In »Abschieds-Traum« begegnet Kevron im Traum noch einmal seinem Liebsten - und kann endlich in Frieden Abschied nehmen.


Kevron in:

Abschiedstraum

von Kristina Siers


Kevron träumte. Eigentlich gab es keine Nacht, in der es nicht tat - oder nur sehr, sehr wenige - doch diesmal war es anders. Diesmal war es kein Traum von den Toten… sondern von den Lebenden.
Er schlug die Augen auf und sah den Sternenwolf vor sich stehen. Überrascht sah er ihn an, trank sein Bild mit den Augen, dann streckte er eine zitternde Hand aus und berührte vorsichtig seine Schulter. Für einen winzigen Monet schloß Kev die Augen, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. 
Du bist hier… nein, ich will nicht fragen, warum, du bist hier, das ist genug …

»Ist alles in Ordnung?« 
Diese Stimme, dieser sanfte Spott darin, ließ Kevron erschauern. Wie damals in Thalassa…ist alles in Ordnung…? 
»Ja…«, sagte er leise, »ja… ich hatte nur… nicht erwartet, dich hier zu sehen…«
»Aber ich bin hier…« Wieder dieses Lächeln. Der hauch von Spott. Ein Blick aus bernsteinfarbenen Augen. »Ich… ich denke so oft an dich… an diese eine Nacht… »
»Es muß sehr stark sein, wenn es mich hierher bringt…«
»Sehr intensive Gedanken. Ah, diese Nacht… ich kann sie nicht vergessen… was hast du mit mir gemacht, Sternenwolf?« Der Glücksritter lachte.
Kev sah ihn an, trank sein Bild. In seinen Erinnerungen wanderten diese kräftigen, schlanken Hände über seinen Körper und entzündeten Feuer unter seiner Haut, spürte er Lippen auf den seinen, einen tiefen, alles andere als unschuldigen Kuß. Er schauderte. »Ich hätte nicht gedacht… ich war mir nicht sicher, daß ich dich wiedersehen würde. Aber ich habe Geschichten gehört. Viele Geschichten. ich habe… wie sagt ihr… 'lange Ohren' gemacht…« 
Der Sternenwolf grinste. »Ah, und noch etwas… meine Dame dankt für die Grüße. Ich glaube, auch sie erinnert sich oft an dich.«
»Hm. Eine wunderbare Dame…« 
Kev lächelte. »Ich denke, es wäre noch etwas anderes, wenn meine Dame kein Fell und keine vier Beine hätte…«
»Das ist nicht wichtig…« 
Kev nickte. Er wußte, was der Sternenwolf ihm sagen wollte. »Ja. Yhary ist wunderbar. ich liebe sie. Ich liebe sie wirklich… und ich denke, sie ist die einzige Dame, die diese Worte jemals von mir hören wird!«
Wieder dieses Lächeln. »Das ist gut so… aber… was erzählt man sich so?« 
Kev wich aus. »Viele Dinge. Interessante Geschichten… und dann treffe ich im ersten Gasthaus, in das ich einkehre, den Graufalken… und auch er erzählte Geschichten…«
»Geschichten?« Der Sternenwolf zog eine Augenbraue hoch. »Von Früher. Von dir… Und er gab mir einen Namen, an den ich meine Briefe senden kann… vielleicht sollte ich mich dafür… entschuldigen…«
»Warum?« Kev spürte einen intensiven Blick aus diesen goldenen Augen. »Warum solltest du dich entschuldigen?« 
Der Sarrin seufzte. »Ach… ich erzähle dir von… meinen Sorgen, von meiner Trauer, von dem Schmerz…«
»Und?«
»Ich… ich möchte dich nicht damit belasten…« Er senkte den Kopf. Wieder erklang leises Lachen. »Glaubst du, du kannst mir das Leben schwermachen? Nein … aber weißt du, was ich glaube?« 
Kevron schüttelte den Kopf und sah ihn erwartungsvoll an. »Du nimmst dein Leben zu ernst.«
»Tue ich das?« Ein feines, fast bitteres Lächeln huschte über das Gesicht des Magiers. Der Sternenwolf nickte. Kev sah ihn an. »Bei allem, was ich von dir auf der Straße gehört habe… bei allem, was ich von dir gesehen habe, frage ich mich… was du eigentlich ernst nimmst…«
»Was sollte man schon ernst nehmen?«
»Es gibt einige Dinge…« Ja, auch das Leben. Die Liebe… einen Freund … »Die Götter…« Der Sternenwolf seufzte. »Götter… Nein, ich bin nicht so unhöflich, zu sagen, es gäbe sie nicht… solange sie mich in Ruhe lassen, können andere gern glauben, was sie wollen…« 
