Erstes Auftreten des Schwarzen Drachens (nach dem Prolog, heißt das), der danach in Träumen - und nur in Träumen - Mowsals Vorstellung von Zeit und Wirklichkeit umwirft.
Die Glasstadt Ilanrea ist übrigens eines der zentralen Motive dieses Buches, und Symbol für die Lügen, die Mowsal um sich herum aufgebaut hat.


Mowsal Aernali in:

Ilanrea bei Nacht, Teil Zwei

von Maja Ilisch


Wieder dieser Traum. Wieder stand Mowsal in Ilanrea. Wieder stieg er zum Abgebrochenen Turm hinauf. Und wieder hatte er keine Ahnung, wie er jemals wieder herauskommen sollte. Zumindest hielt er sich diesmal nicht lange damit auf, die Wände nach Marils Inschriften abzusuchen. Er hatte jenes merkwürdige Gefühl, alles schon einmal erlebt, zumindest schon einmal geträumt zu haben - oder war das selbst nur ein Traum?
Mowsal konnte sich nicht erinnern, jemals an einem anderen Ort gewesen zu sein. Es gab nur diesen Traum, sonst nichts. Die ganze Welt bestand aus Glas. Aber er hatte eine ungefähre Idee davon, was seine Aufgabe war. Eigentlich wußte er es sogar sehr genau. Die gläserne Stadt sperrte ihn ein, und darum mußte er sie zerstören. Nichts war einfacher als das.
Nichts einfacher als das?
Wie stellte er sich das vor - mal eben eine Stadt zerstören? Selbst die Horden der Revolution - und das waren mehr als hundert Mann gewesen - hatten das nicht vollständig geschafft. Aber kaum, daß er zu zweifeln begann, durchzuckte ein neuer Gedanke Mowsals Kopf, um ihn zu seiner Aufgabe zu zwingen.
Wenn du sie nicht zerstörst, ist Maril verloren.
Maril? Wer war Maril? Aber dann fiel Mowsal wieder ein, daß der sein bester Freund war. Ihn sollte er schon retten. Nur wie?
Der Turm! Du mußt nur den Turm zerstören!
Nun, wenn es das war, was er tun sollte - das klang schon bedeutend einfacher. Mowsal sah sich nach einer geeigneten Waffe um - selbst ein gewöhnlicher Stein würde schon reichen. Endlich fand er einen, direkt zu seinen Füßen. Es war wirklich ein bemerkenswert unscheinbarer Stein, gerade groß genug, um in seine Faust zu passen. Aber trotzdem nahm er ihn auf und drückte ihn abwägend mit der Hand. Hart war er, das würde genügen. Es kam ihm nur einen Moment lang so vor, als schaue ihn der Stein mit kleinen schwarzen Augen an. Das waren nur dunkle Sprenkel im Muster. Mowsal trat einen Schritt zurück, holte aus und schleuderte den Stein, wie winzig er auch sein mochte, dem gläsernen Riesen entgegen. Natürlich trat er - dieses Ziel war auch wirklich nicht zu verfehlen. Danach ging alles sehr schnell. Von einem Moment auf den anderen durchzog ein Netz aus unzähligen, immer breiter werdenden rissen die Oberfläche des Abgebrochenen Turmes, und dann brach er auseinander wie eine leere Bierflasche, die von einem Luftgewehr getroffen wird.
Aber es war nicht der Stein, der den Turm zerstörte. Es war der riesige schwarze Drache, der sich aus den Scherben befreite und mit seinen mächtigen Schwingen Mauern umfallen ließ wie die Wände eines Kartenhauses.
Schreiend versuchte Mowsal zurückzuweichen - aber hinter ihm war die Treppe, und in einem entsetzlich langen, entsetzlich langsamen Flug stürzte er sie hinunter, bis er endlich auf dem Rücken zu landen kam und sich nicht mehr rühren konnte. Schmerzen, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht verspürt hatte, durchzogen ihn. Und dann war ein riesiger schwarzer Schatten über ihm, der den Mond und den ganzen Himmel verdeckte. Mowsal blickte in das Gesicht des Schwarzen Drachen.
Seine blaßgoldenen Augen leuchten, und der riesige Mund mit den unzähligen langen Zähnen verzog sich zu einem boshaften Lächeln. Dann verspürte Mowsal Gedanken in seinem Kopf, Worte, die der Drachen ihm schickte.
Danke, Menschling. Nun bin ich frei.

Er breitete die Flügel aus und schwang sich empor in den Himmel, der schwarz und dunkel wurde. Mowsal schrie auf. Schwärze und Dunkelheit umfingen ihn.
Er erwachte langsam, aber das Grauen blieb. Auch wenn er sicher unter seiner Decke lag und ganz sicher nicht eine Treppe hinuntergestürzt war, wagte Mowsal nicht, sich zu rühren - das Wissen um die Schmerzen war geblieben. Wie hatte er sich derartige Schmerzen vorstellen können? Erst langsam, nach und nach, gelang es Mowsal, sich selbst davon zu überzeugen, daß alles wirklich nur ein Traum gewesen war, und ein unsinniger noch dazu. Drachen! Er gab sich zuviel mit Kembrik ab, und dazu kam noch diese verrückte Prophezeiung … Frei fliegt der schwarze Drache … warum hatte er sich diesen Schwachsinn überhaupt gemerkt? Jetzt, im nachhinein, gelang es Mowsal, über alles nur zu lachen. Aber trotzdem traute er sich für den Rest der Nacht nicht mehr, wieder einzuschlafen. Traum oder Wirklichkeit - diese Angst, diese Schmerzen wollte er im Leben nicht noch einmal durchstehen müssen. In seinem Kopf klang immer noch die Stimme, die keine Stimme war.
Danke. Du hast mich freigelassen.

aus: Die Spinnwebstadt
Erstes Buch: Von Mauern aus Glas

(c) by Maja Ilisch


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