Mowsal (17 Jahre, Schulschwänzer, Einbrecher) ist ein ganz besonders traumfreudiger Charakter, und die Träume waren für mich die erste Möglichkeit, in der sehr eng an unsere Wirklichkeit angelehnte Geschichte - diese Welt ist alt geworden und steht ungefähr auf dem Stand unserer Achtziger Jahre - ein Element des Phantastischen einzubauen.
Mowsal Aernali in:
Ilanrea bei Nacht, Teil Eins
von Maja Ilisch
In dieser Nacht war Mowsal
wieder in Ilanrea, und zunächst schien alles genau so zu sein,
wie bei seinem ersten Besuch. Er wanderte langsam über die
verlassenen Höfe und fragte sich, was er an diesem Ort sollte.
Diesmal hatte er noch viel weniger Ahnung, wieso er hier war.
Niemand hatte ihn herbestellt, und er konnte sich auch gar nicht
erinnern, aufgebrochen zu sein. Er war einfach plötzlich da.
Alles lag in diesem weißen Vollmondlicht still und tot, und
nicht einmal seine eigenen Schritte verursachten ein Geräusch.
Genaugenommen spürte er auch nicht den Boden unter den
Füßen. Es war alles sehr merkwürdig und unwirklich,
wie in einem Traum. Genau, das war es. Er war gar nicht wirklich
hier. Er lag in seinem Bett und schlief friedlich. Nur ein
Traum.
Wieder zog es ihn magisch zu jener Wand hin, in der er Marils
Verewigung gefunden hatte. Natürlich! Kein Wunder, daß
er von Ilanrea träumte! Schließlich hatte er sich genug
gewundert, warum ihm gerade diese Inschrift als erstes ins Auge
gefallen war. Lächelnd ließ er seine Hände
über die Wand gleiten, suchte die anderen Kritzeleien. Doch
diesmal fand er keine.
Er lief zu einer anderen Wand, suchte, und wurde fündig:
Hier war Maril. Sonst nichts.
Was eben noch wie ein Anker zur Realität erschienen war, hatte
sich nun als das Unheimlichste von allem herausgestellt. Mowsal
bemühte sich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Einmal
angenommen, das hier hatte in der Tat etwas zu bedeuten - dann
ergab sich die Frage, was bedeutete es, abgesehen von der
Tatsache, daß Maril hiergewesen war? Es konnte entweder auf
Maril hinweisen oder auf den Ausflug vor zwei Jahren, falls die
Mächte des Schicksals annahmen, daß er ihn vergessen
hatte. Schwebte sein Freund vielleicht in Gefahr? Mowsal schnaubte
verächtlich. Maril schwebte immer in Gefahr, er
ließ keine Gelegenheit aus, sein tägliches Wohlergehen
zu gefährden. Dieser Junge lebte für das Risiko, und es
war oft genug an Mowsal gewesen, ihn da wieder rauszuholen. Bei
aller Freundschaft, es hatte gute Gründe, warum Mowsal sich im
letzten halben Jahr hartnäckig geweigert hatte, irgendwelche
Dinger mit dem Typen durchzuziehen. Nein, das war es nicht. Er
brauchte keine geheimnisvolle Botschaft, um ihm das
mitzuteilen. Hier war Maril … vielleicht gab es in
Ilanrea irgend eine Wand, auf der das nicht stand, und das
war dann der eigentliche Hinweis. Mowsal machte sich auf die Suche.
Jetzt, wo er etwas hatte, wonach er schauen konnte, mußte er
sich keine weiteren Gedanken mehr über die Unheimlichkeit
dieses Ortes machen. Mowsal schüttelte den Kopf. Da hatte er
schon wieder fast vergessen, daß dies nur ein Traum war!
Trotzdem sollte er versuchen, ihn bis zum Ende zu träumen, um
herauszufinden, was ihm sein Unterbewußtsein da sagen
wollte.
Also suchte er weiter, an einer dritten Wand. Hier war
Maril, sonst nichts. Er lief zu einem anderen Gebäude
hinüber. Wieder das gleiche. Und wahrscheinlich würde es
bei keiner anderen verdammten Wand einen Unterschied geben.
Trotzdem machte sich Mowsal daran, Ilanrea systematisch nach
Inschriften abzusuchen. Er wußte nicht, was er sonst machen
sollte. Irgend einen Sinn mußte dieser Traum
schließlich haben!
Schließlich stieg er wieder die Stufen zum Abgebrochenen Turm
hinauf. Er zögerte, bevor er das tat - irgendwie wollte er
lieber nicht wissen, was ihr diesmal da oben erwartete. Aber der
Platz um den Turm herum war leer. Nichts war zu sehen als der
bedrohliche schwarze Riese. Ein untrügliches Gefühl sagte
Mowsal, daß er sogar hier eine von Marils Inschriften finden
würde. Trotzdem machte er sich noch einmal die Mühe,
danach zu suchen. Man konnte nie wissen …
Die Worte standen direkt in seiner Augenhöhe, und Mowsal
wollte sie schon als eine weitere Verewigung von vielen abtun, als
er plötzlich stutzte.