Kev lächelte. Sehr wissend. »Ich… weiß, daß es sie gibt. und ich nehme sie sehr ernst…«
»Etwas gibt es da auch für mich… Deine Lady.« 
Kev zog eine feingezeichnete Braue hoch. »Yhary? Damit… habe ich nicht gerechnet!« 
Der Sternenwolf lächelte, und als er sprach, schwang in seiner Stimme ein Hauch von Selbstironie und Unverständnis. »Jaja… alle, die ihn einmal gesehen haben, glauben den Wolf zu kennen. Kennst du mich? Weißt du, wer ich bin? Wie kannst du bei mir irgend etwas erwarten
»Nein…« Kev hob wie beschwichtigend eine Hand. »Ich… erwarte nichts. Und ich kann nicht sagen, daß ich dich kenne. Das habe ich sogar dem Graufalken gesagt. Ich habe mir nur ein Bild von dir gemacht… an das ich meine Erwartungen stelle, aber es ist nur ein Bild… nicht du… es ist falsch.«
»Du hast mit dem Graufalken gesprochen. Wenn jemand behaupten kann, mich zu kennen, dann er. Also… wer bin ich?« Er lächelte, und Kev erwiderte dieses Lächeln. 
»Der Graufalke… das ist sehr lange her. Bist du noch der, der du damals warst? Alles ändert sich…« 
Der Sternenwolf sah ihm direkt in die Augen. »Was siehst du in mir? Wer bin ich für dich?«
»Eine… schöne Erinnerung… du hast mich gehalten, als mir der Boden unter den Füßen schwand. Du hast mir eine Nacht ohne Träume verschafft…« Kev senkte den Blick. Er spürte, wie ihm die Röte in die Wangen kroch, als wieder lebhafte Bilder in seinem Geist erwachten. 
Der Sternenwolf sah ihn lange an. »Du… mußt loslassen!« 
Kev zuckte zusammen wie unter einem Schlag. »Ich… ich kann nicht…« 
Er spürte Hände auf seinen Schultern, kräftige Arme, die sich um ihn legten, eine Hand, die sacht über sein Haar strich. Goldene Augen senkten sich tief in seine. »Doch«, flüsterte der Sternenwolf, »du kannst!« 
Kev zitterte, er schmiegte sich in die Umarmung und hielt sich an dem anderen fest. »Warum bist du dir so sicher, daß ich es kann?«, fragte er mit brechender, zitternder Stimme, »wenn ich mir doch selbst nicht sicher bin? Du bist nicht der Erste, der mir das sagt…« 
Mit einemmal brach alles aus ihm hervor, all das, was Dwiannon ihm zwei Nächte zuvor sagte, als sie ihn im Dampfbad gefunden hatte, all das, was ihn so sehr zum Nachdenken gebracht hatte. Ihre Vorwürfe, die er so vehement zurückgewiesen hatte - und zu denen ein kleiner Teil in ihm immer wieder gesagt hatte, daß sie im Recht war. Aber war sie das wirklich? Ist meine Trauer um Tar so sehr in Selbstmitleid umgeschlagen, und ich habe es nicht gemerkt? Weine ich wirklich nur noch um mich und nicht um ihn? Nein… es ist nicht wahr! Ich weine um ihn … nur um ihn… Noch immer strichen sanfte Finger durch sein Haar. Der Sternenwolf schwieg. 
»Auch sie sagte mir, ich… ich solle mich an das erinnern, was gut war, an die schönen Dinge… ich solle leben, für ihn…sie sagte, er würde… es nicht wollen, daß ich… mich nur an den Schmerz des Verlustes erinnere…«
»Nein. Das würde er nicht wollen…« 
Kev sah auf. »Und sie sagte, ich würde nur noch um mich trauern, darum, daß ich ihn verloren habe… darum, daß ich allein bin…« Es ist wahr… sie hat recht… Mit Mühe drängte er die Tränen zurück. »Und… sie hat recht…« Götter, ich schäme mich… oh Tar, ich schäme mich so sehr… aber das ändert nun auch nichts mehr… 
»Dann… laß los… ich weiß, daß du es kannst. Vielleicht… hilft es dir, wenn ich dir sagte, daß es schön ist, dort, wo er nun ist. Licht. Willst du ihm dieses Licht vorenthalten? Willst du ihn verletzen?« In den goldenen Augen des Sternenwolfs stand ein warmer Glanz, den Kev noch nie zuvor gesehen hatte. Einmal… vielleicht… einen winzigen Schimmer, aber nie eine so tiefe Wärme wie jetzt. 
