Initiationen haben auch sehr oft mit Träumen zu tun, und manchmal ist der Übergang sehr fließend, wie man hier erkennen kann.
Inishi in:
Der Weg der Wölfin
von Christel Scheja
Inshi fror. Warum hatten ihre
Lehrer gerade diese stürmische Nacht für die letzte
Prüfung ausgesucht? Dicke Wolken verdeckten den Mond und
heftiger Regen prasselte gegen die Felsen, wo sie unter einem
Überhang Schutz gefunden hatte.
Vielleicht wäre die Kälte leichter zu ertragen, wenn sie
noch ihr Gewand getragen hätte, doch das Ritual verlangte
Nacktheit.
Ständig trug der Sturmwind kalte Tropfen in die kleine
Höhle. Inshi wischte sie sich aus dem Gesicht und legte die
Hand zurück an den Stab, der über ihren Knien lag. Sie
umklammerte das Holz, während ihre Augenlider flatterten und
sich ihre Brust für einige Augenblicke heftig hob und senkte.
»Ich darf nicht versagen!« murmelte sie. »Ich
will nicht versagen.«
Inshi versuchte verzweifelt ihre Gedanken zu leeren, um endlich die
Stimmen der Geister wahr zu nehmen und ganz in die Kräfte
einzutauchen, die sie umgaben.
Tränen der Wut und Verzweiflung traten in ihre Augen. Entweder
bestand sie diese letzte Prüfung oder starb. So war das Gesetz
der Natur - nur die Starken überlebten, wenn sie die hohen
Mächte herausforderten. »Hört meine Bitte, mein
Verlangen, ihr Geister der vier Winde ...« sang Inshi leise,
doch ihre Gedanken schweiften erneut ab.
»Warum willst du unbedingt eine Geistersprecherin werden,
Inshi? Merkst du nicht, daß in dir nicht einmal genug Kraft
ist, um einen Schutz gegen die Windgeister um dich zu weben!
Hättest du das Feuer beschworen, wäre noch schlimmeres
passiert!« Yis streckte die Hand aus, Er wollte Inshi
aufhelfen, nachdem sie eine Sturmbö von den Beinen gerissen
hatte.
Unwillig schüttelte das Mädchen die Hand ihres
Mitschülers ab und trat an den Rand des Felsens. Unter ihr
erstreckte sich das Tal, in dem sie seit zehn Jahren lebte. Mit
brennenden Augen starrte Inshi auf den Steinkreis, der sich
über den Wald erhob. Ihre Hände ballten sich zu
Fäusten. »Ich werde es schaffen! Ich will es
schaffen!«
»Das hat nichts mit deinen Wünschen zu tun, Inshi,
sondern mit deinen Fähigkeiten. Warum bist du nicht zufrieden
damit, eine Heilerin zu sein, wie deine Ahninnen?«
Inshi biß sich auf die Lippen. »Ach Yis, wenn du mich
doch verstehen könntest! Für dich ist alles so leicht
...«
»Es ist nun eben einmal so, daß nur wenige Frauen stark
genug sind, um alle vier Elemente zu beherrschen! Ich kenne den
Grund auch nicht. Sei doch stolz darauf, daß dir wenigstens
die Geister des Wassers und der Erde gehorchen. Mehr gelingt den
meisten Männern auch nicht«, versuchte der dunkelhaarige
Jüngling sie zu trösten. Er wich unwillkürlich einen
Schritt zurück, als Inshi herumwirbelte und mit ihren
bernsteinfarbenen Augen anfunkelte. »Nicht einmal du stehst
zu mir! Ich dachte du magst mich! Glaubst du wirklich, ich
wäre eine gute Heilerin? Ich ertrage es nicht lange, Fremden
nahe zu sein.«
Yis zuckte mit den Schultern. »Ich verstehe deine
Enttäuschung, aber deinen Starrsinn, den begreife ich nicht!
Es ist besser, ich lasse dich jetzt alleine!« Dann wandte er
sich ab und verschwand zwischen den Bäumen.
Inshi blickte wieder über das Tal und holte tief Luft,
während sie an die Erzählungen der Alten dachte.
