vergingen die Pflanzen, und die Wälder, Gärten und Felder stürzten in sich zusammen und wurden zu Staub.
Dyamiree keuchte auf und wich zurück.
Der Rotgewandete seufzte und stützte sich wieder auf den Knauf seines Schwertes.
»Ist es das, was geschehen muß, Galeon?,« fragte Dyamiree mit trockener Kehle.
»Kleine Schattentänzerin,« antwortete Galeon milde, »dies ist, was mit uns geschieht. Doch was geschieht mit den Unkundigen, wenn das da draußen durch Merrit siegreich ist?«
Dyamiree kam näher und versuchte, Galeon in die Augen zu blicken.
»Sie ist das Wasser, nicht wahr?,« fragte sie dann scheu.
Galeon nickte.
»Sie ist in Gefahr,« fuhr Dyamiree fort.
Galeon blickte auf. Seine rehbraunen Augen leuchteten klar im Schatten des lichtlosen Himmels. Dyamiree war fasziniert von diesen Augen und vermochte nicht, sich abzuwenden.
»Sie wird den Unkundigen Rettung bringen,« tröstete er, »auch wenn sie es nicht begreifen werden.«
»Warum macht es Unterschied,« erkundigte Dyamiree sich, »durch wessen Hand es geschieht?«
Galeon lächelte. 
»Das weißt du im Grunde, Morgenkind. Du bist die Stärkste von uns allen.«
Dyamiree musterte den Meister des Vergehens regungslos.
Dann griff sie an den Kragen ihres Leibchens und begann, ihr Gewand aufzuknöpfen. 
Galeon beobachtete sie, ohne eine Regung zu zeigen.
Dyamiree entblößte ihren Oberkörper, und Galeon erhob sich. Sein Blick streifte emotionslos die schönen Brüste des Mädchens und verharrte dann an der Narbe über Dyamirees Herzen.
»Ich selbst trage diese Wunde,« sagte sie. »Wußtest du das?«
Galeon hob das Schwert und berührte sacht die Narbe mit der Spitze der Waffe. Dyamiree schauderte, blieb jedoch tapfer stehen.
»Wußtest du denn, Morgenkind, daß mein Kreis seit jeher die Herzen deines Volkes zu opfern suchte? In mir sind die Erinnerungen von Gor an das Herzblut des großen Askyn und Hunderte von Schattentänzer-Herzen, deren Schlag er anhielt. Nur das deines Vaters entging ihm durch die Tapferkeit und List deiner Mutter. Ich bin Gors Erbe, Morgenkind, auch wenn es keine Feindschaft mehr gibt zwischen euch und ihm. Und ich habe das Schattenherz deines Vaters genommen in der Nachfolge von Gor.«
»Wirst du dann auch das Herz meiner Mutter nehmen, Galeon, Schüler von Gor?«, fragte Dyamiree ruhig.
Galeons Augen weiteten sich aufmerksam. Er neigte sich nahe an Dyamiree heran, und sie spürte seine Aura betäubend, aber nicht schmerzhaft an der ihren reiben.
»Alle,« hauchte er ihr zu, »auch ihres. Wenn du es willst.«
Dyamiree blickte beiseite. 
»Jetzt,« flüsterte sie.

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Viertes Buch: Silberdurft

(c) by Sandra Bloh


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