»Nein… das will ich nicht… ich könnte… nie etwas tun, was ihm Schmerzen bereitet…« Kev schluckte, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, er wußte, sie würde brechen, wenn er versuchte, lauter zu sprechen. »Dann laß ihn in dieses Licht gehen.«
»Du.. sprichst davon, als… als hättest du es gesehen…«
»Ja«, sagte der Sternenwolf leise, und nun war die Wärme auch in seiner Stimme. »Ja, ich habe es gesehen…«
»Und du… sehnst dich danach zurück…« 
Jetzt zuckte er die Schultern. »Nein.«
»Aber mit allem, was du tust… suchst du das Risiko… ich weiß, was ich auf der Straße gehört habe. Du… spielst ein Spiel mit dem Leben… dem Tod … dem, den ihr… den Unsichtbaren nennt…«
»Ja. ich spiele ein Spiel. Das ist das Leben. Wenn eine Stunde meine Namen kennt, dann soll es so sein.« 
Kev sah auf. Für einen winzigen Augenblick gab ihm etwas Kraft, von dem er nicht ahnte, warum er es jetzt, gerade jetzt, fühlte. War da ein Hauch von Verärgerung in seiner sanften Stimme, als er wieder sprach? 
»Du spielst ein Spiel, ja. Aber du… forderst ihn heraus. Ist das wirklich nur… das Leben?« Der Sternenwolf lachte. »Natürlich! Es ist das Leben!«
»Nein! Es ist die Gefahr! Ich weiß, wovon ich rede! Als Tar und ich Seite an Seite in die Schlacht ritten, glaubten auch wir, es wäre ein Spiel. Doch es war kein Spiel… alles andere, aber kein Spiel!« Er zitterte, und er fühlte sich gehalten. 
»Halte die guten Erinnerungen fest! Denk an die Zeit, die ihr gehabt habt! Warum kannst du dich nicht daran erinnern, daß du… diese Liebe hattest?« 
Kev erschauerte. »Weil es immer die Vergangenheit ist«, flüsterte er tonlos. 
»Ja«, sagte der Sternenwolf leise und strich über sein Haar, »manchmal bleiben nur die Erinnerungen!« Das klingt, als ob du weißt, wovon du sprichst… 
Der Sarrin sah auf und schaute in diese goldenen Augen. »In… welcher Vergangenheit lebst du, Sternenwolf?«
»Ich?« Er lachte. »Ich lebe jetzt und hier. Frage den Graufalken!«
»Der Graufalke«, sagte Kevron vorsichtig, »hat dich sehr lange nicht gesehen. Es gab eine Zeit, in der ihr nicht miteinander geredet habt… es gab auch keine Briefe….« 
Der Sternenwolf grinste. »Ich denke, wir waren damit beschäftigt, uns auf der Straße einen Namen zu machen!«
»Das ist euch gelungen… bei den Geschichten, die man hört, wenn man nur die richtigen Leute fragt…«
»Tja… und jedes Wort ist wahr…«
»Jedes? Manchmal denke ich, sie übertreiben ein wenig… doch bei dem, was ich erlebt habe, kann ich die Wahrheit einer Geschichte nur bestätigen!«
»Oh… sind die immer noch im Umlauf?«
»Allerdings…«
»Grundgütiger… ich werde gleich rot!« Er grinste, und Kev sah, daß er weit davon entfernt war, das zu tun. Kev hingegen schoß das Blut in die Wangen, und er sah, daß der Sternenwolf mit einem Lächeln auf ihn herabsah. Noch immer lagen seine Hände auf Kevs Schultern. »Die Erinnerungen sind gut, aber du darfst nicht aufhören zu leben…« 
Du bist viel zu lebendig, um allein zu sein…
Die Worte des Sternenwolfs, die er ihm in dieser einen Nacht voller Leidenschaft zugeflüstert hatte, hallten in Kevrons Gedanken nach. »Ich… ich will es… versuchen«, flüsterte er. Wieder brach seine Stimme, tränenerstickt, »aber ich weiß nicht…«
»Doch, du weißt. Er würde es nicht wollen. Er würde nicht wollen, daß du dir alle Freuden versagst!«
»Es wäre mir wie Verrat!« Kevrons Stimme war noch weniger als ein Flüstern. 