»Sinsha und Kelis sind beide den Weg der vier Geister
gegangen und dabei nicht gescheitert. Ich habe mich an ihre
Gesänge gehalten, doch was mache ich falsch? Die Kraft ist in
mir, das weiß ich - denn sonst würde ich nicht das
Wispern der Feuerstimmen und das Raunen der Windgeister
vernehmen!« machte sie sich selber Mut. Bei Sonnenuntergang
würde sie vor ihre Lehrer treten müssen, um zu erfahren,
welche letzte Prüfung sie ablegen mußte, um eine
vollwertige Schamanin zu werden.
Inshi klapperte mit den Zähnen, und ihre Glieder waren starr
vor Kälte. Zwar regnte es inzwischen nicht mehr, dafür
war der Wind stärker geworden und heulte durch die Felsen.
Das Mädchen öffnete die Augen und blickte nach
draußen. Die Wolken waren vom Himmel verschwunden. Im fahlen
Licht des Mondes wirkten die Bäume und Büsche wie
lebendige Wesen, die sich vor Lachen bogen - Geister, die sie
verspotteten. »Du wirst versagen, Tochter Siasis! Du wirst
jämmerlich erfrieren und eine Beute der wilden Tiere werden!
Das geschieht dir recht!«
Inshi schüttelte den Kopf und wandte ihren Blick ab. Die
Stimmen wurden nicht leiser. Sie wisperten in den Ritzen, streiften
Inshis Körper, fuhren durch ihr Haar und zerzausten es.
Das Mädchen löste die empfindungslosen Finger vom Stab
und überkreuzte die Arme vor der Brust, so daß die
Fingerspitzen ihre Schultern berührten. Erst durchfuhr sie
Schmerz, dann ein warmer Schauer, der sich von der Halsbeuge aus
über den Körper ausbreitete.
Erstaunt bemerkte Ishi, daß sie die ersten Schritte auf dem
vorgeschriebenen Weg tat. Jetzt, wo sie ihren Leib nicht mehr
spürte, gelang es ihr, endlich, in die Welt der Geister
überzuwechseln.
Vielfarbenes Leuchten ging von den Felsen aus, kleine Lichtpunkte
bewegten sich vor ihr auf dem Boden und woben verwirrende Muster.
Inshi erhob sich und sprang leichtfüßig unter dem
Überhang hervor. Sie blickte auf die dunklen Schatten, die
zwischen den Bäumen und Büschen hervorsprangen. Wo kam
das Wolfsrudel her?
Sie lächelte. Wie konnte sie das nur vergessen: Die
Gesänge sprachen von den Brüdern der Menschen als
Wegweiser zu den Geistern.
Inshi ließ sich auf alle viere nieder. Ihre Haut überzog
sich mit Fell. Tapsig wie ein Welpe wagte sie ihre ersten Schritte
auf vier Pfoten und quietschte, als sie jemand am Nackenfell
packte. Eine Wölfin schleppte sie wieder unter den
Überhang, wo schon die anderen Jungwölfe herumtollten und
sich in ihren Stab verbissen.
Inschi beobachtete mit großen Augen, wie es sich die
Wölfe bequem machten und entspannte sich, als die Wölfin
sie aus ihren Fängen entließ und abzulecken begann.
Wie viele Tage Inshi nun schon mit den Wölfen lief,
wußte sie nicht. Zeit hatte für sie keine Bedeutung. Das
Mädchen balgte sich mit den anderen Welpen oder lief mit ihnen
um die Wette. Sie heulte den Mond an, fraß, schließ,
und wuchs heran.
Von den erwachsenen Wölfen bewunderte sie vor allem Graufang.
Der Anführer des Rudels war erfahren und stark. Er fand sicher
seinen Weg durch den Wald und besiegte jeden jungen Herausforderer
mit Leichtigkeit. Kein Feind konnte ihn schrecken, weder ein
tollwütiger Bär, noch ein heimtückischer Jäger,
der sich gegen den Wind an ihn heranschlich. Ja, er beschützte
sein Rudel und führte es in Sicherheit.
