Mowsal erfährt zum ersten Mal von den Naringu. Schade nur, daß hinterher niemand ein Wort darauf gibt...
Mowsal Aernali in:
Ilanrea bei Nacht, Teil Drei
von Maja Ilisch
Der nächste von den
Ilanrea-Träumen war im Vergleich zu den anderen harmlos, aber
auf seine Weise nicht weniger verwirrend. Die Situation war die
selbe: Mowsal in der gläsernen Stadt, Vollmond. Aber diesmal
war er nicht allein. Es war nicht Maril, den er zwischen den Ruinen
traf, und zum Glück auch kein Drache, sondern ein junger Mann
mit langen, dunklen Haaren, der, ganz in leuchtendes Grün
gekleidet, auf dem Boden kniete und die Steine untersuchte. Als
Mowsal auf ihn zutrat, blickte er auf, und sein Gesicht mit den
seltsamen grünen Katzenaugen kam Mowsal sofort bekannt vor: Es
war der Verrückte, den er bei seinem ersten Besuch getroffen
hatte.
»Wirst du mir suchen helfen?« fragte er mit seiner
singenden Stimme. »Ich weiß, daß hier irgendwo
eine Tür ist, aber ich kann sie nicht alleine
öffnen.«
»Was denn für eine Tür?« fragte Mowsal.
»Ich sehe keine, aber wenn es eine gäbe, dann
könnte ich sie ganz sicher öffnen.«
Das war nicht übertrieben. Mit Schlössern, gleich welcher
Art, hatte er schon lange keine Probleme mehr. Der Junge
nickte.
»Selbstverständlich könntest du das. Du bist ein
Naringu, genau wie ich. Hat man nicht versucht, dich zu holen? Mich
hatten sie schon, aber man hat mich nicht bleiben
lassen.«
Statt sich weiter auf dieses wirre Gerede einzulassen - er
mußte sich endlich erkundigen, wer diese Naringu waren -
kniete Mowsal nieder und betrachtete die Stelle, wo der Junge am
Boden herumgekratzt hatte. Es war keine Falltür da, auch wenn
er das vielleicht einen Moment lang angenommenen hatte. Aber unter
dem Dreck und Moos war ganz deutlich ein Relief zu erkennen - ein
Bild wie eine Maske, von Ranken und Spiralen eingefaßt.
»Was ist das?« fragte Mowsal.
»Du weißt sehr wenig, kann das sein?« fragte der
Junge. »Das haben unsere Vorväter gemacht - die
Naringu.«
»Aber wer sind die Naringu?«
Der Junge lachte nur schrill und blickte ihn an, und plötzlich
begann sich sein Gesicht zu verändern, es wurde zu der seltsam
verzerrten Maske, nur die Augen blieben gleich. Dann sagte er mit
einer Stimme, die zwar immer noch singend klang, aber in keiner
Weise mehr menschlich: »Du bist im Adiuru gefangen, Mowsal
Aernali, und solange du das bist, kann keiner von uns dir
helfen.«
Dann verschwand er. Mowsal war allein, und weil er nichts mehr in
Ilanrea zu erledigen hatte, wachte er auf.
aus: Die Spinnwebstadt
Erstes Buch: Von Mauern aus Glas
(c) by Maja Ilisch