»Sag, hältst du ihn für einen Mißgünstigen, der dir kein Glück gönnt?« Die Stimme des Sternenwolfs war sehr sanft.
Kev sah auf. »Nein!«
»Aber du machst einen Mißgünstigen aus ihm, wenn du so denkst! Glaub mir, er will nicht, daß du dein Leben aufgibst! Lebe…und laß ihn gehen!« 
Kev zitterte in seiner Umarmung. »Ich… Götter, ich… schäme mich… ich habe ihn so lange gehalten, und ich habe…«
»Nein. Hör auf damit! Hör auf, dich schlecht zu machen. Glaubst du nicht, daß … er es genauso gemacht hätte?«
»Ich… ich weiß es nicht… aber…« Doch. Ich weiß es. Tar hätte mich auch gehalten. Und ich… ich wäre gern geblieben. Wenn es sein muß, für immer. Ich liebe ihn… und, Götter, er fehlt mir so sehr! Langsam nickte er. 
Der Sternenwolf sah ihn an. »Wer auch immer diese Frau ist, von der du erzählt hast… was sie sagt, klingt ausgesprochen vernünftig!«
»Sie… ist die… Göttin… an die ich glaube…« Der Sternenwolf zog eine Braue hoch. »Sie dürfte dir gefallen. Sie zieht das Leben auf der Straße dem Leben unter Ihresgleichen vor…« Er seufzte
»Das zeugt wenigstens von etwas Intelligenz!» Er grinste unverschämt, wurde aber gleich wieder ernst, als er auf Kev hinuntersah, der leise seine Worte wiederholte. »Ja… sie hatte recht…« 
»Es ist so schwer…«, murmelte er, »ich sehe dich… und mir ist, als würde ich ihn sehen, du bist wie… sein Zwilling…«
»Ich habe keinen Bruder…«
»Ja… das weiß ich… aber… du… du bist sein Spiegelbild…« In diesem Augenblick spürte Kev, wie die Arme, die ihn hielten, an Kraft verloren. Er sah auf, und er sah die Gestalt des Sternenwolfes durchscheinend werden und verblassen. Doch im gleichen Augenblick, wie sie blasser wurde, gewann eine zweite Gestalt neben ihm an Substanz. Dem Sternenwolf fast wie aus dem Gesicht geschnitten, doch etwas schmaler, nicht ganz so groß… Kev wand sich aus der Umarmung. Der Schemen des Sternenwolfes trat zurück - und war wie unerreichbar. Doch Kev sah ihn schon nicht mehr. Er hatte nur noch Augen für den Anderen. Den, den wiederzusehen er sich so gewünscht hatte. Und nun… nun war er hier, damit er endlich Abschied nehmen konnte… Am ganzen Körper zitternd sah Kev ihn an, er spürte, daß er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und ließ ihnen freien Lauf. 
Tar erwiderte seinen Blick, er lächelte. Kev streckte die Hand aus - und ließ sie wieder sinken. »Nun… hast du plötzlich keinen Mut mehr?« Die Stimme war sanft und warm. So, wie er sie in Erinnerung hatte - und das erste mal nicht überschattet von einem Schrei des Entsetzens. Der Barde trat einen Schritt auf ihn zu und streckte die Hände aus. »Kev…«
»Tar… oh, Tar!« Er warf sich in diese Arme, spürte, wie sie sich fest um ihn schlossen, und er vergrub sein Gesicht an Tars Schulter und - weinte. Weinte, und spürte, wie all die zurückgehaltenen Tränen den brennenden, quälenden Schmerz fortspülten. Sanfte Hände fuhren immer wieder über seinen Rücken, strichen durch sein zerzaustes Haar. 