Inshi strebte danach so wie der Leitwolf zu werden. Sie war
wagemutiger als die anderen Jungwölfe, forderte schon jetzt
die Älteren heraus, pirschte sich an vorderster Linie an das
Wild heran und erkletterte die steilsten Felsen als erste um einen
sicheren Weg zu finden. Sie ahmte Graufang nach - seine Art zu
kämpfen und zu jagen. Dabei wurde sie jedoch immer von
Silberfell beobachtet - so als fürchte Graufangs
Gefährtin, eines Tages von ihr verdrängt zu werden. Doch
immer wieder war es die Wölfin, die sie zurückzog oder
stützte, wenn sie sich zu weit vorgewagt hatte, und die ihr
den Rücken deckte. Inshi dachte nicht darüber nach, weil
sie das Leben in vollen Zügen genoß.
Ehe sie sich versah, war der Winter gekommen. Trotz des dickeren
Fells fror sie erbärmlich. Der Schnee fiel unermüdlich
und lag bald so hoch, daß sie nicht mehr an die Mäuse
herankamen, die sich tief unter den weißen Massen Gänge
gegraben hatten. Das Wild war immer schwerer zu fangen - es sah und
witterte die Jäger schon von weitem ...
Und nun trieb der bittere Winter auch noch die Grimmwölfe von
den Bergen hinunter und in ihr Revier. Sie sahen zunächst nur
deren Spuren, dann aber standen sie plötzlich ihren Feinden
gegenüber.
Schon als Mensch hatte Inshi die großen zottigen
Grimmwölfe gefürchtet, vor denen sich selbst die
erfahrensten Jäger in Acht nehmen mußten. Und nun, wo
ein Kampf um Tod und Leben drohte, versetzten sie Inshi in Panik.
Die junge Schamanin kämpfte mit aller Kraft gegen die Angst
an. Sie fletschte die Zähne, stemmte die Beine gegen den Boden
um jederzeit springen zu können und suchte Graufangs Blick.
Der Leitwolf nahm die geknurrte Herausforderung an.
In diesem Moment hörte sie ein Knurren an ihrer Seite.
Silberfell - Graufangs Gefährtin riß sie am Ohr
zurück. Inshi jaulte auf und funkelte die Wölfin
böse an, doch diese stemmte die Vorderläufe in den Schnee
und hielt ihren Blick.
Du bleibst hier, meine junge dumme Welpe. Du bist nicht so stark
wie Graufang, und dein Sprung wird dich nur in die Fänge der
Feinde führen. Sie werden dir mit einem Biß die Kehle
zerfleischen und dich dann beiseite schleudern. Graufangs Weg ist
nicht dein Weg! Silberfell drängte sich dicht an Inshi und
verdeckte ihr die Sicht. Das Knurren verriet, daß die der
Leitwolf und sein Gegner einander inzwischen umlauerten.
Inshi versuchte über den Rücken der Wölfin zu
blicken, doch diese drückte sie wieder in Deckung. Das ist
nicht unser Weg, Kleines, beharrte Silberfell. Du hast bisher nur
immer die Schwäche der Weiblichen gesehen, für unsere
Stärken warst du blind. Sie stupste Inshi herausfordernd an.
Folge mir und lerne meinen ... unseren Weg!
Inshi schreckte hoch. Ein Jaulen entwich ihrer Kehle, und ihre
Hände krampften sich um den Stab. Die Bilder des Kampfes
standen noch immer deutlich vor ihren Augen. Sie öffnete die
Augen und suchte nach Biß- und Kratzwunden, doch sie fand
keine, nicht einmal Erfrierungen hatten ihre Spuren auf ihrer Haut
hinterlassen.
Inshi holte tief Luft. Sie spürte, daß ihr inneres Feuer
so gleichmäßig und ruhig wie nie zuvor loderte.
Vorsichtig streckte die junge Schamanin die Hand aus und strich
ihre wirren hellbraunen Haare zurück.