Es war nicht der selbst Text wie an den anderen Wänden!
Hier ist Maril. Mowsal lachte kurz auf. Jetzt hielt ihn der
Traum zum Narren - aber was konnte man von einem Traum auch anderes
erwarten? In der Nähe des Turmes war ebenso wenig ein Maril
wie sonst jemand. Zur Sicherheit legte Mowsal sogar en Kopf in den
Nacken, um zu sehen, ob sein Freund vielleicht auf der
Aussichtsplattform stand. Natürlich nicht. Aber was bedeutete
die Inschrift dann? Mowsal starrte auf das schwarze Glas, als
könne es noch irgendwelche anderen Geheimnisse preisgeben.
Schwarzes Glas … vielleicht war Maril irgendwo im Inneren
des Turmes? Es mußte doch möglich sein, durch die Wand
hineinzusehen, wenn er direkt heranging! Alles Glas war irgendwie
durchsichtig. Mowsal preßte sein Gesicht flach gegen die
Oberfläche. Da war etwas! Einen Moment lang konnte Mowsal nur
den verschwommenen Umriß von etwas ausmachen, aber dann
stellten sich seine Augen auf das merkwürdige Hindernis ein,
und das Bild wurde deutlicher.
Es war Maril. Aber er war nicht im Turm, wie Mowsal zuerst
angenommen hatte. Er war im Glas selbst, als wäre er ein Teil
der Wand. Mowsal begriff nicht, wie er ihn zuerst nicht hatte sehen
können. Nun war alles viel zu klar. Sogar Marils Gesicht war
gut zu erkennen, vor Entsetzen verzerrt und
blutüberströmt, und ohne eine Regung des Lebens darin.
Die weit aufgerissenen Augen starrten blicklos geradeaus.
Mowsal schrie auf, und es half nicht, daß er sich daran
erinnerte, daß dies alles nur ein Traum war. Er wich
zurück, wollte sich umdrehen und fliehen, aber er hatte das
Gefühl, sich nicht mehr rühren zu können als der
eingeschlossene Maril.
Direkt unter der Oberfläche sah er die Hände seines
Freundes, zu starren Klauen verkrampft und ausgestreckt, als habe
er bis zum Schluß gekämpft und versuche selbst jetzt
noch, freizukommen. Mowsal biß sich auf die Zunge, um nicht
noch einmal zu schreien und endlich aufzuwachen. Aber er
spürte nur stechenden Schmerz und den Geschmack von Blut in
seinem Mund, einen zu wirklichen Geschmack. Verzweifelt sah
er sich nach allen Seiten um, aber seine Umgebung hatte sich nicht
verändert. Es war immer noch Ilanrea im Vollmond, hier war der
Schwarze Turm, und hier war Maril … Es war ein Traum, es
konnte nur ein Traum sein! Vollmond! Es mußte ein Traum sein!
Vollmond war in der Nacht gewesen, als er wirklich nach Ilanrea
gefahren war, also mußte er inzwischen abgenommen haben.
Daß jetzt noch der Vollmond schien, bewies, daß es
wirklich nur ein Traum war.
Aber es war ein Traum, der nicht wollte, daß Mowsal
erwachte.
Mowsal schrie um Hilfe, als ob das irgend etwas bewirkt hätte.
Hier war niemand außer ihm, Maril und den verzerrten
Schatten, die er lieber nicht erkunden wollte. Es mußte doch
irgend etwas geben! Alle Träume hatten einen Ausweg! Gab es
hier nirgends einen Stein oder etwas anderes hartes?
Wenn dies sein Traum war, dann konnte er ihn auch selbst
dirigieren. Und er wußte, daß Dinge, die man in
Träumen sucht, für gewöhnlich früher oder
später erscheinen. Mowsal blickte noch einmal nach unten. Und
da, fast direkt zu seinen Füßen, war wirklich ein Stein.
Er war ziemlich groß, aber es gelang ihm tatsächlich,
ihn aufzuheben. Seine Füße waren immer noch wie
gelähmt, und es gab nur eines, was er tun konnte: Er holte aus
und schleuderte den Stein gegen das Glas, in dem Maril eingesperrt
war. Vielleicht würde es seinen Freund befreien. Vielleicht -
und das hoffte Mowsal fast noch mehr - würde es auch einfach
den Traum beenden.
Von dem Moment an, in dem der Stein seine Hand verließ,
geschah alles ganz langsam, wie in einer Zeitlupenwiederholung. Das
Wurfgeschoß flog auf die Wand zu, näher und näher,
traf sie - und die ganze Welt zersplitterte.
aus: Die Spinnwebstadt
Erstes Buch: Von Mauern aus Glas
(c) by Maja Ilisch