»Kev…«, murmelte diese sanfte Stimme, »oh, Kev, ich… ich hätte dich nicht allein lassen dürfen… ich hätte besser aufpassen müssen…«
»Was?« Kev sah ihn durch einen Tränenschleier an und zweifelte an seinen Sinnen. »Du… nein! Tar, nein! Ich sollte mich entschuldigen, denn ich habe nicht versucht, dich aufzuhalten, ich habe nicht versucht, dich daran zu hindern, mir zu folgen…«
»Es war meine Entscheidung, und du weißt es!«
»Nein! Du… du warst noch nicht bereit, deine Ausbildung… noch nicht einmal beendet… du…«
»Kev…« Eine sanfte Hand schob sich unter sein Kinn und zwang ihn, aufzuschauen. »Ich war bereit. Es war mein Wille, dir zu folgen. Und ich habe nicht gut genug auf mich aufgepaßt… es tut mir leid…«
»Und mir tut es leid… daß ich… daß ich dich…« Wieder brach seine Stimme, »daß ich dich so lange… gehalten habe… oh, Götter… Sehen wir einander hier… um uns gegenseitig etwas vorzuwerfen?« 
Tar schüttelte den Kopf. Noch immer war da dieses Lächeln auf seinem Gesicht, und wie immer hing ihm eine widerspenstige Haarsträhne in die Augen. Er sah Kev an. »Mir geht es gut…«, sagte er leise. 
»Ich… ich glaube, ich habe so viel falsch gemacht… die Erinnerungen, ich … ich habe mich von ihnen gefangennehmen lassen, denn ich wollte… nicht eine von ihnen verlieren… und ich wollte… ich wollte dich nicht verraten …«
»Aber du verlierst es… wenn du dir versagst, zu leben… zu fühlen… das Leben zu fühlen… Kev… ich erinnere mich mit Freuden an jeden Augenblick, und es hätte nicht besser sein können!« 
Der Sarrin nickte und blinzelte die Tränen fort. »Ja… ich weiß… ich sollte nicht mehr denken, daß es nur drei Jahre waren… es waren drei wundervolle Jahre… Tar, ich… ich habe sie noch immer… deine Laute…« 
Das Lächeln des Barden wurde eine Spur breiter. »Spielst du sie, Kev?«
»Ja… aber ich fürchte, lange nicht so gut, wie du… so gut, wie es eben möglich ist, mit einem und einem halben Arm…«
»Spielst du sie mit den Händen oder mit dem Herzen?« fragte Tar leise. 
»Mit den Händen…« Kevs Stimme war kaum zu hören. »Ich verschloß mein Herz… ich konnte die Erinnerungen nicht ertragen…« 
Tar sah ihn an und zog ihn fester in seine Arme. »Spiele sie mit dem Herzen, Kevron… dann wirst du ihr gerecht werden… und dann ist es gleich, wie geschickt deine Finger sind…«
»Ich… ich will es versuchen…« 
»Gut. Und das Leben…?«
»Das Leben…« Er schloß für einen Moment die Augen, und Bilder schossen durch seine Gedanken, Bilder voller Leidenschaft, und die Erinnerung an lange vergangene Nächte mischte sich mit der an eine noch nicht so lange vergangene. Er spürte, wie ihm die Röte in die Wangen kroch - und wie früher neckte Tar ihn deswegen. 
»Oh… Kev…« Er fuhr ihm über die Wange. »Süß…« 
Das erste Mal konnte er ein leises Lachen nicht zurückhalten. »Es gibt Dinge, die sich niemals ändern… auch das nicht… und daß du mich deswegen aufziehst… du… du würdest es dir wünschen, nicht wahr?«
»Natürlich! Wie könnte ich nicht… Kev, zieh dich nicht von allem zurück! Und…bleibe nicht allein…«
»Diese Nacht… du weißt es.«
»Ja!« Tar grinste, fast unverschämt. 
Und es hat mich glücklich gemacht!