Ihrem Körper war nichts geschehen, nur ihr Geist hatte sich
auf Wanderschaft begeben. Sie war für eine ganze Weile ein
junger Wolf gewesen, war mit dem Rudel gelaufen, gejagt und
schließlich auch gekämpft in jenem weiten, fremden
Land.
Mit einem Lächeln dachte Inshi an Grauwolf und Silberfell. Sie
hatte geglaubt dem Leitwolf nachzueifern, doch in Wirklichkeit war
Silberfell ihre geduldige und stille Lehrerin gewesen. Bis zuletzt,
als sie die Grimmwölfe dank ihrer Schnelligkeit,
Geschicklichkeit und Ausdauer unter den lockeren Schneehang gelockt
und dann die Lawine ausgelöst hatten...
Plötzlich riß Inshi die Augen weit auf und kroch hastig
ins Freie. Draußen war es noch immer dunkel, aber der Wind
hatte die letzten Wolken vom Himmel vertrieben, so daß die
Sterne am Himmel glitzerten. Der Mond stand hoch über ihr.
Inshi legte den Kopf in den Nacken, während sie sich auf ihren
Stab stützte. Ihre Augen suchten den Himmel ab. Die Sterne
fügten sich wie durch Geisterhand zu Bildern zusammen. Die
junge Schamanin erkannte den großen Jäger und die
Kornährenfrau, den Streitwagen und das Schilfboot. Endlich -
nahe des Mondes hob sich ein Sternbild besonders deutlich vom
Nachthimmel ab: eine laufende Wölfin. »Verzeihe mir
bitte, Silberfell, daß ich nicht schon früher deinen
Lehren gefolgt bin!« flüsterte Inshi. »Es gibt
viele Wege, die Geister zu bezwingen, aber ich habe immer nur den
geradesten gehen wollen. Dabei ist der nur denen gegeben, die wie
Graufang die Kraft besitzen. Alle anderen, wie auch Nyar mein
Lehrer sind dir gefolgt - dem verschlungenen Weg der Frauen, der
zum gleichen Ziel führt!«
Sie schloß die Augen und rief die Geister des Windes zu sich.
Auch wenn diese tobten und sich wehrten wie ungezähmte Pferde,
sie behielt die Zügel in der Hand und ließ sich nicht
wieder zu Boden schleudern oder den Abhang hinuntertragen.
Widerwillig folgten die Geister ihrem Befehl das Laub aufzuwirbeln
und es gegen Yis Zelt prasseln zu lassen oder die aufstiebenden
Funken aus dem großen Feuer zu einer Wölfin zu
formen.
Inshi warf ihren Willen auch über ein Feuer, das sich durch
vergorenen Saft nährte und hochloderte. Sie drückte die
Geister nieder, ehe diese das Zeit in Brand setzen und die
schlafenden Bewohner verbrennen konnten - erst als alles sicher war
entließ sie beide Elementare aus ihrem Griff.
Wenn sie jetzt noch ihr Seelentier fand und an sich band, konnte
sie zurückkehren, und den anderen Schamanen zeigen, daß
sie die Prüfung bestanden hatte und sogar alle vier Elemente
meisterte!
Aber mußte sie wirklich nach einem Seelenvertrauten
suchen?
Inshi zuckte zusammen, als der Blick auf ihren Stab fiel. Sie
drehte das verdickte Oberteil ins Licht. Eine Mondsichel, das
Zeichen einer vollwertigen Schamanin war in das Holz geschnitten -
nein gebissen - worden!
Inshi sah sich überrascht um, als sie ein leises Hecheln
hinter sich hörte. Neben dem Felsen tauchte eine junge
Wölfin mit Silberfell aus den Büschen auf und betrachtete
die Menschenfrau aufmerksam. Für einen Augenblick traf sich
beider Blick, sie tauschten ein stummes Einverständnis aus.
Dann huschte die Wölfin in das Dickicht zurück.
Inshi nickte. Jetzt hatte sie es wirklich geschafft. Und der Weg
der Wölfin würde das ganze Leben auch der ihre
sein.
erschienen in
»Anthologie 2000«, G. Meyers Verlag
(c) by Christel Scheja