sagten seine goldenen Augen, dich lebendig zu sehen! Kev nickte, aber es kostete ihn Mühe. »Ich… ich will es versuchen«, sagte er leise, »aber… ich werde nie aufhören, dich zu lieben…«
»He… das würde ich dir auch sehr, sehr übel nehmen!« Seine Stimme war sehr zärtlich. »Kev… glaubst du denn, ich würde nicht auf dich warten? Die Ewigkeit ohne dich wäre mir zu langweilig!«
»Und das Leben ohne dich… wird mir eine Ewigkeit sein! Aber… ich will… es versuchen, worum du mich bittest… ich konnte dir noch nie etwas abschlagen …« Und vielleicht ist die Zeit tatsächlich kürzer, wenn ich… es versuche… »Tar… Tar, ich… liebe dich…« 
Kevs Hände wanderten über Tars Schultern, sanft zog er ihn zu sich herab und küßte ihn, voller Leidenschaft. Fordernd. Er spürte, wie der Kuß erwidert wurde, und ein Feuer begann in ihm zu brennen. Ein Feuer, das er erstickt zu haben glaubte, Flammen, die schon lange nur noch schwelten, loderten auf… es war wie in dieser Nacht. Er fühlte das Leben in sich, spürte, wie es durch seine Venen rann und sein Herz rasen lie&szlig. Dieser Traum war mehr als nur ein Traum, er war die Erfüllung einer Sehnsucht… 
Kevron hielt jeden Augenblick fest, er genoß jede Sekunde, jeden Herzschlag, jeden Atemzug, und er fragte sich, wann er das letzte Mal so etwas gefühlt hatte - außer in der Nacht mit dem Sternenwolf. Er wußte nicht, wie lange sie so dagestanden hatten, engumschlungen, als sie sich schließlich sanft wieder voneinander lösten. «
Ich liebe dich, Kev… ich war immer da, und ich… habe es gern getan.«
»Aber ich…, ich habe dich gehalten…« Sacht legte Tar ihm einen Finger auf die Lippen und brachte ihn zum Schweigen. »Nein, Kev. Das hatten wir schon. Fang nicht wieder damit an. Hör endlich auf, dich schlecht zu machen. Ich liebe dich!« Tar legte sein Herz, seine Seele, in diese Worte, und Kev spürte die Vergebung, die er glaubte, nicht verdient zu haben. »Willst du leben, Kevron? Für mich?« fragte er sehr leise. 
Kev schluckte. »Ja…« 
Tars Hand strich ihm sacht das Haar aus dem Gesicht. »Dann lebe… Kev, es kann sein, daß es jemanden gibt, der dich braucht…« 
Kev sah Tar an, dann wanderte sein Blick langsam zu der schattenhaften Gestalt neben ihnen. Der Sarrin nickte langsam, und er sah aus, als würde er erst jetzt etwas verstehen, das schon lange in seine Seele geschlafen hatte. Es stimmte. Er konnte der Sternenwolf nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen, weil er glaubte, etwas in seinen Augen gesehen zu haben, das andere nicht einmal wahrnehmen konnten, wenn man sie darauf stie&szlig. Er konnte sich nicht erklären warum, doch er fühlte in diesem Augenblick ganz tief in sich, daß er eine Chance hatte - eine winzig kleine Chance - den Schlüssel zu den Geheimnissen des Sternenwolfes - und damit zu seiner Seele - zu finden. 
»Ich glaube, ich habe einen Hammer und einen Meißel in die Hand genommen, und versuche gerade, eine meilendicke Mauer einzureißen…«, sagte er leise. 
Tar nickte. »Doch dazu braucht es mehr als Hammer und Meißel…« sagte er leise. 
»Er ist… seit dieser Nacht eine Herausforderung für mich… und ich glaube, ich habe mich gerade entschlossen, sie anzunehmen…« 
Tar lächelte. Glücklich, so als hätte er auf diese Antwort gehofft. Und seine Augen sagten, das hättest du nicht tun können… wenn ich noch dagewesen wäre … Der Barde sah, daß Kev verstand. Noch einmal schloß er ihn in die Arme. Kev hielt ihn, als wolle er ihn nie wieder loslassen. 
»Du… du solltest jetzt gehen«, flüsterte er erstickt, »bevor ich es… mir anders überlege…« 
Tar lachte leise. »Das wirst du nicht…« Er sah ihn an, und Kev erwiderte seinen Blick. 
»Ich habe verstanden«, flüsterte er, »ich werde… leben… und ich werde endlich wieder anfangen, das zu tun, wofür ich lebe… ich werde es nie wieder vergessen… nie wieder, ich verspreche es dir… für dich… ich liebe dich…«
»Ich liebe dich auch, Kev… ich… ich muß jetzt gehen.« 
Kev nickte. Irgendwie konnte er es spüren. Und unter Aufbietung aller Kraft löste er die Umarmung als erster. Tar grinste ihn an, dieses unverwüstliche Tar-Grinsen, nahm sein Gesicht in beide Hände und küßte ihn sanft auf die Nasenspitze. 
Kev sah ihn an. Warte auf mich, dort, wo du hingehst… Noch einmal sah der Barde ihm tief in die Augen, und dann wandte er sich langsam ab und ging. Kev sah ihm nach, und am liebsten hätte er ihn zurückgerufen. Doch er schwieg, er befahl seinen Gedanken ebenso, zu schweigen, wie seiner Stimme, seiner Seele, seinem Herz. Er mußte loslassen. Er mußte ihn gehenlassen… Tars Gestalt verlor zusehends an Substanz, wurde durchscheinend wie ein Schatten. 
Und erst kurz bevor er die Schwelle überschritt, hob Kevron die Hand, streckte sie nach ihm aus, ein stummes Flehen… 
Tar hielt inne. Seine Stimme, ganz leise, erreichte Kevs Ohr. »Soll ich bleiben …?« Noch einmal sah er sich um. Kev wußte, jetzt konnte er ihn noch zurückrufen. Er konnte ihn weiter an sich binden, ebenso wie die gegenseitigen Vorwürfe, den Schmerz und die Leere - oder er konnte ihn gehenlassen, ihm Frieden schenken - und damit auch seiner Seele. »Ich werde immer da sein…« 
Kev straffte sich und erwiderte Tars Blick. »Nein«, sagte er leise, und zugleich sendete er seine Worte. »Geh… und finde deinen Frieden!« Tars Gestalt verblaßte. Die letzten Worte, die Kev hörte, waren: »Denke daran… es gibt noch einen Lautenspieler…«
Für einen winzigen Augenblick war es wieder da. Leere. Schmerz. Er fühlte sich wie ein Blinder, dem man für einen Augenblick gestattet hatte, zu sehen, um ihm dann diese Gabe wieder zu nehmen. Doch dann wichen Leere, Schmerz und Verzweiflung einem anderen Gefühl. Einem Gefühl tiefer Trauer und zugleich tiefer Freude, widerstreitende und doch friedlich nebeneinander in liegende Gefühle. Das erste Mal seit drei Jahren fühlte er sich nicht mehr zerrissen, war dieser immer präsente, nagende Schmerz in seiner Seele verschwunden. Und er wußte, nun konnte er aufrichtig trauern. Nicht um sich selbst und seinen Verlust, sondern um den, den er verloren hatte. Wieder traten ihm die Tränen in die Augen, doch es waren reinigende Tränen. 
Der Sternenwolf stand neben ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Kev sah auf. »Warst… du das?« Der Glücksritter nickte stumm. »Aber… sag mir, wie hast du das gemacht?« 
Jetzt sah er ihn an. »Ich habe ihn gerufen, denn ich war der Schwelle schon einmal sehr nahe.« 
Der Sarrin erwiderte seinen Blick und nahm seine Hand. »Ich danke dir dafür, Sternenwolf. Ich werde diesen Traum festhalten wie eine von den guten Erinnerungen. Keine Vorwürfe mehr. Kein Schmerz. Kein Selbstmitleid. Ich… ich will leben, Sternenwolf… und ich habe eine Aufgabe…« 
Der Sternenwolf zog eine Braue hoch. 
Kev sah ihm tief in die Augen. »Ich sehe eine Herausforderung in dir«, beantwortete er eine Frage des Glücksritters, an die der sich vermutlich schon gar nicht mehr erinnerte, »ich sehe eine Herausforderung, und ich nehme sie an.« Er lächelte. 
Zum ersten Mal sah der Sternenwolf ein echtes, offenes Lächeln. »Nun… dann wünsche ich dir viel Glück!«
»Das kann ich brauchen! Ich nehme sie an…« Und ich will hinter deine Masken schauen… »Werden… wir uns wiedersehen?« 
Er lächelte. Ironisch, wie immer… »Die Straße hat viele Wege…«
»Mögen sich unsere kreuzen…«
»Es kann sein, daß ich mich an all das hier nicht erinnere… also… sei nicht zu verwundert…«
»Ich bin über alles verwundert, was du tust, und was du bist, Sternenwolf…« 
Der Sternenwolf hielt für einen Moment Kevs Blick fest. »Glück auf deinen Straßen!«
»Und immer ein Stern über Deinen!« sagte er leise. 
Das Bild des Glücksritters verblaßte…

aus: Geschichten aus dem Gasthaus 'Zu den drei Liebschaften'

(c) by Kristina Siers


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